Ausgabe 
19.3.1927
 
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nieder auf die Erde fallend und alles in feinen/Bann ziehend: das Glockenblümchen, das im Haidewind schwankt, die Rose, dw rn der morschen Mauer blüht, die letzte Blüte des ülox auf halboeiDorr^it Blütenstengel mit ihrem rosa-rotem Schimmer, und dazudas Leben und Weben der Menschenseele, ihr Traumen, ihr Erwachen, ihr Ringen, ihr Sterben, Jens Peter Jacobsen erscheint: botamstereiG, Darwin übersetzeiid. Der Nachtrabe der literarischen Geschäft svrächig und voller Pläne, aber noch mehr voller Traume. Er erscheint zart und sein von Gesicht, mit seinen schönen, klugen Augen, m denen das Genie selbstsicher seilt Gezeit ausgeschlagen, und den Wund ver­deckt durch den schönsten Schnurrbart, lang und weich tote Seide.

Sohn der jütischen Haide, kommt er daher, Sohn der Haide, die ihm Leben und Tod bedeutet. , ___

2ln einem Spätherbsttage geht er m den Ordrupsumpf, um Pflanzen zu sammeln, stapft mit bloßen Füßen im kalten Wasser herum. Nie hatte ihm etwas gefehlt, und. er meinte, chni könne Nichts schaden. Im Frühjahr 1873 der erste Blutsturz! Leben wird ihm zum Leiden. Er verzichtet auf die Ehe, er weiß, er ist dem -Lode ver­fallen vergeblich sucht er südliches Klima auf: Montreux, Florenz, Capri, Südfrankreich.

Paul Möller fang sein Heimweh- und RosenliedFreude über Dänemark" auf seiner Wikingerfahrt fern in der ©ubfee; Jacobsen begriff sich in seiner Liebe zur Heimat und zur Landschaft der Haide Wolken Über unendliche Fläche jagend, auf dunklem Grunde die schimmernde Erika, duftendes, tiesbra'.mes Moor und m der Ferne der Farbenwechsel des toeiten Meeres als er in Mviitreux ver­geblich versuchte, Berge zuverstehen": als er verwirrt aus den Galerien Roms und aus Capri floh und in der Provence nicht be­griff, daß dies wirklich die Provence sei!Ein lehmiger Fluß Mit schlammigen Sandstellen und unendliche Äser aus steingrauem Kies, blatzbraune Felder ohne einen Grashalm, blahbraune Abhange, blaß- braune Hügel und staubhelle Wege und hier und da bei den weihen Häusern Gruppen schwarzer Bäume, vollständig schwarze Büsche und Bäume und über diesem ein weißlicher lichtzitternder Himmel...

Wesentlich für sein Lebensgefühl ist, daß er sich hier uird da einenAtheisten" nennt. Ein Negatives schwingt hier mit, Desillu­sionierung; kein Versuch liegt vor, es wissenschaftlich zu ergründen. In harter Objekttvität tritt auch das Religiöse als psychologische Tatsache in seinen Dichtungen hervor, aber kann einer sagen, hier sei kein religiöses Grundgefühl nlächtig? Hier, wo alles beseelt ist man leie Frau Fönh letzten Brief an ihre Kinder, man hättg Rainer Maria Rilke darum fragen können.

Kierkegaard ist der Schöpfer der dänischeii Literatursprache; bewundernd schaut Jacobsen zu ihm auf, dermorgens zu früh­stücken pflegte, indem er seine Feder als Gabel benutzte." An optischem, ja akustischem künstlerischen Dermögen steht Jacobseii ohnegleichen da, er, der krank wird, wenn er rot und lila nebeneinander sieht.

.Dieser Blütenreif, der sich in Schiinmer und Schatten träufelte, von Weiß, das errötete, bis zu Rot, das blaute, von feuchtem Rosa, das nahezu schwer ist, zu einem Lila, so leicht, daß es konimt und geht, als flösse es in der Luft. Jedes einzelne gerundete Blumenblatt lieb­lich gewölbt, weich int Schatten, doch im Licht mit tausenden fast unmerklichen Funken und Blitzen, mit all seinem herrlichen Aosetiblut, in Adern gesammelt und über die Haut verbreitet... und daim der schwere, fuße Duft, der treibende Drodem des roten Nektars, der in den Tiefen der Blume kocht.

