3n den Futztapfsn der ElefanLen.
Von Thea de Haas.
Wir entnehmen die folgende Schilderung dem interessanten Aersewerk »Ar Waldhaus und Steppen zelt" von Thea * ^5 Haas (345 S. 8° mit farbigen und schwarzen Bildtafeln; Phiupp Reclam, Leipzig), auf das wir bereits an anderer Stelle aufmerksam gemacht haben. 577
war eine sternklare, bitterkalte Nacht. Am das mächtig lodernde Feuer vor unserem Zelt hockte eine kriegerisch aussehende ucjellfajQft. Fremdartig war der Klang ihrer Sprache, drohend ragten ihre eingerammten Speere durch die Rauchschwaden, die der unhete Wnid nach allen Richtungen warf, und ihre runden Schilde -oüffelhaut, die jede Lücke dieses Kreises ausfüllten, verwischte v»e Srkhouetten zu einer verschwommenen Masse.
bahmnäßig geklingelt — stoben mit einemmal alle, di« die Kup^es besetzt gehcrlien hatten, ebenso Hals über Kopf davon, wie es mein Trager getan Latte. In jedem Abteil blieb nur ein einziger Reifender zurück.
Was mar da nun wieder geschehen?
Es ist hier üblich, daß jeder, der eine Reise tut, von seinen Verwandten lind Freunden in der Weise unterstützt wird, daß sich alte zu ihm ins Abteil setzen, damit er dann während der Fahrt sämtliche Plätze jür sich allein hat.
Mit einem Pfiff wie von einer Schiffs- oder Fabriksirene antwortet die Lokomotive auf das Klingeln der Bahnhofsglocke, und die Fahrt beginnt.
Griechische Offiziere stehen heute beim europäischen Zeitungsleser im Geruch des Revolutionären. Denn man weiß, daß jeder Umsturz hier vom Offizierko.ps ausgeht. Aber die Nachfahren des Thermopylenkämpfers Leonidas können auch umgänglich fein und geruhsam plaudern, wie ich's während der Fahrt im Seitsngang des Wagens bei netten Gesprächen kestgestellt habe. Manche sprechen ein recht fließendes Deutsch. Sie haben's in Görlitz erlernt, wo ein erheblicher Teil der griechischen Armee während des Krieges interniert gewesen ist. Und sie haben sich anscheinend dort sehr wohl gefühlt. Daß in Griechenlang doch noch nicht alles in Ordnung ist, beweist aber die strenge Paßkontrolle, die auch inmitten des Landes, fern der Grenzen, während der Fahrt in den Zügen erfolgt.
Um sieben Uhr abends, drei Stunden, nachdem wir Athen verlassen haben, sind wir in Theben. Heute bloß drei Stunden Bahnfahrt — und welch tiefe Feindschaft, welch ingrimmiger Haß hat einst Athen von Theben getrennt, von der siebentorigen Stadt des Kadmos! Dioyfos und Herakles, Laios und Oedipos sind hier zwischen Rinderherden und Unsterblichkeit gewandelt. Aber was vermochte der unsterbliche Ruhm gegen den Haß von Volk zu Volk! Böotien, das Land um Theben, wurde durch die athenische „Kriegslüge" zum Lande der Dummen gestempelt.
lieber die Jahrtausende hinweg hat Athen die feindliche Stadt der Böotier besiegt. Athen zählt heute eine Million Einwohner, Theben — fünftausend.
Im reichen Grün des Hügellandes ducken sich bescheiden die Häuschen. Aber immer noch ist Böotien reich an Rindern wie einst, und auf den Weiden stehen Kopf an Kopf gewaltige Schasherden.
Weiter geht die Fahrt. Von Wolken abgeblendet, reckt die untergehende Sonne riesige Strahlenbündel über den Abendhimmel. Unvermittelt steigt aus der Fruchtbarkeit der Felder und Wiesen die kahle Steinmafse der Berge auf, steile Schuttmauern wie Ruinentrümmer in übermenschlichem Maß der Formen. Und über das zyklopische Gemäuer ragt der Gipfel des Helikons, des zeusgeweihten.
Dann aber löst sich aus dem Glanz der rasch hereingebrochenen Mondnacht wuchtg der Riefenleib des Parnaß.
