SietzenerZamilieiiblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1(927 Dienstag^den 20. September Nummer 75

Gesang Weylas.

Von Eduard M ö r i t e.

Du bist Orplid, mein Land!

Das ferne leuchtet;

Vom Meere dampfet dein besonnter Strand Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.

Uralte Wasser steigen

Verjüngt um dein« Hüften, Kind!

Vor deiner Gottheit beugen

Sich Könige, die deine Wärter sind.

Die Insel der Stimmen.

Erzählung von Robert Louis Stevenson.

Keola hatte Lehua, Tochter Kalamakes, des weisen Mannes von Mo- lokai, geheiratet und wohnte bei dem Vater seines Weibes. Es gab keinen schlaueren Menschen als jenen Propheten; er las in den Sternen, er ver­stand aus den Körpern der Toten und mit Hilf« böser Geschöpfe zu weis­sagen: ja, er konnte allein auf die höchsten Spitzen der Berge gehen, in das Reich der Dämonen, wo er Fallen zu stellen pflegte, um die Geister der Alten einzufangen.

Aus diesem Grunde war im ganzen Königreiche Hawaii keines Mannes Rat so begehrt wie der seine. Vorsichtig« Leut« kauften und verkauften, heirateten und richteten ihr Leben ein nach seinen Ratschlägen; und der König hatte ihn zweimal nach Kona kommen lassen, um die Schätze der Kamehamehas zu suchen. Auch war keiner so gefürchtet wie er; von seinen Feinden hatten sich einige kraft seiner Beschwörungen in Siechtum ver­zehrt, und einige waren an Leben und Leib verzaubert und verschwunden, so daß die Leute vergeblich sogar nach ihren Knochen suchten. Man flüstert«, daß er die Kunst und Gaben der alten Helden besäße. Menschen hatten ihn des Nachts in den Bergen gesehen, wie er von Fels zu Felsen schritt; in den hohen Wäldern hatten sie ihn wandeln sehen, und er über­ragte die Bäume um Haupt- und Schulterslänge.

Dieser Kalamake war seltsam anzuschauen. Er war aus dem besten Blute Molokais und Mauis, von reinster Herkunft, und dennoch von weißerer Hautfarbe als jeder Ausländer. Sein Haar hatte die Farbe trockenen Grases, und seine Augen waren rot und sehr trübe, so daß der Ausdruck:Blind wie Kalamake, der jenseits von Morgen sieht", sprich­wörtlich in den Inseln wurde.

Von allem diesen Tun und Treiben seines Schwiegervaters wußte Keola manches vom Hörensagen, einiges mehr argwöhnte er, und von dem Rest wußte er nichts. Aber eines war, was ihn bekümmerte. Kala­make war ein Mann, der sich nichts abgehen ließ, weder Essen noch Trinken noch Kleidung, und für alles zahlt« er in blanken, neuen Dollars.Blank wie Kalamakes Dollar" war ein weiteres Sprichwort auf den acht Inseln. Dennoch verkaufte er weder, noch pflanzte er, noch nahm er Lohn außer gelegentlich für seine Zaubereien -r- und eine Quelle für so viele Silbermünzen war undenkbar.

Und es geschah eines Tages, daß Keolas Weib auf Besuch nach Kgu- nakakai, auf der Leeseite der Insel, gegangen war, und die Männer befanden sich auf See beim Fischfang«. Keola aber war ein müßiger Ge­sell, er lag auf der Veranda und sah, wie die Brandung gegen die Küste lief und die Vögel um di« Klippen flogen. Er war ständig zuoberst in seinem Sinn dieser Gedanke an die blanken Dollars. Wenn er im Bette lag, wunderte, er sich, warum es deren so viele seien, und erwacht« er am Morgen, so fragte er sich, weshalb sie alle neu wären, und die Sache wich niemals aus feinem Geiste. Aber gerade an diesem Tag« war er in seinem Herzen einer Entdeckung sicher. Denn es schien, als habe er den Ort be­merkt, wo Kalamake seinen Schatz aufbewahrte, einen verschließbaren Schreibtisch an der Wand des Wohnzimmers, unter einem Oelöruck Kame­hamehas des Fünften und einer Photographie der Königin Viktoria mit einer Kron« auf dem Kopf; und es scheint wiederum, daß er erst in der vorigen Nacht Gelegenheit gefunden hakte, hereinzuschauen, und siehe da! Der Beutel war leer. Heut« aber war der Tag des Dampfscksiffs; er konnte ben Rauch in der Höhe von Kalaupapa sehen, und bald mußte es ein- treffen mit Waren für einen Monat: Dosenlachs und Gin und alle mög­lichen seltenen Delikatessen für Kalamake.

3ft er heule imstande, für seine Waren zu zahlen," dachte Keola, 'An mei» 'ch llewiß, daß der Mann ein Zauberer ist, und daß die Dollars aus des Teufels Tasche stammen."

Während er so überlegte, stand plötzlich sein Schwiegervater hinter ihm, und er sah ärgerlich aus.

Ist das das Dampfschiff?" fragte er.

Ja", sagt« Keola.Es läuft nur noch in Pelekunu an und wird dann hier fein.

--So bleibt nichts anderes übrig, als dich in mein Vertrauen zu ziehen, Keola, sagte Kalamake,ich habe keinen Besseren. Komm ins Haus Yerem.

So betraten sie denn gemeinsam das Wohnzimmer, das ein sehr schöner Raum war, tapeziert und mit Oe tont cf en behangen, und mit einem Schaukelstuhl, einem Tisch und einem Sofa nach europäischem 6tU möbliert. Außerdem gab es da noch ein Regal mit Büchern; eine Fa- milienbibel lag in der Mitte des Tisches, und der verschließbare Schreib- tisch stand an der einen Wand, so daß jeder erkennen konnte, daß es da, Haus eines wohlhabenden Mannes war.