Hurtig streifte sie die Aermel auf und legte die nackten Arme tu der R:Mit milde feuchte Kühle..."

.Uno dann das Menschenauge:

Es gibt eine Blume, die Perlenhyazinthe genannt wird; tote diese blau ist, also toaren ihre Augen an Farbe; doch sie waren wie der wirbelnde Tautropfen an Glanz und tief tote ein Saphhrstein, bet im Schatten ruht. Sie konnten sich senken, so scheu wie ein süßer Ton, der stirbt, und sich heben, so keck wie eine Fanfarck..."

Mit einem Blicke und mit seitlich hin geworfenen Beobachtungen hebt er tiefes, seelisches Phänomen aus der Verborgenheit ins Licht, ahmmgsschwer und Vorzeichen der naturnotwendigen Katastrophe. Wer vergißt die Schilderung der Marie Grubbe, kurz bevor Ulrich Frederik zu ihr in den Garten tritt?

Es war eine hohe schlanke Gestalt; fast schmächtig war sie, jedoch die Brust war breit und voll. Ihr Teint war blaß und wurde itoch blässer durch das reiche, schwarze, lockige Haar und die ängst­lichen. großen, schwarzen Augen. Die Nase war scharf, jedoch fein, der Mund war groß, aber nicht voll und hatte eine krankhafte Süße im Lächeln. Die Lippen waren sehr rot und das Kinn etwas spitz, allein dennoch stark und kräftig geformt. Ihre Kleidung war nicht sehr ordentlich: eine alte schwarze ©amntetrobe mit ab geblaßt er Goldstickerei, ein neuer grüner Filzhut mit großen schneeweißen Straußfedern und Lederschuhe mit rot geschlissenen Nasen. Sie hatte Daunen im Haar, und weder ihr Halskragen, noch ihre langen weißen Hände waren ganz rein.

Morgen- und Abenddämmerung, beides weiß Jacobsen unver­gleichlich zu malen. Für das Aufgehen der ersten Liebe, die wie ein wundersamer Lenz in der Luft liegt und mit einer Sehnsucht schwillt, die Wehmut ist, mit einer Unruhe, die das leise pochende Glück ist, weih er unvergleichliche Worte zu finden.Das Traumland taucht aus dem Nebel auf, mit Golddunst auf zarten Buchenkronen und duftreichem ©ommerdunkel unter dem Laube, das sich über Wege legt, von denen niemand weih, wo sie enden."

Ja, wie die Menschen, die er geschaffen, liebte er über alles das Land süßer Träume.

Hält' ich doch, o, hält' ich doch ein Enkelein, o ja!

Die Truhe voll mit vielem, vielem Geld,

so hält' ich doch wohl auch einmal ein Kind gehabt, o ja! Und Haus und Hof und Wies' und Wald und Feld.

Hätt' ich doch, t> hält' ich doch ein Töchterlein, o ja, und Haus und Hof und Wies' und Wald und Feld, So hätt' ich doch wohl auch einmal ein Lieb gehabt, o ja! Mit Truhen voll, mit vielem, vielem Geld!"

Der Träumer Mogens, dem dies Liedchen gesungen wird, sucht die Trägerin der zarten Stimme.

Er lies; es raschelte zur Rechten, es raschelte zur Linken, es raschelte Dome, es raschelte hinten, er raschelte, sie raschelte und alle die Laute und das Lausen selbst machten ihn eifrig, und er rief:Guck, guck, wo bist?" .

