Unferc Unterhaltung berührte nun bald dieses, bald jenes Gebiet. Ich gebe das Bemerkenswerteste wieder.

Die Menschen, die nach der Uhr leben und in Regelmäßigkeit aufgehen, haben meist einen qualvollen Tod. Man erfährt es gegen­wärtig wieder am Papst. Auch Bismarck liefert ein Beispiel dafür."

Der Wandertrieb des Menschen vom Osten ist uralt. Daß die Russen, endlich gar die Chinesen sich mit unserer Rasse vermischen, wird ihr gar nichts schaden."

Don Goethe interessieren mich jetzt am meisten seine gelehrten, insbesondere seine naturwissenschaftlichen Arbeiten. Welche Weisheit steckt in der Farbenlehre! Wer als junger Mensch sagt, daß er Goethe verstehe, schwindelt. Erst als gereifter Mann lernt man ihn nach seinem vollen Wert schätzen und begreifen."

Sn Stuttgart lebte ich (18621870) inmitten geistreicher Männer: Rotter, der Goethe besucht hatte, Bischer, der mir nicht ange­nehm war, David Friedrich Strauß, Gutzkow und Freilig - rath. Abends bei unfern Symposien flogen nur so die Funken."

Ich war siebzig Jahre alt geworden, und die Herren Rezensenten hatten sich wenig oder gar nicht um mich gekümmert. Das war mein Glück, denn ich bin auf diese Weise in aller Stille meinen Weg ge­gangen und bin ich selbst geblieben."

Ich lese jetzt wieder, was mir in der Jugend gefallen hat. Romane moderner Autoren bringen ich selten zu Ende."

Einen Krieg aus politischen Motiven haben wir kaum zu be­fürchten, aber ein Religionskrieg ist noch gar wohl möglich."

Merkwürdig ist es mit dem Lebenstrieb. Es geht jemand mit dem ernsthaften Entschluß an das Flußufer, sich zu ertränken. Im Augen­blick, da er ins Wasser gehen will, tritt ihm ein Wegelagerer ent­gegen und bedroht sein Leben, das er nun aufs äußerste verteidigt, obgleich er eben im Begriff gewesen war, es wegzuwerfen."

Don Jean Paul habe ich nicht viel gelesen, aber daß er mir wesensverwandt ist, fühle ich."

Als H e y s e sMaria von Magdala" in Berlin verboten wurde, ließ der Großherzvg von Oldenburg das Drama aufführen. Die kleinen Staaten haben bis auf diesen Tag ihr Gutes."

Meine Lebenserinnerungen schreibe ich nicht auf, das ist jetzt zur Manie geworden."

Ein paar Stunden waren rasch verflogen, die sinkende Sonne mahnte zum Aufbruch, und ich verabschiedete mich von Meister Raabe. Ein paar Tage später schrieb ich ihm aus der Heimat, und er schrieb mir wieder:

Daß es Ihnen in Braunschweig gefallen hat, freut mich, ebenso Ihre Teilnahme an meinem k. k. Schieferdeckermeister Schönow. Gibt es noch Berliner? In der Hoffnung auf ein behaglich Wiedersehen mit freundlichen Grüßen

Ihr ergebener

Wilhelm Raabe."

Im künftigen Jahr, wenn die ßüfte wieder milder wehen, so hatte ich mir vorgenommen, wollte ich mein Ranzel packen und aufs neue gen Braunschweig pilgern, mich am Iungborn Raabeschen Geistes zu erquicken. Freilich ist es bei diesem Vorhaben geblieben. Raabe hat mir in seiner goldklaren, frohgemuten Weise nach ein paar Briefe geschrieben, die ich als kostbares Andenken an einen unserer großen Dichter bewahre.

Der Kinderfchirm.

Don Wilhelm Scharrelmann.

Es war nicht allzu häufig, aber e8 kam doch vor, daß ich ihn gern einmal aufsuchte und eine Stunde mit ihm verplauderte, so schrullenhaft und wunderlich er mit der Zeit auch geworden war. Ganz in seine Welt versponnen. Hauste er, ein einsamer alter Jung­geselle, in seiner Mansardenwohnung, wie in einem kleinen Museum. Sin Unkundiger, der seine Zimmer zum ersten Make betrat, hätte annehmen können, zu einem Kuriositätensammler gekommen zu sein, so viel zwecklose und wunderliche Dinge waren in den kleinen Stuben. Gegenstände, die an sich wertlos waren, an denen aber für ihn irgendein Erinnerungswert hing. Die belanglosesten Richtigkeiten waren darunter, die jeder andere unfehlbar zum Kehricht geworfen hätte.

