Dienstag, den 22. Februar
Jahrgang 1927
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SchNetze Mir die Augen beide . . .
Von Theodor Storm.
Schließ mir die Augen Heide mit den lieben Händen zu! Geht doch alles, was ich leide, unter Heiner Hand zur Ruh. Und wie leise sich der Schmerz Well' um Welle schlafen leget, wie der letzte Schlag sich reget, füllest du mein ganzes Herz.
Der innere König.
Bon Friedrich v. Oppel n -B r oni k o w j ki.
Mit groben Gegensätzen arbeitend, wie im Film üblich, hat der bekannte Fridericus-Rex-Film in seinem ersten Teil den brutalen, engherzigen Soldütenkönig Friedrich Wilhelm I. mit seinem edlen, unglücklichen Sohne kontrastiert. Dies Zerrbild Friedrich Wilhelms I. stammt aus den Memoiren seiner eigenen Tochter, der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, die 1810/11 auf Betreiben der napoleonischen Regierung im damaligen französischen Herrschaftsgebiet veröffentlicht wurden, um dem bei Jena geschlagenen Preußen auch moralisch den Todesstoß zu versetzen. Umsonst haben Forscher wie Ranke und Droysen dies Werk einer gemütskranken, verbitterten Frau schon längst als unglaubwürdig nachgewiesen, und ihr eigner Briefwechsel mit ihrem Bruder Friedrich, den G. B. Volz neuerdings völlig erschlossen hat, straft ihre Memoiren immerfort Lügen Das Zerrbild bleibt dennoch im Volksbewutztsein unzerstörbar, obwohl gelehrte Kleinarbeit, namentlich Gust. Schmollers aründ- legende Studien und die stattliche Reihe der Acta borussia, alle Zweige der Staatsverwaltung des Soldatenkönigs durchforscht und daraus fein wahres Bild gewonnen hat, das des „größten inneren Königs von Preußen". Friedrich der Große, der. Erbe und Fortfetzer feines Werkes, hat in feiner „Geschichte des Hauses Brandenburg" selbst bezeugt, was er seinem Vater verdanke: „Wenn es wahr ist, daß wir den Schatten der Eiche, die uns umfängt, der Kraft der Eichel verdanken, die den Baum sprossen ließ, so wird die Welt darin einstimmen, daß in dem arbeitsvollen Leben dieses Fürsten und in der Weisheit feines Waltens die Urquellen der Wohlfahrt liegen, deren sich Preußen nach seinem Tode erfreut hat." Ohne die Erbschaft seines Vaters hätte Friedrich der Große da anfangen müssen, wo jener begonnen hatte: mit dem Wiederaufbau eines verschuldeten, zerrütteten, fremder Willkür preisgegebenen Staates. Durch diese Erbschaft war er imstande, die Machtmittel, die ihm in den Schoß fielen — ein starkes Heer, ein pflichttreues Beamtentum, eine musterhafte Finanzwirtjchaft — sofort einzusetzen und so Preußen zum Großstaat zu erheben, aber auch den soliden Unterbau, den sein Vater geschaffen, mit dem schmückenden Oberbau der Künste und Wissenschaften zu krönen, das Licht der Aufklärung in die dunkle Werkstatt preußischer Größe einzulassen. Was wäre wohl geworden, fragt Ernest Lavisse, der französische Historiker der Jugend Friedrichs des Großen, wenn auf den ersten König Friedrich I., der im Genuß feiner neuen Würde aufging, statt des SoldateNkönigs Friedrich Wilhelm I. eine brave Mittelmäßigkeit und statt feines großen Sohnes ein einfacher Ehrenmann gefolgt wäre? „Der ganze Lauf der Geschichte wäre ein anderer geworden."
Friedrich Wilhelms erstes Auftreten und seine ganze Regierung ist ein Protest gegen das, was er vorfand. Und feine Persönlichkeit, seine Schöpferkraft war so stark, daß seine Neuordnung zwei Jahrhunderte überdauert hat. Es sind eben doch stets die Männer, die Geschichte machen, nicht die Massen, und nur da, wo sie fehlen, überläßt man sich fatalistisch dem „Wirlschaftsprozeß".
