Ausgabe 
20.12.1927
 
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einander fechten lassen. Die Mädchen des 12. Jahrhunderts besaßen präch­tig aufgeputzte Puppen. Für die ganz Kleinen gab es die bekannten Klappern oder Schlottern mit einer Pfeife aus Bein oder Horn, mit Glöckchen und Röllchen, die bei den Reichen aus Silber waren. Beliebt waren auch bereits die Kugelspiele mit Schussern oder Murmeln, über deren Herstellung aus Glas eine Stuttgarter Handschrift des 15. Jahr­hunderts berichtet:Das {int die gelben Kugelin, da die Schüler mit spielen, und sint gar wohlfeil." Aeltere Buben richteten mit dem Blase­rohr unter den Vögeln manch Unheil an, trieben Kreisel und schnellten Ringe in die Luft. Ein künstlicheres Spielzeug sind die kleinen aus Holz geschnitzten und buntbemalten Vögel, von denen Guillebert von Metz im Jahre 1434 erzählt, es wärenNachtigallen, die auch im Winter sängen".

Eine eigentliche Spielwareninduftrie hatte sich im 14. Jahrhundert in Nürnberg entwickelt. Dafür sind ein Beweis die merkwürdigen Puppen, Wickelkinder, Reiter und sonstigen Spielgeräte, die 1859 in Nürnberg unter dem Pflaster gefunden wurden und jetzt im Germanischen Museum aufgestellt sind. Sie sind aus weißem Ton gebrannt, haben auf der Brust bisweilen eine kreisrunde Vertiefung, in die ein Patenpfennig gelegt war, und wurden schon damals in ferne Gegenden versandt. Diese Puppen haben im wesentlichen das traditionelle Aussehen, das die Lieblinge der Kleinen durch die Jahrhunderte bewahrt haben und trotz edlerRe­formen" nie ganz verlieren werden. Eine schöne Haarperücke ist das wichtigste, auf Nase, Mund und Augen kommt es nicht so sehr an. Von den Puppen, die ein Jahrhundert später ein geschickter deutscher Spiel­warenfabrikant Hottmann für eine kleine bayerische Herzogin anfertigte, sind uns Abbildungen erhalten. Hier sind die Kopse aus Holz geschnitzt und mit einem prächtigen Haarschopf verziert. Die Nase ist nur angedeutet; die Augen ersetzen zwei schwarze Striche, die Backen sind rot gefärbt und auch der kleine kirfchenförmige Mund ist gemalt. Schon damals war augenscheinlich eine Bewegung zur Verschönerung der Puppen im Schwange, denn Ludooico Dolce, ein Aesthetiker der Renaissance, dem wir aufschlußreiche Gespräche über die Schönheit verdanken, warnt davor, die Puppen zu menschenähnlich und zu prächtig zu machen, da sie dann den Kindern nicht mehr so gut gefielen. Freude an der echten rechten Puppe, die nun einmal nichtzu schön" sein darf, blieb aber den Kindern deH Armen vorbehalten; für die Kinder der Reichen begann man Kunst­werke und Kostbarkeiten zu verfertigen.

Ein solches Wunderwerk muß die Puppe gewesen sein, die Ludovico Sforza, der Herzog von Mailand, für seinen kleinen Sohn Massimiliano verfertigen ließ; an ihr haben die größten Künstler, die sich damals an dem Hof desMoro" versammelt hatten, gearbeitet, auch Leonardo da Vinci. Eine Puppe von der Hand Leonardos! Das muß ein einzig- arttges Schaustück gewesen sein, aber sie ist verloren und vergessen; der kleine Massimiliano hat ihr wahrscheinlich bald den Garaus gemacht. Es wird in der RenaissanceStil", Fürstenkindern das wertvollste und herr- lichste Spielzeug zu schenken. Berühmt wurdeeine kleine ganz aus Silber gefertigte Puppeneinrichtung, mit Zimmern, Betten, Möbeln, mit einem Büfett, Töpfen, Tellern und anderem Geschirr", die 1571 eine französische Prinzessin erhielt. Sie sollte eine Uebertrumpfung der schönen Puppen- oder Dockenhäuser fein, die in Nürnberg und Augsburg für die Kinder vornehmer Leute verferttgt wurden. Diese Häuser, die mehr als tausend Gulden kosteten, waren vom Keller bis zum Boden ganz so ein­gerichtet und ausgestattet wie das prächtigste Wohnhaus der Großen. Da waren in minutiöser Ausführung zu sehen Waschküche und Vadeftube, Stall und Garten, ein Kaufladen und eine Speisekammer, eine gewöhn­liche und eine Prunkküche. Dann stieg man hinauf zu den reich ausge- schmückten und getäfelten Prunkzimmern, zu Wohn-, Schlaf- und Kinder­zimmern, deren hohe geschnitzte und eingelegte Schränkchen mit der zier- uchsten Leinwand und Wäsche gefüllt waren, in denen schön ausftaffierte Himmelbetten prangten. In den Kinderzimmern fehlte für die Puppen­kinder auch Spielzeug im Spielzeug nicht: winzige Schaukelpferde, Schlot­tern, Laufstühlchen standen herum. Das großartigste dieser Deckenhäuser besitzt das Londoner South=Kensington=9Jlu{euin; aber auch im Germa- njjoen Museum sieht man einige vorzügliche Beispiele dieser Liliput- pmäste. So sinnreich und kunstvoll waren diese Häuser, daß die Großen daran Gefallen fanden. Herzog Albrecht V. von Bayern, der für seine Kinder ein besonders prächtiges Dockenhaus mit einer Wagenremise, einem Lust- und Tiergarten, einem angebauten Tanzhaus und einer Kapelle er­richten ließ, war so entzückt davon, daß er das kleine Meisterwerk lieber seiner weltberühmten Kunstkammer einverleibte.

