Ausgabe 
19.4.1927
 
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GietzenerZaimlieiibMer

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1927 ~ Dienstag, den 19. April Nummer

Wenn über stiAer Heide . . .

Von Wilhelm Raabe.

Wenn über stiller Heide des Mondes Sichel schwebt, mag lösen sich vom Leide Herz, das im Leiden bebt.

Tritt vor aus deiner Kammer und trage deinen Schmerz, trage des Weltlaufs Jammer der Ewigkeit ans Herz!

Das Ewige ist stille, laut die Vergänglichkeit; schweigend geht Gottes Wille über den Erdenstreit.

In deinen Schmerzen schweige, tritt in die stille Nacht!

Das Haupt in Demut neige! Bald ist der'Kampf vollbracht.

Schweige in deinem Schmerze, geh vor aus deinem Haus und trag dein armes Herze an Gottes Herz hinaus!

Weil nicht im dunkeln Walde, zwischen den Tannen nicht; über die Blumenhaide trag deinen Schmerz ins Licht!

Wenn hinter dir versunken, was Ohr und Auge bannt, dann hält die Seele trunken das Firmament umspannt.

Wie aus dein Nebeikleide der Mond sich glänzend ringt, so aus dem Erdenleide aufwärts das Herz sich schwingt.

O Heid«, stille Heide, wie sehnet sich hinaus zu dir das Herz im Leide, gefangen Herz im Haus!

Wilhelm Raabe.

Persönliche Erinnerung von Alfred Bock.

Es war an einem schwülen Spätsommertag, als ich in Braun­schweig den Eisenbahnwagen verlieh, um die alte Welfenstadt ein­mal kennen zu lernen. Ein freundlicher Führer war bald gefunden, und vorwärts glng8, straßauf, straßab.

Sie Stadt hat sich ihr altertümliches Gepräge bewahrt. Wie mich bedünkt, zu ihrem Vorteil. Vicht, daß sie hinter der Zeit zurück­geblieben wäre, denn allenthalben regt sich die Baulust, allein, wohin man sich auch wenden mag, überall tritt einem etwas Altfränkisches, Bezopftes entgegen, das an dieser durch ihr Alter geheiligten Stätte wohltuend berührt.

Sas Herumwandern bei drückender Hitze ward allmählich zur Qual. So trat ich in das erste beste Wirtshaus ein, mich an einem kühlen Trunk zu erlaben. Der Wirt, ein wohlbeleibter Mann, bot mir den Willkomm. Ich gewahrte bald, daß ihm der Schalk im Nacken sah und dah er seine Wirtschaft nach Goethes Rezept führte:

Ich liebe mir den heitern Mann am meisten unter meinen Gästen.

Wer sich nicht selbst zum besten haben kann, der ist gewih nicht von den Besten."

Sn dem feuchten Winkel herrschte das fröhlichste Treiben. Kleinbürger und Handwerker sahen an gebräunten Tischen und leerten Humpen um Humpen. Man zog mich ins Gespräch, wobei ich denn Gelegenheit hatte, den Braunschweiger Dialekt zu studieren. Sonderbar klingt darin das a, es nähert sich beinahe dem o. Bringt man einen wasch­echten Braunschweiger dazu, den Satz herzusagen:

Mein Vater ist Theatermaler und kriegt den ganzen Tagnen Taler", so hört man fünfmal hintereinander dieses charakteristische nationale a und wird es zeitlebens nicht wieder vergessen.

Sie lustigen Kumpane unterhielten mich aufs beste. Sie sprachen von Braunschweiger Mettwurst und Honigkuchen, Auch vom seligen Herzog Wilhelm sprachen sie, von seinem Ballett und feinem fünfzigjährigen Negierungsjubiläum, da er in geschlossenem Wagen durch die festlich geschmückten Straßen seiner Haupt- und Residenzstadt fuhr. Trotz alledem, man merkte es wohl, sie hatten ihn hochgehalten, den alten Herrn, und sie waren mit der neuen Ordnung der Singe nicht so ganz zufrieden.

Meine Herren", rief ich, dem Gespräch eine andre Wendung zu geben,wie gehts denn eigentlich Raabe?"

Wen meinen Sie? Sen Klempnermeister?"

Nein, den Schriftsteller!" erwiderte ich.

