tzarstellen möchte, leibhaft, greifbar, in allen ihren beschriebenen und nicht beschriebenen Lebensformen nicht vor mir sehe, sondern i n mir. Was ich sein soll und wie ich es sein soll, das steht eigentlich mit einem Schlage vor meiner Seele." Solche Künstler haben dann jähe Visionen, fa denen plötzlich eine Gestalt völlig fertig vor ihnen auftaucht. Witter- w u r z e r sah den Mephisto, dessen Bild sich ihm nie vorher klar gezeigt, als triumphierend stolzen Fürsten der Höll«, während er auf einer ame­rikanischen Gastspieltournee in Milwaukee zu Mittag; die Schroe- der-Devrient den Romeo in aller heldenhaften Anmut, als sie nach der ersten Aufführung erschöpft und zitternd auf dem Sofa lag.

Es gibt Künstler, die den stärksten Impuls des Schaffens auf den Proben empfangen, in der anregenden Bühnenatmosphäre. So hat Kainz manche Idee aus den zufälligen Situationen der Probe ge­schöpft. Ueberhaupt spielt die äußere Umwelt, die Kulissenluft, spielen Kostüm und Publikum eine große Rolle im Schaffen des Schauspielers. Seydelmann fühlte sich haltlos ohne seine raffiniert ausgeklügelte Maske, und Matkowsky konnte nur ganz Held sein in Stulpen­stiefeln, mit dem Schwert in der Hand. Die Requisiten sind ein beseelen­des, der Applaus ein anfeuerndes Moment.Freilich ist alles nur Plunder und Kram", meinte die Schroeder-Devrient von den Kulissen, aber das Zeug muß zu dem werden, was ich will. Es muß vergeistigt werden, bis es wirklich lebt." Von der ganzen Umwelt geht eine suggestive Wirkung aus, deren der Schauspieler bedarf, um sich völlig einzufühlen in die Seel« seiner Rolle. Aus dem Phänomen der Hypnos« hat man dann überhaupt das Rätsel der schauspielerischenTransfiguration" erklärt.

Max Marter st eig führte in einem interessanten Buch die wunder­sam« Verwandlungsfähigkeit, die dem großen Schauspieler eigen ist, auf eine Art Selbsthypnose zurück, wobei der Künstler unter dem Eindruck einer ästhetischen Suggestion sein Jchgefühl ausgibt und ganz in dem Geist und Wesen seiner Roll« ausgeht. Die Schilderungen mancher Künstler, so Mitterwurzers, oder der Düse, lassen auf einen solchen Zustand schließen. Von Fleck wird berichtet, er habe bei seinem Spiel nicht selten einem Nachtwandler geglichen. Christine Hebbel schilderte ihrem Gatten ihre Empfindungen als Lady Macbeth:Mir war während des ganzen Stückes, als wenn ich die Augen nicht austun könnte"; von Ludwig De- ört ent sagt E. T. A. Hoffmann,in ihm sei ein höherer Geist er­wacht, gestaltet wie die Person der Rolle, und dies«, nicht er, habe dann weiter gespielt, wiewohl von dem Ich, dessen Bewußtsein ihm nie entging, beobachtet und gezügelt." Es ist also eine sehr komplizierte Mischung von Bewußtem und Unbewußtem, von hypnotischen Zwangsvorstellungen und reflektierenden Gedankengängen, die im Schauspieler während des Schaffens wirksam sein mutz. Nur so lassen sich auch die gegensätzlichen Antworten erklären, die immer wieder auf die Fragen gegeben worden sind: Soll der Schauspieler über der Dichtung oder in ihr stehen, muß er die Leidenschaften des Wesens, das er darstelli, mitfühlen ober nicht?

Im wesentlichen werden diese Fragen durch die Scheidung von vor­nehmlich reflektierenden und visionären Schauspielern schon beantwortet. Bei Künstlern, in deren Schaffen die Gedankenarbeit überwiegt, wird gar leicht ein Ueberlegenheitsgefllhl über den Dramatiker sich geltend machen; die andern werden sich mehr dem Werk unterordnen. Dieses völlige Auf­gehen im Geist der Dichtung ist nun bald als notwendig für den genialen Mimen, bald als seiner unwürdig bezeichnet worden. Riccoboni, dem auch Lessing zustimmt, erklärt es für ein Unding, daß der Komödiant, der genau wisse, daß alles nur Schein sei, wirkliche Empfindungen Hobe. Sainte-Albine hält eineglückliche Raserei" für unerläßliche Be­dingung: ein Schauspieler, der nicht selbst gerührt sei, könne nicht rühren. Diderot hat in seinem berühmtenParadox über die Schauspieler" jetNHfühlenden Mimen" einen Stümper genannt.

