I mnr aber doch groß genug. Ulenspiegel mit feinem dicken Kumpanen ßamme Goedzak, dieser Emische Don Quichote mit feinem unvergang-
. lieben Sanolo Pansa, feierte eine fröhliche Urständ in deutschen Landen; V bald wurden auch -die andern Werke de Costers übersetzt; von dem deutschen Widerhall aufgerüttelt, besann sich Belgien auf -seine nationalste Dich- tung, die nun dort zum Volksbuch wurde, und im Kriege wuchs dieses urviämische Werk trotz seines französischen Gewandes dem germanischen Geist noch mehr ans Herz. Dann kam die Zeit der Luxusausgaben, da man seine Dichtungen nicht kostbar genug -herausbringen konnte, und gekrönt wurden diese Bemühungen durch die kongeniale Verdeutschung Karl Wolfskehls, deren monumentale Veröffentlichung durch Franz Mase- reels Holzschnitte eine großartige Uebertrag-ung ins Bildhafte erfahrt. Den vor hundert Jahren Geborenen-, vor fast fünfzig Jahren kaum beachtet Gestorbenen feiert Belgien als feinen Nationaldichter, Deutschland i_ als stammverwandtes Genie und die Welt als einen Meister der Welt-
; sttevatur, der seine im Heimatboden wurzelnden Gestalten zu Sinnbildern «Egomeinen Menschentums aufwachsen ließ. ,
öe Coster wurde am 20. August 1827 in München als Sohn eines Bel- i giers geboren, der dort Intendant bei dem päpstlichen Nuntius, Grafen von Argenteau, Erzbischof von Tyrus, war. Der Sechsjährige kam ! In die Heimat, nach Brüssel, zurück und lernte bald das starke und gesunde Volkstum der Warnen kennen. In einer Zeit, in der Belgien noch keine eigene Literatur hatte, in der es sich in völliger Abhängigkeit von Paris befand, -vertiefte er sich in die alten Chroniken, die alten Lieder, Sitten imb Bräuche, in die Volksbücher, aus denen ihm die Gestalt des niederdeutschen Eulenspiegels, des tiefsinnigen Schalksnarren, ent-gegenleuchtete, und -fein Studium führte ihn zugleich auf die größte Zeit der vlämischen Geschichte, auf den heÄenhaften Freiheitskampf der Moderlande gegen die ; romanischen Unterdrücker, auf jene Epoche, die ihm, dem Kenner deutscher ! Literatur, auch in Schillers Geschichtswerk und Goethes „Sgmont" | entgegentraten. Reben dem „Faust" und dem „Wallenstein" haben diese beiden Schöpfungen im „Ulenspiegel" ihre Spuren hinterlassen.
FünszÄhn Jahre lang hat -de Coster in Mirftigen Verhältnissen mit diesem Stoff gerungen. Das Vlämische als Sprache lag -dem französisch Erzogenen fern; aber das glatte und überfeinerte Kulturidiom der Pariser, hi dem man um ihn sprach und schrieb, paßte nicht zu der urwüchsigen Derb- J hoir und ungefügen Wucht des Volkscharakters, den er ausdrücken wollte, 'i ’ So schuf er sich denn aus dem Erleben -der alten französischen Sprachdenk- i mäler, des Roman be Renarü, Rabelais', Montaignes u. a. ein Französisch, von dem Wolfskehl sehr richtig sagt: „Es beruht aus einem durchaus germanischen Sprachgefühl; die innere, fast unbewußte Grundlage ist bei ihm 'das Vlämische." Als Vorstudien dieses Hauptwerkes er- i Menen -die „Vlämischen Legenden", die den Volkston beraum demswert festhalten und in einzelnen Geschichten, -wie etwa der Geschichte vom Besuch des Jesuskindlein in der Schmiede unb der von den Vollmondsbrüdern, eine auch im „Ulenspiegel" nicht erreichte Zartheit und Innigkeit des Gefühls atmen, aber im Ganzen doch nicht entfernt an die Gestaltungskraft des Hauptwerkes heranreichen.