Das Geheimnisvollste waren die beiden alten Mahagonischränke, die mit grünseidenen Gardinen hinter den Glasscheiben ihrer Türen die Längswand seines kleinen Wohnzimmers einnahmen. Rur einige Male habe ich einen Blick in die Welt tun dürfen, die sich in diesen Schränken zusammendrängte. Alte Pfeifenköpse lagen darin, und Zigarrenspitzen aus jedem denkbaren Material, Scherzartikel von Jahrmärkten, zerlesene alte Iugendschriften, ein wahrhaft vorsint­flutliches Opernglas, weiß der Kuckuck, was er da alles zu­sammengetragen hatte und welche Erinnerungen sich für ihn damit verbanden.

Eines Abends komme ich zu ihm, da sitzt der alte Knabe hinter einem Glase Wein am Tisch, einen Regenschirm über dem Kopf, als regne es ihm durch die Decke, raucht eine Zigarre und lächelt mich augenzwinkernd an.

Du kommst zu einer auserwählten Stunde," sagte er feierlich und schenkt mir ein.Ja, was stehst du denn und gaffst? So leg' doch endlich ab...

Der Schirm," stammelte ich.Es ist das schönste Frühlings­wetter draußen, und wenn du Regen und dazu einen Schaden im Dach vermutest, wäre es doch nachher immer noch früh genug.

Mach keine Scherze," sagte er,oder hältst du mich für einem Rarren?"

Beileibe nicht," beteuerte ich.Darum wundere ich mich ja gerade."

Es war ein unglaubliches Möbel, das er tote ein Mandarin über seinem Kopfe hielt, klein und verbogen und mit einem Hand­griff, der für eine Kinderhand berechnet schien.

Aber durch Erfahrungen gewitzigt, wagte ich nicht mit Fragen in ihn zu dringen, nahm Platz und begann von anderem zu reden.

Es ist ein Kinderschirm," kam er dann auch nach einer Weils selber aus den Gegenstand meiner Verwunderung zurück, wirbelte den Griff herum und ließ den Schirm über seinem Kopfe kreisen.

Ratürlich," murmelte ich,ein Kinderschirm. Auch scheint er nicht mehr ganz neu zu sein."

Sechzig Jahre auf den Tag," nickte er und weidete sich an meiner UeberrasHung.Ja, sv alt ist er. Ich habe ihn in den letzten Jahren ein bißchen eingepulvert, damit ihn mir die Motten nicht zerfressen. Aber nun platzt er vor Alter. Der Ueberzug wird doch allmählich allzu mürbe. Sieh mal, den Riß da, und da ist auch schon einer.

In der Tat," bestätigte ich teilnahmsvoll. ,,Aber sechzig Jahre sind für so ein altes Vehikel auch keine Kleinigkeit."

Altes Vehikel?" fragte er und zog die Stirn hoch.

Da hatte ich es. Er sah gekränkt aus und versank in Schweigen, um mich nachdrücklich auf die Pietätlosigkeit aufmerksam zu machen, die ich mir hatte zuschulden kommen lassen.

Du wirst ihn später einmal einem Museum übergeben?" fragte ich, um meinen Fehler wieder gut zu machen,

Riemals," versicherte er.An sich ist er ja wertlos... Für mich besitzt er aber einen Zauber, daß ich mich nie wieder von ihm trennen werde."

Ah!" sagte ich.

Interessiert es dich wirklich?" fragte er, noch ein wenig miß­trauisch.Siehst du, du wirst das nicht so verstehen können... Kennst du das Märchen von Andersen Ole Luk = Oie?? Gut, ich hätte dir auch nicht verziehen, es nicht zu kennen. Du erinnerst dich an den Wunderschirm, der über den kleinen Hjalmar ausgespannt wurde? Run, dieser Schirm hier ist auch so ein Märchenwunder. Ich bekam ihn als Kind an meinem 7. Geburtstage. Ich sage dir, der alte Schirm hat eine Geschichte, schöner als alle, die Hjalmar träumte. Unter ihm habe ich meine erste Liebe nach Hause begleitet."