Worin bestand nun die Neuordnung Friedrich Wilhelms, und was fand er vor? Als. fein Vater sich 1701 die Königskrone aufs Haupt gefetzt hatte, war es sein ganzes Streben, Ludwig XIV., den roi soleil, nachzuahmen, sich mit Glanz zu umgeben. Gewiß hat er dadurch dem Staate des Großen Kurfürsten einen Nimbus verliehen, gewiß auch durch die Begründung der preußischen Akademie der Wissenschaften, deren Präsident, Leibniz, ein Universalgenie war, durch Begründung der Universität Halle, wo Thomastus den Hexenwahn bekämpfte und der junge Pietismus eine religiöse Erneuerung einteitete, und durch eine Fülle von künstlerischen Bauten (Berliner Schloß, Zeughaus, Denkmal des Großen Kurfürsten usw.) die geistigen und künstlerischen Grundlagen geschaffen, auf denen fpätere Herrscher großartig weiter gebaut haben. Ader die Opfer, die die Erwerbung der Königskrone und der glänzende Hofstaat erheischten, zerrütteten die Finanzen; die ewigen Kriegsdienste für die Habsburger — am Rhein, in Italien, in Ungarn —, die Bedingung für die Anerkennung der Königswürde, fraßen am Mark des Landes, und trotz alles Kriegsruhmes waren keine Truppen verfügbar, um im Nordischen Krieg die eigenen Grenzen zu schützen. Diese allzuschwere Krone faß gleichsam auf dem Haupt eines schmächtigen Knaben, der 'sie nicht
zu tragen vermochte. Es gatt, seinen Körper zu stählen, damit er ihrer Last gewachsen wäre. Insofern war sie, wie Friedrich der Große sagt, eine Lockspeise, die der erste König seiner ganzen Nachkommenschaft hinwarf. Gleichwohl war es eine furchtbar schwere Ausgabe, aus dem Schein em Sein zu machen, und diese Aufgabe fiel in ihrer ganzen Wucht auf feinen Sohn. Man lese die erschütternden Worte Friedrich Wilhelms I. in der Snftruttion von 1722 an seinen Nachfolger, einer Art von politischem Testament: „Da mein fel. Vater 1713 gestorben, fand ich das ganze Land sOstjpreußen von der Menschen- und Biehpest fast ausgestorben, alle Domänen im ganzen Lande verpfändet und in Erbpacht, die ich alle wieder ausgelöst habe, und die Finanzen in solchem schlechten Stande, daß ein Bankrott nahe war, die Armee in solchem schlechten Stande und klein an Zahl, daß ich alle gewesene Unrichtigkeit nicht genug kann beschreiben. Ist gewiß ein recht Meisterstück, daß ich in neun «ähre die Affairen alle wieder so in gute Ordre und Verfassung gebracht und Ihr auf Eure Domänen nichts schuldig seid. Eure Armee in solchem Stande als (eine) in Europa mit ist. Und versichere Euch, ich habe von meine Bediente (Beamte) wenig Assistenz gehabt, wohl aber bin von ihnen direete und inbirecte contercarrieret worden."
Einen bankrotten Staat hatte der fünfundzwanzigjähriae König ge- erbt. Es bedurfte seines ganzen harten Pflichtgefühls, (einer ungeheuren Arbeitskraft, seines organisatorischen Genies und seines tiefen Gottvertrauens, um an dieser Erbschaft nicht zu verzweifeln: ,ein träges, in Armut dumpf hindämmerndes Volk, ein Land ohne inneren und äußeren Zusammenhang, von Memel bis Mors über ganz Deutschland verzettelt, von neidischen Nachbarn umgeben, von fremden Truppen durchzogen, ein kostspieliger Hofstaat, der Brutherd ewiger Intrigen und Geldvergeudunq, selbstherrliche 'Generale und Obersten, ein uneinheitliches Heer voll übler Elemente, ein Durcheinander in der Staatsverwaltung, leere Kassen, ein allgemeines Chaos, aus dem nur ein klarer Verstand und ein eiserner Wille herausfinden konnte. Gewiß ift Friedrich Wilhelm mit feinem Krückstock oft erbarmungslos dazwifchengefahren; er Hal Urteile geschärft und „gut russisch" gestraft, wie fein Nachbar, Zar Peter der Große. Aber ebensowenig wie Revolutionen mit Rosenwcksser gemacht werden, baut man zerrüttete Staaten mit weißer Salbe wieder auf.
