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Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1(927
Samstag, Sen 22. Januar
Nummer 6
WUdwWer von den Bergen fliehn . . . .
Von Carl Zuckmayer.
Wildwässer von den Bergen fliehn: Wir wandern, wir ziehn!
Striemt unsre Stirne der Regen, Fällt uns der Nebel schwarz ins Genick — Der Erde Segen Aus allen Wegen Sei unser Geschick.
Die Hügel der Heimat schwanken heran. Der Abend begießt sie mit rötlichem Wein. Hast du dein Herz in jeden Wind vertan. Stets wird es neu geboren sein.
Die Kiefern am Bergrand, wie Büßer gebückt. Das Tal in die Brandung der Kirjchblüt verzückt. Hell jubelt ein Vogel im Holz —
Und der Strom ins Geleuchte der Fernen entrückt, Jeder Grashalm mit Feuchte und Siemen beglückt, Und die Augen mit himmlischem Stolz!
Tag über Tag, Stund' über Stund' Wölbt sich di« Erde ins ewige Rund. Schweist unsre Liebe verirrt. Bleibt doch der Glaube, kampfmächttg gestrafft, Und der Hoffnung sturmsingende Wanderkraft Vor die Pflüge des Frühlings geschirrt.
Zuckmayer, der Lyriker.
Von Dr. Hans Thyriot.
Nun ist schon ein Jahr vergangen seit jener denkwürdigen, vorweihnachtlichen Feuertaufe am Berliner Schiffbauerdamm, und noch immer : widerhallen die Bühnen im Deutschen Reich vom Geschrei und Gelächter \ nm den rheinischen „Weinberg" herum; widerhallen so laut, und das j Echo von außen her klingt so stürmisch (im Guten wie im Bösen), daß man sich kaum besinnt aus die Anfänge dieses Menschen, der einmal auch so gänzlich unbekannt war, wie er heute fast in aller derer Munde ist, die sich um Literatur bekümmern. (Und das sind nicht wenige.) Kaum denkt man an den „Kreuzweg", lächelnd erinnert man sich des Sonntagvormittags im ehrwürdigen Deutschen Theater, wohin die „Junge Bühne" geladen hatte, und wo alsbald der Kampf der Geister zu toben begann, wogend zwischen Galerie und Parkett, dieweil die abgehackten, expressionistisch lakonischen Szenen der „Hinterwäldler" vorüberzogen. „Pankraz erwacht." Selige Jugendzeit dämmerte; siehe: da war das verwitterte Blockhaus unserer Knabentage, der Skout und die Squaws, rauhe Kerle gab es, in breiten Hosen, mit spitzen Cowboyhüten, Feuerwasser floß und Blut . . . Eine wilde Sache. Und dennoch unterlagen die, so ironisch den sanft entschlafenen Karl May hochleben ließen. Die aber ihre Hände geregt und endlich in der heißen Schlacht um Zuckmayer, den Dichter, gesiegt hatten — unter ihnen (obzwar sie, instinktiv vielleicht, Recht hatten mit ihrem Siege) waren wohl nur wenige, die etwas ahnten von dem Sprung, den der Junge tun würde, um ein kleines später, und von der innerlichen Wegstrecke, die jener hinter sich gebracht hatte, als er vom Blockhaus zum Weinberg kam. Damals ging's um Zuckmayers Künstlerschaft überhaupt. Wer konnte e'troas ahnen von dem Buch, das heut auf unserm Tisch liegt?
Ein ganz schmaler, gut gedruckter, saftgrüner Band, sechzig Seiten genau. Darauf steht: Der Baum, Gedichte von Karl Zuckmayer, im Propyläen-Verlag (395). Wer hätte dies gedacht? Zuckmayer, der Lyriker., Ehe man hineingeschaut hat, ist man überrascht und bedenklich. Ueberrascht, weil man gerade bei Zuckmayer (von dem man allenfalls in einer Zeitschrift oder einem Theaterprogramm einmal flüchtig wenige Verse gelesen hatte) Lyrisches kaum erwarten durste. Lyrisches — um es vorwegzunehmen —. von so innerer Melodie und so geistiger Not- wendigkeir, Gedichte als ein aus dem Blut geborenes Bekenntnis. Die ‘ Bedenken begründen sich zwiefach. Einmal befindet sich unter jenen vereinzelten Proben, von denen eben dis Rede war, ein Gedicht, das (aus guten Gründen) in dieser neuen Sammlung nicht zu finden ist, und dem man Überhaupt lieber nicht begegnet wäre, weil es eine glatte Entgleisung und durchaus keine Empfehlung darstellt. Man schweigt davon, man geht darüber hinweg. (Weil dies gerechter zu sein scheint, als wenn * , wie es geschah, sozusagen als eine Standarte im Kamps wider i Den Dichter aufpflanzt. Denn es ist vielleicht gut, von Zeit zu Zeit einmal s Daran zu erinnern, daß wir gar nicht so viele junge Dichter besitzen, um ‘ uns den Luxus leisten zu können, einen unter ihnen kurzerhand un- t
möglich zu machen, der doch immerhin Beweise von Wert und Können geliefert hot.)
