Ausgabe 
19.3.1927
 
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frort zu beiden Seiten, gleichsam aus Schweigen aufgebaut, mit all den mittagstillen Gassen, all den taubstummen Häusern, bei denen jeder Fensterladen, jede Jalousie ausnahmslos geschlossen war, Häuser, die weder hören noch sehen konnten.

Frau Fönh hatte gegenüber dieser leblosen Einförmigkeit nur ein resigniertes Lächeln, aber Ellinor war hier sichtlich nervös, nicht lebhaft ärgerlich nervös, sondern kleinlaut und matt, wie man e-8 durch tagelanges Regenwetter werden kann, wenn all unsere trü­ben Gedanken mit herabregnen, oder durch das idiotisch tröstende I Licken einer Wanduhr, wenn man dafitzt, und seiner selbst unheilbar überdrüssig ist, oder durch das Blumenmuster unserer Tapete, wenn dieselbe Kette fadenscheiniger Träume gegen unseren Willen im Ge­hirn kreist und in einer erstickenden Unendlichkeit sich zusammen­fügt und in Stücke geht und wieder zusammengefügt wird. Es rückte ihr geradewegs zu Leibe, dieses Landschaftsbild, und brachte sie einer Ohnmacht nahe: so sehr hatte es sich heute mit Erinnerungen an eine Hoffnung, die geborsten war, verschworen, mit Erinnerungen an lieblich süße Träume, die jetzt nur widerlich hinsiechten, Träume, bei deren Gedenken sie schamrot wurde und die sie doch nie ver­gessen konnte. Lind was hatte denn das alles mit der Landschaft j hier zu tun? Der Schlag hatte sie ja weit von hier getroffen. I in heimischen Umgebungen, am schillernden Sund, unter lichtgrünen j Buchen: und doch hatte ihn jede blaßbraune Hügelwelle hier auf | den Lippen, und jedes Haus mit griinen Fensterläden stand da unid I verschwieg ihn hier.

Es war der alte Kummer junger Herzen, das, was ihr begegnet I war, sie hatte einen Mann geliebt und an Gegenliebe geglaubt, und I dann hatte er sich plötzlich eine andere gewählt; warum, wozu? Was hatte sie ihm getan? Worin hatte sie sich verändert, war sie nicht dieselbe? und alle die ewigen Fragen wieder und wieder. Die hatte ihrer Mutter nicht ein Wort gesagt, aber ihre Mutter hatte es bis ins letzte verstanden und war für sie voll Sorgfalt gewesen; Ellinor hätte bei dieser Sorgfalt, die da wußte und gar nichts wissen durfte, aufschreien mögen, und ihre Mutter hatte auch dos verstanden, und da waren sie auf Reisen gegangen.

Die ganze Reise war nur, damit s i e vergessen möge.

Am zu wissen, wie es mit ihrer Tochter stehe, brauchte Frau Fönh ihr nicht ins Gesicht zu sehen und so sie zu verwirren; wenn sie nur das Auge auf das nervöse Händchen heftete, das an Ellinors Seite lag und in machtloser Verzweiflung sich über die Latten der Dank streckte, um jeden Augenblick die Stellung zu ver­ändern, wie sich ein Fieberkranker in seinem heißen Bett herum- wirft: wenn sie nur das tat, diese Hand ansah, so wußte sie auch. Wie lebensmüde die jungen Augen vor sich hinstarrten, wie gemar­tert das feine Antlitz in jedem seiner Züge zitterte, Wie bleich es in seinem Leiden war und wie krankhaft das Blau der Adern sich unter der zarten Haut der Schläfen abzeichnete.

Es tat ihr Weh um ihre Kleine, und wie gern hätte sie sic an ihre Brust gezogen, und was sie sich an tröstlichen Worten nur erdenken könnte, auf sie hinabgehaucht; aber sie war des Glaubens, daß es Schmerzen gebe, die im verborgenen sterben müssen und nicht in Worten auffchveien dürfen, auch nicht zwischen Mutter und Tochter, damit nicht eines Tages unter neuen Verhältnissen, wenn alles sich zu seligem Glück aufbauen will, damit dann nicht diese Worte wie ein Hindernis seien, wie etwas, was bedrückt und unfrei macht, weil der, der sie gesprochen, sie in der Seele eines anderen flüstern hören wird, weil er wird denken müssen, wie sie in den Gedanken eines andern besehen, gewendet und gedreht werden.