Friedrich Wilhelm begann mit dem berühmten „Strich durch den Etat": er schickte den ganzen prunkhaften Hofstaat „zum Teufel". Die kost- baren Weine, die Luxuspferde und Karossen wurden verkauft; das überflüssige Silberzeug wanderte in die Münze zur Bezahlung von Schulden. Die aufgeräumten Schlösser und Lufthäuser wurden verpachtet, die Lustgärten in Exerzierplätze verwandelt.
Die weiteren Aufgaben waren Ordnung in den Finanzen. Einlösung der verpfändeten Staatsdomänen und Erhöhung ihrer Ertragfähigkeit, — ein Plus machen, wie fein Lieblingsausdruck lautete, — Reorganisation und Vereinheitlichung der Staatsverwaltung, Reorganisation und Verstärkung des Heeres, so daß trotz des zersplitterten Staatskörpers kein Nachbar einen Angriff oder eine Gebietsverletzung wagte; keine Kriegsdienste für andre ohne erheblichen Nutzen, Hebung des Gewerbefleißes, damit die Steuereinkünfte sich mehrten und „Land und Leute in floris- fernten Zustand kommen" konnten, Bezähmung der unbotmäßigen und eigennützigen Landstände, Aufräumen mit der Vetternwirtschaft-und Korruption in den Stadtverwaltungen und Entschuldung der Städte, Wieder- aufbau und Neubesiedlung Ostpreußens, Erziehung des Volkes zu Fleiß, Frömmigkeit und Bildung. Fürwahr ein ungeheures Programm, das dennoch beim Tode des Königs fast restlos durchgeführt war. „Arbeiten müßt Ihr, so wie ich beständig getan", heißt es in der Instruktion von 1722. „Denn ein Regente, der mit Honneur in der Welt regieren will, muß feine Affairen alle selbst tun. Also seien die Regenten zur Arbeit erkoren, und nicht zum faulen Weiberleben. Der liebe Gott hat Euch auf den Thron gesetzet, nicht zu faulenzen, sondern zu arbeiten und seine Länder wohl zu regieren." Welch eine Sprache in einer Zeit, wo jeder Kleinfürst Ludwig XIV. nacheiferte und die Höfe Brutherde der Sittenlosigkeit waren!
Es versteht sich, daß dies Friedenswerk Frieden erforderte, langen Frieden. Der Soldatenkönig, der das preußische Heer schuf, war ein Friedensfürst. Nur zu Anfang seiner Regierung mischte er sich in den Nordischen Krieg, um die Odermündungen wieder in deutsche Hand zu bringen und den Zugang zur See zu gewinnen. Später hat er nur noch dem Kaiser ein kleines Pflichtkontingent in dem unglücklichen Polnischen Erbfolgekrieg gestellt, durch den Lothringen an Frankreich verloren ging. In seinen letzten Jahren, als seine Wassersucht zunahm, zeigte er sogar eine ausgesprochene Kriegsscheu, so daß Preußen- auf dem Schachbrett der äußeren Politik geringschätzig beiseitegeschoben wurde. Das war mit ein Grund, weshalb Friedrich der Große seine Regierung mit einem Kriege begann, als der Tod des letzten Habsburgers die schlesische Erbfolgefrage aufrollte: er wollte Preußen die politische Achtung wiederoerschaffen, die seiner inneren Stärke entsprach. Nicht als Außenpolitiker also darf man Friedrich Wilhelm I. werten; seine Verdienste liegen ganz in der inneren Ertüchtigung seines Landes.


