Ausgabe 
19.11.1927
 
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stehen, schauten nach ihin, lachten weidlich und schlossen sich an, so daß nach und nach ein ungeheurer Zug uv« Dienern aller Art sich die Treppe des Palastes hinaufbewegte; die Stallknechte ivarsen ihr« Striegel weg, die Läufer lliefe», was sie konnten, die Teppichbreiter vergaßen die Teppiche auszuklopfeu, olles drängte und trieb sich, es war ein Gewühl, als sei der Feind vor den Toren, und das Geschrei:Ein Zwerg, ein Zwerg! Habt ihr den Zwerg gesehen?" füllte die tiüfte.

Da erschien der Aufseher des Hauses mit grimmigem Gesicht, eine ungeheure Peitsche in der Hand, in der Türe.Um des Himmels willen, ihr Hunde, was macht ihr solchen Lärm! Wisset ihr nicht, daß der Herr noch schläft?" und dabei schwang er die Geißel und lieh sie unsanft auf den Rücken einiger Stallknechte und Tierhüter niedersatten.Ach Herr!" riefen sie,seht Ihr denn nicht?" Da bringen wir einen ^stoerg, einen Zwerg, wie Ihr noch feinen gesehen." Der Palastnufseher zwang sich mit Mühe, nicht laut aufzulachen, als er des Kleinen ansichtig wurde; denn er fürch­tete, durch Lachen seiner Würde zu schaden. Er trieb daher mit der Peitsche die übrigen hinweg, führte den Kleinen ins -haus und fragte nach seinem Begehr. Als er hörte, jener Malle zum Küchenmeister, er­widerte er:Du irrst dich, mein Söhnchen; zu mir, dem Aufseher des Hauses, willst du; du willst Leibzwerg Erden beim Herzog; ist-es nicht also?"

Nein, Herr!" antwortete der ZtueW.Ich bin «in geschickter Koch und erfahren in allerlei seltenen Speisen; wollet mich zum Oberküchen­meister bringen; vielleicht kann er meine Kunst b ranztet!.''

Jeder nach seinem Willen, kleiner Mann; übrigens bist du doch ein unbesonnener Junge. In die Küche! Ws Leibzwerg hättest btt keine Arbeit gehabt unb Essen unb Trinken nach Herzenslust und schöne Kleider. Doch, wir wollen sehen. Seine Kunst wird schwerlich ft> weit reichen, -als ein Mundkoch des Herrn nötig hat, und zu-m Küchenjungen bist bu zu gut." Bei diesen Worten nahm ihn der Aufscher des Palastes bei der Hand nnb führte ihn in die Gemächer des Oberküchsmneistörs.

Gnädiger Herr," sprach dort her Zwerg und verbeugte fich 'so tief, daß er mit der Nase den Fußteppich berührte, ,Krauchet Ihr keinen ge­schickten Koch?"

Der Oberküchenmeister betrachtete ihn vorn Kopf bis zu den Füßen, brach dann in lautes Lachen aus und 'Mach:Wie?" rief er,du ein Koch? Meinst bu, unsere Herbe seien so niete ixt, bah du nur auf einen bmaufschauen kannst, wenn du dich auch -auf die Zehen stellst unb den Kopf recht aus ben Schultern Herausarbeitsst? O, lieber Kleiner! Wer dich zu mir geschickt hat, um dich als Koch zu Verdingen, der hat dich zum Narren gehabt." So sprach der Merküchemnelster und lachte weiblich, mit ihm lachte der Aufseher des 'Pamsties üNd M« ©jener, die im Zimmer waren.

Der Zwerg aber ließ sich nicht aus ter Fassung bringen.Was liegt M einem Ei oder zweien, an ein wenig Sirup und Wein, an Mehl und Gewürze in einem Haufe, wo man dessen genüg hat?" sprach er.Gebet mir irgendeine leckerhafte Speise zu bereiten auf, schasset mir, was ich dazu brauche,-rmd sie soll vor Euren Augen schnell bereitet sein, und Ihr sollet sagen müssen: er ist ein Koch nach Regel und Recht." Solche unb ähnliche Reden führte der Kleine, und es war wunderlich anzu- schauen, wie es dabei aus seinen °kleinen Aeuglein hervotblitzte, wie seine lange Nase sich hin und her schlangelte und seine dünnen Spinnenfinger seine Rede begleiteten.Wohlan!" rief der 'Küchenmoister und nahm den Aufseher des Palastes unter dem Avme.Wohlan, es fei um des Spaßes willen, lasset uns zur Küche gehen'" Sie gingen durch mehrere Säle und Gänge und tarnen endlich in öi «Küche. Es war dies ein großes, weit­läufiges Gebäude, herrlich eingerichtet-, auf zwanzig Herden brannten beständig Feuer, ein klares Wasser, das zugleich gtmt Fischbshätter diente, floß mitten durch sie, in Schränken von Marmor und köstlichem Holz waren die Vorrats aufgestellt, die Man immer zur Hand haben mußte, irrtb zur Rechten uüd Linken waren zähn Säle, In wälchen alles aufge­speichert war, was man in allen Bändern von Frmckistan unb selbst im Morgenlande Köstliches und Leckeres für Den (Snmnen erfunden. Küchen- bedienten aller Art liefen umher und rasselten und hantieren mit Kesseln unb Pfannen, mit Gabeln und Schaumlöffeln; als aber der Oberküchsn- meister in die Küche eintrat, blisbsn sie Äle -regüngslos stehen, unb nur das Feuer hörte man noch knistern und das BäHlein rieseln.

