GiehenerKmilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang {927 Samstag, -en 21. Mai Nummer Hy
Christiane.
Von Matthias Claudius.
Es stand ein Sternlein am Himmel, Ein Sternlein guter Art;
Das tat so lieblich scheinen. So lieblich und so zart!
Ich wußte seine Stelle
Am Himmel, wo es stand;
Trat abends vor die Schwelle
Und suchte, bis ich's fand;
Und blieb denn lange stehen. Hott' große Freud' in mir: Das Sternlein anzusehen;
Und dankte Gott dafür.
Das Sternlein ist verschwunden;
Ich suche hin und her, Wo ich es sonst gefunden, Und find' es nun nicht mehr.
Durch das heimliche und unheimliche Deutschland.
Von Manfred Hausmann.
IV.
3m Lande der Grimmschen Märchen.
Da ich gehört hotte, auf dem Königsplatz in Kassel gäbe es ein fünffaches Echo, wollte ich es eines Regentages, als ich die Stadt durchwanderte, gern einmal mit allerlei unartigen Reimen ausprobieren. Aber der Platz war gerade ganz von Markt und Geschrei erfüllt. Auch sah mich die viele Polizei so drohend an, als wüßte sie schon, was ich vorhatte. Da mußte ich denn mein Experiment für diesmal fein kaffen. Ach ja, die Bauern und die Polizei!
Wie ich betrübten Herzens zwischen den dicken Schwälmer Marktfrauen und den blauen Talburen, zwischen Kötzen und Metzen, zwischen knusperigen Landbroten und grünem Salat, zwischen Quark und Radieschen, zwischen Würsten, die man dürre Hunde nennt, und lauter Blumen, deren Namen ich nicht kannte, umherschlenderte, entdeckte ich von ungefähr einen Korb voll wunderschönem Goldlack. Das war ein Gelb und Braun und dunkles Purpur, so samten und glühend, wie ich's noch nie gesehen hatte. Und um der herrlichen Farben willen kaufte ich dem Weibe, das hinter dem Korb hockte, ein Sträußchen ab. Cs kostete, so klein es auch war, seine zehn Pfennige. Viel Geld!
Dann stieg ich in die Karls-Aue hinab und besah mir die Orangerie und den Park. Und da hatte ich mit einer Art von Prinzessin ein kleines Zwiegespräch. Das kam so:
Seitwärts von der Orangerie, am Rande der großen Wiese entdeckte ich ein ganz allerliebstes Häusck)en. Meine Tage hatte ich so etwas nicht gesehen, so etwas Zierliches und Feines. Der Himmel mag wissen, wie es zu erklären ist, daß es weiland dem Architekten so wohl gelang. Vielleicht wohnte sein herztausiger Schatz drin und hieß des Gärtners Töchterlein, tat, sum . . . jedenfalls war das Häuschen gelb angestrichen, hatte dunkelgrüne Schalter, ein verwittertes Ziegeldach und eine mit Giebel und graziösem Schnörkel versehene Mansarde. Von der hochgelegenen Haustür führten rechts und links sieben Sandsteinstufen hinab. Weiter nichts. Dahinter stand und daneben der Parkwald in den zarten Farben der ersten und noch kühlen Maitage, ein Gewölk aus grauem, braunem silbrigem und grünlichem Duft. Es nebelte feucht vom Himmel. Nirgends ließ sich ein Mensch blicken. Jetzt war es Mittag.
Ich guckte und guckte das liebe Häuschen an. Ich hatte mich so richtig breitbeinig hingestemmt, die Hände auf dem Rücken, in der einen Faust den Goldlackstrauch, so guckte ich und blinzelte und vergaß altes um mich her, vergaß sogar mich selbst ein bißchen. Und als sich die grüne Haustür auftat und ein Mädchen, man konnte schon eher sagen, eine junge Dame, die Treppe hinunterschlich und auf mich lostrippelte, guckte ich immer noch wie im Traum zu. Sie hatte einen fchwarzweißen Jumper an, oder wie man so ein Ding nennt, hatte kurzgeschmttenes schwarzes Haar, trug einen kurzen Rock und helle Strümpfe. Ihre Fingerspitzen steckten vorn rn den Jumpertaschen. Ich rührte mich nicht.
Etwa drei Schritte vor mir blieb sie stehen und fragte, während sie sich mit durchgedrvckten Knien vorbeugte und mich von unten her ansah: „Nun, Herr Vagabunde?"
Sie fuhr verdutzt zurück, lächelte aber gleich und nahm die Blumen knicksend an: „Danke schön, Herr Vagabunde!"
Jetzt war es an mir, mich ein wenig vorzubeugen und zu fragen: „Nun, Fraulem Prinzessin?" Und ich hätte drei Jahre meines Leberts hergegeben, wenn ich besser rasiert gewesen wäre.
Aber sie sah sich nur geschwind um, ließ ihre Zunge über die Lippen gleiten und. . . tupfte mir einen regelrechten Kuß auf den Mund: „Hmmda!
„Danke schön, Fräulein Prinzessin!" sagte ich. Und sie, wahchaftigen Nun?" ne'0te mir noch einmal entgegen und fragte noch einmal:
Da packte ich sie und küßte sie nach Herzenslust, und sie drängte sich an meine Brust, eine lange, lange Sekunde. Aber dann fing sie an *u zappeln und riß sich weg. „Ich glaube, du bist verrückt, was!" nef sie.
