Mt es sichen Stunden die berühmte Stromschnellenfahrt im Teerbook -- denn früher fuhr man nur Teer auf so tollkühne Weise urck mcht Tou« riften' hinab durch Wassergeprassel, hinab bis in die Rahe von Ulea- borg.'Rur dreimal haben hereinklatschende Wogen mich wie mit Eimern beschüttet, dreimal der Wind mich wieder getrocknet!

Fahl und tot, durchzogen vom beizenden Brodern der großen Wald­brände, liegt die große Einöde von Uleaborg, wie ein längst ausgeswr- benes Weitende das ja in Wahrheit räumlich nicht mchr fern ist. Und man brennt danach, in zweiundzwanzigstundiger Bahnfahrt endlich wieder Helsingfors zu erreichen, die Kultur, und, ach, auch die fo teure, geregte Zeit, die ihren dumpftrillernden, atumimumbtanfen Riesenvogel auch heute wieder im messinggelben Abendlicht der Scharen nieder« gehen läßt! _____________

Das Schaffen des Schauspielers.

Von Dr. Paul Landau.

der Welt bedeutete! Stärke und Eigensinn, Einfachhett und konventionslos« Selbständigkeit der Volksseele sprechen aus diesen Steinen; man suhlt b'°Am"herrlichste? l^ aber das blaue Schattenbild von Helsingfors in Kam schrägen, scharfen, messinggelben Abendlicht der Stunden zwischen achi rind zehn Uhr, wenn von den Schären aus, dem vornehmen Brands oder dem volkstümlicheren Hogholmen mit feinem zoologischen Karten, Mischen grauen, durchwärmten Klippen oder dunklen Fichtenwipfeln der Mck die Weite des belebten Wassers, der vielen stillen Inseln oder her langgedehnten Stadt dahinter erfaßt. Silberne Riesenvogel gehen schun- merob nieder zwischen Wasser und Wald: die Junkers-Flugzeuge, die m 4 Stunden Post und Passagiere von Berlin hierherbrrngen! Und doch »t ihr dumpfes Trillern der letzte Laut der aufgeregten Zeit, der in die Einsamkeit dieses Landes dringt! *

Irgendwo in der Wälderwildnis steigt man endlich aus dem Zuge. tlne Reihe von Automobilen wartet, aber das des empfohlenen Grand viel Cascade ist nicht dabei. Valtion Hotelli steht auf dem einen, und das darauf gemalte Hotelporträt: ist es nicht das des Cascade, aus dem Obrer? Richtig. Hinein ins Auto, bereichert um die Erkenntnis, daß m Wrfetn Lande, das Touristenpropaganda macht, aber dabei in seinem jungen Nationalstolz nur noch finnische Inschriften dulden will, die Bildersprache das einzige Mittel bleibt.

Im Walde ein Riesenschlachtfeld: aufgewühlte Erbmassen, Krane, Ge­rüste, Feldbahnen: ein Riesenkrastwerk soll künftig dem Im a t r a .dieser stärksten Stromschnelle der Welt", einen Teil seiner Kräfte aussaugen und in kupfernen Drähten über das Land speien!Der Imatra wird nichts fühlen", meint man nachher, vor dem weißen, ziegeldachroten Wildnispalast (er wurde noch in russischer Zeit in russischen Massen als Staatshotel erbaut) zur tobenden Felsenschlucht hinabsteigend, die weit­hin die Tannenwälder mit ihrem Donner füllt! Schwefelgelb und weiß rast die wilde Jagd der Wasser dahin. Wirbel, ^trubel, Brandung über­schlagen und überschäumen sich, hochauf fliegt zerfetzter Gischt gegen Fels- hlöcke und Tannenwipfel. Wie Gespenster schießen dunkle Baumstämme im Wassergewitter entlang, mitunter hochaufgerichtet wie ernst als ste noch Daum wäre, immer neue, vom Blick entdeckt, schon wieder dem Blick verloren in der Besessenheit des ElementsI Zwanzig Meter tief stürzen die gewaltigen Wassermassen des Saimaseegebietes durch eine funfund- «vanzig Meter schmale Felsenfahrt hinab, anderthalb Kilometer lang gezwängt, gedrosselt, hochausbegehrend und mit weißen Fausten an 6te Felsen 'schlagend, ehe sie unten, gurgelnd und schäumend, den breiteren

^Dort unttn saugen die kreisenden Wirbel die gefolterten Holzstämme an sie folgen ihnen einer nach dem andern, geduldige Tiere; plötzlich immer an derselben Stelle, kehrt! In der Querrichtung treiben die toten Riesen stromauf, richten sich längs, stromauf, ballen sich zu hämmernden, zuckenden Knäueln dann stürzt jäh die sausende Brandung über Die Mppe und treibt sie zu Paaren, abermals hinein in den Strudel, der s>e abwärts reiht und plötzlich kehrtmachen heißt, stromauf; wie im erbar- vmngslosen Wirbel einer unseligen Passion bleiben sie im Kreise ge­trieben, schollernd und krachend stoßen sich die Daumleiber, schieben und 8dichten sich unter Gestöhn zu einem wirren Haufen. Längst ist ihnen

le Rinde abgerissen von den Wassern, erst poliert, dann rauhgerissen sind sie, an den scharfen Schnittflächen längst abgestumpft wie Zigarren. Wer hier unten am Imatra sitzt, der vernimmt unter dem Fauchen, Keuchen und Schlangengezisch des tobenden Stromes ein Zweites: das schauerliche flnterwossergewitter, das dumpfe Gedonner des gemarterten Holzes.