Nürnberg und Augsburg, die beiden alten Zentren der Spielwaren- fabrikation, lieferten auch ihre prächtigsten Waren nach dem französischen Königshof. Sehr genau sind wir über das Spielzeug Ludwigs XIV. unterrichtet, denn fein Arzt Hsroard hat vom ersten bis zum siebzehnten Jahre des Prinzen alles sorgfältig ausgezeichnet, was er geschenkt bekam. Da finden wir denn schon im vierten Jahrekleine Spiele aus Deutsch­land" erwähnt und in seinem siebenten Jahreein Gerät, verfertigt zu Nürnberg, in Form eines Schauschrankes, worin eine große Anzahl von Personen die verschiedensten Bewegungen und Stellungen ausführte". Das kostbarste Spielzeug, das vielleicht je existiert hat, wurde für Lud­wig XIV. angefertigt. Es war eine ganze Armee, Kavallerie, Infanterie, Artillerie und Kriegsgerät aller Art, von einem geschickten Bildhauer aus Nancy Chaffel und einem Goldschmied Merlin ganz in Silber ausgeführt. Dieses prächtige Heer, das eine große Anzahl von Kästen füllte, kostete 50 000 Taler. Als es galt, für Ludwigs XIV. Sohn das erste Spielzeug zu besorgen, schrieb der Finanzminister Colbert eigenhändig an feinen Bruder, den Intendanten des Elsaß, und trug ihm auf,von den besten Meistern aus Augsburg und Nürnberg zur Unterhaltung des Dauphins kleine Waffen, Soldaten, Pferde und Kanonen anfertigen zu kaffen". Auch die deutschen Fürsten ließen sich die Spielsachen ihrer Kinder etwas kosten. Der jagdliebende Kurfürst August von Sachsen schenkte dem zwölfjährigen Kurprinzen Christian zum Weihnachtsfest 1572 eine vollständige Jagd mit Hirschen, Hirschkühen, Rehen, Sauen, Füchsen, Wölfen und Hasen, mit 24 Hunden, 6 Jägern zu Fuß und 7 zu Pferde, 10 Pferden, einem Maulesel und einem Schlitten.

Die meisten Kinder freilich mußten sich mit solch einem Spielzeug- Paradies in der Phantasie begnügen. Die beseelende Phantasie, die dem Spielzeug Leben und Bewegung einbläst, war auch damals des Kindes schönste Gabe. So erzählt uns Thomas Platter in seiner rührenden Selbstbiographie von einem hölzernen Rößlein, das ihm der ältere Bruder aus dem Krieg mitbrachte:Das zog ich an eim Faden vor der Tür, da meinet ich gänzlich, das Rößlein könnte gan, daraus ich kan verstau, daß die Kind oft meinent, ihre Puppen und was sie Hand, feien lebendig." Der kleine Balthasar Paumgartner erbat sich 1591 vom Vater als Geschenk von der Frankfurter Messe ein hölzernes Pferd,so mit Geishäuten überzogen sei". Pferd und Peitsche sind neben den Soldaten stets das Lieblingsspiel der Buben gewesen. Der fortschreitende Ersin- dungsgeist und die geschichtlichen Ereignisse sorgten für Abwechslung im Spielzeug. Eine Zeitlang wurde der Fangbecher, den schon Rabelais unter dem Riesenspielzeug seines Gargantua erwähnt, allgemeine Mode; dann kam die Laterna Magica auf , die der gelehrte Jesuit Athanasius Kircher erfunden hat. Dann belustigte man sich an Teufeln, die aus einem Kasten sprangen; im Rokoko entzückten die Hampelmänner alle Welt, und am Lottospiel berauschten sich die Kleinen nicht weniger als die Großen. In den Bilderbogen, aus denen man die lustigsten Figuren ausschneiden konnte, spiegelte sich ein kleiner Ausschnitt der Zeitgeschichte wider; als die Siege Friedrichs des Großen die ganze Welt erfüllten, spielten die Kinder mit Ziethens Husaren und Scydlitzens Kürassieren. Die Gestalt Napoleons ist vielfach im Spielzeug dargestellt worden, als Kaiser und als Nußknacker. Das Ewig-Gleichbleibende hat auch beim Spielzeug sich stets mit dem Aktuell-Modernen vertragen müssen ...

Droben im Wald.

Eine Weihnachtserzählung von Wilhelm Jensen. (Fortsetzung.)