Eine große Liebe erschütterte damals die Grundfesten seiner Natur und verlieh der im Entstehen begriffenen Dichtung die leidenschaftliche Glut und Größe; sie lebt fort in den hinreißenden „Briefen an i_ Eliza", die zu den ergreifendsten ßte6esbetenntniffen der Weltliteratur gehören. Nach der Tragik dieser jäh abbrechenden Herzensgeschichte gab ihm dann das Geschick den stillen Frieden einer glücklichen Ehe, die ihm tue Muße für die Ausarbeitung des „Ulenfpi-ogel" gewährte. In seinem lyrisch-feinen und liebenswürdigen Roman „Die Hochzeitsreise"
•.. zeigt er sich als warmherziger Lobredner der Ehe, schildert aber in starken Farben als den Teufel, der ht diesem Paradies lauert — die Schwiegermutter.
Alle diese Dichtungen — auch die reizvollen „Brabanter Geschichten" — sind nur Nebenwerke, reichen nicht an -den „Ulenspiegel", dieses „Gedicht einer Rasse", -heran. De Coster, dessen Stärke die Komposition nicht war, wie die .Hochzeitsreise" beweist, tat hier einen kühnen und glücklichen Griff, indem er den volkstümlichen Helden bäuerischen Humors in einen historischen Rahmen stellte. Die groben Späße undSchalke- reien schwirren aber nur noch wie Irrlichter durch dies Buch, in dem die ganze Geschichte, -das ganze Kämpfen unb Leiden eines Volkes, üppigste Lust und grausigste Not, dargestellt find. „Alles, was das Herz von der rauhen Schönheit Flanderns behält", hat der geistesverwandte Ver - h a e r e n schön gesagt, „alles, was -der Geist an Stolz einsa-mmelt, wenn er die Geschichte dieses Bandes liest, alles, was des täglichen Lebens Mühsal dem Traum von den Toten der Vergangenheit an Rührung und Zauber verleiht, alles, was sich in der Seele an Klarheit, Sanftmut, Güte und Tapferkeit birgt, das hat Charles de Coster in feine Dichtung ein= ; , geschloffen. Dies Buch von Ulenspiegel ist der Dichter selbst, und der Dichter ist ein ganzes Volk. Er ist das Land, das sich gegen Philipp II. von Spanien aufbäumt, wie es sich aufgebäumt -hat gegen das ganze hundertjährige Heer der Unterdrücker; es ist der Frohsinn unserer Bürger des 16. Jahrhunderts, es ist -der stille Glaube und Aberglaube dek Bauern .* „ unserer Ebene, es ist die ungestüme und lautere Liebe unserer Jünglinge, die reine, tiefe und starke Zärtlichkeit unserer Märchen. Das Buch von Ulenspiegel, geschrieben in einem altertümlichen Französisch, ist das erste, in dem sich unser Land wiederfindet. Ein tief im Boden der Heimat raurzelnder Mann hat es geschrieben und gezeichnet; es ist mehr als ein Bild: es ist ein Spiegel."
„Alles ist Sinnbild in diesem großen Buch unseres Volkes", erklärte Camille Semonnier, der erste, der ihn erkannte unb ihm die Grabrede hielt. Flanderns guter Geist ist in dem durch furchtbares Leib gereiften, zur Rache an den Feinden aufgestachelten, nie den Mut, nie das Lachen verlierenden Ulenspiegel verkörpert; ihm steht in Lamme Goedzak die ur= '» wüchsige Gesundheit, Sinnlichkeit und Kraft des Volkes zur Seite. Stele, des Helden zarte Geliebte, ist „Flanderns Herz".
