Ausgabe 
21.6.1927
 
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Ciecter und durch seine Heirat mit Konstanze rechtmäßigen Erben zu so unerhörten Taten verleiten, wie er sie nun gegen die angeblichen Verräter beging Gr liest schinden, rädern, pfählen, «saufen, ver­brennen, blenden. -Und wen? Die Söhne des Kanzlers Aiellus den Großadmiral Margarttus, dle Grafen von Avellrno, ia selbst den unglücklichen entthronten Knaben Wilhelm den Großneffen smner Gemahlin. And dies zur selben Stunde als ihm die ^dlicheGeburt seines Sohnes gemeldet wurde, den Konstanze m 2esi, fern von Sizilien, zur Welt gebracht hatte.

Als Konftanze aus den Wochen genas, waren die Greuel ge­schehen. Sie fand sich abgeschlossenen Tatsachen gegenüber, zu denen sie Stellung zu nehmen hatte. Welche Stellung nahm sie. Wir haben keine Belege dasür, welchen unmittelbaren Eindruck die Schänd.aten in ihr hinterliehen. Es sind uns nur einige zeitlich nichtgenau be­stimmte Nachrichten übermittelt, die ziemlich sichere DcUuffe Sulassmi. Heinrich kehrte, nach zweijähriger Abwesenheit, rm Fruhiahr 1197 mit Konstanze und dem dreijährigen Kronprinz«! Friedrich nach Sizilien zurück. Die Anwesenheit seiner Gemahlin hinderte ihn mch-, die Gratrsamkeiten des Jahres 94 fortzusetzen. Em Mönch des Klosters Santa Maria de Ferraria berichtet, der Kaiser habe vor leinen Augen ettom Priester verbrennen, mnen anderen eriausin lassen. Die Kaiserin, vor Abscheu über solche Taten aufgebracht, habe ihm heftige Vorwürfe gemacht: worauf er mit dem entblochen Schwert auf sie eingedrungen sei. Nur das Dazwischentreten eines deutschen Ritters habe ein Anglück verhindert, und vielleicht schwer«! Aufruhr unter den lateinisch«! und sarazenischen Druppendes Heeres die sich erst beruhigten, als bekannt wurde, daß dre Kaiserin am Leben sei. Dieser Bericht des Mönches ist von außerordentttcher 'Be­deutung, und ganz besonders aufschlußreich durch die Bemerkung über das Heer. Er wird ergänzt und auggellchtet durch ubersi^erte Gerüchte, die damals über die Kaiserin umgingen: sie wurde ver­dächtigt. an einzelnen Verschwörungen gegen das Leben ihres Gatt«! beteiligt gewesen zu sein und schließlich beschuldigt, natürlich mch vffmitlich, den Kaiser, der im September 97 starb, vergiftet zu haben. And das letzte, außerordentlich Bedeutungsvolle, das wer Horen, ist, daß sie unmittelbar nach dem Tode des Kaisers den Ausweisung» befehl gegen alle Deutschen auf der Insel ergehen liest. , ..

Dieses ist, was wir von Konstanze wissen: geschichtliche Wahiheit und Gerücht (das immer wegweifend ist, wenn es sich um die Aus­deutung «nes Charakters handelt).

2. Deutung.

Entweder: sie war ein armer, unglücklicher Mensch, zusammen­gesetzt aus allen Schwächen des Weibes, verängstigt und verdrängt, nichts als Werkzeug, lebendig nur im späten Hast mißhandelten Blutes .

Oder: sie war eine große, tragische Erscheinung, in d« sich «n stummer, ungeheurer Kampf vollzog zwischen geistigem Willen und revoltierendem Blut. ,