Man lernt auf den Dampfern leben, diesen kleinen, zweistöckigen Dinnendampfern, die eine vorzügliche Küche und viele kleine Schlaf- tabinen haben und Tag und Nacht durch die Einsamkeit fahren, die einzige Derbindung von Stadt zu Stadt und Dorf zu Dorf. Durch schmale Seen mit waldigen Usern, an großen und kleinen Klippeninseln geht es vorbei, bann atmet man plötzlich wieder große Wasserweite, die kaum mehr das endlose Ufer erkennen läßt: einsame Matten, Kanäle, Schleusen, berückende heimliche Wasserstraßen im Wald erscheinen und versinken einmal fett im Abendlicht ein hohes, weißes Schloß in finsteren Fichtenhugeln, ein anbermal ein leuchtend rotes, strahlend glückliches Landhaus hmier Birken an der verschwiegenen Begegnung dreier Waldkanale gleich- mittig rauscht der Dampfer weiter an allem, man vergißt der Welt und der Zeit, so wie man der Stunde vergißt, die in unsterblicher, goldroter Dämmerung noch um Mitternacht über Wäldern und Wassern liehen.

Savonlinna, schwedisch Nyslott, heißt eine freundliche, kleine Stadt, an deren Kai alle Morgen die sieben Dampfer aus allen Seen- richtungen liegen. Mit drei runden, eisgrauen Türmen wacht die mächtige Olofsburq über ihr, eine uralte Kampfstätte zwischen Schwenden und Russen. Fünfzehn Jahre lang saß ein deutscher Holftein-Gottorper barm gefangen gerade in dem Turm, der das runde, ttefnischige Jungfrauen­gemach beherbergt. Hoffen wir, daß sie ihn getröstet haben! Jetzt zimmert man im Burghof eine Bühne für bas 450jährige Jubiläum der alten Trutzseste ... Die andere Besonderheit Savanlinnas steht drüben, zu Füßen und im Schutz der ein bißchen spießigen roten Backsteinkirche aus dem Hügel: ein riesenhafter nackter Mann aus Granit! Es ist ein kniender, betender Krieger, vor dem fächerförmig die Gräber der im Befreiungs- kampf gefallenen Söhne des Städtchens liegen. Keine Hügel, nur ruhende graue Steintafeln mit den Namen der Heikkis, und Paavoos, oft sind es Siebzehn-, Sechzehnjährige! Vor jedem grauen Ruhmesstein überschweng­lich rot und blühend eine Begonie. Unten bas Städtchen, Seen, Wälder, Inseln die Heimat!

*

In einem fremden nördlichen Licht, fast schon wie eine Eismeerland- ichaft, liegen die blauen Flächen des Ulesees. Schäumend stürzt sich aus ihm der Ulestrom hinab zum Bottnischen Meer. In einem Stromidyll rote Holzhäuschen um einen offenen Hof mit Silberpappel und Zieh­brunnen, unablässiger Gesang der Stromschnelle, in der man täglich habet und Lachse fischt dort, in Ulnetela verbringen wir drei Tage (jeder kostet bei ausgezeichneter Verpflegung vier Mark volle Pension!), dann

Die Theatersaison mit ihren Aufregungen und Ueberrafchungen hat wieder begonnen; die ersten Premierenschlachten sind ^geschlagen. Der Zauber schauspielerischer Kunst, der uns für kurze Stunden die Wirklich- leit veraesfen läßt, wirkt von neuem auf uns ein, und wir fragen er­staunt, welch besonderen Kräften der Mime seine Macht verdankt, aus welch rätselvollen Tiefen der Seele das Gebilde seines Schaffens-empor« wächst. Wenngleich über jeden geistigen Zeugungsprozeß ein Schleier des Geheimnisvollen und Unbewußten gebreitet ist, fo liegen doch die »er« hältniffe bei der Schöpfung des Schauspielers besonders dunkel und kom- vliiiert Er ist zugleich reproduzierender und produzierender Künstler, Instrument eines fremden dichterischen Willens und Gestalter neuer ttinst- lerOcher Werte- fein Material, das er formt, ist kein objektiver Stott, andern seine Persönlichkeit, sein Körper selbst; er kann stmWerknlcht ertiq aus sich Herausstellen für alle Ewigkeit, sondern muß es stets mm neuem gebären. Subjektives und Objektives sind hier seltsam mttemander vermischt. Das Problem des schauspielerischen Schaffens 'st daher eines der schwierigsten; es ist vielfach, von den Künstlern selbst und ben Aesthetikern, erörtert worden, wobei sich die Meinungen oft widersprechen und in mancher Hinsicht keine Klarheit erzielt worden ist. In großen Um­rissen aber kann man doch aus der Fülle der Zeugnisse ein lebenbiges Bild von den einzelnen Entwicklungsstufen gewinnen, in denen. eine RMe ans dämmerigen Ahnungen und langen Studien zu ihrer plastischen Er­scheinungsform auf der Bühne emporgehoben wird.