Nach kaum einer Minute kam Frau Johanna zurück.Spionierst du noch immer?" sagte sie übermütig im Eintreten. Doch sie brach erschrocken ab. Um Gotteswillen, Alf, was ist dir?"

Die kräfttge Farbe feines Gesichtes war blaß geworden, er antwortete zusammenfahrend:Nichts", und barg mechanisch mit leicht zitternden Fingern die Zeitung hinter seinem Rücken. Aber die beunruhigte Frau trat auf chn zu:Doch! ich bitte dich, was hast du?"

Nichts," wiederholte er,ein merkwürdiger Zufall." Als sie die Hand nach dem Blatt streckte, ließ er es ihr und setzte hinzu:Du ver­stehst es nicht."

Was nicht?" frag sie. Nun deutete er auf eine kurze Notiz, die sie laut ablas:Der Sträfling Wolfgang Machwitz ist heute, nachdem fein siebenjähriges Strafmaß im Zuchthaus abgelaufen, aus dem Kreis­gefängnis entlassen worden." Verwundert fügte sie hinterdrein:

Was geht das dich an?"

Erinnerst du dich feiner nicht? Du hast ihn auch öfter gesehen."

Sie schüttelte den Kopf.Wann?"

Noch eh' wir verlobt waren. Er war groß, eckig und sehr häßlich von Gefichtszügen."

Ich kann mich nicht erinnern," verneinte sie abermals,doch was ist mit ihm?"

Der Förster blieb einige Augenblicke stumm, dann versetzte er:Ich verschwieg es dir damals, obwohl es dich wie mich sehr nahe anging. Nun, da ber Zufall es so will, damit du nicht in Unruhe bist, will ich es dir kurz sagen. Wir saßen zusammen auf der Schulbank von klein auf und waren Freunde. Er war von slawischer Abkunft, wie fein Name angibt, ein Waisenkind, ein guter Kerl, wie mans heißt, einbildnerisch, doch dabei leicht eifersüchtig und verbittert. Die Schuld lag wohl daran, daß er mit einem warmen Herzen so allein und abstoßend von Aussehen in die Welt hineingeworfen war. Er glaubte sich immer zurückgesetzt und mißachtet, auch oft nicht mit Unrecht; mir an mich hielt er sich ange- klammert und traute mir in allem. So machen wir während der Schul­zeit viel miteinander durch; weil ich Förster zu werden beabsichtigte, wollte er es ebenfalls. Er war etwas älter als ich und kam nachher ein halbes Jahr vor mir in deine Vaterstadt; von dort schrieb er mir bald fast täglich Briefe voll überschwenglicher Seligkeit, ich wußte nicht warum, denn den Grund ft'chrte er nie an. Als ich ihm folgte, fand ich ihn sehr ver­ändert, voll Selbftzuversicht, fast übermütig, obwohl seine Häßlichkeit sich noch gesteigert hatte und er ziemlich mittellos auf sich allein angewiesen war. Ich muß gehen, damit ich rechtzeitig für die Kinder zurückkomme und will das Eigentliche nur rasch beifügen. Du weißt, wir lernten uns bald kennen und wußten, wie es mit uns stand, mußten's ja aber allen Augen und Ohren noch geheimhalten. So hörte ich's oft mit sonderbarem Gefühl, wenn Wolfgang Machwitz mir ebenso überschwenglich wie in den Briefen von einer" Liebe redete, die ihm die Erde zum Himmel gemacht. Einen Namen nannte er auch jetzt nicht; ich fragte ihn ein paarmal, ob denn das Mädchen einverstanden sei und ihn ebenso liebe, dann fließ er nur aus: ,Sie muß, sie muß! Muß sie nicht? Wenn sie anders könnte, wären die Heiligen im Grabe und die Engel int Himmel Lügner!' Mir kam's aber, ich weiß nicht, weshalb, so unheimlich vor, als wisse das Mädchen gar nichts von feiner heftigen Leidenschaft und kenne ihn kaum. So ward es Winter, du erinnerst dich, daß ich am Weih­nachtsabend, heute vor acht Jahren, bei euch war und dein Vater in der Stille unsere Verlobung zugab. Ich trank in meinem Glück reichlich von dem heißen Punsch, nachher in der Nacht kam ich an einer Wirtschaft vorüber, aus der ich Machwitz' Stimme hörte. Durchs Fenster sah ich ihn mit Bekannten von uns sitzen und ging hinein. Mein Herz war übervoll von dir und seiner neuen Seligkeit, ich komtt's zuletzt nicht mehr bergen, sondern bückte mich an sein Ohr und flüsterte ihm zu, was am Abend geschehen und so lange verschweigen gemuht. Bis an mein Ende sehe ich's, wie er bei deinem Namen auf einmal von mir zurücktaumelte und weiß, wie die Kalkwand hinter ihm, dastand. Er stierte mich an, als cb er plötzlich irrsinnig geworden sei, ich begriffs nicht und frug, was er habe. Da brach er in fürchterliche Verwünschungen gegen mich aus, ich hätte mich von Kindheit auf an ihn gemacht, um mich in fein Vertrauen