Kalamake ließ Keola die Fensterläden vorziehen, während er selbst all« Türen verschloß und den Deckel des Schreibpultes öffnete. Diesem ent­nahm er ein paar Halsketten, an denen Amulette und Muscheln hingen, ein Bündel getrockneter Kräuter, dürres Laub und einen grünen Palmzweig.

Was ich jetzt vorhabe," sagte er,liegt jenseits aller Wunder. Dk Manner der Vergangenheit waren weise, sie wirkten Wunderbares, unter anderem auch dieses; doch geschah es in der Nacht, im Dunkeln, wie es sich ziemte, unter den Sternen und in der Wüste. Das gleiche werde ich hier in meinem eigenen Hause und unter dem offenen Auge des Tages tun?

Mit diesen Worten schob er die Bibel unter das Sofakissen, so daß st« ganz bedeckt war, holte von der gleichen Stelle eine Matte von wunder- bar feinem Geflecht hervor und häufte die Kräuter und Blätter auf ein« mit Sand bestreute, zinnerne Pfanne. Dann hingen er und Keola sich bk Halsketten um und stellten sich an gegenüberliegenden Ecken der Matte auf.

Die Zeit ist gekommen," sagte der Hexenmeister;fürchte dich nicht." Gleichzeitig setzte er die Kräuter in Brand und begann unter Schwingen des Palmzweiges vor sich hinzumurmeln. Anfangs war das Licht nur trübe, dank der geschloffenen Fensterläden; allein die Kräuter brannten hell, die Flammen schlugen Keola entgegen, und das Zimmer glühte von dem Brande. Dann stieg ber Rauch auf, so daß ihm schwindelte und feine Augen sich verdunkelten, und das Geräusch von dem Gemurmel Kalamakes summte in seinen Ohren. Und plötzlich ruckte und zuckte es, schneller als der Blitz, an der Maite, auf der sie standen. Im gleichen Augenblick waren Zimmer und Haus verschwunden, und der Atem wich aus Keolas Leibe. Wellen von Licht schlugen über seinen Augen und seinem Haupte zu- sammen, und er fand sich an dem Strand des Meeres unter eine starke Sonne versetzt, während eine gewaltige Brandung tobte; er und der Zauberer standen immer noch da auf der nämlichen Matte, atemlos und sich aneinanderklammernd, und fuhren sich mit der Hand über die Augen.

Was war bas?" rief Keola, der, da er der jüngere war, als erster wieder zu sich kam.Der Schmerz war wie der Schmerz des Todes."

Es ist gleich", keuchte Kalamake.Nun ist es vorbei."

Und wo in Gottes Namen sind wir?" fragte Keola.

Das tut nichts zur Sache", entgegnet« ber Zauberer.Da wir hier sind, haben wir Arbeit zu verrichten, die erledigt werden will. Begib dich, während ich meinen Atem zurückgewinne, an den Saum des Waldes und bringe mir di« Blätter von einem bestimmten Kraut und von einem ge­wissen Baum, die, wie du sehen wirst, dort in Mengen wachsen drei Handvoll von jedem. Und eile dich. Wir müssen daheim sein, noch ehe bas Dampfschiff eintrifft; es würde Staunen erregen, wenn wir verschwunden wären." Und er setzte sich, nach Atem ringend, auf den Sand.

Keola ging den Strand hinauf, der aus leuchtendem Sand und Koralle« bestand, vermischt mit seltsamen Muscheln, und er dachte in seinem Herzen:

Wie kommt es, daß ich diesen Strand nicht kenne? Ich werde wieder­kommen und hier Muscheln sammeln." Vor ihm zeichnete ein« Reihe Palmen sich gegen den Himmel ab; sie glichen nicht den Palmen der Licht Inseln, sondern waren hochgewachsen frisch und schön, und ihre welken Fächer ragten wie Gold aus dem Grün hervor, und er dachte in feinem Herzen:

Es ist merkwürdig, daß ich diesen Hain noch nicht entdeckte. Ich werd« wiederkommen, wenn es warm ist, und hier schlafen." Und er dachte:Wie heiß ist es plötzlich geworden!" Denn es war Winter in Hawaii, und der Tag war kühl gewesen. Und weiter dachte er:Wo sind die graue« Berg«? Und wo die hohe Klippe mit dem hängenden Walde und den kreisenden Vögeln?" Und je mehr er sann, um so weniger begriff er, in welcher Gegend der Insel er niedergegangen war.

Am Saume des Haines, dort, wo dieser den Strand berührte, wuchs das Kraut, der Baum jedoch weiter hinten. Als nun Keola sich dem Saume näherte, wurde er eines Mädchens gewahr, das nichts an ihrem Leibe trug als einen Blättergürtel.

Nun!" dachte Keola,mit ihrer Kleidung nehmen sie es in diesem Teile des Landes nicht sehr genau." Und er hielt inne in der Meinung, daß sie ihn sehen und entfliehen werde, und da er merkte, daß sie immer noch vor sich hinsah, blieb er stehen und summte eine Melodie. Bei dem Klang sprang sie auf. Ihr Gesicht war aschgrau; sie blickt« nach dieser und nach jener Richtung, und ihr Mund stand weit offen vor dem Grauen ihrer Seele. Seltsam jedoch war es, daß ihre Augen nicht auf Keola ruhten.

Guten Tag", sagte er.Du brauchst dich nicht so zu fürchten. Ich werde dich nicht essen." Und kaum hatte er feinen Mund aufgetan, als das junge Weib in den Busch entfloh.