Dienstag, den 2t. Juni
Jahrgang \92Z
Nummer <9
Nacht, an der Wahrheit, ja an der Möglich- fchwörung gezweifelt. Man hat gesagt, daß
Man hat, mit gutem N<
Strom, wo er sprachen hatte.
Bildnis der Kaiserin Konstanze.
(1154—1198).
Bon Albert Sj. Rausch.
(Schluß.)
Vom normännischen Königsgeschlecht ist — außer der Kaiserin — niemand mehr am Leben, als Tankreds unmündiger Sohn, den man nach seines Vaters Tod als Wilhelm 111. in Palermo zum König ausgerufen hatte. Er flüchtet mit seiner Mutter, der Königin-Witwe Sibylle, nach der völligen Niederlage der normannischen Truppen bei Catania in die Festung Calata Bellotta, während Heinrich in raschem Siegeszug nach Palermo weitermarschiert, wo er im Dezember von dem Bruder des verstorbenen Erzbischofs Offamilio, Bartholomäus, zum König von Sizilien gekrönt wird. Nicht nur die Tapferkeit feines Heeres, sondern die Anarchie unter den Großen Apuliens, die Führer- losigkeit des sizilianischen Volkes, und der namenlose Schrecken vor der Grausamkeit seiner Strafgerichte, vor allem des über die Stadt Salerno verhängten, hatten ihm so raschen Sieg gegönnt. Wie berechtigt diese Furcht war, beweist das schaudervolle Nachspiel, das seiner Thronbesteigung in Palermo wie aus heiterem Himmel folgt«:
Er hatte sich als gütiger Fürst eingeführt. Fast schien es, daß ihm nur das Gerücht so maßlose Grausamkeit andichte. Gr hatte di« Abdankung des unmündigen Wilhelm verlangt und erhalten. Gr hatte dem Knaben Lecce, die Herrschaft seines Vaters Tankred, und außerdem diejenige von Tarent zugesichert, er hatte die Königin-Witw« Sibylle nach Palermo zurückkehren lassen. Gr hatte auch fürs erste all« Anhänger der tankredschen Herrschaft geschont. Da, wenige Tage nach seiner Krönung und all diesen Gnadecrakten, soll man ihn von einer Verschwörung eben jener von seiner Milde Betroffenen unterrichtet haben. Diese Nachricht habe ihn alle guten Vorsätze vergessen lassen und zur Ausübung der erbarmungslosesten Vergeltung bestimmt, die di« Geschichte jener Zeiten kennt.
Abend am Rhein.
Von Heinrich Zerkauten.
Es steigt di« Nacht an goldner Leiter hoch, Auf Sternenstufen bis zum vollen Mond, Der st«ht ganz einsam da und lächelt bloß, Wie einer, der viel weiß und manche schont. Der Strom geht still und schläft wohl bald schon «in. Er zieht die Nebel wie ein Bettuch an, Schiebt sich am Brückenpfeiler sacht vorbei, Und gluckst und dreht sich auf die Seite dann. Ein einsam Schifflein treibt noch seine Bahn. Wer mag da sitzen bei dem roten Licht?
Der Ström hat es vergessen, glaub' ich fast. Und auch der Mond tut so, als müßt' er's nicht . . .
ihm ein besonderes einzigartiges Schauspiel ver
leit der angeblichen Verschwörung gezweifelt. Man hat gesagt, daß die Beschuldigten ja gar keine Zeit finden konnten, em Komplott anzuzetteln, man hat bemerkt, daß nur vollkommene Narren — und das waren jene gewiß nicht — ein so aussichtsloses Unternehmen hätten beschließen rönnen: in dem ungünstigsten aller Augenblicke, der
nicht so?" Er ahnte aber nicht, daß die zierliche Schlanke, in die er sterblich sich verliebt hatte, die Nichte des Psarrherrn von Sankt Gereon war und als Schülerin ihres Oheims ihren Cicero so gut lesen konnte, wie eine deutsche Aventure; er ließ unermüdlich seine Augen sprechen, und als die Unbekannte sich erhob, folgte er ihr mit Walfried ins Gedränge.
Sehr verwundert war er, als die Alte, die eben neben seiner Angebeteten saß, im Getümmel des Festes an seine Seite kam und ihm ein Zettelchen in die Hand drückte. Ein heißer Schwindel aber schüttelte ihn, als darauf der fremde gelehrte Herr zu einem Stelldichein gebeten wurde, abends um die zehnt« Stunde, Haus, Gaffe, Gartentürlein, Fenster, alles fand sich genau in bester Lateinität beschrieben, sogar, wo er in dem dunklen Garten die Leiter finden würde, stand da zu lesen. Als feiner Diplomat wußte er von dem guten Walfried sich die Gelegenheit zeigen zu lassen, ohne etwas von dem köstlichen Zettel zu verraten. Dann ver- abschiedst« er sich von dem Doktor und bat morgen früh um seinen Besuch in der Herberge.
Er ging zur richtigen Stunde, sand alles, wie verzeichnet, stteg die Leiter zu dem schivachbeleuchteten Fensterlein hinan, dann aber kam durch einen jähen Stoß, den ein« unbekannte, frevelhafte Hand sehr geschia. anbrachte, die Leiter ins seitliche Rutschen, und der gelehrte Doktor fiel in einen blühenden Rofenbusch. Es war ein uralter, umfangreicher Busch, der voller duftender Blüten stand, aber auch voller scharfer Dornen. Und «he Messer Francesko sich aus dem Geflecht -der stechenden Nadeln und duftenden Blüten gewickelt und feinen zerfetzten Mantel gelöst hatte, sprach von oben eine helle Stimm ein gutem Lateinisch: „Die gebratenen Täubchen, großer Meister, sind in Italien doch wohl angenehmer zu vsr- zehren, als wie am barbarischen Rhein!" — Am andern Morgen, als Doktor Walfried von Uelmen den Messer Petrarka aufsuchte, fand er ihn recht unwirsch auf seinem Lager sitzend, das Gesicht und die Hände mit groben Pflastern bedeckt, die schmerzende ©tim kühlend.
