Ausgabe 
21.6.1927
 
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Ich war siebzehn Jahr alt," so erzählt ein zeitgenössischer Schriftsteller (August Wilhelni Rehberg),als Werlyer erschien. Vier Wochen lang habe ich mich in Tränen gebadet, die ich aber nicht über die Liebe und über das Schicksal des armen Werther vergoß, sondern in der Zerknir­schung des Herzens; im demütigenden Bewußtsein, daß ich nicht so dächte, nicht so sein könne, als dieser da." Wie viele Tränen mögen erst aus den Augen der Mädchen auf das Buch geflossen sein, wenn sie an dessen Helden die Jünglinge ihrer Bekanntschaft maßen mit dem sehnsüchtigen Wunsche, von ihnen so wie Lotte von Werther geliebt zu werden. Der Name Lotte gewann dabei einen besonderen Klang und Reiz. Goethe schreibt einmal, huy nach Erscheinen des Romans, an Kestner, den Gatten von Charlotte Buff, der Werther-Lotie:Ein Mädchen jagte mir gestern, ich glaubte nicht, daß Lotte so ein schöner Name wär«! Er klingt so ganz eigen in dein Werther. Eine andre schrieb neulich: Ich bitt euch um Gotteswillen, heißt micht nicht mehr Lotte! Lottchen oder Lolo wie ihr wollt nur nicht Lotte, bis ich des Namens werter werde, denn ich's bin. O Zauberkraft der Lieb' und Freundschaft."

Auf Lottens Leidenschaft für den Tanz konnten sich die Schönen be­rufen, wenn ihnen ein Moralist die ihrige zum Vorwurf machen wollte.

Viele Beziehungen spielen demnach zwischen Lotte und dem weiblichen Geschlecht, aber sie sind ungefährlicher Natur im Gegensaß zu denen, die sich an Werther als das große Borbild eines unglücklich Liebenden knüpften. Mädchen in ähnlicher oder gleicher Lage sogen aus dem Roman das süße Gift der Verzweiflung, der sie sich oft bis zu den letzten Folge­rungen überließen.In diesem Jahrhundert", so heißt es in einer der zahlreichen im Gefolge des Wertherromans erschienenen Abhandlungen über den Selbstmord (1790), gab es eine Epoche, wo Jiie Empfindelei weit um sich griff, wo beide Geschlechter von dieser Epidemie angesteckt wurden man kennt das Wertherfieber! Wie solches in deutschen Landen gras­sierte, wie Jünglinge ihre Nerven abstuinpften, und empfindsame Toren wurden, wie Mädchen Wertherinnen sein wollten ... Bei Breslau stürzte sich ein Mädchen vom Giebel des Hauses herunter, weil des Pächters Sohn ihre romantische Liebe nicht erwidern wollte." Von einer anderen schrecklichen Begebenheit wird aus dem Anfang des Jahres 1775 berichtet, daß nämlich eine sonst verständige, aber etwas hysterische Person, nachdem sie sich die Leiden Werthers hatte vorlesen lassen, sich vergiftet und noch vor ihrem Tode ohne Reue gestanden habe, durch dieses Buch dazu be­stimmt worden zu sein. Ain 16. Januar 1778 ertränkte sich in der Ilm das Fräulein Christine von Lahberg in dem Glauben, von ihrem Geliebten verlassen worden zu sein. Tags darauf wurde die Leiche von Goethes Die­nern gefunden, einem nicht ganz einwandfrei beglaubigtem Gerücht zu­folge mitWerthers Leiden" in der Tasche. Kein Wunder, daß es an Warnungen vor dem Roman als einem besonders für Mädchen gefähr­lichen Buche nicht gefehlt hat.

Trauerspiele und Romane spielen als Dichtung wider, wovon in Bei­spielen aus dem Leben die Rede war. Solche Seitenstucke zu®ertbers Leiden", wie die Verfasser sie gern bezeichnen, tragen oft den Namen ihrer Heldin an der Spitze: Luise von Rosenfeld; Serenina; des Amtmanns Tochter von Lüde u. a. m. Am berühmtesten ist der Roman, den der Tod des Fräuleins Maria Franziska von Jckftadt hervorrief, das am 14. Ja­nuar 1785 im Alter von 16 Jahren 7 Monaten vom Turm der Frauen­kirche in München stürzte, ein Unglücksfall, den die geschwätzige Fama zu einem Selbstmord aus unglücklicher Liebe umdichtete. Der Roman gibt sich zwar durch den TitelDie Leiden der jungen Fanni" als ein Pendant zu denLeiden des jungen Werthers" kund, feine Absichten aber sind andere als die des Vorgängers, der jedem ein Freund sein wollte, wenn er aus Geschick oder eigener Schuld keinen näheren finden könnte.Nicht zum Trost, wie in Werthers Vorrede angemerkt ist," sagt der Verfasser, ein Graf von Nesselrode,soll man dieses Büchlein bei sich tragen ... Liebende sollen sich bewaffnen gegen eine Leidenschaft, die, wenn sie ohne Aussichten ist, so mächtig die Sinne eines schwachen Mädchens übermannen kann." Er begründet den auch von ihm ohne weiteres vorausgesetzten Selbstmord mit dem von der Stiefmutter aus das liebende Mädchen aus- geübten Zwang, entweder einen anderen zu heiraten oder den Ungehorsam in der Einsamkeit zu büßen. Auf den Einspruch der Familie, die sich da­durch verleumdet sah, wurde die Feiihnltung des Romans in den Münch­ner Buchläden verboten; auch erließ die Familie in Zeitschriften Erklä­rungen, die den wahren Sachverhalt aufdeckten und den Sturz als die Folge eines Schwindelanfalls bezeichneten.