Wirklich?" rief ich erstaunt.

Meine erste Liebe," wiederholte der Alte leise und lächelte versonnen zu mir herüber.Sie ging mit mir in dieselbe Schule."

Ach so!

Ich liebte sie seit dem Sage, an dem ich zur Schule gekommen war. Sie ivar so still und sanft, ganz anders als die übrigen Mäd­chen, steckte weder die Zunge heraus, noch sog sie am Finger, was ich schon damals nicht leiden konnte. Ich weiß nicht, ob es das war, was es mir angetan hat. Es kann auch der Blick ihrer Augen gewesen sein. Denn hübsch war sie eigentlich nicht, wenn ich heute an sie zurückdenke. Aber schönes, schwarzes Haar hatte sie, das ist wahr. Ihre Mutter flocht es ihr jeden Abend ein und am Morgen hing es ihr in Locken über die Schultern, und das stand ihr so ausgezeichnet, daß es einfach nicht zu sagen ist. Sie war klein und zart. O, ich erinnere mich ihres Bildes noch deutlich. Mit ihr zu sprechen, wagte ich nicht. Ich war viel zu schüchtern dazu. Wenn man ohne Schwester aufwächst, erscheinen einem gleichalterige Mäd­chen wie kleine Heilige. Vielleicht sind sie es ja auch."

Er trank einen Schluck aus seinem Glase und zündete sich eine neue Zigarre an.

Also, um die Sache kurz zu machen, eines Tages, wir mären eben aus der Schule entlassen, brach ein furchtbarer Platzregen vom Himmel herunter. So ein richtiger Aprilregen, weißt du, Tropfen wie Talerstücke. Run, ich hatte am Morgen diesen Schirm geschenkt bekommen und sie hatte keinen. Darin liegt alles, was ich dtr erzählen wollte..."

Und deswegen .

Habe ich den Schirm aufbewahrt, ja, und feiere heute diesen Sag, der jetzt schon so lange Jahre hinter mir liegt. Meinst du, der Anlaß wäre zu klein, ihm eine Stunde der Erinnerung zu schenken?

Und seitdem hast du den alten Schirm

Bewahre. Rach dem Tode meiner Eltern sand ich ihn zwischen allerhand Gerümpel auf dem Hausboden wieder und rettete ihn mir.

Run, und das Mädchen, von dem du erzähltest? Deine Ge­schichte hat keinen Schluß," drängte ich ihn.

Du hast recht," nickte er.Aber es ist wirklich nicht viel nach­zuholen, beim was die Kleine anbetrifft, so habe ich sie schon em paar Jahre später aus den Augen verloren... Ich kam damals auf das Gymnasium und vergaß sie gründlicher, als ich jemals angenommen hätte. Später bin ich allerdings wieder mit ihr zu- sammengesührt worden. Das Leben ist ja oft wunderlich Es war auf der Hochzeit deiner Eltern, als ich sie zuerst Wieders ah. Ich habe sie an diesem Sage an unseren Weg und diesen Schirm hier erinnert, und sie lächelte wie ich."

Wirklich, du trafst mit ihr zusammen?"

Uebrigens hast du sie selber gut gekannt."

Ich?" fragte ich verwundert. (

Jawohl," nickte er.Riemand hat sie so gekannt und ihre Sanft­mut und Stille geliebt, wie du... Sie war deine Mutter, mein Junge."

Ofterjchnee in der Campagna.

Von Gustav W. Eberlein, Rom.

Jahrtausende fassen einander an, körperlich fühlbar, wenn d« Gummireifen über das Travertinpflaster rollt. In die tiefen Rad­spuren und Löcher gleitet, die einst Biga und Quadriga eingertsfen haben. Wenn die vierundzwanzig gekoppelten Maschinenpf erde über die Via Appia fliegen.

Sie ist ausgefahren, die Straße, von den Wagender Casaren und den Fuhrwerken einer Stadt, die damals weit größer war cus das heutige Rom. Ausgefahren von der Zeit, die nicht die unfrtge ist. Wir haben zur Pflasterverschlechterung wenig bei getragen, denn