Beide Möglichkeiten bestehen nebeneinander. Man wird sich für die eine oder andere enffcheiden, je nachdem man «us den letzten uv«- kommen«, 'Gerüchten und Tatsachen Schluffe auf die Deweggn nde für die Haltung der Kaiserin vor der Geburt ihres Sohnes, zieht Nimmt man 7hre Niederkunft als die Erfüllung ihres Frauen- tumes durch die Mutterschaft: so könnte man ihr Leben.vor Augenblick dieser Erfüllung ohne weiteres deuten tote das Leben irgendeiner Frau, die in später, kaum noch erhoffter Ehe untertaucht fadenscheinige Träume und Hoffnungen rasch an der Wirklichkeit zerrinnen sieht und das Heil von einer, wenn auch noch Jo lange ver­geblich ersehnten Schwangerschaft erwartet. Es wurde sich dann erklären die fast blinde Abhängigkeit, wenn Nicht sogar Hörigkeit von dem angetrauten, wenn auch noch so ungeliebten Gatten, die unbedingte Anterwürfigkeit unter feinen seelischen, geistigen und geschlechtlichen Willen, das gänzliche Vergessen aller Stimmen ein­geborenen Blutes, Aiifopfern aller Rücksichten auf Gebote charaktev- | sicher Vornehmheit wie es der Wortbruch gegen Tankred be- , kündet und Selbstbesinnung erst in dem Augenblick, als der Lohn so langer Preisgabe körperlich greifbar ist: in dem lebendigen Sohne. Run aber können auch alle Verdrängungen sich Luft machen: nun ut der Gatte überwunden durch die Leistung, welche Sohn heißt. Run können eingeborene Gewalten ausbrechen, nicht im Kampf nut Den Gewalten geistiger, bewußter Disziplin: sondern nach weggeschobenen Gewichten. Run hat der Haß freies Spiel, der Abscheu, die Rache. Der Bundesgenosse ist ja vorhanden, die Quelle aller Weibeskraft: der Sohn. Was heißt Vater gegen die Dluteinheit von Mutter und und Kind und zwiefach einer solchen Mutier? Er hat seinen Beruf erfüllt, hat den Samen abgegeben, aus dem der Leib der Mutter die Frucht formte: er ist abgetan: er hat sein Leben verwirft, das sich am nächsten Blut der Gattin so scheußlich verging: er hat im Blut der Gattin das eigene Kind geschändet, dessen er unwert ist. Verflucht ist er selbst, wie alle, die seiner Rasse sind. Die Rächerin vergißt, daß sie denselben Irrtum begeht, der sie zur Rächerin machte. Ihr Bild prägt sich zu dem einer unglücklichen, belasteten Frau, die me Vie Grenze ihres Frauentums überschritt, sondern immer nur nach den Gesetzen des Weibes handelte: naturhaft-erdgebunden, ohne Er­hebung in die Gröhe tragischen Schicksals.

Sv kann Konstanzes Leben gesehen werden, muh, es nicht. 3m Gegenteil. Schon regt sich das andere, tragische Bildnis, und zwingt zur Deutung: das Bildnis der fürstlichen Frau, die in ihrem. Mutter- tum nur eine Seite ihres Wesens, nur die Fortsetzung längst sich selbst gestellter groher Stufgaben sieht: der Frau, deren höhere Art von Anfang an mit beispielloser Bändigung aller Kräfte und Anlagen im Kampfe steht gegen die niedrigere Art des Gatten, und aushält, um der eigenen Größe willen, bis zum letzten Augen­

blick des noch Erträglichen: dann aber, aus ethischer Auflehnung und tiefem Glauben an ein inneres Recht, auch das Gift nicht zu scheuen brauchte, bas einen Despoten, ffunberttaufenben und ihr selbst zur Erlösung, beseitigt, um ganz zur letzten Aufgabe frei zu fein: ben Sohn zu bilden nach dem Gesetz des mütterlichen Blutes und ihn zum Entsühner an den Anzähligen zu machen, die fernes Vaters Rache schlug. , -