Und dann auch dies: sie fürchtete, durch Erleichterung einer vertraulichen Aussprache ihrer Tochter zu schaden, sie wollte nicht, daß Ellinor vor ihr erröten müsse, sie wollte nicht, wie befreiend es auch wirken konnte, ihr über die Demütigung weghslfen, die darin liegt, die geheimst eigenen Winker der Seele den Augen eines an­deren zu erschließen: im Gegenteil, je schwerer es dadurch für sie beide wurde, so freute sie sich doch darüber, daß sie die Vornehmheit ihrer eigenen Seele in einer gewissen gefunden Steifheit bei ihrer jungen Tochter wiederfand.

Einmal es war einmal vor vielen, vielerr Jahren, als sie selbst solch ein achtzehnjähriges Mädchen war, da hatte sie geliebt, aus ganzer Seele, mit jedem Sinn in ihrem Leib, jeder Lebenshoffnung, jedem Gedanken: und es hatte nicht sein sollen, nicht werden können; er hatte nur seine in einem endlosen Brautstand zu erprobende Treue zu bieten gehabt, und bei ihr zu Hause waren Verhältnisse gewesen, die kein Warten gestatteten. So hatte sie denn den genommen, den man ihr gab, den, der Herr über diese Verhältnisse war. Sie hei­rateten, dann kamen die Kinder, Tage, der Sohn, der hier in Avignon mit ihnen war, die Tochter, die an ihrer Seite sah, und es war viel besser geworden, als sie hatte erwarten können, lichter - und leichter. Acht Jahre währte das, dann starb der Mann, und sie betrauerte ihn aus aufrichtigem Herzen, denn ihr war diese feine dünnblütige Natur wert geworden, die mit hochgespannter egoisti­scher Neigung fast krankhaft liebte, was ihr durch Geschlecht und Familienbande angehörte, und sich um nichts von der ganzen großen Welt draußen kümmerte, als um das, was die Welt meinte, blüh um diese Meinung, 'sonst um nichts. Rach des Mannes Tod hatte sie dann viel für ihre Kinder gelebt, aber sich nicht mit ihnen ein­gesperrt, hatte am gesellschaftlichen Leben teilgenommen, wie sür eine so junge und vermögende Witwe natürlich war, und jetzt war ihr Sohn einundzwanzig Jahre alt, und ihr selbst fehlten nicht viele Tage zu vierzig. Aber noch war sie schön, nicht ein grauer Faden in ihrem schweren dunkelblonden Haar, nicht eine Falte um die großen mutigen Augen, und die Figur tvar schlank in ihrer form­beherrschten Fülle. Die kräftigen, feinlinigen Züge wurden durch den dunkleren, tiefer gefärbten Teint, den ihr die Jahre gegeben hatten, hervorgehoben, aber in dem Lächeln um ihre tief eingebuchteten Lippen war eine Süße, im weich betauten Schimmer ihrer braunen

es nicht doch spazierte im

Tor zuging,

Augen eine fast verheißungsvoll« Jugend, die alles wieder mild und freundlich machten. And doch war dann wieder die ernsthaft große Rundung der Wange, der gereiften Frau willenstarkes Kinn.

Run kommt gewiß Tage," sagte Frau Föntz zu ihrer Tochter, als sie Gelächter und einige dänische Rufe auf der andern Seite der dicken Hagebuchenhecke hörte.

Ellinor nahm sich zusammen. And es war Tage; Tage und Kastagers, Großhändler Kastager aus Kopenhagen mit Schwester und Tochter; Frau Kastager lag krank im Hotel.

Frau Fönß und Ellinor machten den zwei Damen Platz, 6ie Herren versuchten einen Augenblick stehend zu konversieren, liehen sich aber bald von der niedrigen Felssteinmauer, die den Aussichts­punkt umgab, verlocken: und nun sah man da und redete gerade das Notwendigste, denn die neuen Ankömmlinge waren von einem kleinen Eisenbahnausflug in die rosenglühende Provence hinaus ermüdet.

Hallo!" rief Tage und schlug sich mit der flachen Hand aus seine lichten Beinkleider,seht dorthin!"

Man sah hin.

Draußen in der braunen Landschaft zeigte sich eine Staubwolke, über ihr ein Etaubmantel, mitten zwischen beiden gewahrte man ein Pferd.

Das ist der neulich angekommene Engländer, von dem ich erzählt habe," sagte Tage zu seiner Mutter hin.Haben Sie schon jemanden so reiten gesehen?" wandte er sich an Kastager,er erinnert mich an einen Gaucho."

Mazeppa?" fragte Kastager.

Der Reiter verschwand.

Man erhob sich und machte sich auf den Weg ins Hotel.

Diese Kastagers hatte man in Belfort getroffen, und da sic dieselbe Tour vorhatten, hinab durch Südfrankreich und entlang der Riviera, war man vorläufig beisammengeblieben. Hier, in Avignon hatten nun beide Familien hallgemacht, die des Großhändlers, weck die Frau durch eine Krampfader ans Bett gefesselt worden war, die Familie Fönß, weil Ellinor unverkennbar der Ruhe bedurfte. Tage war über dieses Zusammenleben entzückt, denn täglich verliebte er sich rettungsloser in die niedliche Ida Kastager, aber Frau Fönh war nicht so ganz einverstanden, denn allerdings war Tage für sein Alter sehr selbständig und entwickelte, aber es hatte doch mit einer Verlobung gar keine Eile und dann dieser Kastager! Ida war ein prächtiges kleines Mädchen, die Frau eine, hochgebildete Dame aus einer sehr guten Familie, und der Großhändler selbst tüchtig, reich und brav, aber es lag ein Schimmer von Lächerlichkeit über ihm, und die Leute lächelten oder zwinkerten mit den Augen, wenn man den Großhändler Kastager nannte. Er war nämlich tempera­mentvoll und so außerordentlich begeistert, war es in so offen­herziger. so lärmender, so mitteilsamer Weise, und das war es eben, denn gerade wenn man mit Begeisterung zu tun hat, ist heut­zutage besonders viel Diskretion erforderlich. Aber Frau Fönß war der Gedanke, daß man Tages Schwiegervater mit Augenzwinkern und lächelndem Munde nennen könnte, unerträglich, und darum ver­hielt sie sich gegen die Familie etwas kühl, zum großen Kummer des verliebten Tage.

Am nächsten Vormittag waren Tage und seine Mutter auS- gegangen, um das klein« Museum der Stadt zu sehen. Sie fanden das Tor offen, aber die zur Sammlung führenden Türen geschlossen; und es erwies sich als fruchtlos, anzuläuten. Indessen gab das Tor Zugang in den nicht sonderlich großen Hofraum, der von einem kürzlich geweißten Vogengang umgeben war, dessen kurze, dickleibige Säulen mit schwarzen Eisenstangen gegeneinander verspreizt waren.

Sie gingen umher und betrachteten, was längs der Wand auf­gestellt war, römische Grabmäler, Trümmer von Sarkophagen, eine Gewandfigur ohne Kopf, zwei Rückenwirbel eines Walfisches und eine Reihe architektonischer Einzelheiten.

Auf allen Sehenswürdigkeiten waren frische Epureii voni Kaii- pinfel des Maurers.

Run waren sie wieder bei ihrem Ausgangspunkt.

Gleich fiel ihr der Engländer von gestern ein.

Entschuldigen Sie, gnädige Frau," begann er im Frageton und grüßte.

Ich bin fremd hier," antwortete Frau Fönh,es scheint, datz niemand zu Hause ist, aber mein Sohn ist hinaufgelaufen, um nach- zusehen . . .

Dieser Wortwechsel geschah französisch.

Eben kam Tage hinzu.Aeberall bin ich gewesen," sagte er,sv- gar in seiner Wohnung drinnen, aber kein« Katze zu firtben.

Ich höre," sagte der Engländer, diesmal auf Dänisch,daß ich das Vergnügen habe, Landsleuten zu begegnen."

Er grüßte abermals und ging ein paar Schritte zurück, wie um anzudeuten, daß er dies nur gesagt hätte, damit sie wissen könnten, er verstände, was sie sprächen; aber plötzlich trat er, noch näher als früher, mit einem gespannten, bewegten Ausdruck im Gesicht und sagte:Sollte es wirklich zutreffen, daß gnädige Frau und ich alte Bekannte sind?"

Sind Sie Emil Thorbrögger?" rief Frau Fönh und streckte ihm die Hand entgegen.

Tage lief die Treppe hinauf, um nachzusehen, ob irgendwo im Hause Leute gäbe, und Frau Föntz Bogengang auf und ab.

Als sie wieder einmal in der Richtung auf das _ _ ... zeigte sich am Ende des Ganges, hart vor ihr, ein hochgewachsener, bärtiger Herr mit gebräuntem Gesicht. Er hatte ein Reisebuch in der Hand, lauschte zurück und sah dann vor sich hin, gerade auf sie.