Ein Wort in jeder «spräche, ein Gedanke, ein Begriff ist für jeden Menschen unseres Kulturkreises der Name Parnaß. Und hier, vor dem Fenster meines Abteils, wird das Wort mit einemmal Gestalt, der Begriff wird Sichtbares, der Gedanke wird zum Bilde. Welch ein Bild! Erdrückend in seiner Größe, berauschend in seiner wilden Pracht. Hochgebirge in kühnstem Formenspiel, Schneedecken an den Höhen, überstrahlt vom vollen Mond, gigantisch und herb und doch ein Phantom, so zart in den silbrigen Umrissen, so durchscheinend fast in der kühlen Helle des nächtlichen Lichtes.
Neugriechenland ist in die Dunkelheit versunken, die auf den Tälern liegt. Sm traumhaften Schein der Höhe aber lebt Hellas, lebt Apoll und leben die Musen, denen der Berg geheiligt ist.
Schroff fallen die Hänge ab. Der Parnaß, einsam über den Wellen des Landes, tritt aus dem Bild vor meinem Wagenfenster zurück. Mittelmaß drängt sich vor die Größe.
Aber noch einmal steigt im Glanz des vollen Mondes steil ein gewal- tigcr Glpfel auf. Der Dein, der Todesberg des Herakles. Selbst schroff getürmt wie der Scheiterhaufen, den der Heros auf der höchsten Höhe hier errichtet hat, um in den Flammen Erlösung von seinen Qualen zu finden ...
Nacht und Morgen — mit dem scheidenden Mond ist Hellas ver- fchwunden. Der grelle Tag leuchtet über Neugriechenland.
Saloniki: Ein verstaubter Bahnhof, Autöwxi, elende Straßen, verfallene Häuser, üble Gerüche, schreiende Menschen.
Jenseits der Meeresbucht aber, über dem Dunst der Frühe, steht weißstrahlend mit seinem mächtigen schneebedeckten Gipfel — der Olymp, der Berg des Zeus und der frohen griechischen Götter.
. Eine graue Wolke schwebt über der Höhe, wie ein Schatten des Unwillens auf der Stirn des Kromden. Und wahrhaftig — jetzt zuckt ein Blitz über dem Olymp.
Ich verstehe dich, Baier Zeus. Auch ich bin nicht mit allem einverstanden, was man rings um deinen Berg hier sieht.
Aber ist dein Blitz nicht zu schwach geworden?
„. . . hell'ges Erbarmen und schauriges Mitleid Durchströmt mein Herz,
Wenn ich euch jetzt da droben schaue, Verlassene Götter. . ."
Die mit blitzenden Mess'ngringen geschmückten schlanken Arme griffen von Zeit zu Zeit nach den Holzscheiten oder holten einen Maiskolben aus der glühenden Asche. Einer der Männer, aus dessen nackter Brust der flackernde Feuerschein breite rotgoldene Flecke tanzen lieh, trug eine Kette von vielen grünen Perlenreihen um den Hals, die so geschmeidig auf der dunklen Haut lag, wie eine Schlang« aus leuchtendem Smaragd. Das war Gliba, der Führer für di« Elefantenjagd, mit seinen Fährtensuchern.
Die Anterhaltung wurde durch Dolmetscher geführt, da Gliba des Kisuaheli nicht mächtig war. Wir verabredeten, morgen möglichst früh aufzubrechen.
Dicker Rebel hing in den Arwälbern von Tumbati und lieh die Flechtenbäume nur im geisterhaften Schattenriß hervortreten. Als die Sonne endlich gegen Mittag den Sieg errungen hatte, schlichen wir nach dreistündigem Marsch durch Dambuswechsel, die auf einer mit Farnkraut bestandenen Bergwand ins Freie führten. Wir folgten Gliba, der lautlos dahinglitt und plötzlich stehen blieb. Dann deutete er in die Talfenke. Wir hielten den Atem an und beugten uns vor,
Elefanten in der Wildnis! Wie harmlos sie sich durch das frische, kühle Gras schoben und hier und da behaglich ein junges Bäumchen ober einen biegsamen Bambus mit ihrem Rüssel umschlangen! Wir sahen aus die mäcEjtigcn Rücken hinab und beobachteten, wie die breiten Ohren hin und her klappten und der kleine Schwanz eifrig in Bewegung war!
Wir sahen die ganze Gesellschaft einen mit Palmen bestandenen Hügel hinaufsteigen, dessen Kamm sie überschritten. Die Schwarzen zählten neunzehn Elefanten, und ich skizzierte zwei davon, wie fte emporklommen.
