tfnen tarnen, prüfenden Blick, sprang dann gewandt von seinem hoch- ; beiniqen Stuhl und sprach mit der Würde und dem -seloitbewußtsem s des gemachten Mannes: „Dein Vater wünscht, du sollst Kaufmann werden ^Leicht ist das nicht. Aber ich will's mit dir versuchen. Deine «chub Zeugnisse sind passabel. Das beweist nichts. Vier Wochen nehm ich dich U Probe Bist du anstellig und fleißig sollst du's nicht zu bereuen haben Gib dir Mühe. Das Wort Kaufmann ist so gin em Ehrentitel wie Hofrat, Obersteuerrat oder sonst was. Aber du lieber Gott, was sich letzt alles Kaulmann schimpft! Dafür hat die moderne Gesetzgeoung gesorgt. Na, dw von verstehst du noch nichts, Also pah auf, greif 3U und mach dich gleich nützlick " Er öffnete die Tür ein wenig, die nach dem Laden führte und rief- „Schmitz, Eckhard!" Zwei Ladengehülfen erschienen alsbald. „Das ist der neue Lehrling. Nehmen Sie sich seiner an S,e hatten die Weisheit auch nicht mit Löffeln gegessen, als sie zu mir kamen. Kem Meister ,a.lt vom Himmel. Seien Sie nachsichtig gegen den i-iingen Wann. Er kann lebt mal den Tee aus Friesland auspacken und aufs Lager ,etzen. Weisen Sie ihn zurecht. Run flugs, Stevens, an die Arbeit und die Hande oei'ü'bi’t*" . .
Herr Johann Emmerich Martinius schwang sich wie-der auf semen Kontorstuhl und vertiefte sich in die dicken Geschäftsbücher, die fern Arbeitspult bedeckten. Er hatte soeben den Jahresabscyluß vollendet und die beträchtlich» Gewinnsumme ermittelt, die er feinem Vevmogensbestand zu schreib en konnte. Nachdem er das Bilanzkonto abgestrichen und den stattlichen Saldo aufs neue vorgetragen, gefiel es ihm, in seinem Hauptbuch zurückzublättern und seine Blicke an -den schön geschwungenen Ziffern ( zu weiden, die Seite für Seite in chronologischer Uebersicht ein genaues Bild seiner großen Erfolge entwarfen. Vor zwanzig Jahren hatte er mit dreitausend Mark Geschäftskapital seine Kolonialwarenhandlung eröffnet. ‘ Fleiß, Intelligenz und Tatkraft halfen ihm rasch empor. Dabei kam ihm < d<r lebhafte Aufschwung, den Handel und Wandel in der aufblühenden Provinzial- und Universitätsstadt nahmen, sehr zustatten. Auch war er einer der ersten Saufleuie am Orte, die mit eignem Fuhrwerk die reichen Dörfer der Landschaft besuchen ließen und ihre Waren in größeren und kleineren Quantitäten unmittelbar an die Konsumenten absetzten. Da der Kundenkreis sich allmählich auf einen immer größeren Bezirk hin erstreckte, schien es ihm geraten, alljährlich zweimal Preislisten zu versenden, die ein genaues Verzeichnis der geführten Waren enthielten und in geschickt hineingeflochtenen Erläuterungen die Vorteile des Einkaufs bei der Firma Johann Emmerich Martinius priesen. In der ersten Zeit seiner bienenhaften, beinahe aufreibenden Tätigkeit stand ihm seine Frau wacker zur Seite. Es war ein harter Schlag für ihn, als sie nach der Geburt eines Knaben bettlägerig wurde und bald darauf starb. Nicht allein, daß nun die volle Last des umfangreichen Geschäfts auf Martinius' Schultern lag, ihn drückte auch die Sorge, daß er die Erziehung feines Kindes dem Dienstpersonal überlassen mußte. Zwar boten sich ihm nach Ablauf des Trauerjahres vorteilhafte Partien genug, allein er konnte sich nicht entschließen, eine zweite Ehe einzugehen. Es war ein Glück, daß der kleine Paul bei völlig gesunder Konstitution eine ruhige, gute Gemütsart zeigte und sich ohne besondere pädagogische Einwirkungen unter der Obhut einer alten Haushälterin vortrefflich entwickelte. Mit neun Jahren kam er aufs Gymnasium, rückte ohne Schwierigkeit Klasse, um Klasse auf und brachte so gute Zeugnisse mit nach Hause, daß sem Vater ernstlich daran dachte, ihn dermaleinst studieren zu lassen...
Der neue Lehrling bestand die Probezeit zur Zufriedenheit seines Prinzipals. Ohne Murren ließ er die Rüffel und Rippenstöße über sich ergehen und arbeitete unverdrossen weiter. Das machte auf Herrn Martinius Eindruck. Er befchied Edi nach vier Wochen zu sich und sagte: „Ich werde dich behalten. Von jetzt an kannst du bei uns Mittag- und Abendbrot essen. Mit i)er Lauferei nach Haus versäumst du mir zuviel Zeit."
An den gemeinschaftlichen Mahlzeiten der Firma Johann Emmerich Martinius nahmen außer dem Chef und seinem Sohn, die Haushälterin, Frau Krämer, das gesamte Geschäftspersonal und der Repetent, Herr Weizenlust, teil, der "feit Jahren im Hause zwei Mansardenstübchen bewohnte und dort oben in luftiger Höhe strohköpfigen Kandidaten der Jurisprudenz die Examenpauke hielt. Während des Essens wurde wenig oder gar nichts gesprochen. Nur zuweilen richtete Herr Weizenlust, der ungeheure Speisemengen vertilgte, an Paul Martinius das Wort und fragte ihn nach dem Aorist eines verzwickten griechischen Verbums. Paul gab dann in der Regel wissentlich eine falsche Antwort und belustigte sich dabei im stillen, denn er hatte längst herausgefunden, daß der Repetent im Griechischen nicht sattelfest war. Dieser aber sagte jedesmal: „Bene, mein Sohn! Quod erat demonstrandum!“ und wandte sich darauf an Herrn Martinius: „Das kann man nicht leugnen, der Paul macht sich exzellent!" .
Sonntag vormittag gestattete sich der sonst streng solide Herr Weizen- lust einen solennen Frühschoppen. Dann kam er in gehobener Stimmung zu Tisch. Seine fahlen, eingefallenen Wangen färbte ein brennendes Rot, seine großen, grasgrünen Augen strahlten ein unheimliches Feuer und unter allerlei sonderbaren Gestikulationen gab er zum Ergötzen der Tafelrunde ein Referat über feinen Wirtshausbesuch zum Besten: „Ich habe Ihnen 'mal wieder die Wahrheit gesagt, den Banausen! Da politisieren sie, schimpfen über die Reaktion und sind das bißchen Freiheit sticht wert, das sie genießen. Und spüren nichts davon, die Tröpfe, daß sie in einer Universitätsstadt wohnen, wo die Bildung sozusagen auf der Straße liegt. Ich ober bin aufgestanden und habe zwischen sie gedonnert: „Was $r da quasselt, ist Kohl! Drückt euren Karren und schweigt still. Wir Akademiker sind die wahren Priester des reinen Menschentums. Bäumt euch nur auf, euer Verstand hinkt uns doch nach. Ihr aber windet euch im Staub zu unfern Füßen, ihr Söldlinge!" Da hätten Sie bas Gejohle und das Gekläffe hören sollen. Mich faßte ein Grauen an.
„Pfui!" rief ich und ging. Nie wieder betret' ich die ver- damntte Kneipe!" Also entlud sich der erhitzte Repetent
und ehemalige Privatdozent. Am nächsten Sonntag sah er natürlich in derselben Gesellschaft ehrsamer Spießer, um aufs neue gefoppt und gehänselt zu werden.
Edi Stevens spielte in der neuen Welt, die ihn im Hause Martinius umgab, bei seiner Jugend und subalternen Stellung die Rolle des stillen
Beobachters. Allabendlich berichtete er dem Baier getreulich, was tagsüber tausendfältig auf ihn eindrang. Da sprach er mit leuchtenden Augen von Campma-, Ceylon- und Java-Kaffee, von Souchon- und Peccv-Tee in russischer und ostfriesischer Mischung, von Kakao und Raffinade, und entwickelte so gediegene Branchekenntnisse, daß der Meister seine helle Freude
daran hatte. , _
Und was glaubst du, Vater, was man bei Tisch alles profitieren kann? Da ist der Herr Weizenlust, ein sehr gescheiter Mann. Jedes Wort von dem ist furchtbar gelehrt. Und der Paul antwortet ihm nur griechisch. Das sprechen die zwei wie Wasser."
„Ich versteh' gar nicht," sagte Meister Stevens, ,/warum sich Herr Martinius mit dem heruntergekommenen Professor 'behängt. Das ist eine ganz falsche Gutmütigkeit. Der paßt mit seinen hirnverbrannten Redensarten weiß Kott nicht in ein gediegenes Kanftncmnshaus. Dem feine griechischen Brocken brauchst du mir nicht aufzufangen. Steck deine Rase lieber in die Heringstonnen und guck dich sonst im Geschäft um, daß was aus dir wird. Und mit dem Paul Martinius, das ist auch ein Sxoöfmn, dnß fein Vater partout einen Studenten aus ihm schnitzen will. Hat er nicht seinem Bub' ein hübsches Bett gemacht? Bronchi bloß hinem- zukrabbeln, der Kleine, und hat für sein Lebtag ausgesorgt. Ja, wenns den Leuten zu wohl ist!"
Das Verhälfnis, das zwischen Edi Stevens und dem Sohne stmes Prinzipals bestand, war sehr kühler Natur. Paul behandelte den „SÄst" mit einer verächtlichen Herablassung, die dieser in seines Nichts durchbohrendem Gefühle mit Ergebung ertrug. Nur als der geschwollene Pennal einmal die Bemerkung tzinwarf, „lieber StiHlsuchs werden, als jo n Ladenfritze", wagte Edi die Erwiderung: „Dein Baier steht ja auchhmtepm Ladentisch. Udn wenn's fein muß, springt er für zehn Pfennig die Leiter hinauf. Jdeißt du, ich an deiner Stelle tat mich doch schämen, so -befpet. tierlich von meinem Vater seinem Geschäft zu sprechen! Seitdem Paul in die Obersekunda versetzt worden war, machte sich in seinem ganzen Gebaren ein Umschwung bemerkbar. Er prahlte mit studentischen Ata- Nieren, sprach in burschikosem Tone und benahm sich öfters ungezogen, geradezu unehrerbieiia gegen seinen Vater. Eines Abends erschien er ftart angetrunken bei der Tischgesellschaft und torkelte mit den Worten: „Ihr könnt mir nicht beweisen, daß ich einen weg habe , un zimmer herum. Dem Taumelnden gab Herr Martinius eine schallende Ohrfeige und schickie ihn in5 Bett. Edi aber erfuhr vom Pensionär bei Nachbar Husschmldts, -der auf Unterprima sah, daß Paul Martinius in eine Schulerveromduna rezipiert" worden sei und jedenfalls als Student bei einem der drei Korps einspringen werde, die auf der Universität florierten. Dies e Scyuler- verbindung war nach Studentenart diszipliniert, hielt wöchentlich eine Kneipe ab und unterhielt fortwährend Beziehungen zu dern Korps, dem sie jedes Jahr zu Ostern eine Anzahl Fuchse liefert^ Paul brmichie viel Geld weit mehr, als sein Vater, der mit dem Pfennig rechnete, an
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die Kommis besuchten den Gottesdienst, Edi Stevens aber batte : enl?e
halbe Stimde vor Geschäftsbeginn ins Kontor begeben uni) studierte tn einem dickleibigen Handbuch für junge Kaufleute. Da sah er durch das Schiebfensterchen, das über feinem Pult angebracht war, den Sohn seines Chefs im dämmerigen Loden herumschkeichen. Dieser glcmbre sich offenbar nickt beobachtet. Dor -der verschlossenen LadenkE blieb et'H™, tan« tierte am Schloß und probierte verschiedene Schlussel. Edi stockte oa-> i Mut in den Adern. Blitzschnell schoß er in den Laden hinunter und packte den Lotterbuben mit eisernen Fäusten.
„Paul, was tust du? Du sollst dich schämen. Du stiehlst!
Der (Ertappte machte sich mühsam los und schrie todblaß mit heiserer
Stimme: „Du lügst!" . , . „ . „
„No wart' nur, ich fag’s deinem Vater, |amte er heimkommt.
„Ich bitt' dich, Stevens," heulte Paul plötzlich, „tu s nicht. Du machst mich kaputt!"
(Fortsetzung folgt.)
Charles de Coster.
Zu seinem hundertsten Geburtstag.
Von Dr. Friedrich Spreen.
Es ist das Zeichen jeder großen Dichtung, daß sie nicht nur in ihre Seit wirkt! ja, echte Poesie, die stets voller Zukunft ist, ward häufig von den Mitlebenden des Schöpfers nicht verstanden, kaum beachtet, um st pater desto strahlender am Himmel der Kunst emporzusteigen. Em Beispiel dafür ist de Costers Schicksal, und das Schicksal seines Lebenswerks des Ul en spiegel". Als diese unsterbliche „Bibel des belgischen Volkes erschien da wurde sie von den wenigen Kennern, die den kostbaren germanischen Gehalt in dieser französischen Form als einen Leckerbissen genossen, begeistert begrüßt, aber die Vlamen, deren Wesen hier so unvergleichlich gemalt ist, störte die romanische Form, ine dm Romanen wieder unfranzösisch erschien. So drang das Werk nicht durch und sein ck starb 1879 arm und einsam mit feen stolzen Worten: „Ich bin von denen, die zu warten wissm." Erst als die von ihm ausgeroorfene ©oat aujgmg und reiche Frucht trug, als eine starke, eigne belgische und besonders v mische Kunst erstand in den Eckhout und Lemonrmer, ^ero haeren und Maeterlinck, den Meunier .und Minne mo Maris, fea erinnerte man sich des Vaters und Begründers dieser
3e%n Deutschland erzählte von dem in München Geborenen noch vor zwanzig Jahren kein Konversationslexikon, und als dann ' .
linck -U eb ersetze r, Friedrich von Oppeln - Vroniekowsro und Albert Wessel ski, gleichzeitig jeder 1909 eine .Uebersetzung^s „Ulenspiegel" ankündigten, schrieb das „Literarische Echo : „Das bechuckte Deutschland, das fast ein halbes Jahrhundert nichts von TUchtmig de Costers wußte, erhält jetzt diesen „Eulenspiegel gleich in doppelter Ge statt itnfe kann nun wie Buridans Esel schwanken, welchen es sich soll. Das Publikum für derartige Werke ist aber Nicht S^otz llonug, batz zwei Uebersetzer und zwei Verleger auf ihre Kosten kommen