Aber -das Lehrhaft-Allegorische der frühesten Arbeiten de Costers ist hier überwunden, im Feuer einer heißen Liebe zu Vaterland und Volk zu reiner Gestalt verklärt und geläutert. Wild lodern Haß und Grausamkeit, Wahn und Raserei in diesem wilden Jahrhundert; die Spanier und die Geistlichen sind mit einer fanatischen Ungerechtigkeit recht aus dem Geist
der Zeit geschildert, und die Orgien der leichtlebigen Masse haben etwa» von der grotesken Unfläterei des Brueghel, doch auch von seiner genialen Beobachtungsgabe atmen des Rubens animalische Inbrunst. Aber über dem Ganzen schwebt der Duft der Poesie, ein Glanz, den de Coster einma-l mit den Worten gefordert: „Der Poet mischt in die Brutalitäten des Lebens das zarte Gefühl, das auch im Fleisch noch den Abglanz -des Göttlichen sieht." Der Glaube an die Menfckcheit, an das Weib, an das Leben, an die Heimat triumphiert in -diesem Hymnus, der den Untertitel führt: „Ein fröhliches Buch trotz Tod und Tränen!"
Eilende Füße im Dschungel.
Von Hanna I e ch n e r - R h i e m.
Die liebe alte gelbe Postkutsche ist bei uns fast aus gestorben. Unb obwohl sie nicht mehr ins Tempo der Zeit paßt, blicken wir ost mit lacheln- -dem Sehnen in die sonnige Landschaft, benfenb, wie idyllisch und bieder- meierisch doch eine solche Schwindsche Postkutsche aussehen würde, wenn sie unten durchs Tal kröche. Aber darin sitzen! — das ist eine andere Sache, da doch der westliche Mensch immer Eile hat und nicht schnell genug Zeit- und Raum spann en durchrasen kann.
Daran -dachte ich, als ich in einer brütend heißen Nacht voll feltfamen Geflüsters im Reifehaus im kleinen Staat Vijyanagra-m faß. Mitten im Dschungel. Heute früh im Ochsenwagen angekommen, war ich vom braunen Koch, der ebenso demütig dienstb-e-flisfen.wie dreckig war, mit zahllosen tiefen Verneigungen und Sal-aams begrüßt worden und nach meinen Wünschen befragt wurde. „Bad, M-e-m Sahib?" Das wissen sie schon aus eigener Erfahrung, daß das bei -den Reiseunterbrechungen das allererste Bedürfnis ist. Während ich in dem köstlichen, aus tiefem Brunnenschacht geschöpften Naß wohlig plätscherte, hörte ich draußen in dem sonnendurch- glühten sandigen Hof das ängstliche Kreischen und Flattern der mageren Hühner, die ihr Leben lassen mußten, um mir ein stark mit rotem Pfeffer und — Ameisen gewürztes Frühstück zu verschaffen. (Ohne Ameisen- mischung kocht -der „Khansama" im Reise-Hous grundsätzlich nicht!) Mein Ochsenwagen stand im Schatten -des Hauses, während die beiden starken schönen weißen Rennochsen sch-ra-anzwedelnd unb wiederkäuend im Palmern dickicht lagen. Der unvermeidliche „Pankaku-li" hatte mir -den Tag hindurch mit lässigem Scbwin-gen des großen Fächers Kühlung verschafft, und jetzt in -der Nacht erwartete ich den Kameraden, der mir entgegenkommen wollte, um mich auf der letzten Endstrecke durch das -dickste Dschungelgebiet zu begleiten. .
Schweigend und träumend saß ich. 'Heber mir schwangen in leuchtendem Bogen die herrlichen Sterne der tropischen Konstellationen, leuchtend und funkelnd wie Riesenpupillen. Die Leute saßen singend und schwatzend um ihr Kohlenfeuer unter den Palmen. Ringsumher -das Kreischen der fliegenden Füchse, unb von fernher bas unheimliche beredte Schweigen der flüsternden Wildnis, in der Tausende von Augen funkeln, Tausende von gierigen Krallen und Zähnen im Kampf ums Dasein in blutdürstiger Freßlust sich regen. Kein zu benennender Laut, aber die ganze Atmosphäre erfüllt von dem heißpul-senden Nachtleben -des Dschungels.
