Ausgabe 
21.6.1927
 
Einzelbild herunterladen

zur Rückkehr zwang, ein Zeichen? Stiegen Zweifel in ihr hoch, an dem Sinn ihrer Ausgabe? Was war sie noch dem Gatten, dem fte immer noch nicht den Erben geboren hatte? Sie gerät in die Gesangenschaft ihres Nsfsen Tankred . . . wird Sem Kaiser und seinem Einsluß entrückt, dem Einstutz der Heimat für lange zurückgegeben. Was war dieser Ein- ftnh? Schwächung der Ueberzeugung des Berufenseins? Stärkung? Es schont, das letztere. Wir sehen sie, nach fürstlicher Ehrung, als Wort­brüchige zurückreisen. Schuldet man dem Usurpator unter k«men Umstan­den das Einhalten gegebener Versprechen? Fand sie sich als die lebendige Verkörperung vertraglichen Rechtes frei von Verpflichtung? War alles Leben des Gefühls schon so verwundet in ihr, so zertreten, daß nur noch der kalte Gedanke ber Macht in ihr lebte? Warum ging sie nicht zum Papst und vermittelte den Frieden zwischen dem Kaiser Md Tankred? Das wäre Anerkennung des Usurpators gewesen: und sie erkannte ihn nicht an. Das wäre Aufgabe ihrer Ansprüche gewesen: und ste gab nichts auf Das wäre Verrat an dem Kaiser gewesen: Md sie verriet den Ehepakt nicht. Sie nahm den Wortbruch auf sich: und überließ es dem Schicksal, eine Frage zu lösen, die für sie keine Frage war.. An diesem Irrtum mutzte die eigentliche Tragödie ihres Schicksals beginnen. Noch kehrte sie nach Deutschland zurück ganz als die kaiserliche Frau, unnahbar, jede Regung im Abgrund ihres Wesens hütend: aber die Wunde war ihr geschlagen worden, heimlich, fast unempfindbar. Doch sie schloß sich nicht mchr. Sie wuchs allmählich in die Gedanken hinüber . . . durch die steigenden Jahre.

Sie wartete daraus, ihr Erbe anzutreteii. Da geschah das Unaussprech­liche: sie fühlte sich schwanger. Eben in dem Jahre, für welches Heinrich den großen Zug nach Sizilien anberaumt halte: 94. Sie konnte ihm nicht folgen: chr Zustand zwang sie, in Jesi zu blechen . . . Wenn sie je auch mir einen Augenblick an ihrer Bestimmung, an dem Walten göttlicher Gnade über ihr gezweifelt hatte: nun mußte alle Glut des inneren Er- grifsenseins auflodevn: sie trug in ihren Lenden das Kind: den Sohn, der der Körper ihres gestrigen Machtgedanksns werden würde: «das Sinn­bild ihrer stummen, ohne Wanken jahrelang durchgeführten Tat. Und sie vergaß zum erstenmal den Preis, um den dieser Sohn geboren worden war, als sie das Kind in Händen hielt: den fchauderoollen Preis von Unlust, Ekel, erzwungener Gier des kaiserlichen Bettes, tragbar, weil entstofflicht, nur durch einen namenlosen Willen nach Erlösung.

Nun war sie erlöst. Was sie alle die unfruchtbaren, fast hoffnungs­losen Jahre hin aufrechterhalten hatte gegen den artverschiedenen Stoff des Gatten, den sie unmöglich lieben konnte, den sie eben nur, als not­wendigen Helfer, ertrug, wenn nicht vielleicht schon heimlich haßte: das war nun Fleisch und Blut geworden: Gestalt, welche großes politisches Wollen in die erdenhaste, sichtbar umgrenzte Arbeit für den Erben unb berufenen Vollender dieses Wollens ihren Sohn verwandelte. Un­ermeßlich muß ihr so das Glück ihrer verspäteten Mutterschaft erschienen sein sie war vierzig Jahre alt, unfaßlich fast die plötzliche mensch­liche Höhe ihres seltsamen Lebens und um so tiefer der Sturz in das Grauen, das schon seine Schatten von Sizilien her in das entlegene Jesi

herüberwarf.