Durch eine mit wilden Bananen, Flechtenbäumen und Dattelpalmen bewachsene Schlucht schlichen wir im Wechsel bergauf. Oben gelangten wir an eine Elefantenstraße; als ob ein breiter Strom mit schön abgefcämmten Äsern sich hier hinuntergestürzt und alles mit sich gerissen hätte, so sah es aus. Der Grund der Straße schnellt wie eine Sprungfedermatratze mit all dem niedergetrampelten Farnkraut unter unseren Tritten empor. Die Ränder zu beiden Seiten glichen einer vom Gärtner beschnittenen Parkhecke; viele Wechsel führten durch bas Gestrüpp. Wir bogen seitlich ab. Hier ging es steil hinunter, und kaum hatten wir einige Schritte getan, als sich schon das Brechen und Rauschen der Aeste vernehmen ließ. Anser ©tanlort war günstig, einem Balkon vergleichbar, von dem wir die gegenüberliegende. sonnenbeleuchtete Hügelseite gut übersehen konnten.
Es ist kaum zu glauben, wie wenig diese mächtigen Tiere selbst im niedrigen Gebüsch ausfallen. Man meint zuerst, einen rötlichen Felsenstein zu sehen, bis man seinen Irrtum gewahrt, wenn sich dieser Stein plötzlich in Bewegung setzt. Eigenartig rot sehen diese Tiere in der Sonne aus, beinahe ziegelrot. Wir beobachten sieben Elefanten, die ruhig im Gebüsch äsen. Ein kleines Elesäntchen ist dabei, das seiner Mutter nachläuft und von ihr gesäugt wird. Ich nehme diese günstige Gelegenheit wahr und skizziere die völlig unbesorgten Tiere. Plötzlich hallt ein mächtiger Trompetenton durch die Luft, und ich lasse 6en Pinsel sinken. Haben sie uns bemerkt? Rein, die Mutter rief nur ihr Junges! Ich atme auf. Es gibt, glaube ich, kaum etwas Anheimlicheres, als dieses Trompeten, der Ton erinnert mich an das Rebelhorn auf dem Meere.
Wir hofften, noch einmal näher heranzukommen, aber da ein Elefant uns die Mühe abnahm und sich in höchsteigener Person in unsere Rähe begab, so daß wir schon die Aeste unter seinen Füßen krachen hörten, zogen wir uns höflich zurück. Auch stand die Sonne schon zu tief, als daß ich noch hätte malen können, und ein vierstündiger Marsch lag vor uns. In vollkommener Finsternis, durchnäßt von eisigem Regen und klappernd vor Külte, kamen wir am Zelte an.
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Mit diesem Bilde konnte und wollte ich mich nicht zufrieden geben. Das Wetter schlug um, und Elibas Fährtensucher brachten die Rachricht, daß die Elefanten weiter ins Gebirge gezogen wären. Unsere mühevollen und anstrengenden Streifzüge wurden durch den unaufhörlichen Regen zu wahren Heidentaten. Wir verlegten zweimal unser Zelt, und eines Rachts wurden wir durch Trompetentöne geweckt. Leider zerstörte ein Wolkenbruch jede Hoffnung, den nahen Elefanten zu folgen, und wir verbrachten den Tag in grimmiger Laune im Zelt.
Endlich siegte die Sonne über den Rebel, und die Fährtensucher berichteten, die Elefanten ständen im Arwald der nur einige Stunde-- entfernten Berge. Sofort brachen wir auf. An einer Bergwand im jungen Bambus, der höhersteigend in finsteren Arwald überging, traten sie heraus: zwölf große Elefanten und drei kleine. Voll»' sieben Stunden konnten wir sie beobachten. Einmal war der Winkt umgesprungen, und sechs zusammen stehende Elefanten hoben zu gleicher Zeit den Rüssel und suchten in der Luft nach unserer Richtung. Wir standen in der prallen Sonne, die fürchterlich stach, während die Elefanten beschattet waren.
Ich war gerade sehr eifrig beschäftigt, als sich dicht unter uns am Abhang ein kollerndes Geräusch vernehmen ließ. Gliba deutete auf feinen Magen und dann in die Richtung, aus der die Töne gekommen waren. Also ein Elefant war ganz in der Rähe! Plötzlich ertönte ein mächtiges Rauschen und Krachen, und ich glaubte nicht anders, als: der letzte Augenblick sei gekommen! Zu meiner Verwunderung blieben die Schwarzen sitzen, und beschämt kehrte ich an meinen Platz zurück. Aber meine „Ruh war hin", und ich pries den Augenblick, in dein ich völlig erschöpft und von der Sonne nach allen Rezepten gebraten und geschmort, meine Hängematte besteigen konnte.


