GiehMrZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang |92Z Dienstag, -en 20. Dezemoer Nummer $0$
t gut gespieltem Wer hätte das
Sixlini S er Chor.
Bon Edmund Finke.
Ein Lied stieg auf und stand im hohen Raume des Domes still und fiel so sanft und sacht, wie Tränen fallen, die aus dunklem Traume vergossen werden an das Herz der Nacht.
Still fanden meine Hände in die deinen, ihr leiser Kutz war süß wie ein Gebet, das zwischen Glück und fassungslosem Weinen von Gott die Ewigkeit erfleht.
Im Schatten der verlassenen Altäre vergaßen wir das ungeheure Leid, daß wir aus schwarzer, schrecklicher Galeere
stromabwärts gleiten in die Ewigkeit und keiner von uns beiden wiederkehre ins Licht der Zeit ....
Der Sternträger.
Weihnachtsgefchichtchen aus Podolien.
Von Lilli von Baumgarten.
Bereits im Vorjahr hätte der Jaschka Dobri ihn tragen sollen, den großen, achteckigen Stern, der, an langer Stange hoch emporgehalten, in der Weihnachtsnacht der von Haus zu Haus zieheirden, Koljadkami singenden Schar der männlichen Dorfjugend ooranleuchtete. Ein prächtiger Stern war es ans rotem und grünem Seidenpapier; er wurde von innen heraus erhellt, ebenso wie der ihn umgebend« Kranz von ziervoll aus kleinen Kürbissen geschnitzten, vergoldeten Rosen, in deren jeder ein Licht- lein steckte. Es war ein Ehrenamt, Träger dieses Sterns zu sein. Aber der Jaschka hatte nicht von zu Hause fortgekonnt, weil er bei seinem kranken Mütterlein wachen mußte. Deshalb galt es als so gut wie ausgemacht, daß er ihn dies Jahr tragen werde. Der Jaschka Dobri war ein bildhübscher Bursche, hoch und schlank gewachsen, mit leinen Gesichtszügen und honigfarbenen Locken, — so recht eigentlich geschaffen für einen Stern- träger, der doch auch etwas von einem himmlischen Boten an sich haben soll. Dazu war er musikalisch und hatte einen angenehmen Tenor.
Da überbrachte der Lehrer aus der letzten Gesangprobe den Entscheid des Dorfältesten: Sternträger solle Grigorka Gerodsky sein ... Was, nicht Jaschka? Nicht Jaschka, dessen gutes Recht es sozusagen dies Jahr war, dem es jedermann gönnte? Und wer an Joschkas Stelle? Nicht etwa Dmitro Ljeschy oder Andrej Kotortschuck, das hätte man allenfalls noch verstanden, aber Grigorka! Grigorka Gerodsky, diese falsch singend« — ach was, von Singen konnte da schon nicht mehr bi« Rede sein —, diese falsch gröhlende, eingebildet« Hohlheit! Dieser Bauchdiener, dieser Unmäßig« — Sternträger? Da stank's nach etroas. Da hatte einer Ränke gesponnen. Gott ja, in podolischen Dörfern werden geradesogut Ränke gesponnen wie anderswo. Die Welt ist eben kein Paradies mehr. Aber der arme Jaschka konnte einem leid tun!
Ganz verstört ob der unerwarteten Zurücksetzung trat der Jaschka aus dem Schulhaus auf die tief verschneite Straße. Dicke Tränen der Ent- täuschung traten ihm in die Augen. Ein Glück nur, daß es dunkel war. Wie hatte er sich auf morgen -gefreut! Wie hoch aufgerichtet hatte er da- stehen wollen unterm strahlenden Stern, wie schön hatte er fingen wollen, — am schönsten vor seiner Nadja Haus, vor Nadja selber, wenn sie heraustrat, den Sängern die Gaben zu reid>en. Schon hatte er den Stolz aufleuchten sehn in ihren ernsten braunen Augen, den Stolz auf ihn, den heimlich geliebten, den geehrten und anerkannten Sternträger, — und nun!
