Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: BrLhl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei, L. Lange, Dietzen.
I» schleichen rmd ihn um aller zu beirügen, un>d nun beitle Ich dar letzte getan und dich ihn-, gestohlen. Mir fulj'r's wie ein Blitz herunter, und doch mußte ich zugleich tachen bei dem Gedarrten, daß er sich eingebildet, weil.er dich stumm aus der Ferne angebetet hatte, Hannchen, ohne daß du etwas davon geahnt, müßtest du ihn auch lieben. Aber seine Schmähungen vor den anderen reizten mich gleichzeitig auch—der Punsch kam wohl dazu —, daß ich sagte, wir könnten ja beide miteinander zu dir gehen, und dann könntest du zwischen uns wählen. Es war unrecht von mir, aber ich wußte nicht, wie es in ihm aussah. Und dann geriet’s weiter, so daß ich zuletzt and) aufgebracht und sinnlos erwiderte, er habe schwerlich viel Aussicht bei dir, denn du hättest mich vor einigen Dogen einmal gefragt, wer eigentlich das furchtbar häßlick-e Geschöpf gewesen sei, mit dem ich an deinem Fenster vorübergegangen. Da packte er mit ejnem wahnwitzig verzerrten Gesicht nach einem Handbeil, das zufällig an der Wand lehnte, und schleuderte cs mit vollster Kraft gerade auf mich. Ich bückte mich zum Glück, so daß es mir scharf durchs Haar flog; aber einen anderen, der hinter mir saß, traf es mitten auf die Stirn, und dieser stürzte augenblicklich leblos vom Stuhle herunter
Die Sache kam nachher in der Kreisstadt vors Schwurgericht, und ich mußte als Zeige gegen ihn dabei fein; es fiel mir schwierig genug, euch 1 meine Beteiligung daran zu verheimlichen, aber ich wußte, wie du dich nachträglich erschreckt haben würdest. Natürlich sprach ich, was ich vermochte, zu seinen Gunsten: daß er offenbar trunken gewesen, daß ich ihn : gereizt, er sich von mir, wenn auch fälschlich, ruchlos betrogen und be- stöhlen geglaubt und der besinnungslose Wurf mir gegolten. Aber er 1 warf mir nur einen unbeschreiblichen Blick zu und erklärte bestimmt vor | Gericht, er habe sich vollständig nüchtern befunden und das. was geschehen, ' mit voller Ueberlegung ausgeführt. Ich sei ihm durchaus gleichgültig, der. : jenige, den er getroffen, aber fein Todfeind gewesen, und er fei am Abend mit dem Vorsatz in die Wirtschaft gegangen, dem das Geben zu nehmen. 1 Dabei blieb er hartnäckig; das Gericht konnte, trotz der Unglaubwürdigkeit seiner Aussage, schließlich nicht umhin, ihn zu siebenjährigem Zuchthaus zu verurteilen. Ich war, bis auf meine unbesonnenen Reden, schuldlos an dem Ganzen, und doch quälte mich lange Zeit bitterliche Reue. Das war wohl der Hauptgrund, weshalb ich's euch verschwieg. Da rufi's mir heute der Zufall, gerade wieder am Weihnachtsabend, wach; ich wollte lieber, du hättest keine Ueberraschung in dem Papier für mich gehabt, Hanna. Es war übrigens nicht zum letztenmal, daß ich ihn sah; einige Jahre später kam ich in der Nähe des Kreisgefängnisses über eine Chaussee, an der da und dort Sträflinge mit Ringen und eisenbeschlagenen Klötzen an den Seinen saßen und beschäftigt waren, Steine zu zer- i klopfen. Als ich an einem, der ziemlich vereinzelt saß, vorüberging, hatte ■ ich das Gefühl, als ob er mir nachsähe, und als ich mich unwillkürlich s umdrehte, traf mein Auge in einen so glühend unheimlichen Blick, daß ich jählings zusammenschrak. Ich kannte das hohle, erdfahle Gesicht nicht, das mir plötzlich, heiser vom Staub umher, zurief: „Besuchst du mich, Adolf Eisenhut? Du hast mich zum Mörder und zum Steinklopfer gemacht, kannst du noch mehr?" Es war Wolfgang Machwitz'. Stimme; nur an ihr erkannte ich ihn."
Der Förster brach ab, die junge Frau hatte ihm mit einer steigenden Bangigkeit in den Augen stumm zugehört, nun schmiegte sie sich an ihn und sagte: „Es ist gut, Alf, daß du mir damals nichts davon erzählt hast, und es war töricht von mir, vorhin darum zu bitten. Ich wollte, du hättest es nicht getan; der Unglückliche! und ich trug eigentlich die Schuld."
„Du nicht, gar nicht, auch ich kaum; nur er selbst, fein unheilvolles, mißtrauisches und verbittertes Gemüt."