Das Glück ihrer Mutterschaft hätte sie bestimmt gütiger gemacht gegen den iwch so fremden und gleichgültigen Gatten, hätte ihr Leben mit ihm, «ich nach rückwärts, verklärt: Größe der Erfüllung hätte ihr Gröhe der Nachsicht gegeben: wenn nicht ihre von großem Ahnen her überkommene Vorstellung von edler Menschlichkeit deren tiefster Ausdruck Duldung, Gerechtigkeit und Milde war so grausam verletzt worden wäre: wenn sich nicht plötzlich, in erschreckender Nacktheit, das Wesen des Mannes vor ihr enthüllt hätte, der ihr Gatte und der Vater ihres Kindes war. Ganz bestimmt vertrat sie wie der Kaiser die Auffassung, daß dem Auf­ruhr und der Empörung, der Eigensucht und Anmaßung der Feudalen ein Ende zu machen sei: denn was hatte sie denn anderes durch ihre Heirat angestrebt als eben dieses, dem Heimatlande ein ruhiges und ge­sichertes Blüten im Schutz der höheren kaiserlichen Macht zu sichern? Was ober nach Heinrichs Krönung in Palermo geschah, das war nicht mehr Bändigung der Feinde durch Macht: das war sinnloses Wüten eines Ent­arteten der nun, da mit der Geburt des Thronerben das letzte Ziel der Geschäftsehe erreicht war, sich, niedrigsten Regungen folgend, jeder menfch- vchen und kaiserlichen Hoheit enttleibete. Eine stechende Flamme, muh der Hatz der im eigenen Blut geschändeten Kaiserin emporgeschlagen sein: ein Autorennen ihrer ganzen Menschlichkeit, Signal offenen Kampfes, Kriegserklärung und wundervolle Läuterung ihres ganzen Wesens. Wüßten wir doch, daß sie die Kraft fand, den Kaiser zu töten! Sie würde zu Mendlicher Größe und sittlicher Schönheit aufwachsen, sie wäre den Maßen ihres großen Vaters, ihres großen Sohnes anzugleichen und schritte durch die Geschichte als eine der erhabenen Frauen, die die Erd- gsbundenheit ihrer Natur überwanden und als Verwalterinnen göttlicher Rechte nach eigenem Ermessen zu handeln wußten . . . Daß ihr das Gerücht die Tat andichtete, beweist, daß der Ausbruch ihres Haffes offen­kundig war, und daß man fast die Tat von ihr erwartete. Der Ueber- ticferüng nach ist Heinrich an der Malaria oder dem Typhus gestorben. Er hatte sich die Krankheit, wie es heißt, in den giftigen Jagdgründen der Gliederungen um Messina zugezogen, nachdem er eben fürchterliche, neue Blutgerichte in Sizilien hatte ergehen lassen. Daß Konstanze ihm den Tod wünschte, daß ihr leidenschaftlichster Wunsch ihm tausendmal den Tod gab: ist ohne Zweifel. Dürfen wir Willen und Tat gleichfetzen? Gewiß nicht ganz. Denn die Tat setzt voraus: letzte Ueberwindung noch irgend­welcher vorhandenen Hemmungen, in diesem Fall also äußerste Reinigung und äußerst« Gröhe.

Ungeheuer war die Aufgabe, die sie nach dem Tode des Kaisers vor sich sah: Entsühnung der Frevel durch eine völlige Hingabe an den Dienst an ihrem Volke, Herrschaft im Geiste ihres großen, duldsamen Vaters, Erziehung des eben dreijährigen Sohnes nach den Vorbildern ihrer Ahnen, Austilgung auch der leisesten Instinkte, die ihm von feinem Er­zeuger überkommen sein konnten Wiedergutmachung durch sich selbst und ihn: zwei Menschenleben lang. Ihre erste Tat: Reinigung der Lust. Sie ließ alle Deutschen aus Sizilien ausweifen. Die Tat war ungerecht, denn sie mußte Unschuldige, ja Verdammer der Verbrechen Heinrichs treffen: aber sie war begreiflich, sie war notwendig . . . Nun stand ste

gerüstet zu ihrer unendlichen Aufgabe, beseelt von dem gleichen, w«m auch durch die Ereignisse abgewanüelten Willen zum Glück ihres Vater­landes: einem hMdertfach vertieften, vsrseelten, in unausdenkbarer Qual geläuterten Willen: aber ihre äußer« Kraft erscheint gebrochen. Sie starb, ganz am Anfang ihres Werkes, das ste als Vermächtnis dem unmündigen Kinde hinterlieh. Der Sohn hat dieses Werk erfüllt: dem Geiste, dem Blute und dem Leiden der Mutter getreu: denn er war ihr und ihrer Ahnen Sohn.

So ist das andere Bild der Kaiserin: so die andere, erhöhter« Deutung der Zusammenhänge. Noch eine allerletzte, übersinnliche Deutung bleibt, die den Boden der Erde verläßt, den menschlichen Willen ausschaltet und in den Gang der CS cf time greift: Vielleicht war Konstanze nur ein Opfer, höheren Zwecken dargebracht. Vielleicht hatte sie überhaupt keine andere Bestimmung, als der Welt ihren Sohn zu schenken: Friedrich IL, «inen der außergewöhnlichsten Menschen, die jemals lebten. Vielleicht war fie nichts anderes als der fast unpersönliche Durchgang von ihrem großen Vater zu ihrem größeren Sohn, dem sie die unterirdischen Kräfte, die in ihr nicht sichtbaren, ihres vermittelnden Blutes, mitgab. Mutter und Hohn haben sich kaum gekannt. Sie starb, als er noch ein kleines Kind war. Melleicht auch, nach unerforfchlichen Schlüffen, starb sie, weil ste ihm nichts hätte fein können, nicht einmal Liebe . . . Was wissen wir?