„Spuck drauf, Jaschka", sagte jemand hinter ihm, und eine Hand legte sich tröstend auf seine Schulter. Es war Dmitro Ljeschy, sein Freund.
„Guten Abend, ihr Jünglinge", flötete da dicht vor ihnen eine Frauen- Sne mit übertriebener Liebenswürdigkeit. — „Guten Abend, Mütterchen gija Timofejewna!" — Sie wollten weitergehn, aber die Bäuerin vertrat ihnen den Weg. „Sagt an, brave Burschen, ist's wirklich wahr, daß Griaonj Gerodsky rnornen Sternträger sein soll?" — „Ja", antwortete Dmitro kurz, woran: Pelagija Timofejewna mit gut gespieltem Erstaunen ausrief: „Nein, so etwas! nein, so etwas! Wer hätte das gedacht! Das muß ich doch gleich unserer Nadja erzählen! Die hat schon gestern ein Päcklein für den Stern träger gerüstet, das fleißige Täubchen; weiß nur noch nicht, wer's dies Jahr ist. Rein, dieser Grigorij, dieser Allerweltskerl! Wer hätte das gedacht! Ader jetzt muß ich machen, daß ich weiterkomme. Wir haben ein Schwein geschlachtet. Erwarten ein Familienfest für di« Feiertage. Nein so etwas!, nein, so etwas! ... Guten Abend, schöne Jünglinge!" —
„Alte Hexe", murmelte der Jaschka grimmig hinter der Enteilenden her. „Sag' lieber Kröte", meinte Dmitro; „wie eine kleine, dicke Kröte sieht sie aus mit ihrem breiten Maul, und wie eine Kröte spritzt sie Gift und Galle ... Jetzt ist mir allerlei klar ... Gute Nacht, Jaschka, laß die Nase nicht hängen. Wollen abwarten, wie's endet" ...
Natürlich ließ der Jaschka doch die Nase hängen; er durchschaute die Lage nur zu gut, und sie kam ihm hoffnungslos vor. Dmitro aber durchschaute sie auch und sann auf Abhilfe, denn er war ehrlich empört über Pelagija Timofejewna, die, — daran zweifelte er jetzt nicht mehr —, um den armen Jaschka vor ihrer Tochter herunterzusetzen und ihr den reichen Grigorka mundgerecht zu machen, die Ernennung dieses letzteren zum Sternträger bei ihrem Gevatter, dem Dorfältesten, bewirkt hatte. Sie rechnete dabei recht schlau mit Nadjas, leicht gekränktem Ehrgeiz und schien ihres Erfolges ziemlich sicher zu sein. Wie Dmitros Mutter erzählte, hatte sie ihren Nachbarinnen bereits verschieden« Andeutungen gemacht, die mit Grigorka Gerodsky und einer für Weihnachten erwarteten Familienfeier zusammenhingen. Ihr Mana, der gutmütige Ossip Sorkij, hätte gar nichts gegen den fleißigen Jaschka Dobri als Schwiegersohn einzuwenden gehabt, aber Osfip Sorkij hatte zu Hause nicht viel zu sagen. Das Schwein war auch auf Pelagija Timofejewnas Veranlassung geschlachtet worden ...
Die Ljeschys waven keine reichen Leute; ein Schwein konnten sie nicht schlachten wie die Sorkijs, aber ihr Festtisch, den Dmitros Mutter am nächsten Nachmittag zierlich deckte, wies doch allerhand recht leckere Dinge auf. Die Galuschi, die großen, in Suppe von roten Rüben gekochten, mit Fleisch gefüllten Weizenklöße, waren wohl geraten und die duftenden Pelenitzi nicht minder. Nebenbei im weißen Kachelofen stand eine große Schiissel aus bunt bemaltem, glasiertem Ton mit süßer, reichlich mit Rosinen vermengter Kuli ja. Die Warenucha war nach einem bewährten Rezept von Dmitros Großeltern aus Wodka und Honig auf Eorneliuskirschen gebraut. Ein anderes weihnachtliches Wässerchen war auf Saffran angesetzt; auch ein grünlich schimmernder Medok fehlte nicht. Der ganze Aufwand, besonders der an Getränken, wirkt« geradezu überraschend bei einer Familie, die aus lauter mäßigen Leuten bestand.