„Das sich von Kindheit auf nach Liebe gesehnt und immer vergebens", fiel sie mit schmerzlichem Ton ein. „Die reden leicht darüber, die sie besitzen; ich wollte, er stände hier und ich könnte ihm sagen —"
Doch der Förster fiel ihr gleichfalls, kopfschüttelnd, ernst ins Wort: „Das wäre nicht gut, für uns alle nicht." Er schwieg einige Augenblicke, \ ehe er hinzufügte: „Es war ein Hauptgrund mit, der mich zur Ännahme dieser Stellung, so weit wie möglich von dort, bewog, denn ich wußte, es würde ein Tag kommen, an dem er —"
Der Sprecher brach ab und fuhr, sanft über den Scheitel seiner Frau streichelnd, fort: „Run, laß uns nicht mehr daran denken! Es ist hohe Zeit für mich, zu gehen und meiner Waldfee das Reich hier allein zu lassen. Die Kinder werden ungeduldiger als sonst nach mir ausschauen. Seid brav, Wolfgang und Johanna, und quält die Mama nicht, bis ich komme!"
Er küßte die beiden Kleinen, die der große Hund, freudig aufspringend, von sich abgefchüttelt hatte und wandte sich zur Tür. Doch die junge Frau hing sich an ihn. „Sei vorsichtig, Alf, denke immer an uns alle! Ich weiß nicht„ fonst war der Weihnachtsabend mir jedesmal der höchste Glückstag, und jetzt habe ich Angst vor ihm und wollte, er wäre vorbei."
„Liebes Närrchen!" sagte er, sie ebenfalls zum Abschied küssend. Sie ging, seine Hand festhaltend, mit bis vor die Tür. Dort drehte er sich noch einmal: „Ehe es dämmert, bin ich zurück." Dann sah sie ihm nach, wie er zwischen den Stämmen verschwand. Sie horchte noch, ob sie das Knacken seines Fußtrittes auf dürrem Geäst höre, aber der Sturm ging ! zu wild in den Baumwipfeln, die er gleich Schilfhalmen saufend zusam- i menschlug. Nur bas Gebell des Hundes kam noch einigemal herüber; aus ! den Wolken fiel ab und zu ein weißes Geflock und verwirbelte im Wind.
Auch drunten im Nheintal verstärkte der Sturm sich noch. Stellenweise ; riß er Ziegel von den Dächern des langgestreckten Dorfes, durch welches i der von Norden Herrn fgekommene Fußgänger in dem sackartigen, grau- , braunen Mantel jetzt entlang wanderte. Die Turmglocke läutete nicht mehr, dafür scholl ein monotoner Gesang aus dem Inneren der Kirche. Der Vor- Lberschreitende hielt einen Augenblick an und hörte auf die herausdringenden, schnell verwehenden Töne; bann ballte er plötzlich die Faust gegen die klirrenden, rundscheibigeN Fenster des ärmlichen Gotteshauses, ein höhnisches, tief in die Mundwinkel schneidendes Lachen verzerrte ihm die Lippen, und er hob den Fuß wieder. Doch ungewiß, denn er sprach gleich
- daraus ein altes, zur Kirche humpelndes Weib mit einer Frage an Sie beutete Zur Antwort auf den Weg, der an der Friedhofsmauer gegen das Gebirge abbog. Als er den Rucken gewandt, drehte sie sich halb, um hinter il)m brem zu sehen; bann machte sie ein Kreuz über Stirn und Brust unb
, lief zahnmurmelnb hastiger zur Kirchentür hinan.
- „ Droben im Forsthaus aber war Frau Johanna Eifenhut in die Wohn- ftube zuruckgegangen. Mit unverwandten Augen sahen die beiden Kleinen ihr gespannt zu, wie sie aus dem Schrank allerhand eingewickelte Pakete hervorholte und mit denselben durch die verheißungsvolle Türe des Nebengemachs trat die sie sorgfältig hinter sich wieder schloß. Es war das Staatszimmer des Hauses, eigentlich unnötigerweise, denn es hatte ''sh noch nie em Gast darin eingef :nben. Heute sah es indes anders aus als gewöhnlich; weißgedeckte Tischchen standen drin, unb es roch zugleich nad; norddeutschem Honigkuchen unb Tannenwaldluft. Die junge Frau . wste emsig die zusammengesuchten Gegenstände aus ihrer Umhüllung.
Spielsachen für die Kinder unb hübsche Geschenke für ihren Mann. Es hatte sie manchen Kunstgriff gekostet, dieselben unvermerkt Ins Haus her»
• aus gelangen zu lassen, um ihn wie früher am Weihnachtsabend auch , hier m der Schnee-Einsamkeit zu Überraschen, unb sie hatte sich selbst i wie ein Kmd noch über ihre angewandte List und auf fein Erstaunen gefreut. Aber wie es jetzt dicht beoorftanb. war ihr die rechte Fröhlich-
,,Iver,9an9en- 6le ebnete die Sachen auf den Tischen, dock) die Hände , vollbrachten es mechanisch, ihre Gedanken waren nicht freudig dabei. Manchmal hielten ihre yinger geraume Weile inne, unb sie murmelte vor sich hin: „Um meinetwillen —"
I Der Wind rüttelte ungestümer, als sie ihn hier noch erlebt, um das i)aus. Ab und zu machte er eine kurze Pause, bann klang es burch die fctille wie ein Pochen an den mehr und mehr dämmernden Sdteiben, daß me junge Frau einigemal unwillkürlich leicht zusammenfuhr. Sie sagte halblaut: „Ich wollte, ich hätte die Marianne nicht gehen lassen."
Die Kinder nebenan saßen stumm vor glücklicher Erwartung. Bom Flur kam ein Heller Wachteljchlag, darauf rief die Kuckucksuhr viermal, dann war alles wieder still. Es faßte Johanna plötzlich, daß fie auhprana unb in die Stube zu den Kleinen hinüberlief, sie wußte nicht weshalb. Weder hier noch sonst hatte sie bis heute je Furcht gekannt.
'Jlun saß sie am Fenster und hatte den Knaben auf dem Schoß, bas Mädchen stand neben ihr. Sie blickte hinaus; draußen wirbelten jetzt dichte Flocken. „Das ist schön um Weihnacht, schütteln die Engel ihr Bett aus?* laste Die kleine Johanna unb griff mit dem Händchen an die Scheibe, als ob sie eine von den weihen Daunen Haschen könne.
„3a," antwortete die Mutter, „sehr schön, das tun sie, Hannchen", unb pe druckte bie Stirn fest an bas Glas, um hinaus in die Ecke zu sehen.
Die Wachtel rief wieder unb der Kuckuck, beide zweimal. „Kommt der Papa denn nicht bald?" fragte der kleine Wolfgang; „ich werde sonst müde, Mama".
Die junge Frau fuhr mit dem Kopf vom Fenster zurück; bas Zwie- Uchi draußen war so dunkel geworden, daß sie kaum ein halb Dutzend Schritte vom Hause noch etwas unterschied. „Er sagte, wenn es dämmerte, Wolfgang — er wird jeden Augenblick — es dämmert noch nicht sehr —*
„Doch, Mama, es ist schon ganz dunkel, siehst du's nicht?" sagte das Mädchen.
„Nein, das tut nur der Schnee, Johanna, der Himmel muß noch ganz hell sein." Sie war aufgeftanben. „Schlafe nicht ein, Wolfgang, freust bu dich denn nicht auf die Bescherung?"
„Es dauert so lange", meinte der Knabe.
„So kommt!" Ein gezwungenes Lächeln glitt um bie Lippen der Mutter: „Du willst ja gern die weißen Federchen greifen, Hannchen; ich gehe mit dir vor die Tür, da kannst bu’s."
Eilig ging sie voraus, ihr Gesicht redete deutlich, daß fie’s nicht um des Kinderspieles willen tat. Als sie bie Haustür öffnete, stob der Wind ihr Schnee entgegen unb bas blonde Haar flatternd von den Schläfen zurück; doch sie fühlte es nicht, ihre unruhevollen Augen blickten nur den Waldpfad hinan, auf dem sie ihren Mann am Nachmittag zuletzt gewahrt. Aber selbst bie nächsten Stämme schwammen schon nebelhaft ineinander.
„Da höre ich seinen Schritt!" rief sie plötzlich zitternd aus; „ein Ast knackte".
Die Kinder horchten. „Ich höre nichts", sagten beide.
Ein Ast knackte in der Tat im nächsten Augenblick, doch nicht unter einem Fußtritt. Mit wütendem Stoß zerspaltete der Sturm bie Kron« einer alten Kiefer unfern vom Hause unb schmetterte die eine Hälfe unter schlitterndem Krach zu Boden. „Barmherziger Gott, wenn er dort ge- kommen wäre!" stieß die junge Frau unbewußt aus.
Aber nun klang unverkennbar wirklich ein Schritt, freilich nicht von oben her, sondern von der anderen, dem Rheintal zugewendeten Seite. Der Erwartete mußte einen Rundweg gemacht haben unb so zurück- kommen, unb Johanna Cisenhut flog der bunfel im Gestöber auf» taudjenben Gestalt entgegen: „Gottlob, daß du da bist, Adolf!"
Das Tageslicht war vorüber, nur der Schnee hellte noch unb ließ nichts erkennen als ben schwarzen Umriß des dicht Herangeschritteneu. Doch gleichzeitig stutzte dieser zurück unb ebenso bie junge Frau. Ihrem Mund entflog verworren: „Du bift’s nicht; wer sind Sie?"
Der fremde Ankömmling schien einen Moment lang vom Herauf» fteigen unb dem Kampf gegen ben Sturm sprachlos erschöpft, bann versetzte seine Stimme unter dem weiß verschneiten Filzhut hervor: „Ich will über bie Grenze nach Frankreich, man hat mir brunten gesagt, ich müsse an dem Forsthaus Krähenhütte vorbei. Jst's dies?"
„Ja", antwortete Johanna, und sie vergaß einen Augenblick ihr« tödliche Angst. „Aber den Weg können Sie bei Nacht und Schnee nicht finden. Sie würden in ben Tod gehen. Ruhen Sie sich bei uns im Haufe aus!"
Er stand unschlüssig und entgegnete: „Ich habe schlimmere Wege gemacht; ist niemand drinnen, der mir bie Richtung zeigen tarnt?"
(Fortsetzung folgt.)