Wie jedem Beruf, der alltäglich ausgeubt werden nmtz, haftet Mich der Schauspielkunst etwas Mechanisches, ^ndwerksmäßiges an. Der Mime der ein paar Monate hindurch Abend für Abend in derselben Rolle auf tritt wird meist automatisch seine Aufgabe erledigen, den emgeübte Uri gleichsam von selbst sich abrollen lassen. Aber er ist bann kaum noch Schöpfer. Bei unserer Betrachtung kann es sich nur Edenbebeutenden Schauspieler handeln, der wirkliche Schonheitswerte .schafft. Phantasie und Verstand, das sind die beiden Mächte, die, wie der jeder künstlerische Leistung, so auch bei der des Schauspielers die eigentlich ^f°rtbrin9®'^ Gewalten barstellen. Sein erstes, fundamentales Erleben findet er natur lid) im Versenken in das Drama. Schon hier zeigen sich bedeutende Unter­schiede des Eindrucks. Der denkende Schauspieler wird nur ganz vage, verschwommene Vorstellungen haben; wir wissen das z B. von S e y - d elmann , von Kainz u. a. Er muß erst alle möglichen Zugänge zu dem Werk und der Gestalt suchen, langsam in die Stimmung und die Details einbringen; bas ist dann nicht gelten die Arbeit eines Lebens. Aus stets neuen Nuancen fetzt sich bas Mosaik des Spiels zusammen.

Ganz anders stehen dieLieblinge der Phantasie", schon beim erften Einleben in ihre Ausgabe, dem Werke gegenüber. Auch sie Md nicht etwa mühelose Improvisatoren, denen alles auf den ersten feurf gludt, _abe. es drängen sich ihnen sogleich sinnlich blutvolle Gestalten ihrer Einbil­dungskraft auf, mit denen ste sich immer mehr besreiinden, bis diese zu ihremzweiten Ich" werden. Bellstab hat uns den dämonischen Lud­wig De orten t so im inneren Zwiegespräch mit einem neuen »Seelen- bruber" einer neuen Rolle, geschildert. Ueberall, in der Kneipe und auf der Straße zog er das Buchaus der Tasche und redete auf diesen ver­rückten Kerl", der fein eigen werden sollte mit allen Fibern und Fasern, wie auf einen leibhaftigen Kumpanen, ein. Und bald ging dann mit chni selbst eine merkwürdige Wandlung vor; Haltung, Gebärden, Sprachton erhielten eine völlig andere, charakteristische Prägung: er ahmte den .tollen Burschen", den er vor feinem geistigen Auge sah, nach, und so redete er, wühlte er sich in die Rolle hinein. ,

Bei großen Schauspielern, deren Grundtalent ein Drang zum Nach­ahmen ist kann man diese Art bes Schaffens immer wieder beobachten: tuhmen ihre inneren Gesichte fo lange nach, bis sie in den Körper dieses imaginären Wesens hineingeschlüpft sind. NochstarkerUebt^ bas in« tuitive Element in Künstlern, die schon bei der Lektüre des Werks E dem RaUIck des Schaffens überwältigt werden. Von der Charlotte Wolter erzählt man uns, in welch wilde Erregung sie beim ersten Studium der Rolle geriet.Sie springt auf, fie beginnt ?.P,?ren' ^ fielen Die Handlung zieht an ihrer Seele vorüber; ihre Gebärden ver­raten, bah fie alles durchlebt. Sie leidet unter biefer Qual des Fuhlens, bes Äusdrückenmüssens. Tränen rollen über ihre Wangen, aber noch ickeint sie sich nicht im Mittelpunkt der Handlung zu fühlen. Da plotz- N sprühen und blitzen die Augen, die Gebärden werden befehl^, drohend- jetzt zuckt sie auf, der Körper krampft sich i^formnen, her Mund öffnet sich, und qualvoll langsam entringt sich markerschütternder Schrei ihrer Brust bann sinkt sie ermattet und laut Muchzend aufs Sofa Lange weint sie und heftig, bis die Krise vorüber ist. Aber den innerften Gefühlsgehalt der Rolle hat sie sich nun für rmmer erobert. Es folgt nur noch die verstandesmäßige Ausgestaltung und Durch-

Noch^momentaner war bas Erfassen der Grundstimmung bei Mit­tel-wurzer.Ich versenke mich mit aller Sammlung in die darzu­stellende Dichtung", erklärte er.Wirkt sie überhaupt aus mich em, so befällt mich oft ein eigener Zustand, in dem ich die Gestalten, die ich