Dem gegenüber wird uns aber von manchen der größten Schauspieler erzählt, daß sie ganz von den Empfindungen ihrer Rolle ergriffen waren. Wandelte Fleck am Morgen eines Tages, an dem er abends den Lear ober Macbeth spielte, durch die Straßen Berlins, dann lag etwas so im­ponierend Majestätisches in seiner Haltung, daß sich die Leute zuflüsterten: Der Fleck ist schon König vom Kopf bis zur Zeh." Nach dem Spiel war der sonst sanfte, gutmütige Mann 'häufig noch so in seiner Raserei, daß er sich zu Gewalttätigkeiten hinreißen ließ. Ludwig Devrieni konnte öfters den Lear nicht zu Ende spielen, weil das unnennbare Weh, das ihn dabei zerwühlt«, feine Brust zu sprengen droht«. Caroline Bauer berichtet, daß er beim Todeskampf auf der Bühne wirklich in Ohnmacht fiel, und mühsam zum Leben erweckt, verwundert sagte:Ich dachte doch, ich sei gestorben." Der große Schauspieler mutz jedenfalls über ein beson­ders sicher und entschieden arbeitendesSchaltwerk der Gedanken" ver­fügen. Wie in jeder Kunst, so müssen auch in seinem Schaffen die Sphären des Bewußten und Unvewußten sich in einem glücklichen Gleichgewicht befinden. Phantasie und Verstand eine harmonische Vermählung eingehen und jene wundersameTraumklarheit", erzeugen, aus der allein das Schöne und das Große geboren wird.

Dreht sich die Erde?

Von Professor Dr. Paul Kirchberger.

(Nachdruck verboten.)

Jeder alte Lehrer weiß, daß er seinen Schülern keinen schlimmeren Streich spielen kann, als wenn er sie mit einer ganz leichten, schon seit Jahren erledigten, aber im Augenblick ganz unerwarteten Frage über­fällt. Dabei zeigt es sich gewöhnlich, daß von allen menschlichen Fähig­keiten das Vergessen die ist, die am meisten und gründlichsten ausgeübt wird. Ein« Zuschrift, die die Frage behandelt, ob sich die Erde dreht, zeigt mir nun was ich freilich auch schon vorher wußte, daß Er­wachsene in dieser Hinsicht vor unseren Schülern wenig oder gar nichts voraus haben, und ich bitte es mir aus diesem Grunde nicht allzusehr zu verübeln, wenn ich im folgenden auf cm sich wohlbekannte Dinge ein­gehe, die vielleicht doch dem einen oder anderen Leser etwas Neues bringen und vielen Altbekanntes, aber Vergessenes wieder lebendig machen werden.

f Zu den Dingen, die wir uns alle langst an den Schuhsohlen ab­gelaufen haben, .gehört in erster Linie das Kopernikanische System und

! namentlich seine Behauptung von der Drehung der Erde um ihr«' eigen« Achs«. Wie kommt es, daß wir nichts von ihr merken, und wie kann man sie trotzdem so sicher zeigen, daß auch der Zweifler von ihr überzeugt wird? Was die erste Frage anlangt, warum wir von der Drehung der Erd« nichts merken, so brauchen wir uns nicht so übermäßig zu schämen, wenn wir die Antwort darauf nicht gleich bereit haben. Erschien es doch vielen Jahrhunderten, die an tiefgründigen Denkern, Naturforschern, Mathematikern, ja sogar Astronomen keineswegs arm waren, als durch, aus selbstverständlich, daß auf der Erde ein allgemeines Durcheinander herrschen müßte, wenn sie wirklich eine so schnelle Bewegung ausführte, wie sie die Umdrehung eines so großen Körpers in 24 Stunden er» forderlich machen würde. Dazumal wurde es den Leuten recht schwer, einzusehen, daß alle Körper der Erde diese Bewegung mitmachen und sie auch beibehalten, wenn sie nicht mehr in unmittelbarem Zusammenhang mit ihr stehen, so daß also jemand, der beispielsweise einen Freudensprung in die Luft macht, nicht zu fürchten braucht, von der sich mit der Erde mitdrehenden Zimmerwand erfaßt und bei dieser Gelegenheit des Zu­sammenhalts seiner Teile beraubt zu werden. Er hat sich auch während feines Sprunges genau so wie die Zimmerwände und genau so, wie di« im Zimmer befindliche Luft nach Osten weiterbewegt.

Das Beispiel des Kunstreiters, der auf seinem Gaul vorwärtsstürmend mit Pällen und anderen Gegenständen genau so sicher herumjongliert wie auf der Erde, zeigt uns ja aufs deutlichste diese Beibehaltung aller Be­wegungen. So dürfen wir beispielsweise auch nicht erwarten, daß, wenn wir von einem Hohen Turm einen Stein fallen lassen, er unterwegs di« Drehung der Erde nicht mitrnache und deshalb hinter ihr zurückblieb«. Das zeigt uns ja auch schon eine kleine Zahlenüberlegung. Von einem auch nur 20 Meter hohen Turm braucht ein Stein zum Fallen 2 Se­kunden, und in dieser Zeit legt die Erde am Aequaior einen Weg von über 900 Meter zurück, in unseren Breiten immerhin noch über 500 Meter, und man kann sich demnach vorstellen, wie alle Fall- und Wurf- beroegungen aussehen würden, wenn fallende oder geworfene Gegenständ« an der Bewegung der Erde keinen Teil mehr hätten.