Seligkeit

Von Hans Bethge.

Waren's die Rosen? War's

Der blau« Tag? Dein schimmerndes Gewand? Gelöst vom Erdrund, trieben wir roie Vögel Durch Blumenduft und Juni, nah dem Mond Und nah den Träumen, welche Gott umfluten. Von deinen weihen Schultern troff di« Wonne Des Daseins, ganz verwirrend, und wie Wein Atmeten wir den Glanz der Himmelsfrühe, Und goldner Taumel wehte durch uns hin. Wie ferne war das Wandern und di« Schwere, Und deine Augen funkelten, ich wußte Nicht, waren's Sterne, waren es Gedanken Der äthersühen Ewigkeit, und meine Wie Blumen überglänzten Hände mifchten Liebkosend sich in dein gelöstes Haar, Das meergrasfalb«, und es war ein Tönen Der Himmelsharfe um uns, in uns, über Dem fernen Schluchzen der versunknen Erde, Und holder Aufgang tiefster Seligkeiten Durchrann die Haut und di« verzückte Seele, Und alle Tore, alle, standen strahlend Geöffnet unsrer blütenheitern Luft . . . Waren's die Rosen, Fleanor? War's Der blaue Tag? Dein schimmerndes Gewand?

GosthssWsrthsr" und die Frauen seiner Zeit.

Von Dr. Fritz Adolf Hünich.

Mit denLeiden des jungen Werthers" trat in der Herbstmesse des Jahres 1774 ein Buch zutage, dem ein uns heute kaum faßbarer Aufruhr der Seelen folgte. Die Wertherzeit ist dadurch zu einem gejellschaftlichen und kulturgeschichtlichen Problem geworden, das zu bewältigen ein Buch zu schreiben nötig wäre, denn die Wirkung des Romans unmittelbar m das Leben war so vielgestaltig und weitschichtig wie das Leben selbst, unb feine literarische Wirkung, wie sie sich in Nachdrucksausgaben, Nach- ahmungen, Bearbeitungen, Ueberfetzungen und Schriften aller Art für und wider ihn bekundete, ist kaum übersehbar und kann allenfalls an der Hand einer Bibliographie wirklich anschaulich werden. Ist demnach Einhalt und Beschränkung geboten, so soll seine Wirkung aus die Frauen als den reizendsten Gegenstand, an dem sich seine Macht erweisen konnte, zur Dar­stellung gelangen. .__

Es leuchtet ein, daß der Roman von den Schmerzen eines jungen Mannes, die er aus hoffnungsloser Liebe litt, auch im weiblichen Ge­schlecht einen tiefen Eindruck hinterlassen muhte: das Mitleid mit bem Miqlucklichen wurde rege und äußerte sich etwa in tränenreichem Gedacht- nistutt vor Urnen, die demedlen, lieben Dulder" unter Trauerweiden errichtet wurden oder drängte sich am Spinett zusammen im hinschmelzen, den Gesänge des LiedesLotte bei Werthers Grabe" (Ausgelitten hast du ausgerungen armer Jüngling, deinen Todesstreit ...). Andere Ge­legenheiten, das Andenken Werthers immer wieder zu erneuern, bot bea Frauen der Industrie, indem sie auf die Emaille der Broschen mw Gürtelschlöffer zierliche Bildnisse von Werther und Lotte ober Dafftel- lungen aus bem Roman zauberte; noch andere die Kunstfertigkeit ihrer eigenen Hände, die z. B. entzückende Malereien en mininture auf Stamm« buchblättern schufen, Szenen, wie fie den Kupfern abzusehen waren, mit denen Daniel Chodowiecki den Roman für die von dem Verleger Himburg in Berlin veranstaltete Nachdruckausgabe von Doktor Goethens Schriften geschmückt hatte. Von diesem Künstler rührt auch der Entwurf zu einem Wertherfächer her, der aber nie ausgeführt wurde. Auch eine tau de Werther hat es gegeben. Im Kostüm konnten es die Frauen den Man­nern nicht gleichtun, denen die charakteristische Tracht Werthei» (gelbe Hose und Weste, blauer Frack) erlaubte, ihr Vorbild wenigstens äußerlich Kuschend zu kopieren; dagegen waren die blahroten Schleifen an Arm und Brust die einzig« Besonderheit des simplen, weißen Kleides, bas Lotte trug, als Werther sie zum erstenmal sah, nachahmungswürdig um so mehr, als die eine ihm so teuer geworden war, dah er ihrer noch tn der Todesstunde gedacht«. ,, .

Wichtiger als solche äußeren Kennzeichen teilnehmender ®mpf<nbung - aber sind die seelischen Bewegungen, die der Roman hervorrief, indem er 8 eine bis zur Exaltation sich steigernde Spannung des Gefühls erzeugte.