Im Frühling 1884 starb Jens Peter Jacobsen. Im begrünenden Frühling, ben er so liebte. Er hat einmal gesungen:Nicht möchte ich sterben, wenn die liebe Sonne froh die Natur umfängt mit ihrem Glanz!" Als ihm die Mutter kurz vor dem Hinscheiden einen blühenden Kirschenzweig in den Schoß legt, da ergreift er ihn mit liebkosenden Händen, und ein schnelles Blinken der Freude tritt tn f«ne ver­löschenden Augen dann aber scheint er sich zu besinnen und flüstert mit matter, zärtlicher Stimme, daß es doch Sünde sei, die schonen Blumen für ihn abzubrechen. Dis zuletzt ist sein Geist in feiner Welt, bunt gemischt aus Wirklichkeit und Träumen...

Eins seiner letzten Worte, das wir in seinen Fragmenten finden, lautet:

Licht übers Land!

Das ist's, was wir gewollt."

Nicht möcht ich sterben ...

Don Jens Peter Jacobsen.

flicht möcht ich sterben, wenn die liebe Sonne Froh die Natur umfängt mit ihrem Glanz, Wenn auS dem Walde schallt der Vögel Wonne Und um die Küste spielt der Wellentanz, Wenn Winde wild ausstreun der Blüten Duft Und keine Wolke überwölbt die Lust!

Sie, die mit reinster Liebe mich berauschte, Natur in ihrem Geben, ihrer Pracht, Auf deren stillsten Atemzug ich lauschte, Gleich ihm, der an der Liebsten Lager wach! Ich will sie nicht gleichgültig lächeln sehn, Wenn einst wir beide voneinander gehn.

Nicht möcht ich sterben, wenn in Dämmerstrahleu Aufseufzt Natur aus angstumspannter Brust, Schwermut und Gram auf ihrer Stirn sich malen Im Angedenken hingestorbner Lust!

Wie Mitleid schien es, weil mein Herze bricht, Und solche Mitleidstränen will ich nicht.

.'lein, wenn ich sterbe, sei's im Herbst, und rasen ©oll dann D'er Nachtsturm über Meer und Land, Das welke Laub in Wirbelringe blasen, 9en Schaum der Wellen schmettern an den Strand . Kalt sei die Luft, der Himmel sterneleer, In wilder Jagd der Wetterwolken Heer!

Dann, will ich glauben, tön in meine Ohren Die Klage der Natur um mich, ihr Kind, Und was die ganze Welt an mir verloren, Les ich im tollen Spiel von Wolk und Wind All die Gestalten, die mein Jnnres b»rg, Und die mit mir nun ruhn in Einem Sarg.

Frau Fönst.

Von Jens Peter Jacobsen.

In der anmutigen Gartenanlage hinter dem alten Palast der Päpste in Avignon steht eine Aussichtsbank, von der man über di« Rhone, über das Blumenufer der Änrance, über Höhen und Felder und über einen Teil der Stadt hinsieht.

Eines Oktobernachmittags sahen auf . dieser Bank zwei dänische Damen, eine Witwe Fönh und ihre Tochter Minor.

Obwohl sie schon ein paar Sage hier zugebracht hatten, uno obwohl.sie die Aussicht, die vor ihnen lag, sehr gut kannten, ! atzen sie doch und wunderten sich darüber, daß es in der Provence sv aussah.

Also wirklich, war das die Provence? Ein lehmiger Fluß, mit Schollen schlammigen Sandes und unendlichen Ufern von st«"" grauem Kies; dann blahbraune Fluren ohne einen Grashglrn, matz» braune Halden, blahbraune Hügel und staubige helle Straßen uno hie und da bei den weihen Häusern Gruppen schwarzer Büume,voti- ständig schwarzer Büsche und Bäume, lieber alledem eu^weihucyer, lichtzittternder Himmel, der alles noch bleicher, itoch tuckener, in noch peinlicherer Helle erscheinen 'lieh, nicht ein Schimmer einer üp­pigen, satten Farbe, lauter hungrige, verschossene Töne und nicy« ein Laut in der Luft, nicht eine Sense, die durchs Gras geschnittM» nicht ein Wagen, der über die Straße gepoltert hätte; und die Staoi