Was hat der Herr- heut« zum Frühstück befohlen?" fragte der Meister ben ersten Frühstückmacher, einen alten Koch.

Herr, die dänische Suppe hat.er geruht zu befehlen und rote Ham­burger Klößchen."

Gut," sprach der Küchenmeister weiter,hast bu gehört, was der Herr speisen will? Getraust du dich, diese schwierigen Speisen zu be­reiten? Die Klößchen bringst du auf keinen Fall heraus, .das ist ein Ge- heimnis."

Nichts leichter als Vies," erwiderte zu allgemeinem Erstaunen der Zwerg; denn er hatte diese Speisen als Eichhörckcheu vst gemacht;nichts leichter! Mau gebe mir zu der Suppe die und die Kräuter, Vies und jenes Gewürz, Fett vdn einem aJilben Schwein, Wurzeln unb Eier; zu ben Klößchen aber," sprach er leiser, daß es nur der Küchenmeister und der Frühstückmacher hören konnten,zu deck Klößchen brauche ich viererlei Fleisch, etwas Wein, Entenschmalz, Ingwer und ein gewisses Kraut, das man Magentroft Heißt."

,F)a! Bei St. Benedikt')! Bei welchem.Zauberer haft du gelernt?" rief der Koch Mit Staunen.Wes bis auf ein Haar hat er gesagt, und das Kräutlein Wagenkroft haben wir selbst nicht gewußt; ja, das muß es noch angenehmer machen. O du Wunder von einem Koch!"

Das hätte ich nicht gedacht", sagte der Vbekküchenmeister. ».Doch lassen wir ihn bis Probe machen! Gebt ihm die Sachen, die et verlangt. Geschirr und alles, imv lasset sihn das Ftuystück bereiten!"

*) St. Benedikt, um 480 in Nursia bei Sstoteto gekwoen, 21. März 04L- testteben, durch das von ihm ZW gegründete Kloster Monte Cajsino der Slister des MenedMickerörtecks.

Man tat, wie er befohlen, und rüstete alles auf dem Herde zu; aber da fand es sich, daß der Zwerg kaum mit der Nase bis an den Herb reichen konnte. Man setzte daher.ein paar Stühle zusammen, legte eine Marmorplatte darüber unb lud den kleinen Wundermann ein, sein Kunst- stück zu beginnen. In einem großen Kreist ftartten die Köche, Küchen- jungen. Diener unb allerlei Volk umher und sahen zu und staunten, wie ihm alles so flink und fertig non bei Hand ging, wie er alles so reinlich und niedlich bereitete. Als er mit der Zubereitung fertig war, befahl er, beide Schusseln ans Feuer zu setzen und,genau so lange lochen zu lassen, bis er rufen werde; dann fing er an zu zählen, eins, zwei,' drei und so fort, und gerade als er Fünfhundert gezählt hatte, rief er:Halt!" Di« Töpfe rourben weggesetzt, und der Kleine lud den Küchenmeister ein, zu kosten.

Der Mundkoch ließ sich von etaem Küchenjungen einen goldenen Lössel reichen, spült« ihn im Bach und überreichte ihn dem Oberküchen» meister. Dieser trat mit feierlicher Miene -an den .Herd, nahm von den Speisen, kostete, drückte die Augen zu, schnalzte vor Vergnügen mit der xiimge und sprach bann:Köstlich, bei des Herzogs Leben, köfllick! Wollet Ihr nicht auch ein Löffelein zu Euch nehmen, Aufseher des Palastes?" Dieser verbeugte sich, nahm ben Löffel, kostete unb mar vor Vergnügen unb Lust außer sich.Eure Kuckst in Ehren, lieber Frühstücksmacher, Ihr selb ein erfahrener Koch; aber so herrlich habt Ihr weber die Supp« noch die Hamburger Klöße machen können!" Auch der Koch verslicht« jetzt, schüttelte bann dem Zwerg ehrfurchtsvoll die Hand und sagte: Kleiner! Du bist Meister in der Kunst. Za, das Kräutlein Magentrost, das gibt allem einen ganz eigenen -Reiz."