Aufruhr konnte der Roman von den Leiden des jungen Werther in den Ehen stiften, wenn er auf enttäuschte Frauen traf, die seine Helden zum Gegenstand ihrer Vergleiche und Wünsche machten.

Obgleich nun dieser Roman, nach allem Gesagten, die Frauen so tief bewegte, ist seine Wirkung auf die Produkion der Dichterinnen wider Er­warten kaum bemerkbar: nur wenige Gedichte und Romane können als Zeugnisse beigebracht werden.

In unserer Zeit, die die Menschen zur Sachlichkeit erzieht, werden über die Leiden des Unglücklichen kaum noch Tränen fließen; immer aber werden ihn die Frauen lieben müssen, weil er sein Leben für die Siebe opferte.

Himmslskunds und praktisches Leben.

Bon Dr. Adolf Marcuse, Professor an bei: Universität Berlin.

Auch im Universum gibt es in gewissem Sinne ein Werden und Bergehen, ähnlich wie im Völker« und Menschenleben auf Erden. So sehen wir von Zeit zu Zeit neue Sterne aufleuchren, die schon nach kurzer Zeit für die Wahrnehmung mit unbewaffnetem Auge wieder verschwinden. Und in unendlich langen Zeiträumen geht noch eine andere große Veränderung in der Fixsternwekt vor sich, die erst durch neueste Forschung unserem Verständnis erschlossen wurde.

Die Sterne, die Sonnen ferner und fernster Weltsysteme sind, zerfallen hauptsächlich in drei Typen: weihe, gelbe und rote Sterne. Die ersteren sind die heißesten, die gelben mittelwarme und die roten

die kühlerM Fixsiernsonüen. Jeder Cttim' macht diese drei Entwick­lungsstufen vom heißesten bis zum kühleren Himmels körper durch und, wenn er eine bestimmte Temperatur, nämlich unter 3000 Grad Celsius erreicht hat, verschwindet er für unsere Wahrnehmung. Un­sere Sonne, die vor Jahrmillionen ein weißer Stern war, ist jetzt gelb und wird nach Jahrmillionen zu einem roten Stern werden. Dann dauert es vielleicht noch einmal Jahrmillionen, bis ihr Eigen- licht für unsere Wahrnehmung verschwindet, und damit wird auch alles irdische und planetarische Leben erlöschen, andere Welten treten dann vielleicht in ihre Daseinsberechtigung. Die Erde ist eben nur ein Tropfen im Meer der Unendlichkeit, und der Mensch nur eine Jnsusorie in diesem winzigen Tropfen.

Doch verlassen wir diese Zukunstsprophezeiungen und betrachten wir von neuem die lebensbejahende Bedeutung der Astronomie.

Die Methoden der astronomischen Forschung sind im Laufe der Jahrhunderte von geradezu mustergültiger Einfachheit, Durchsichtig­keit und Genauigkeit geworden, ja sogar von vorbildlicher Bedeutung für die anderen exakten Naturwissenschaften. Gelang es ihr doch, eine fast unendlich große Zahl von Naturerscheinungen unter nur wenige große Naturgesetze einzuordnen, ein ideales Ziel für alle Naturwissenschaften. Aber seien wir gerecht; gerade die Astronomie hat es in dieser Beziehung verhältnismäßig leicht gehabt. In sehr weiten, oft unendlich großen Entfernungen spielen sich im Welten» raume Bewegungen uiib Vorgänge ab, die 'in ungestörter Reinheit und mit voller Unbefangenheit erfaßt und mathematisch berechnet werben können. Ganz anders verhalten sich dagegen die Erscheinun­gen und Vorgänge z. B. auf physikalischen und chemischen Gebieten. Da findet das Experiment zumeist in unmittelbarer Nähe des Beob­achters statt. Störende Nebenerscheinungen machen sich geltend, und die Phänomene an sich können nur schwer in losgelöster Reinheit mathematischen Gesetzen unterworfen werden.

