Ausgabe 
21.5.1927
 
Einzelbild herunterladen

<

i

Ei

k«i roi uti F- fp< bli un Hi un

a e

6 g l n b b

2 A h st st H

b. R ni ui C in V ui

vi tr

3«'

T be

P

PhMpp dsr Zweite von Zpernisn.

Zu feinem 400. Geburtstage.

Von Dr. Eberhardt Birkhaus.

Den Namm des zweiten Philipp von Spanien umgibt eine Gloriole von Blut; olle Furchtbarkeiten ber Inquisition, alle Greuel in den Nieber- Innben, ber Tob des eigenen, einzigen Sohnes sogar türmen sich zu einer

bt M hi Jc he mi

bi. Ti H> ba

de Ak üb nii fei un

$) 0 so n>< ge Di sti du in A! ab w<

öii ft ha m m be

ungeheuerlichen Schuld auf. Der kühle Geschichtsforscher- sieht die Gestalt dieses spanischen Habsburgers aber menschlicher; wenigstens nimmt seine Schuld ein anderes Gesicht an.

Karl V., fein Vater, den das Blut seiner Mutter, der wahnsinnigen Johanna, zwischen zähem, gewaltsamem Zufassen und trüber geistiger Depression schwanken lieft, erkannte wohl das Wesen des Sohnes und Nachfolgers, er wuftte, was ihm fehlte, er übersah die Ausgaben, die seiner harrten, und er tat, was er konnte. Er gab ihm nicht nur die besten Lehrer, er erzog ihn auch aus das sorgfältigste selbst. Er merkte, wie schwer dieser junge Mann, den er schon mit 16 Jahren, ols ihn die groß« Politik aus Spanien fortführte, als Statthalter unter der Hilfe erfahrener Minister herrschen lieft von auften etwas annahm. Unermüdlich erzieht er an ihm, er denkt voraus, für jede Möglichkeit sucht er ihn zu wappnen, in Denkschriften, ausführlichen Briesen, in langen Gesprächen gibt er ihm seine Erfahrungen auf den Weg. Als er feine LeiderrschaWchkeit zu schönen Frauen bemerkt, vermählt er ihn mit 16 Jahren der Maria von Portugal; mit 18 Jahren war Philipp Witwer und Vater jenes Don Carlos, der so bitter in fein Dasein eingreifen follte. Der Vater versuchte, dem Sohne auch den kaiserlichen Namen zu sichern; das miftlang. Und auch ein zweiter Plan von gröftter politischer Bedeutung gelang nicht, Philipp reichte der katholischen Marie von England die Hand, die brnqchm Inseln sollten der Reformation entrissen, dem fpanisch-habsburgischen Weltreich verbunden, und Frankreich, der gefährlichste Nebenbuhler Spa­niens, auf diese Weife in einem eisernen Ring erdrückt werden. Aber diese Ehe Philipps blieb kinderlos, und England fiel, als Marie starb, an, Elisa­beth, die ihr Reich dem Protestantismus zuführte und fpätet Spanien die tödliche Wunde beibrachte.