Als Konftanze zur Welt kam, war ihr Vater, der sielen- und tatengroße Roger II., eben im 59. Jahre seines Lebens gestorben. Sie war genau so alt, wie ihr Reffe, der spätere Komg Wilhelm H,.. und um vierunddreißig Jahre jünger als ihr Bruder, der zur Zett ihrer Geburt schon regierende König Wilhelm L, Vater Wttherms U. Sie wuchs am Hofe auf, wenig beachtet, doch alle Schicksale dies es Hofes teilend. Sie erlebte die Flucht dieses Hofes nach Messina, im November 68, als die Wirren mit den Feudalen ausgebrochen waren, und die Rückkehr des Hofes nach Palermo im März 69 wo soeben die wachsende Empörung gegen den Grvßkanzler Stefanus den Franzosen sich zum Aufstande auswuchs. Sie war fünfzehn Labre alt: muhte sich also mag das Geben der königlichen Frauen noch so sehr dem abgeschlossen«! Dasein der Mohammedanerinnen angepaßt gewesen fein ein Urteil darüber bilden können, tote gefährlich die eigensüchtige Politik der Großen dem Staate und der Dynastie Hauteville werden konnte. Vielleicht formte sich damals schon in ihr die Aeberzeugung, daß nichts ihrem Vaterlande so sehr not tue, wie die Bändigung des immer eigensüchtigen Adels durch eine unerbittlich starke Herrscherhand. Ledenfalls konnte sie eine solche Auffassung in ihrer nächsten Umgebung vorherrschend finden. Die kluge und gütige Regierung ihres mit ihr gleichaltrigen Neffen ließ allerdings erkennen, daß es auch ohne Anwendung von Gewalt möglich war, das Reich zu beherrschen und ihm Gedeihen ncwh innen und Geltung nach außen zu sichern. Aber eingenistete, gerabe in sehr jungen Jahren erworbene Aeberzeugungen pflegen nur scywev vor Tatsachen zu Weichen, und am allerwenigsten bei einer Frau, die immer ihren Instinkten eher folgen wird als, ihren Erkenntnissen. In den nächsten zwölf Jahren floh ihr Leben in ereignisloser Ein­förmigkeit dahin . . . Aber ganz unmerklich gewann ihr Name «ne Bedeutung, die sie sich selbst kaum jemals erträumt hatte. Die Ehe Wilhelms II., des einzigen Sohnes Wilhelms I., mit der englischen Prinzessin war kinderlos und schien es zu bleiben . . So blieb als einzige rechtmäßige Erbin des Reiches nur sie . . . <5ie tuar mittler» weile eine Frau von fast dreißig Jahren geworden. Es ist undenkbar, daß sie sich nicht über die politische Bedeutung klar gewesen fein soll, die ihre Person durch die Fügung des Schicksals gewonnen hatte. Es ist ebenso unbenfbar, daß die gewaltigen politischen Gegensätze, welche gerade in der Thronfolgefrage am Hofe spielten und sich in der Person des Großkanzlers Ajellus sowie derjenigen des Erzbischofs Offamilio verkörperten, nicht bis zu ihr herangedrungen seien. 2m Gegenteil: es ist anzunehmen, daß sie von beiden Gegew fpielern schon jetzt, heimlich und offen, umworben wurde, und daß Offamilio, ihr die Iugenderfahrungen zurückrufend, sie von ihr« außerordentlichen Sendung zu überzeugen wußte. Nichts bewerft übrigens, daß es überhaupt nötig war, ihr die volle Bedeutung der ihr zufallenden Aufgabe begreiflich zu machen. Warum sollte das große Blut des Vaters nicht in ihr gesprochen haben? Warum sollte sie mehr Frau als Fürstin gewesen sein? Ja, warum sollte gerade sie, die dreißigjährige, nicht bereit gewesen fein, ihr Frauentum einet Sendung zu opfern, die sie auf den glanzvollsten Thron der damaligen Welt erhob und chr vielleicht Wirkungen vorbehielt, die ihr den Stempel wirklicher Größe aufdrücken würden? Was hatte sie denn, als Frau, noch zu erwarten? And wenn sie auch keine Hoff­nungen mehr auf ein Liebesglück nährte, wie sie die Seelen der jungen Mädchen erfüllen, wer sagte, daß nicht die Ehe mit dem um zehn Jahre jüngeren hohen [kauf ifchen Thronerben ihr vielleicht mehr erfüllen würde, als sie selbst erwartete? Sie war ohne Schönheit: aber auch der Mann, dem sie sich vermählen sollte, war von der Aatur nicht freundlich behandelt worden! Er war schmächtig von Gestalt, blaß von Antlitz, rötlich von Haarfarbe. Er galt als sehr Igelehrt. Freigebig gegen die Freunde, von großer Strenge gegen sich selbst, hart gegen die Gegner: ganz beherrscht von einem fana­tischen Willen zur Macht. Ihr Entschluß stand fest. Für sie selbst konnte es kein Zögern geben. Was immer der Weg ihres Schicksals sein wurde: da sie ihn antrat, mar sie bereit, ihn ohne Wanken zu gehen. Was mag in ihr bei der ersten Begegnung mit dem angetrauten Gatten vorgegangen sein? Nach der ersten Witterung von Angesicht zu Angesicht, von Körper zu Körper, von Art zu Art? Und rnas mag diese Hochzeitsnacht gewesen fein? War auch die körperliche Vereinigung, für beide, nur ein geschäfts­mäßiger Teil des abgeschlossenen Paktes? Erhob sich, Begattung noch tn ein Bewußtsein der Lust, oder versank sie sogleich in jener Niederung des Willens, der nur noch Pflicht heißt? Unaussprechlicher Schauder der fürst­lichen Ehegemächer, ungewisse, dunsttge Luft: rote oft genährt mit Dingen wider alle Natur, und mögen sie tausendmal von einem Priester zum Sakrament erhoben [ein ... ,

Wir wissen nichts davon, was in Konstanze feit dem Tage ihrer Heivai vorging. Sie trug das Schicksal, das sie sich selbst bestimmt hatte. Boll» kommen lautlos. In kaiserlichem Schweigen. Leidenschaftliche Schns-uchl nach Mutterschaft muß sie erfüllt haben. Sie schien ihr nicht gestillt zu werden. Vielleicht mag sie manchmal die geringe Hoffnung aus em Mino milde gestimmt haben gegen die dem Buchstaben nach unrechtmäßige | Herrschaft ihres Neffen Tankred in Sizilien. Vielleicht auch war er iQ I nur der Usurpator, für den es überhaupt keinen Raum tn ihrem Aenr | gab. War sie wirklich innerlich noch ergriffen von ihrer ^Sendung, !

konnte sie nicht gut anders denken. Auch dann nicht, wenn sie tm Sanne des Gedankenkreises stand, der den Kaiser gefesselt hielt. Wtr fmoen I im Jahre 91 im Heerlager vor Neapel, sie begleitete also ihren G auf dem Eroberungszug nach Apulien und Sizilien. Die erste Erkenn von Heinrichs ©raufamteit mußte ihr gekommen fein, sie mt ! Ahnung erfüllt haben . . . Gab ihr die furchtbare Seuche, bte den stau