Sarauf ein allgemeinesAh!"

Ser dicke Wirt aber trat vor mich hin und sprach mit feierlicher Miene:

W ilhelm Raabe! Sa, das ist ein Mann. Auf den sind wir Braunschweiger stolz!"

Mir schoß ein Gedanke durch den Kopf:Wie wärs, wenn du dem Sichter deine Karte schicktest und bei ihm anfragen liehest, ob ihm dein Besuch genehm sein?"

Gedacht, getan. Mein Cicerone machte sich alsbald auf den Weg und kam nach einem halben Stündchen mit der Meldung zurück, mein Besuch sei Herrn Sr. Raabesehr willkommen".

Sch schied von dem Wirt und den braven Zechenr und wanderte in die Leonhardstraße hinaus. Sn den Schaufenstern der Buchhand­lungen war RaabesVilla Schönow" ausgelegt, soeben in zweiter Auflage erschienen. Sie Gestalten aus dieser Geschichte voll Phantasie und Schalkhaftigkeit gaben mir auf ben Weg das Geleite: der k. k. Hofschieferdeckermeister Schönow, die gelehrte Suite Kiebitz, der Pri­vatsekretär Giftge, Wittchen Hammelmann und tote sie alle heißen. Ser Humorist", sagt Börne in feiner Denkrede auf Sean Paul, löst die Binde von den Füßen Saturns, setzt dem Sklaven den Fuß des Herrn auf und verkündigt das saturnaltsche Fest, wo der Geist das Herz bedient und das Herz den Geist verspottet". Etwas von diesem Humoristen steckt in dem Dillenbesitzer Schönow und wohl auch in dem Dichter Raabe selbst.

Die Altstadt hinter mir lasseird, passiere ich die Anlagen, die wie ein grünes Band die Residenz umziehen und neuerdings erst in dieser Ausdehnung und Mannigfaltigkeit angelegt worden sind. End­lich bin ich in der Leonhardstrahe angelangt, wo Wilhelm Raabe den ersten Stock eines bürgerlich soliden Hauses bewohnt. Eine freundliche alte Dame, Raabes Gattin, öffnet die Flurtür und geleitet mich in das Arbeitszimmer ihres Gatten.

Der Dichter kommt mir mit elastischen Schritten entgegen. Das ist kein lebensmüder Greis, der schwer an der Bürde seiner zweiund­siebzig Sahre trägt, sondern ein frischer, beweglicher Mann, aus dessen von weißem Dollbart umrahmten Gesicht ein paar sehr gute und kluge Augen schauen.

Sie glaubten, ich fei in der Sommerfrische", sagte Raabe, eine darauf bezügliche Bemerkung von mir beantwortend.Das ist auch charakteristisch für unsere Zeit, daß man im Sommer keinen Menschen mehr zu Hause trifft. Tun Sie mal einen Blick aus meinem Fenster und urteilen Sie selbst, ob ich verreisen muh. Bei all meinen Woh­nungen hab ich die Aussicht inS Grüne zur Bedingung gemacht. Da drüben auf dem Friedhof der Magnigemeinde liegt Lessing be­graben."

Das Dienstmädchen trat herein und meldete, ein Herr wünsche den Herrn Doktor in einer privaten Angelegenheit zu sprechen. Raabe lieh mich eine Weile allein, und ich hatte Muße, mich in seinem Arbeitszimmer umzuschauen. Lieber dem einfachen Schreibtisch hingen die Bilder des Philologen Leiste und seiner Gattin aus Wolfen» büttel, Frau Raabes Großeltern. Leiste war mit Lessing befreundet. An der gegenüberliegenden Wand bemerkte ich ein Bildnis Shake­speares, dem Dichter von einer Londoner Freundin gespendet, ferner eine Kopie nach Guido Reni. Von einem mächtigen Bücherbrett sprangen mir sofort Goethes Werke in die Augen. Daneben stanÄ so ziemlich das Bedeutendste, was über den Größten der GroheN veröffentlicht worden ist.

.Unterdessen donnert es aus dem Nebenzimmer herüber:

Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt? Srnmer die alte Geschichte!"

Raabe kommt zurück und spricht lächelnd:

Es war ein schnorrender Kollege. Der Kerl hat natürlich nie eine Feder angerührt.