Als Karl V. im Herbst 1555 abdankte und sich zu feinen tickenden Uhren und wartenden Särgen nach St. Just zurückzog, war es aber doch ein gewaltiges Reich, das fein zögernder, zurückhaltender Sohn zu ver­walten hatte, Spanien, die spanischen Niederlande, Mailand, Neapel, Sizilien und die unabsehbare neue Welt mit ihren Silbers Hissen, Aben­teuern und ungehobenen Reichtümern; meisterhaft geführte Heere standen ihm zur Verfügung; am Quaderbau der Verwaltung, die Karl eingefuftrt ftatte, waren noch keine Riffe zu sehen. Sein erster Krieg, der mit Frank­reich, wurde für ihn günstig beendet und die italienischen Besitzungen be< stätigt. Als Karl 1559 starb, war sein Sohn 32 Jahre alt. Nicht ganz 40 Jahre hat er geherrscht, und man hat das Gefühl, haft er nie Unter­weisungen feines Vaters, die Denkschriften, die Gespräche, die Briese gleichsam als Bibel benutzt habe, an die er sich ängstlich hielt, in ber er sich Rat holte bei jedem wichtigen Schritte, die ihn fuhren mufttro m der verwirrenden Vielfältigkeit der Ausgaben unb _5oroerimgen neuer Ent- Wicklungen. Denn Philipp war kein großer Seift; seine Kunst war, zähe zu fein, verschloffen, sein Inneres zu verbergen. Zu lemtr Zeit schon nannte man ihn den König mit den bleiernen misten. Ihm fehlte ine Schwungkraft grofter Gestalten, er wuftte, was er zu verbergen hatte, und er verbarg es meisterlich. Er nahm fast nie an Kronraten teil, er lieft sich über die Meinungen berichten, zog sich in feine Eimomkeit zurück, und entschied allein. Er wuftte, baft er Rittgeber eines starken stils notig hatte, aber er fürchtete ihre Uebermacht und ipieltc einen gegen den anderen ans, auf der einen Seite den furchtbaren Herzog von Alba, auf der anderen Ruy Gomez, den Fürsten von Eboli, den klugen geichmeidigen r Politiker der in Verhandlungen und Ausgleichungen und Vermiittungen das Heft fall, wo Alba mit eifernem Fuß niedertrat, was sich nicht dem Gedanken der spanischen Majestät fügte. Seitdem Philipp König war, hm er Spanien nicht mehr uerlaffen, er fast in feinem Arbeitszimmer, las uns schrieb Er wuftte, daft er langfam dachte und sich langsam enftchloft, uns , er fürchtete den Einsluft begabterer Räte, deshalb hone er alle an und entschied dann in ungestörter Stille allein . . . immer langsam, oft recht spät Seine Art brachte es mit sich, daft er, ba er alles selber machen wollte, alles verschleppte, das Gröftte nicht minder, als dos Kleinste; er fürchtete den Entschkuft. Grofte Kühnheit, genialer Wagemut lagen ihm weltfern. Einsam und ängstlich, bienenfleifttg und matt, so hat er « arbeitet, ein mittelmüftig beanlngter Mann; jo hat er pflichtgetreu do Seine getan unb dennoch unendlich dazu beigetragen, durch die Fehler jeiner Art fein eigenes Werk ftu bedrohen und zu z-erftoren. _ I

Zwei Bilder umreiften sein geistiges und körperliches Wefen. I" Madrid hängt sein Jugendbild von Tizian; im goldfchnmnernden Panzer steht ber schmale blutleere König, aus dessen ganzer Haltung eure gewW Unücherheii spricht, die Unbehaglichkeit des mtttelmdftigen Geistes, vo» dem Große und Genialität verlangt wird. Und ein gutes Menschenalter später zeigt ihn uns Antonis Moro im Eskorial, etwas Müdes, Getnar- , tertes liegt in dem Auge, und hinter der erhabenen Hofgeste W ur Greis, ber allüberall die engen Grenzen fühlt und verbergen mutz, wen ihn die groteske Laune des Schicksals auf den wichtigsten und sthwnnMn Thron Europas fetzte und ihm aufgab, das Programm eines gtoßen Herrschers, feines Vaters, zu erfüllen. Dieses Programm war die ME katholische Weltpolitik. Diese Idee, von ihm mit kastilianischer Geisteseng erfaftt, ist feine Lebenspflicht. Er fühlt sich als das Haupt der katholisch Christenheit, als ihr gewappneter Arm; ist der Papst ihm. zu lau, I ; rüttelt er ihn rücksichtslos auf; spanische Grofte und katholische Propa ganbä wurden ihm eins. Was feiner Macht schadet, ist ihm auch gom - : In voller Beschränktheit setzt er sein Reich und die Welkkirche Sketch, deren Verteidigung und Erweiterung fetzt er alles. So erkampste Halbbruder Johann von Oesterreich den großen Sieg bei Lepanto uoe die Türken, bei dem auch die edle Dichterhand des Cervantes das «vM» führte, fo wüteten auf seinen Beseh! Alba und ber Blutrat in den Nie landen, ohne des neuen Gedankens Herr zu werden, fo zerbrach an Kräften des Aermelkanals die groftmächtige Armada, die gegen ine P testantifche Elisabeth ausgeschickt war. Man hat Philipp -"to- ' feines eigenen Sohnes, des Dan Carlos, gemacht, aber barm tm wohl feiner Politik unrecht. Im Gegenteil hat er gerade in dreier ««> \ am meisten Gröfte gezeigt. Man braucht nur das Bild zu betrachten, die Kaffeler * Galerie von dem unglücklichen Urenkel der wal n u.- Iohanna besitzt, es ist von Moros Meisterhand. Auf einem fch selbstbewußt getragenen Körper ein unverhältnismäftig grofter, >:

Burg und Stadt Münzenberg, hoch aus dem Felsen, beherrschen die ganze Gegend, die ganze Wetterau. Man sieht die beiden,mächtigen Türme imb das romantische Gemäuer mit Fenstern, durch die der Himmel schim­mert, schon von weitem. Die Stimmung des Dreiftigijä-Hrigen Krieges wittert um Münzenberg. Die Schweden sind es denn auch gewesen, die damals Burg unb Ort genommen, gebrandschatzt unb verwüstet haben. Man kann sich aber ganz wohl denken, daft in dem einen ber dicken Türme einst das Fräulein Allerleirauh gefangen gesessen und nicht ge­merkt hat, wie der Sturm über die Burg hingebraust ist, bis sie dann mit ihren zarten Händen ein Loch in die Mauer grub, ans Licht kroch i und ringsum alles verbrannt und öde fand. Allerleirauh.

Arme Jakobsbrüder, die gern den großen Turm dieser Märchenburg besteigen möchten, befragen den Burgwart bescheiden, wo denn der Weg nach 'Friedberg wäre, und dann müssen sie sich allen seinen Beschrei­bungen gegenüber fo dumm zeigen, baft er ihnen den Turm auffchlietzt, hinauf stampft und ihnen von dort oben die Strafte zeigt. Das kostet bann weiter nichts.

Es ist herrlich, vom Turm aus über die hessischen Länder und Wälder ; z» blicken und die Wege zu prüften, die man hergewandert kam, und die Berge zu suchen, die man morgen bezwingen, die waldigen Täler auch, in denen man sich verlieren will.

Neben einem, unter einem schwimmt ber Sperber . um den Felsen. Ganz da unten ruht das Städtchen.

Sie haben gar so viel Schönes, die Bürgersleute von Friedberg in Hessen, sie haben hoch oben über aller Welt einen Burggarten mit blühenden Gängen, mit Zinnen und Türmen, mit Lauben und heimlichen Winkeln und dunklen Bänken für Verliebte, sie haben das ganze ver­träumte Städtchen, sie haben die großartigen Paraden der Stubenten vom Polytechnikum, und sie haben eine ber seltsamsten Architekturen der Welt: bas Judenbad.

Als ich es mir besehen wollte und an' die betreffende Tür in ber Judengaff« klopfte, lieft mich eine freundliche Frau ein. Sie fragte mich gleich, woher ich käme, wohin ich wollte, ob ich Arbeit suchte und der­gleichen, sie erbarmte sich richtig wie eine Mutter über mich, weil ich fo abgerissen daherkam, und gab mir nebenan in ihrer Küche eine Tasse Kaffee und zwei Butterwecken. Zum Dank machte ich ihr ein paar Zauberkunststückchen vor, die mir mein Kollege Oskar gestern gezeigt hatte. Und sie verwunderte sich baft. Und die fünfzig Pfennig Eintritt brauchte ich auch nicht zu bezahlen.