Und wipp, wipp, wipp, war sie die Treppe hinaufgesprungen . . . zipp, zipp hatte sie mir mit dem Goldlackstrauß noch einmal zuaewinkt . . . bauz, war die Tür ins Schloß gefallen ...
Und ich holte tief Atem und lachte und wanderte weiter in den Riesel- regen ginein. 1
*
Ich wanderte fürbaß nach Schloß Wilhelmsthal. Am nächsten Morgen, als schon langst wieder Sonnenschein über Feld und Wald alünzte, kam ich dort an. Cs liegt nicht eben weit von Wilhelmshöhe entfernt in einem einsamen Buchengrunde, und ist ein Schloß, wie es im Märchenbuche stept. Rimdum em Park mit Alleen und geschwungenen Wegen, mit einem kleinen See und emer verträumten Wasserkunst und mit einer großen großen Mauer die all das heitere Wesen von der wilden Welt scheidet e.^ braune Knospen trieben, hatten unten am «■ ?«2*' ^on belaubte Zweige ausgestreckt. Die schwammen nun wie ein Lichtschimmer klar und grün im Dunkel des Waldes
von außen schon köstlich genug anzusshen war, hatte ich mich doch auch drinnen gern ein wenig umgetan. Aber so etoas rmmer Geld. Und ich war augenblicklich gerade in einiger Verleqen- 1Unr 1° Jätern um den Flügel Herumstrich, in dem der Kastellan wohnt, saß da em Fraulem am Fenster und klimperte auf rfurr Zither. Man konnte fast meinen, eine alte Spieluhr rührte sich Ich stutzte mich auf meinen Stock, hörte zu und klatschte zur rechten Zeit in die Hande. Sie machte „Huu" und tat verschämt, blieb aber doch ganz zutraulich sitzen.^„Bravo!" sagte ich, „Sie sind ja eine Virtuosin! Guten Morgen auch, schönes Fräulein!" — „Guten Morgen! Na, so recht will's als noch nu gehn , meinte sie mit ihrem breiten Mund. — „Sagen Sie das nicht, ich hätte sogar Lust, Sie ganz was Neues auf diesem Instrument zu lehren, weil Sie Ihre Sache so hübsch machen!" — „Spielen ©e denn au. — „Gewiß!" — „Alsdann . . . kommen Se doch ma r*"-. "7 --Uno was sagt die Frau Mama, der Herr Papa dazu?" — £. ne Mudder, die is nit mehr bei uns, un mitt Vadder macht ganz da hinnen den Deich sauber, der wird nix gewaahr." — „Gut! Aber umsonst ist der Tod. Sie müssen mir erst einmal schnell das Schloß zeigen, wie? — „Das Schloß . . .? Na, gud, komme Se nur rin!"
., Da durfte ich, nachdem ich meine Elbkähne in Filzpantoffeln ^°ben statte, das ganze Schloß durchschlürfen. Sie erzählte mir, daß es em Rokokoschloß wäre, erbaut im Jahre 1783 von Landgraf Wilhelm VIH und baß dies die Schönheitsgalerie, dies der Tanzsaah dies das Schlafzimmer des Königs Jerüme und dies das Treppenhaus wäre Aber ich mußte immer stehen bleiben und den Atem anhalten, so leise schwebten die Raume und Möbel um mich her. Und die Farben waren o duftig em mattes Grün, ein blaues Rosa, ein verblichenes Gelb, und das Licht spielte zitternd darüber hin, allerlei feines Geranke war aus den Fensternischen, aus Türen und Wänden herausgeschnitzt, Zweige und Blüten flöten und Geigen von Schleifen gehalten, auch Degen, Flinten und Waffen, bann wieder Schalmeien, Körbchen mit Früchten, kleine Schelme Vogel und Getier, das schlang sich so hin, das schwang sich so eins zum anderen, so unirdisch, so leicht, so ruhig und selig in sich. Aber über alles war ein Hauch von mattem Golde gestäubt. Selbst die Luft schimmerte ein wenig golden. Und in diesen Schimmer senkten sich die kristallenen Kronleuchter hinein, zerbrechliche Gebilde aus Perlen und Tropfen, aus emem Hangenden Gefunkel, aus nichts, aus aneinandergereihtem Geblitze. Ich hörte immerzu Musik, aber es war keine da. Und wir schlürften von Zimmer zu Zimmer.
Schließlich hatte ich alles gesehen, und das Fräulein wollte nun wissen, was ich ihr denn so Neues und Merkwürdiges auf der Zither zeigen könnte. Wir gingen in ihre Küche. Ich dachte, daß dies Schloß wobl ein kleines Geflunker wert fei, nahm das Instrument und zupfte, die Stirn kraus ziehend, an der kürzesten Saite. Ping. „Hören Sie, hier oben macht es ping!" Dann ließ ich die längste Saite ertönen. Zong. „Und hier unten macht es zong! Ist das nicht merkwürdig?" — „Waas schprachen Se do? Das is mir doch nix Neues!" — „Das ist Ihnen nichts Neues? Ja, Menfchenskind, wenn ich gewußt hätte, daß Sie die ganze Zithermusik sckon ausstudiert haben, dann —" ich hüpfte zum Fenster hinaus — „hätte ich Sie natürlich auf eine andere Weise beschwindelt. Aber adel Und ich bedanke mich auch schön! Lala!"


