Ausgabe 
21.5.1927
 
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Bien! gab sich der Offizier zufrieden,ich verstehe! Und wenn diese Streich nicht reüssier, wir können bombardier noch immer! Alors, bis morgen abend!"

Er gab dem Sekretär die Hand, und die beiden anderen Offiziere grüßten militärisch. In diesem Augenblicke hörte man im oberen Stock­werk ein starkes Pochen. Der Sekretär erschrak. Die Offiziere schauten verwundert nach der Decke.He, was bedeuten das?"

Der Sekretär putzte sich den Angstschweiß ab.Da oben?" sagte er mit heiserer Stimme,oh, nicht der Rede wert! Das ist mein alter Schreiber."Schreiber? Secretaire, n'est-ce pas?"

jawohl. Sonst ein ganz brauchbarer Kerl, aber jeden Mond­wechsel bekommt er Anfälle von Verrücktheit."Ah, ein Verrückter?" Jawohl, dann tobt er durchs Haus, und ich muß ihn einsperren." Eh bien, ein Verrückter. Bonjour, citoyen Bürkermeister!" Auf Wiedersehen, meine Herren! Bis morgen abend." Die Offiziere schritten zur Türe.

Da klirrten oben Fensterscheiben, und man hörte einen dumpfen Fall. Zabel!" rief der Sekretär voll Schreck,was war das?"Ich sag', dat Ding geht schief!" Zabel lief hinauf.

Die Ossizere waren auf das Scheibengeklirr stehen geblieben und schauten den Sekretär fragend an. Der erst« meinte:Der Verrückte ist ausaerissen, passen auf!"

Da hörte man draußen im Flur ein heftiges Schimpfen und Stamp­fen. Die Mitteltür flog auf. Man sah, wie Zabel mit dem Bürgermeister rang. Zabel versuchte ihn zurückzuhalten, aber der Bürgermeister stieß ihn zurück und stürzte in höchster Aufregung und Wut ins Beratungs­zimmer. Ein Acrmel war ihm zerfetzt.Der Verrückte! Nom de Dieu!" rief der Erste Offizier und sprang zur Seite.

Der Sekretär starrte den Bürgermeister mit weitaufgerissenen Augen, blaß wie der Tod, an.Meine Herren Zitojängs!" keuchte der Bür­germeister wütend,Sie sind aufs schändlichste betrogen und beschwindelt. Dieser Betrüger da" er zeigt« auf Len Sekretärist gar nicht der Bürgermeister! Er ist mein Sekretär! Der Bürgermeister bin ich!!" Die Offiziere lachten.

Was er etwa mit Ihnen abgemacht hat, erkläre ich für null und nichtig. Denn i ch bin der Bürgermeister."

Meine Herren, es ist mir sehr peinlich. Ihnen diesen Anblick nicht verhindern zu können. Sie sehen, der Aermste ist in der höchsten Ekstase. In diesem Zustande leidet er immer an der fixen Idee, der Bürger­meister zu sein." Die Offiziere belustigen sich und lachten.

,Fixe Idee?" schrie der Bürgermeister.Fixe Idee? Dieser abgefeimte schlechte Kerl! Oh, wir sprechen uns wieder! Meine Herren, ich beschwöre Sie, lassen Sie sich doch nicht zum Narren halten!" Aber die Offi­ziere lachten noch mehr.

Um Gotteswillen, was ist geschehen?" rief voller Schrecken Sa­bine, die herbeieilte.Hier, meine Tochter!" rief der Bürgermeister schnell,hier, meine Tochter soll Ihnen bezeugen, daß ich ihr Vater bin, daß ich der Bürgermeister bin!" Der Sekretär lächelte krampfhaft. Mein Sekretär ist ja gar nicht verheiratet."

Oh, du Halunke! Sabine, Kind, ist e r dein Vater oder bin i ch es?" Sabine schaute in hartem Kampfe abwechselnd auf den keuchenden Bürgermeister und auf den Sekretär, der totenblaß sich an einen Stuhl klammerte.

Dann rief sie aufschluchzend:Mein Vater!" Und eilte auf den Sekretär zu, fiel ihm in die Arme und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust.

Der Bürgermeister starrte beide fassungslos an, griff sich an den Kopf, fuhr sich wild über den kahlen Schädel und sagte tonlos:Ich ich ich bin verrückt!"

Arme, alte, verrückte Mann," sagte lachend der Erst« Offizier, kommen Er! Wir Ihn bringen in seine chambre." Er gab den Vieren einen Wink.