Das Judenbad besteht aus einem senkrechten Schacht von etwa zehn Meter im Geviert, ber an die siebzig Meter tief in den Felsen ein« gehauen ist. An den Seiten führt eine fäulengestützte Steintreppe bis aus die Schachtfohle hinab. Da unten blinkt kristallklares Grundwasser, in das sich früher das Bad ist im Jahre 1260 gebaut die ver­heirateten Frauen des Gettos alle vier Wochen aus rituellen Gründen eintanchen mutzten. Sie benötigten dazu Wasser, das noch keine Menschen­hand berührt hatte. Und das war eben nur in dieser Tiefe zu bekommen. Der Scbacht ist oben zugedeckt, eine kleine Oeffmmg sendet bleiches Licht in die Tiefe. Und wenn man in ber feuchten Einsamkeit die Treppe hin­untersteigt, so Überkommt einen, ob man will ober nicht, eine eigenartige Erschütterung, es ist, als wäre man in einer Kirche, Totenstille ... zu­weilen ein Tropfen . . . sickerndes Licht. . . gotische Säulen . . . Und auch ber leichte Landstreicher, auch ich verneige mich vor der starren In­brunst eines Glaubens, der, um feine Gesetze erfüllen zu können, diesen büftfren und phantastischen Brunnen in den Felsen trieb. Ich bin einen Augenblick fromm und verwirrt. Jemand kommt mir von unten entgegen, vorsichtige Frauen schritte... da bringe ich schnell wieder zum Tag empor.

2Benn man das Kloster Arnsburg, das man von Gießen aus, lange Beine vorausgesetzt, auf dem richtigen Wege durch die Oetonomie und die barockem Wohngebäude betritt, so muß man dem gräflichen Gartner, der da wohnt und wacht, ziemliche Pfennige m die Hand schütten. Ich kletterte lieber hinten über die Mauer des Gartens und trieb mich auf eigene Faust in den Ruinen herum.

Im Brunnenhof unb über bem verfallenen Kreuzgang blühten grofte Birnbäume, und die Bienen summten bald hoch und bald nieber im Duzt unb in ber Stille des Nachmittags. Wie ich in den dunklen Kapitelfaal schlich erschrak ich ordentlich, eine so holde Dämmerung sickerte zu den gotischen Fenstern herein. Die Buchen des Gartens hatten ihre Zweige davor gehängt, und nun lieft die Sonne das junge Laub gedämpft auf= glühen, und leise strömte das Gold und Grün hiernieder.

Von der Kirche stand nicht viel mehr als die Seitemoänbe. Die Dach­wölbung war eingestürzt. Nur ein paar Bogenrippen erhoben sich kläg­lich und hilflos gegen den blauen Himmel. Die Natur hatte allmählich die Stätte des Geistes unb ber geistlichen Versunkenheit, aus der sie einst gänzlich vertrieben war, wieder erobert. Das Gras war unbbas wilde Unkraut am Gemäuer hochgekrochen, Efeu hatte sich düster empor und hinüber und wieder hinabgeworfen, Bäume hatten mit ihren Wurzeln das Gestein gesprengt unb sahen mit ihren Wipfeln triumphierend von oben in den Chor und in die Sakristei hinein. Auch die Lärche, dieser in Fetzen niederhängenbe Baum, war oben auf das Mauerwerk geklettert und freute sich feines Sieges. Nur mühsam behauptete sich die Architektur noch gegen das Gewuchsr. Heute noch, morgen noch, aber übermorgen wird alles versunken sein. Der Wald wird sich schweigend über das vernichtende Werk hindrängen und wachsen und rauschen und duften. Der Wald ist ewig. Der Waid . . . die großen Wälder . . .