Auf seine besorgte Frage antwortete der arme Dichter: „Ich wollte, mein guter Freund, im Dunkeln eine hübsche Katze streicheln, aber die verstand es salsch und kratzte mich gefährlich. Ihr habt hier sehr barbarische Katzen!"
Pelrarkas Iohnnnisssgen.
Bon Frank L y s k i r ch e n.
Francesko Petrarka, der Dichter der Sonette an Laura, kam auf feiner Reise, >dis er im Auftrage feines Gönners, des Kardinals Giovanni Colonna, durch Frankreich, die Niederlande und Deutschland machte, im heißen Juni des Jahres 1333 auch nach Köln am Rhein. Die Hochschule hatte, um den berühmten Erneuerer der klassischen Studien, den Dichter bekannter lateinischer Heldenlieder zu ehren, ihnen in dem Doktor Walfried von Uelmen einen freigeistigen, dabei ritterlich heiteren Führer gegeßen, der Lateinisch und Italienisch wie seine Muttersprache beherrscht«, dabei aber luftig und trinkfest, feinem staunenden Gast« die Bücherschätze, die Kirchen, die Paläste, aber auch das fröhliche Leben in der mächtigen, volkreichen Rheinstadt mit Behagen vorführte.
Da es gerade Johannistag war, brachte er unter anmutigen Gesprächen, nach einem Trunk und Imbiß im Keller des Rates, wobei Messer Francesko den gehaltreichen Bacharacher, weil er leichtflüssig war, wie den leichten Landwein von Avignon getrunken hatte, an den breiten
Und wirklich, Petrarka vergaß über dem Anblick, der sich ihm bot, die Kirchen und Kapellen, die Paläste, sogar den gewaltigen Dom. Auf einem etwas erhöhten Standpunkt, hart am Ufer stand er, mit seinem schwarzen Barett, in seinem schwarzen, feierlichen Gelehrtenmantel und genoß die Schönheit, die sich ihm verschwenderisch zeigte, während Walfried von Uelmen hierhin und dorthin einen vertrauten Gruß sandte. Das ganze Ufer war von einer herrlichen Schar jugendlicher Frauen bekränzt, deren Schönheit den Dichter ebenso entzückte wie ihr höfischer Anstand. Es war ein unglaublicher Zudrang, jedoch ohne jede Verwirrung, überall war Heiterkeit. Die Mädchen waren mit duftenden Blumengewinden geschmückt, alle hatten die weiten 2(erm«I ihres Gewandes bis an die Schultern zurückgestreift und wuschen die weißen Hände und Arme im Strome, wobei sie gar holdselig in ihrer dem Dichter fremden Sprache flüsterten und ein wichtiges Wesen trieben.
Wilfried, der gleich dem Messer Petrarka mit Behagen auf dies Gewühl frischer Arm« und Hände schaute, belehrte den Verwunderten, daß dies ein uralter Votksbrauch sei, und daß die schönen Wäscherinnen glaubten, dadurch im kommenden Jahr nicht mir noch lieblicher und weißer zu werden, sondern auch alles Ungemach und alle dunkle Sorge von sich abzuwerfen.
Petrarka nahm sein Barett ab und bat seinen Begleiter, vom Vacha- racher Wein und dem prangenden Spiel der Arme gar weltlich angelockt, näher an die holden Gruppen heranzutreten und den Worten zu lauschen. Und obwohl er vordem nur von lateinischen Dichtern und der himmlischen Liebe zu einer angebeteten Dame im fernen Italien geredet hatte (ohne allerdings ihren Namen zu verraten), zeigte er sich nun sehr eifrig, die rheinischen Frauen und Fräulein aus der Nähe zu bewundern, und klagte nur feinem Führer, daß ihn die Unkenntnis der Sprache taub und stumm mach«, während er doch so viel reizende Anmut gebührend feiern möchte. Und dabei leuchtete es in seinen graublauen Augen so heiß auf, daß Walfried sich, gutmütig lächelnd, der lustigen Geschichtchen erinnerte, die über die Studentenzeit 'des großen, feierlichen Petrarka in Montpellier und Bologna bei den fahrenden Schülern umgingen. Und fand die begeisterte Zustimmung seines Gastes, als er ihm vorschlug, in ein nach dem Strom zu offenes leichtes Leinenzelt einzutreten, wo man auf kleinen Fäßlein faß und ein guter Wein ausgeschenkt wurde. Der groß« Humanist war nicht wiederzuerkennen, er höb seinen Becher und trank ihm einem schlanken Mägdlein zu, das da mit einer Alten saß und ihren hübschen Freundinnen recht viel Lustiges zu erzählen hatte. Er tauchte mit einem kennerischen Zug um den sonst so herben Mund in den blauen Himmel all der rheinischen Frauenaugen und bemerkte endlich in remftem Lateinisch zu dem -'tefior Walfried: „Die gebratenen Täubchen sind überall gut zu essen, mein Freund, in Toskana und im Barbarenlande, ist es
sie auch noch, nach eben erwiesen«: Güte, in das schlimmste Unrecht setzen und dem Kaiser mikdernde Gründe zuLMgen mußte...
Es ist nichts gegen dies« Erwägungen eierzuwenLen. Aber selbst wenn eine Verschwörung bestanden hätte, unter Teilnahme und auf Anstisten der Königin Sibylle: sie konnte niemals den fraglosen
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