Da . . . jetzt: Kling . . . tingting . . . Kling . . . tingting, in kurzem, rhythmischem Silberklang — nach wenigen Minuten -das Stapfen eilender Füße, noch ein paar Sekunden der keuchende Atem eines Menschen. Da taucht er auf, -die hagere, schweißtriefende Gestalt des „Dapali", des Postläufers, nackt bis auf einen von einem Gurt gehaltenen Fetzen von Leniden- tuch Aber der Gurt ist sein kostbarstes Besitztum, denn prangt nicht vorn das Monte Messingschilb, -das seinen Namen und Nummer und das geheiligte Runenzeichen der Post Hindostans trägt? Das ihn zu einem Würdenträger des allmächtigen „Sarkar" macht, der Regierung, etwas für ihn Unbegreifliches, aber sicher der Schatten einer großen Macht, die Über ihm waltet wie die Macht der Götter.
Zu den „unbesungenen Helden" gehören sicherlich diese armen, unwissenden Dschuna-elleute, die seit Generationen den Post-dienst des Riesen- reiches Indien in'aUen seinen Teilen vermitteln. — Geduldig seid ihr, mit Märtyrerblut in den Adern, ihr Armseligen und doch Großen, die ihr beim Höllenfeuer der Tropensonne, bei der Eiseskälte der schneibenden Himalayawinde, bei reißenden Ueberschwemmungen der Titanenströme weite Ebenen durchrennt, eure hageren Deine in schnellstem Laus schwingend, nicht um Rekorde zu gewinnen oder Ehre und Gold zu erlangen, um zu glänzen vor der Menge, sondern nur um kärglichen Lebensunterhalt. Aber euren schweren Postsack,' aus dem Kopf balanciert, ober übtr den Nacken geschlungen, betrachtet ihr als unverletzliches, anuertrautes Gut. Durch Tigerschluchten und ausgetrocknete Flußbetten geht euer Lauf, einen Pfad bahnend, wo keiner -ist, und Höhen ertlimmenb, mit zäher Geschicklichkeit wie die Bergziege. ,
Ehe Eisenbahnen und Autos Indien aus {einem JahrMufende alten Schlaf rissen, lieft ihr schon — überall sieht man eure Zickzackwege, belebt von den schnellen, fliehenden Füßen. Der Stab mit dem eintönigen, l-ieb- licben Klang der Glöckchen und Ringe läßt die Eilboten als Bringer froher Nachrichten erscheinen, als Bindeglied zwischen dem pulsenden Leben der Außenwelt und dem schweigenben, oft finsteren, oft lachenden, aber immer geheimnisvollen Leben der Wildnis.
Wie oft haben wir gesessen in tödlicher Langeweile, in quälender Erwartung, in sehnendem Heimweh, und das „Kling . . . tingting" eurer Glöckchen, von fernher an unser Ohr dringend, brachte Befreiung, Erlösung. Aber nicht nur verkündet das rhythmische klingende Ausstößen des Stabes schon von weitem die Ankunft -des Ersehnten — es hilft ihm selbst, den Weg freizumachen für seine Bahn. Langsam schleichende Ochsenkarren, hochmütig dreinschauenbe, dahersch-wank-enbe Kamelkarawanen, lässig wandernde Büffel- und Rinderherden weichen so hurtig, wie es ihr Phlegma gestattet, aus bem Wege. Selbst der königliche Elefant mit seiner Last ober mit feiner kostbaren Hauda, in der Fürsten Ober Jäger reifen, — unb er, als der intelligenteste wohl am schnellsten — läßt dem „Tapali" freie Bahn. Stumm, schwer atmend, jagt der dahin. Kein Fakir an der Wegseite, kein Wanderer, kein Bewohner der kleinen Lehmdörfer wagt es, außer dem segnenden Zuruf „Ram, Ram", ihn anzusprechen. Durch plaudernde und rauchende Gruppen, durch das enge Gewirr geschäftiger Basare trägt > ihn unaufhaltsam sein fliehender Fuß.