: Am schiefen Fensterlein rauchte der Dmitro fein kurzes Pfeifchen und
! lauerte. Es dauerte auch gar nicht lange, und wichtig und sich sichtlich i ganz als Held des Tages fühlend, kam Grigorka Gerodsky dahergestapft.
Mit ein paar Sprüngen war da der Dmitro im Freien, holt« den Stolz- geblähten ein und bat ihn auf di« schmeichelhafteste und dringlichst« Weis«, ihm doch als Kenner die Ehre zu schenken und von den Speisen und Getränken feines Weihnachtstisches zu kosten. Grigorka zögert« einen Augen- blick; eigentlich hatte er, seinen künftigen Triumph vorgenießend, noch eine klein« Fensterpromenade vor Nadjas Haus machen wollen, auch -vor es nicht Brauch, sich vor der Koljada an den Weihnachtstisch zu setzen. Aber wann hätte Grigorka jemals nein gesagt, wenn Genüsse des Gaumens winkten? Nach kurzem Schwanken folgte er Dmitro ins Haus — auf ein Viertelstündchen, wie er sagt« ...
Vom tiefblauen Himmel funkelten die Stern«. Der hartgefroren« Schnee knirschte unter den Füßen der Knaben und Jünglinge, die dem Schulhaus, dem Versammlungsort der Koljada, zueilten. Bald war jedermann zur Stelle. Ein einziger nur ließ aus sich warten: die Hauptperson, Grigorka, der Sternträger. Schon hott« der Lehrer den Stern angesteckt, — rotgrüne Reflexe tanzten auf bleichem Schnee —, schon begannen etliche Ungeduldige, darunter scheinheilg Dmitro Ljeschy, ob der Verspätung zu murren, schon wollte man jemanden nach Grigorkas Haus senden, — da kam, merkwürdig schwankend und wankend, der Erwartete langsam die Straße herauf. „Habt Jt;r auf Grigorka gewartet, Brüder- lein", gröhlte er schon von weitem; „Grigorka kommt, der Sternträger naht, die Koljada kann beginnen ... Grigorka singt, Grigorka schwingt den Stern!" Er griff die Stange mit dem zitternden Stern und stimmt« mit aller Kraft seiner Lungen sein Lieblingslied an: „Nimm die Braut nicht, nimm die Werb'rin, — denn die weiß, worauf es anfommt." Das war nun gerade kein Koljadagesang, aber er kam auch nicht weit damit. Schon beim ersten Refrain überschlug sich feine Stimme, hilflos torkelte und taumelte er noch ein paarmal hin und her, dann glitt er aus nickt etzte sich mit unfreiwilliger Plötzlichkeit in einen Schneehaufen. Der chöne Stern wäre babei unrettbar gegen die Wand des Schulhoufes gedungen und eingedrückt worden, hätte nicht Jaschka, rasch hinzuspringend. Die Stange grabe noch im letzten Augenblick aufgefangen. — „Nun behalt ihn auch, Jaschka Dobri", sagte der Lehrer; „laßt uns losziehn, Jünglinge, und keine Zeit mehr verlieren. Zuvor aber legt bas betrunken« Ferkel dort drinnen auf den Ofen, da mag es feinen Rausch ausschlafen"..
Geschäftig trug Pelagija Timofejewna bi« Spenden für die Sänger, die man bereits herannahen hörte, in den kleinen Flur und lieh sich dabei von ihrer Tochter helfen. Die ging ihrer Mutter heut abend nur sehr, sehr langsam zur Hand. Ach, wenn'? doch überhaupt keine Kol- jaba gäbe auf der Welt, keinen Sternträger und keinen Grigorka Gerodsky! — Draußen erfiang’s von frisch-frohen Stimmen:


