Eichener ZamWenbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang $927 Samstag, den 28. August " ' Kummer 66
Sommer.
Von B. Kohfahl-Münter. Blau der Himmel und irgendwo schwimmt ein Wölklein sommerselig — Sonnentrunken geht mein Fuß den schmalen Pfad durch Aehrenfelder.
Zärtlich fühlen meine Hände, die ich nusgebreitet streichen lasse, über all dies Wogen — Zittern — Beben —, fühlen sie dies heiße Leben, dieses fruchtbetad'ne Beugen bei dem kleinsten Windeshauch. Flammend leuchtet Mohn dazwischen, brennt wie wilder Sinnentaumel, lacht ein ganz betörend Lachen »om Vergessen und vom Traumen. Da -..... ein wildes Grollen schreckt mich!
Ach — mein sommerselig Wölkchen ist zur schwarzen Drohung angewachsen. Blitze schrecken schon zur Erde nieder, bannen mich durch Furcht zu Boden Und im Donnern und im Blitzen höre ich ein Sensenklirren durch die tiefgebeugten Halme, höre ich den leisen Tritt dessen, der da irgendwo lauert — hinter einem großen Steine — in dem Schatten eines Baumes in dem Weben eines Traumes — hinter einem kleinen Wölklein — irgendwo — unentrinnbar.
EDi Stevsns.
Novelle von Alfred B o ck.
I.
Er war einer der Letzten, die der Pfarrer einsegnete. Unter brausenden Orgelklängen drängte die festtägliche Menge aus der Kirche. Er stand wie betäubt und vermeinte die Hand des Geistlichen noch zu verspüren, die auf seinem Haupte geruht. Der Pfarrer hatte es feierlich ausgesprochen, er war jetzt in die Gemeinde erwachsener Christen ausgenommen. Gewiß eine ernste Mahnung, künftig den alten Advokaten Kollevmann nicht mehr an den Rockschößen zu zupfen, wenn er abends pustend und hustend aus dem Wirtshaus kam, und im Herbst bei Nachbar Hufschmidts keine Mirabellen mehr zu mausen, überhauvt hübsch daheim zu bleiben, wenn die bösen Buben kamen, ihn zu allerhand dummen Streichen zu verlocken. Mit der Schule war's jetzt vorbei. Er wußte noch gar nicht, was der Vater mit ihm vorhatte. Aber arbeiten wollte er, wenn's darauf ankäme, für zwei. Er war ein gesunder, starker Bursche. Wenn er im Hofe Kleinholz machte, daß ihm der Schweiß von der Stirne tropfte, sagte die Mutter ganz glücklich: „Siehst du, Edi, es ist gut, wenn einer viel Grütze im Kopf hat. Mer mit ein paar derben Fäusten kommt man vorweg durch die alte und durch dis neue Welt."
Er trat hinaus auf den Kirchenplatz, wo ihn die Eltern erwarteten. Die Meisterin humpelte gleich nach Haufe mit ihren gichtbrüchigen Beinen. Meister Stevens aber sagte: „Die Mutter kocht uns jetzt was Gutes auf den Mittag. Derweil wollen wir noch einen Gang vor die Stadt machen. Komm, Edi!"
Sie schlugen den nächsten Weg ein, der sie ins Freie führte und wandten sich über weitgsdchntes Wiesengelände schreitend dem Stadtwald 5u. Links und rechts vom glänzenden Kiespfad schoß das Gras in lungen Trieben empor. Dazwischen steckten die ersten Frühlingsboten, Rltterfporn, Sturmhut und Hahnenfuß, neugierig die Köpfchen heraus. Fernab stiegen aus dem feuchteir Grunde weiße Nebelwölkchen himmelwärts. Und die Sonne übergoß sie mit einem Strahlenmeer, daß sie wie flammende Schiffchen dahinzogen und erst in beträchtlicher Höhe m tausend Funken versprühten. Ofterherrlichkeit! Und Osterfreud« zog . n ~<?1$;n durch das Herz, da sie die Fülle von Dust und Glanz m sich aufnahmen und mit ihren Blicken das Bild der lieblichen Gegend umspannten. a
"Aust so'n Wetter war's vor dreißig Jahren," hob Meister Stevens L"-. "M« ich meinem Lchrherrn, dem alten Prickel in der Hintergasse, tagte, das Felleisen über den Buckel warf und auf die Wander- icyast ging. In Offenburg hab ich mein Meisterstück gemacht, wie's dazu
mal Brauch war: ein Paar Reiterstiefel, ein Paar kalbslederne Schuh' und ein Paar Pantoffel. Da könnt' man noch sagen, Handwerk hat einen gold'nen Boden. Hab' manchen Meister gekannt, der sich seine fünfzig, tausend Gulden und mehr zusammengeschustert hatte. Aber heutzutage, daß Gott erbarm! Die Schuhfabriken hat der Satan uns zum Tort in die Welt gebracht. Da kann unsereins nicht mehr mit. Höchstens, daß mnn sich seine alte Kundschaft erhält. Sonst gibt's nur noch allerlei Flickwerk. Es muß denn sein, daß sich 'mal ein Klumpfuß zu einem ver- tauft. Da ist nichts mehr darüber zu reden. Also in die Werkstatt, Edi, nehm' ich dich nicht."
„Wie ich so'n kleiner Knirps war," sagte Edi und ein Lächeln überflog fein Gesicht, „wollt' ich Konditor werden. Und da hat mich die Mutter zu Kleins geschickt, ein halb Pfund Kandiszucker zu holen. Und da hab' ich mir nur für zehn Pfennig zuwiegen lassen. Und für zehn Pfennig hab' ich mir Zuckertäubchen gekauft und gleich verschleckert. Wie ich mit dem kleinen Dutchen angekommen bin, hat die Mutter gefragt: ,Warum hast du denn so wenig Kandis gekriegt?" „Ei, ich hab' ein Zehnpfennigstück in die Gosse fallen lassen", hab' ich gesagt. Und da ist die Mutter zu den Kleins gegangen und hat die Geschichte von den Zuckertäubchen gehört. Und da hat's furchtbare Prügel gesetzt."
„Du kannst dir gratulieren, daß ich jelbigmal nichts davon gewußt hab- Warum hast du so sündhaft gelogen, Süßmaul?"
„Ich hab's gewiß nie wieder getan", beteuerte Edi und wurde puter- rot. ,Llb«r den Kleins bin ich nicht mehr ins Haus gegangen. Und mit dem Konditorwerden war's aus."
„Es wär' auch das letzte Geschäft, bas ich für dich ausgesucht hätte." „Ja, Vater, was denkst du denn jetzt, wo du mich hintrm willst?" „Eben wollen wir davon sprechen. Vorgestern hab' ich den Herrn Mar. tinms in der Armensitzimg getroffen. Und er meint, wenn du Lust hatt'st und willig wär'ft, macht ec's probieren mit dir."
„Sn werd' ich aber noch lange bei Euch ins Brod gehen müssen, Vater."
Drei Jahre lernst du Kaufmann. Hernach steht dir die ganze Wett offen."
„Ja, aber die vielen Artikel, die der Herr Martinius führt. ®i« be« komm' ich dann die in den Kopf?"
„Einen nach dem andern, dummer Kerl. Das kriegst du ins Gefühl, wie ich beim Leder. Da kann mir auch keiner ein X für ein U vormachen. Also da ist nichts mehr darüber zu reden. Morgen behälft du deinen Sonntagsstaat an und präsentierst dich dem Herrn Martinius."
„Wann ich aber gleich arbeiten muß, mach ich mich ja dreckig."
„Sto, dann nimmst du deinen Ftausrock mit und ziehst dich hält um. Wo du das erstemal zu deinem Prinzipal kommst, sollst du adrett aus- sehen." —
Ms der Meister und sein Sohn eine Stunde später heimkehrten, fanben sie in der „guten Stube" die ganze Nachbarschaft bei der Gratulations- mstte versammelt. „No, Stevens," sagte der Hutmacher Schmidt, „Dein Edi soll Kaufmann werden. Du willst ja hoch hinaus. Wann's nur glückt!"
„Weiß der Kuckuck," Meß der Ausschellsr Noll heraus, „was für ein Geist in Euch Handwerkslent gefahren ist. 's ist doch gerad, als tätet Ihr Euch Eurer Zunft schämen. Denn Eure Buben müssen heutzutage alle Ladenschwengel oder Kontordrücker werden. Da soll man sich wundern, daß der kernhafte Handwevkerstand zum Teufel geht. Nein, Stevens, das gefällt mir gar nicht, daß du deinen Bub Lern Martinius gibst."
„Und wenn schon, warum gerade dem Martinius?" näselte der Gs- würzkramer Franzmann. „Der Martinius bringt das ganze Geschäft auf den Hund. Er verdirbt alle Preise und läßt alle Dörfer abklopfen, 's kommt kein Mensch mehr in die Stadt. Und da bat man die Ware liegen und kann sie nicht an den Mann bringen. Gehn Sie mir weg, Herr Stevens, mit so ’ner Konkurrenz."
--Äch muß aber sagen," ließ sich der Lehrer Gebhard vernehmen, ,cher Martinius ist ein rühriger Mann, von früh bis spät auf dem Posten. Und die Preislisten, die er zu Tausenden verteilt, haben Schick. Und dazu schreibt er jedes Jahr ein Vorwort, akkurat wie ein Schriftsteller. Ja, da« können Sie gar nicht leugnen, meine Herren, da werden einem die Sachen so mundgerecht gemacht, da nrutz man kaufen. Ich glaube wirklich, Herr Stevens, der Edi wird bei dem Herrn Martinius eine gute Schule durch- machen."
Meister Stevens lächelte still vor sich hin und vermied es, sich mit seinen Nachbarn in eine Diskussion über die zukünftige Laufbcchn seines Sohnes einzutassen. Als die Gratulanten sich verschiedet hatten, und Fvau Stevens die dampfende Suppe auftrug, sagte er behaglich: ,Latzt die Leute nur schwätzen. Was wohl dabei hevauskommt? Wir gehen unfern Weg für uns. Du hast jetzt die Ohren zu spitzen und dich zu tummeln, Edi. Der Herr Martinius soll Freude an dir erleben. Das bitt' ich mir aus. Und weiter ist nichts mehr drüber zu reden." —
Am anderen Morgen Glockenfchlag sieben trat Edi schüchtern in das Kontor des Herrn Johann Emmerich Martinius. Dieser, ein kleiner kor- pulenter Herr mit lebhaften grauen Augen, warf auf den Ankömmling