Die vier Jakobiner nahmen den widerstandslosen Bürgermeister in die Mitte. Zabel ging voran und führte sie ins Amtszimmer, wo sie ihn wieder in die Aktenkammer sperrten. Die Offiziere grüßten den Sekretär und Sabine militärisch und gingen. Sabine hing weinend am Halse des Sekretärs. Er umschlang sie innig und drückte ihr einen Kuß auf den Scheidet.Sabine!" Mehr brachte er nicht über die Lippen.

Ain Spätnachmittage des anderen Tages deckte Bärb in dem holz­getäfelten Beratungszimmer den großen Tisch für das Festmahl, das der Bürgermeister" den französischen Offizieren geben wollte. Neben die Porzellanteller legte sie blahlila Astern und gelbe Sternblumen, die letzten, die noch im Garten blühten, während das welke Laub der Bäume schon über sie fiel. Mitten auf dem Tische stand ein schwerer silberner Barockleuchter mit acht Armen. Bärb war gerade dabei, frische Wachs­kerzen in die Halter zu tun, als sie von der kleinen Tür her ein leises Pst!" hörte. Es war Flipp, der ängstlich den Kopf hereinsteckte und auf dem Spange war, bei jedem Geräusch zu verschwinden. Er war ganz niedergeschlagen und blaß. Seine Augen waren unruhig; das böse Ge­wissen flackerte in ihnen.

Ach, geh'!" rief Bärb und wendete ihm, ehe er noch ein Wort ge­sagt hatte, unfreundlich den Rücken,geh'! Das ist so recht nach Män­ner Art, mich obendrein zu schelten!"

Man soll nit auf die Weiber hören, nit im Guten und nit im Bösen. Ihr Rat taugt allemal nix."Was Rat? Was hab' ich dir geraten?"Du Hexe! Du hast mich festgehalten gestern nacht." Festgehalten?" Bärb drehte sich böse zu ihm um.Hör' mir einer diesen Maulfechter an! Hab' ich nicht gewarnt, gefleht, gebettelt? Flipp, es wird Zeit! Geh'! Aber nein! Der Mußjö Nimmersatt mußte noch ein Küßchen haben und noch eins. Und jetzt freilich steht er da und schneidet ein Gesicht."

Bärb, bat gibt ein Unglück!" antwortete Flipp ängstlich.Jetzt haben wir die Nacht vertändelt, und in meinen Beinen lag das Geschick

der Stadt. Und wenn Ich Beine häti' wie Schiffsmasten, jetzt könnt' ea nimmer nützen. Bärb, wo soll ich bleiben? Es geht mir an den Kragen!" -Hasenfuß!"

Du kannst gut lachen! Du hast ja kein Gewißen, du gewissenlose Person!" Es klopfte.

Barmherzigkeit! Da kömmt einer! Bärb, Herzensbärb, wo soll ich hin?"So schlüpf' in meine Kammer vorderhand." Flipp verschwand.

Stadtrat Finnickel trat ein. Bärb machte einen Kn ix.Herr Stabt« rat?"Tag, Jungfer Bärb", erwiderte Finnickel und überblickte erstaunt die festlich geschmückte Tafel.Ei, der Tausend, was gibt es hier? Weißer Damast? Blumen? Silbergeschirr? Ei, hier wird wohl ein Fest gefeiert?"Freilich, Herr Stadtrat."

Was Sie nicht sagt! Ein Fest?!" Das ist ja recht erstaunlich, hm, hm. Und und darf Sie mir verraten, Jungfer Bärb, wem zu Ehren dieses Fest?"

Die Sanscoulotten kommen doch heut abend."

Finnickel zog die Augenbrauen hoch.Wer? Die Sansculotten?" Freilich, die Herren Offiziere."Ha! Hm, hm wer wer hm Wer gibt denn das Fest? Etwa der Herr Bürgermeister?"Frei­lich! 28er sonst, Herr Stadtrat?"

Das ist ja sehr erstaunlich!" meinte Finnickel gedehnt, fügte aber, als Bärb auffchaute, rasch hinzu:Ich meine, wo der Herr Bürgermeister hm krank ist.'Er scheint sehr krank zu fein, Herr Stadtrat." Er scheint?"Freilich. Es darf kein Mensch zu ihm hinein." Hm was sagt denn der Doktor?"Der Doktor ist nicht hierge­wesen."Hm und trotzdem ist der Herr Bürgermeister so krank ich meine, trotzdem der Bürgermeister so krank ist? Hm!"