In diesem Augenblick kam der Kammerdiener des Herzogs in bte Küche und berichtete, daß der Herr bas Frühstück verlange. Die Speise« wurden nun auf silberne Platten gelegt und dem Herzog zugeschickt; der Oberküchenmeister aber nahm den Stehlen in sein Zimmer unb unter­hielt sich mit ihm. Kaum waren fie aber halb so lauge da, als man ein Paternoster spricht, so kam -schon ein Bote und rief den Oberküchen- meister zum Herrn. Er kleidete sich schnell m sein Festkleid imb folgte dem Boten.

Der Herzog sah sehr vergnügt aus. -Er harte alles aufgezehrt, was auf den silbernen Platten gewesen war, und wischte sich eben ben Bart ab, als der Oberküchenmeister zu ihm eintrat.Höre, Küchenmeister," sprach er,ich bin mit deinen Köchen bisher immer sehr zufrieden ge­wesen; aber sage mir, wer hat heute mein Frühstück bereitet? So köst- lich war es nie, seit ich auf dem Thron meiner Väter sitze; sage an, wie er heißt, der Koch, daß mir ihm einige Dukaten zum Geschenk schicken."

Herr, das ist eine wunderbare Geschichte". antwortete der Oberküchen­meister und erzählte, wie man ihm checkte früh einen Zwerg gebracht, der durchaus Koch werden wollte, und wie fich -dies altes begeben. Der Herzog verwunderte sich höchlich, ließ den Zwerg vor sich rufen und fragte ihn aus, wer er sei und woher er komme. Da konnte nun der arme Jakob freilich nicht sagen, daß er verzaubert worden sei und -früher als Eich­hörnchen gedient habe; doch blieb er bei der Wahrheit, indem er er­zählte, er sei jetzt ohne Vater und Mütter und habe bei einer alten Frau kochen gelernt. Der Herzog fragte nicht weiter, sondern ergötzte sich an der sonderbaren Gestalt seines neue« Koches.

Willst du bei mir bleiben," sprach er,so will ich dir jährlich fünfzig Dukaten, ein Festkleid und noch Überdies zwei Paar Beinkleider reichen lassen. Dafür mutzt bu aber täglich mein Frühstück selbst bereiten, mußt angeben, wie das Mittagessen gemacht werden soll, und über- Haupt dich meiner Küche annehmen. Da jeder in meinem Palast seinen eigenen Namen von mir empfängt, so sollst du 'Nase heißen und die Würde eines Unterküchenmeisters bekleiden."

Der Zwerg Nase fiel nietet vor dem mächtigen Herzog in Franken­land, küßte ihm die Füße unb versprach, ihm treu zu bienen.

So war nun ter Kleine fürs erste versorgt, unb er machte feinem Amte Ehre. Denn man kann sagen, daß der Herzog ein ganz anderer Mann war, während der Zwerg Nase sich in seinem Hause aufhielt. Sonst hatte es ihm oft beliebt, die Schüsteln oder Platten, die man ihm auftrug, den Köchen an den Kopf zu werfen; ja, dem Oberküchen­meister selbst warf er im Zorn einmal einen gebackenen Kalbsfuß, der nicht weich genug geworden war, fo heftig an die Stirne, daß er um­fiel und drei Tage zu Bett liegen -müßt«. Der Herzog machte zwar, was er im Zorn getan, durch einige Hände vsll Dukaten wieder gut; aber dennoch war nie ein Koch ohne Ztttsru unb Zagen mit den Speisen zu ihm gekommen. Seit der Zwerg im Hause »ar, schien alle« wie durch Zauber umgewanbelt. Der Herr jetzt statt dreimal des Tages fünf­mal, um sich an ter Kunst feines kleinsten Dieners recht zu laben, unb dennoch verzog er nie eine Miene zum Unmut. Mein, er fand alles neu, trefflich, war leutselig und angenehm und -wurde von Tag zu Tag fetter.

Oft ließ er mitten unter der Tafel ben Küchenmeister unb den Zwera Nase rufen, setzte den einen rechts, den andern links zu sich unb schon ihnen mit seinen eigenen Fingern einige Bissen der köstlichen Speisen in den Mund, eine ©nabe, welche fie beide wohl zu schätzen wußten.

Der Zwerg war das Wunder der Stadt. Man erbat fich flehentlich Erlaubnis vom Oberküchenmeister, den Zwerg kochen zu sehen, unb einige der vornehmsten Männer hatten es so weit gebracht blim Herzog, daß ihre Diener in der Küche beim Zwerg Unterrichtsstunden genießen durften, was nicht wenig Geld -eintrug; denn jeder zählte täglich einen yulben Dukaten. Und um die übrigen Köche bei guter Laune zu er­halten unb sie nicht neidisch zu machen, überüeß ihnen Nase das Geld, das die Herren für den Unterricht ihrer Köche zählen mutzten.

(Schluß folgt.)

Dr. D^nsMchrf-ock. - »« uckh Btzvlo.g: BrLhl'lche Uni Verl itälS-'Luch. unb StettedrVÄer«';, N.Kange, Wetzen.