In einem Ausspruche Kants von der Erhabenheit des gestirnten Himmels über uns und des moralischen Gesetzes in uns wird der Makrokosmus außer uns in Verbindung gebracht mit der mikro- kosmischen Welt unseres Seelen- und Erfindungslebens.

In der Tat besteht ein merkwürdiger Zusammenhang zwischen der über 5000 Jahre alten Himmelskunde und dem erst seit etwa 50 Jahren erschlossenen Wissenszweige, der sich mit der Ergründung unserer Denk» und Empsindungsapparate beschäftigt. Von dieser Beziehung zwischen Astronomie und Psychologie dürfte Kant kaum eine Ahnung gehabt haben. Aber große Philosophen und Dichter sind oft auch Propheten. And so ist es gerade in diesem Falle. Die Grundfragen und ersten experimentellen Ergebnisse der physiologischen Psychologie, die das Denken über unser Denken und über unsere Sinne lehrt, sind überhaupt erst in Verbindung mit genauen astro­nomischen Messungen zeitlicher und räumlicher Intervalle geschaffen worden.

In ziemlich weiten Kreisen ist noch immer die Ansicht verbreitet, die Astronomie verfolge Ziele, die über allen irdischen Bestrebungen, ja ganz außerhalb des praktischen Lebens stünden. Man möchte sogar die Himmelskunde für ein mathematisch-philosophisches Luxusgebiet halten ohne jede praktische Bedeutung. Diese Ansicht ist aber ganz irrig. Die Interessen der Astronomie umfassen nicht nur das Weltall, sondern auch die gesamte Menschheit mit den Gütern ihrer inneren und äußeren Wohlfahrt. Die Himmelskunde ist eben eine ganz eigenartige Wissenschaft, die im Gegensatz zu der Beschränkung steht, von der Goethe in seinem GedichteDie Grenzen der Mensch­heit" spricht. Ihr Gebiet hebt sichaufwärts und berührt die Sterne", aber zugleich steht es mit festemFundament" auf der wohlgegrün­deten Erde, ohne daß Wind und Wolken mit ihm spielen".

Hätte jemand vor etwa 300 Jahren es unternehmen wollen, die Bedeutung der Astronomie für das praktische Leben darzutun, so wäre er in den Verdacht eines Astrologen oder Horoskopstellers ge» kommen. Beruht doch auch noch heute bei manchem phantasiereichen Menschen die Anziehungskraft der Himmelskunde vielleicht weniger auf ihrer naturwissenschaftlichen Exaktheit als vielmehr auf dem scheinbar mystischen Zauber ihrer Weltabgeschlossenheit. Auch in unserer aufgeklärten Zeit zittert durch die Gemüter mancher, besonders phantastisch angelegter Menschen ein unbestimmtes astrologisches Gefühl, das jenen Milliarden strahlender Lichter am Firmament einen Einfluß auf Menschenwohl und irdisches Geschehen anzudichten geneigt ist. Hat doch Jahrtausende hindurch der kühne und vermessene Irrtum be­standen, aus den Gestirnen die Zukunft vorherzusagen und Horoskope für den Erdenbewohner stellen zu können.

In grauer Vorzeit hatte die Beobachtung des Himmels allerdings mehr eine religiös-politische Bedeutung. So ist uns aus der ältesten Ge­schichte der Astronomie überliefert, daß z. B. die Herrscher der alten Chi­nesen sich bereits 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung zwei Hofastro- nomen hielten, die ganz besonders Sonnen- und Mondfinsternisse recht­zeitig Vorhersagen sollten. Durch die vorherige Kenntnis dieser Himmels­erscheinungen, von denen insbesondere die totale Verfinsterung der Sonne am hellen Tage bedeutsam war, konnten Herrscher und Priester auf das abergläubische Volk gewaltig einwirken.

Zu diesen politisch-religiösen Beweggründen für die Betrachtung der Gestirne trat auch schon in allerfrühester Zeit ein überaus praktisches Mo­ment hinzu, um die Himmelskunde bei allen, selbst den auf niedriger Kulturstufe stehenden Völkern zu beleben. Es ist dies die Möglichkeit, aus den Stellungen der Gestirne am Himmelsgewölbe Richtungsbestimmungen bei allen Fortbewegungen im Bereiche der Erde sowie Zeitschätzungen auszuführen und zugleich aus den Bewegungen von Sonne und Mond die Grundlagen für eine zuverlässige Zeitrechnung oder das Kalender­wesen zu finden. Geographische Ortsbestimmung bei Land-, See und Luft­reifen, öffentlicher Zeitdienst und kalendermäßige Zeitrechnung, das sind die drei großen praktischen, für die menschliche Wohlsahrt entscheidenden Anwendungen der Astronomie.

Verantwortlich i.D.: l)r Fr.W Lange. Druck und Verlag: Drühl'sche Aniversitäts-Buch-und Steinbruckerei.R.Lange,Gießen