Er kam näher und zwinkerte mit dem rechten Auge.Jungfer Bärb, ist der Herr Bürgermeister wirklich krank, he?" Er ergriff ihre Hand und drückte einen Taler hinein. Sie knixie.Schönen Dank, Herr Stadt­rat! Aber krank fein muß er schon."Muß er? Hm! Das ist mir doch sehr erstaunlich:Erstaunlich ist hier im Hause mancherlei, Herr Stadtrat!"Was Sie nicht sagt, Jungfer! Zum Exempel?"Zum Exempel da oben in der Aktenkammer, wo die vielen Akten liegen, da klopft's und poltert6 seit einigen Tagen, als süß' ein böser Geist darinnen."Ei, in der Aktenkammer?"Freilich!" antwortete sie, und ein Gruseln lief ihr über den Rücken,freilich, in der Akten­kammer!"

Finnickel lächelte.Närrin! Da arbeitet doch der Schreinermeister/" Schreinermeister? Muß das ein fleißiger Mann [ein, daß er bis spät in den Abend hinein klopft. Ich weiß nichts von einem Schremer- meifter."

Finnickel schnalzte mit der Zunge.Hm, bis spät in den Abend hin­ein, sagt Sie? Hm, hm. Und kein Schreinermeister, meint Sie?" Nein, 'nein."Uno seit wann, Jungfer denk' Sie gut nach! feit wann rmnort's da oben?"Seit feit zwei Tagen, mein' ich." Just seitdem," fiel Finnickel rasch ein,just seitdem der Bürger­meister krank ist?"Wahrhaftig!"

Finnickel rieb sich die spitze Nase.Hm, hm, hm, hm."Und daß ichs Ihnen nur grab heraus sage, Herr Stabtrot, mit den beiden ist es auch nicht richtig!"Mit welchen beiden?" fragte Finnickel scharf und runzelte die Stirn.Ei, mit dem Sekretär und der De- moiselle Sabine."

Finnickel wurde heftig.Zum Teufel, Jungfer, was schwatzt Sie da? Schnell, was weiß Sie von den beiden?"Mein Je, der Herr Stadtrat kommen ja in Hitze!"Ich rate Ihr gut, Jungfer, mach' Sie keine Späße mit mir! Was ist mit den beiden?"Gott soll mich bewahren! So schlimm ist's ja nicht! Ein bißchen verliebt Getuschel bloß.' Verliebt Getuschel!" wiederholte Finnickel grimmig,hm, hm! Und weiter?"Was weiter? Ein paar verliebte Blicke hin und her, sonst nichts."

Verliebte Blicke? Ganz recht, ja, ja, verliebte Blicke, das muß wohl fein!" Er quetschte den Knopf seines Spazierstockes und kaute an der Lippe.

Bärb schaute ihn verstohlen von der Seite an und zuckte mit den Schultern. Durch die kleine Tür trat der Sekretär herein.

Herr Setretarius!" redete ihn Finnickel an.(Ergebener Diener, Herr Stabtrat!" antwortete der Sekretär, unangenehm berührt, und wollte weitergehen.Auf ein Wort, Herr Sekretär! Ich muß mit Ihm reden." Verzeihung Herr Stabtrat, ging's nicht ein ander­mal?"Es ist rasch abgetan. Jungfer, unterbrech' Sie Ihr Ge­schäft für kurze Zeit."

Bärb ging, mit einem neugierigen Blicke auf die beiden, hinaus. Ich stehe zu Dero Diensten, Herr Stadtrat", sagte der Sekretär nervös.

Finnickel räusperte sich, nahm eine Prise, nieste und putzte sich umständlich die Nase. Darauf sagte er mit Katzenfreundlichkeit:Wie steht denn das Befind..1 des Herrn Bürgermeisters?"Der Herr Bürgermeister wird die Amtsgeschäfte wohl morgen wieder übernehmen können."Morgen? Und heute gibt er dies splendide Fest?

Der Herr Bürgermeister," erklärte der Sekretär verwirrt,will es gilt, die Parlamentäre durch ein Traktement zu hofieren." Fin- nicket lächelte.Sehr klug! Sehr berechnend!"

Der Sekretär wurde ungeduldig.Mit Verlaub, Herr Stabtrat, isi das alles, was Sie mir zu sagen haben?"Oh, Herr Setretarius, ist Er so pressiert? Was ich noch fragen wollte, der Schttinek- meifter oben in der Aktenkammer..."Der ist mit seiner Ar­beit fertig", fiel der Sekretär ein.

Finnickel kam näher, schloß das linke Auge und blinzelte ihn mit dem rechten an und sagte freundlich, aber scharf:Wenn das nun gar fein Schreinermeister gewesen wäre, hm?" Der Sekretär stutzte: nur mühsam unterdrückte er feine Aufregung.Was will der Herr Stabrat bamit sagen?"

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Drühlsche D,niversitätS«Buch° und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.