Am einfachsten schließen wir auf -die Drehung der Erde aus astro­nomischen Gründen. Daß sich der Himmel um die Erde dreht, sehen wir ja viele haben freilich diese Bewegung nur bei der Sonne, nicht bei den übrigen Sternen gesehen, aber diese haben genau so eine tägliche Be­wegung wie die Sonne, und wir haben also nur die Wahl, eine wirkliche Bewegung des ungeheuren Sternhimmels um die Erde oder eine Drehung der Erde um ihre Achse, die uns jene vortäuscht, an­zunehmen.

; Kann -man nun auch die Drehung der Erde ganz unmittelbar hanb- | greiflich machen? Das ist in der Tat möglich, wenn wir bedenken, daß i diese Bewegung nicht überall gleich schnell fein kann, sondern nm so j schneller sein muh, je weiter sich der bewegte Punkt von der Drehachse ] entfernt befindet, ähnlich wie etwa bei einem Karussel, wo das nahe der \ Achse gehende Pferd ganz langsam im Schritt geht, während die äußeren Teile des Drehkörpers eine sehr schnelle Bewegung zeigen. Denken wir uns nun auf der Erde einen hohen Turm, so mutz seine Spitze offenbar infolge der Erddrehung eine schnellere Bewegung beschreiben als jein Fuß. Da Gegenstände, die man von der Spitze fallen läßt, diese schneller« Bewegung beibehalten, so müssen sie beim Fall der sich drehenden Erde sozusaaen vorauseilen, also, da sich jeder Punkt der Erde nach Osten bewegt, etwas östlich von dem senkrecht unter dem Ausgangspunkt der Bewegung liegenden Punkt niederfallen.

Nun darf man natürlich nicht glauben, es genüge, auf irgendeinen Turm zu steigen und den ersten besten Stein, der einem gerade zur Hand ist, herunterfallen zu lassen. Das würde mich etwas an die Versuche erinnern, durch die der große schwedische Dichter August Strinbberg di« Krümmung der Erde festzustellen suchte, und von denen sein Freund Schleich im übrigen ein hervorragender Arzt von großen Ver- dienstm berichtet. Die beiden legten sich nämlich zu nachtschlasener Zeit in der Friedrichstraße zu Berlin, die sie ihrer Länge, ihrer nordsüdlichen Richtung und guten Asphaltierung wegen für besonders geeignet hielten, auf bie Erde, um deren Krümmung zu untersuchen, und ijätten wohl noch lange ihren bahnbrechenden Beobachtungen obgelegen, wenn nicht ein Berliner Schutzmann sehr wenig Sinn für diese unbefugte Verkehrs­störung gehabt und deshalb die weitere Forschertätigkeit fchnöderweis« lahmgelegt hätte.

Selbstverständlich ist bei allen solchen Versuchen größte Vorsicht am Platze. Bei den Fallversuchen mutz natürlich jede seitliche Richtung de» Fallkörpers aufs peinlichste ausgeschlossen werden. Am besten gelingt die» etwa, wenn man eine Eisenkugel wählt, die von eiern Elektromagneten gehalten rot ob. Wird der den Magnet speisend« Strom unterbrochen, s» fällt die Kugel. Man kann auch den Fallkörper an einem Faden auf­hängen und diesen unter besonderen Vorsichtsmaßregeln abbrennen. Aber selbst bei größter Vorsicht wird es nie gelingen, durch einen einzige» Versuch ein sicheres Ergebnis zu erhalten. Allerlei zufällig« Strömungen in der Luft, auch sonstig« Fehler, werden immer das Ergebnis trüben; man kann sich hiervor nur auf eine Weise schützen, nämlich, indem man eine möglichst große Zahl von Versuchm anstellt und bann von allen Er­gebnissen den Durchschnitt nimmt.

So ergeben sehr sorgfältige Versuche, daß der Fallkörper in einzelnen Fällen sogar nach Westen statt nach Dften ab gelenkt wurde, und nur btt i Durchschnitt aus zahlreichen Versuchen zeigt bie erwartete Ablenkung nach ; Osten. Die Sicherheit, daß es sich bei diesem Durchschnitt nicht um einen 5 Zufall handelt, erhält man dadurch, daß man Versuche in verschiedentt

Höhe anstellt, wobei es sich zeigt, daß mit der Höhe die Ablenkung nach Osten im Durchschnitt wenn auch nicht gerade für den einzelnen Fall genau in der berechneten Weise zunimmt.

So ist denn die Drehung der Erde um ihr« Achse durch Versuche sichergestellt und wenn -der Leser sich hiervon überzeugt hat, so mag tt bie Gründe, die ihn hierzu führten, getrost wieder vergessen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Dniversitäls-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Giehen.