Damit ist man beim zweiten Punkt der Bedenklichkeit. Junge Dichter sind selten. „Erste Gedichte" mit ersten Verlegern sind zahllos wie der Sand am Meer. Lyrikbände der Namenlosen fliegen zu Hunderten, zu Tausenden immer und immer wieder^ auf den Markt. Aber: wer lieft heut Gedichte? Wer hat Muße und Sinn dafür? Unsere Zeit, wenn sie überhaupt Dichterischem innerlich zuneigen sollte, scheint immer noch im Drama am ehesten die ihr gemäße Ausdrucksform zu suchen. Wem sind Gedichte wichtig, wem soll man sie anpreisen? Wichtig sind heut ganz andere Dinge; alles andere als Lyrik. Und wie steht geschrieben? Schon in den „Nachtwachen" des Bonaventura: O Freund Poet, wer jetzt leben will, der darf nicht dichten! Ist dir aber das Singen angeboren und kannst du es durchaus nicht unterlassen, nun, so werde Nachtwächter . . . das ist noch der einzige solide Posten, wo es bezahlt wird und man dich nicht dabei verhungern läßt. — Gute Nacht, Bruder Poet . . . Und in den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Vrigge": Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt . . .
Muß man nicht fragen: Wer, unter den hundert Namenlosen, wird wird seinen Namen zur Sonne des Ruhmes erheben, um seines Wertes willen? Wieviele von den Hunderten, die man heute liest und morgen vergißt, wird man in fünfzig, in zwanzig, in zehn Jahren noch kennen und nennen und lesen und lieben um ihres Wertes willen? Wer von ihnen scheint heute schon soviel Kraft zur Beständigkeit, zum Bleibenden, zum Ueberbauern von Tagesinteresse oder slüchtiger Modebekanntschaft im Werk zu beweisen? Wohl, unter den Netteren, um die 50 oder 60 herum, beginnt es sich zu klären, Stete und Wandelbarkeit werden zu scheiden sein.
Ratloser sucht man unter den Jungen und Kämpfenden, den neuen Propheten. Zwei sind unter ihnen, zu denen man, obzwar sie noch arg im Dunkeln stehen, dies Vertrauen haben kann: Siegfried von Vegesack und Jakob Ha ring er. An Vegesacks Verse muß man oftmals denken, wenn man diesen Zuckmayer liest. Aber wie soll man Unbekanntes mit Unbekanntem vermitteln und deuten? Man muß versuchen, Zuckmayer aus sich selber, aus diesem kleinen grünen Buche zu deuten. Es ist nicht leicht, obwohl der Band keine vierzig Gedichte enthält, das Gemeinsame und Unbedingte, das Wesenvolle und Einmalig-Neue darin zu umschreiben. Die „Formet", die sich aufzudrängen scheint, wird unscharf, weil sie schließlich auch für andere geprägt werden könnte. Aber da ist ein Gedicht, das ist wie ein Herzstück, um das sich das übrige sammeln, ein Bild bauen, die gemeinsam strömende Melode finden laßt. Es ist Überschrieben:
Di« Landschaft singt.
„Ich bin im Winter dein Schnee, im Sommer dein See.
Ich bin im Grose dein Kind, deine Mutter im Abendwind.
Ich bin dein Geschick, ich bin deiner Träume Musik.
Ich bin dein Ursprung und End', dein Regen und Sonnenwend."
Da ist wieder dieser Ton, dies Unbedingte, dies nicht Hergebrachte, das echt Gewachsene und im Herzen Erlebte, das man aus einem kleinen Prosastück spüren konnte, das gleichsam den „Weinberg" präludierte.
Freilich: „die Natur besingen", das ist so alt wie die Dichtung selbst, das „Naturgefühl" ist ein fester Begriff im Wandel der Zeit unter allen Völkern der Erde. Natur ist, nach oder gemeinsam mit der Liebe, das Erste, und Allgemeinste, was ein Lyriker zu besingen hat. Sehr selten aber ist einer, der wie Vegesack im bayerischen Wald, wie Zuckmayer am Rhein bei Nackenheim so neuen Wein, so jungen, brausenden Most in die alten Schläuche gießt, selten einer, dem das Naturgefühl nicht Mode und Manier, sondern Herzschlag und Bekenntnis und innerste Notwendigkeit bedeutet. Wohl bleibt dies — wie uns scheinen will — Mittelpunkt,"um den alles sich sammelt, zugleich aber auch Herzstück,, von dem alles aus- strahlt; dies Naturanschauen und Naturverbundensein wächst aus der Enge ins Weite, wurzelt im Weinberg wie ein Baum und wölbt sich grenzenlos über die Welt. Erfaßt die kleine Welt, die jener baltische Vegesack rund um den Euleuturm zu seinen Füßen liegen sah, und die große, die als kosmische Religion erlebt und gestattet wird.
Gestaltet! Darauf kommt es an. Zuckmayer ist fern vom mystischen Gedankennebel und fern von den expressionistisch trüben Schleier, die oft genug ahnungslos bestaunt und überschätzt und unverstanden blieben. Sein Bild hot Gegenständlichkeit, Sachlichkeit, Rundung und herzhafte Blutfülle, ist geboren aus verschwisterter Anschauung, aus leidenschaftlichem Sichverbundenfühlen mit den Dingen und Geschöpfen, die eben hier nicht mehr die tote, abgegriffene, verstaubte und formelhaft überkommene Staffage alter, lyrischer Generationen sind, sondern lebendige, notwendige, geliebte, verwandte, befreundete Glieder einer Wett außerhalb der blaffen Godanklichkeit, abseits von lit-rotenhast snobistischem Ueber» drnß und Gelangweittsein, weit weg vom Maschinenwesen und nüchternen Anfklärungssinn einer überhitzten 'Zeit. Das steht alles da und ist und wurzelt und wächst unb blüht, vergeht und wird wiedergeboren, nach un-


