GiekeimKmilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger ■
Jahrgang <9 21
Nummer 22
Unser literarisches Preisausschreiben
Sam-Lag, den §9. Marz
Wir bringen heute die beiden letzten Aufgaben unseres literarischen Preisausschreibens und verweisen gleichzeitig auf die früher ausführlich veröffentlichten Bedingungen.
Sie Aufgabe besteht darin, die Verfasser der nachstehenden Texte namhaft zu machen. Sämtliche Lösungen sind in der Zeit vom 20. bis 26. März bei uns einzureichen.
XI.
Breit' es aus mit deinen Strahlen.
Senk' es tief in jede Brust: Eines nur ist Glück hieuieden, Sins: des Innern stiller Frieden Und die schuldbefreite Brust! .Und die Gröhe ist gefährlich, Lind der Ruhm ein leeres Spiel; Was er gibt, sind nicht'ge Schatten, Was er nimmt, es ist so viel!
Als diese Rächt ich schlaflos stieg vom Lager .Und, öffnend meiner Hütte niedre Tür, Aus jenem Dunkel trat in neues Dunkel, Da lag das Meer vor mir mit feinen Küsten, Ein schwarzer Teppich, ungeteilt, zu schaun, Wie eingehüllt in Trauer und in Gram. Schon gab ich mich dem wilden Zuge hin; Sa, am Gesichtskreis, flackert hell empor Ein kleiner Stern, wie eine letzte Hoffnung.
Zu goldnen Fäden tausendfach gesponnen. Umzog der Schein, ein Retz, die trübe Welt. Das war dein Licht, war dieses Turmes Lampe.
XII.
Sie Triumvirn Europas haben an Stelle des Gesetzes Gewalt gesetzt. Auf dem weiten Erdenrimd gibt es nur Rechtsbrüche und Gewalttaten, und wenn uns das Glück nicht sonderlich hold ist, wird die Tyrannei die ganze bekannte Welt in Ketten schlagen. Mir alle müssen uns mit dem Gedanken trösten, dah unser Jahrhundert in der Weltgeschichte Epoche machen wird, und daß wir Zeugen der außerordentlichsten Ereignisse getoefen sind, die das wechfelreiche Schicksal feit lange bertw. gerufen hat. Das ist viel für unsere Reugier, aber nichts für unser Glück.
Offen gestanden, fiel ich aus allen Wolken, als ich einen Lorbeerkranz aus Seinen Händen erhielt. Wäre etwas imstande, mein armes Hirn zu verwirren, so wären es die Artigkeiten, mit denen Su ihn begleitest. Aber ich habe mich ziemlich rasch wieder von meinem Staunen erholt, in dem Gedanken, daß Virgils Schatten alt genug geworden ist, um zu faseln, und dah man in der französischen Küche den Schinken die Ehre erweist, sie wie die Helden mit Lorbeeren zu schmücken. Rur das Uebermatz Seiner Nachsicht gegen mich kann Sir Illusionen über mich machen, aber bei reiflicher Selbstprüfung sehe ich in mir nur ein armes Wesen, aus Gutem und Schlechtem zusammengesetzt und oft sehr unzufrieden mit sich selbst. Ich wünscht« sehr, vollkommener zu fein.
ISNS Pster Iarobfsn.
Von Sr. Gerhard Rieder m eher.
Su Blume im Tau, Su Blume im Tau Flüstre vom Traum mir, dem Deinen.
„Ich bin am 7. April 1847 in Thisted geboren; was Ereignisse anlangt, so weiß ich mich wirklich auf keins zu besinnen, das von Interesse sein und erwähnt werden könnte; die dagegen, die nicht erwähnt werden können, sind natürlich interessant genug. Saß ich ein Werk, die SeSmibiaceen, geschrieben habe, wissen Sie ja. Es heißt übrigens Apergu critique et System atique sur les desmidiacees du Dänemark und ist außerordentlich gründlich, ob irgendein Mensch es gelesen hat, ist dagegen zweifelhaft."
Siefe Worte schrieb Jacobsen im Rovember 1880 in einem Briefe, der mit der Feststellung beginnt, daß es die Art großer, guter Menschen sei, langmütig zu fein, die Art anderer, langsam zu fein.
Sief em Bekenntnis und diesem Lebenslauf ist, äußerlich betrachtet, nicht einmal viel hinzuzusügen, nämlich nur, daß Jacobsen in den Jahren 1872 und 1875 Sarwins Hauptwerke ins Säuische übersetzt, ferner, dah er zwei Romane, fünf Novellen, einige Gedichte und wenige Fragmente im Gesamtumfange von noch nicht tausend Seiten verfaßt hat. Und dah er 1884, keine vierzig Jahre alt, in Thisted gestorben ist.
Sie beiden Romane sind „Marie Grubbe" und „Riels Lyhne". Am ersteren arbeitete er vom Frühjahr 1873 bis zum 4. Dezember 1876. Offenbar um den Literaturforschern einen Streich zu spielen, verbrannte er nach der Drucklegung sämtliche Notizen und das Manuskript. Das Werk stand in Gefahr, überhaupt nicht fertig zu werden; schon vor seinem Abschluh bewegte ihn ein neuer Plan, Der zu „Niels Lyhne", woran er bis zum Jahre 1880 schuf.
Heber „Marie Grubbe", deren erste Kapitel Georg Brandes in die Erstlingsnummer seines „19. Jahrhundert" aufnahm, und für das er sich nach dem Erscheinen des Werkes mit feinem ganzen Einfluh in Fornt einer eingehenden Analyse, wie vielleicht nur er sie schreiben konnte, einsehie, beliebte das Kopenhagener Tageblatt zu schreiben: diese Arbeit hätte Der Herausgeber nicht aufnehmen sollen. Es sei ein Stümpfchen einer Novelle. „Unkritisch", „linkisch", besonders werden die Naturschilderungen bemängelt. Herr Jacobsen kenne zwar die Einzelformen Der Natur und traue sich auf Grund dieser Kenntnis zu, Schilderungen zu geben. Er stelle eine Reihe von Gegenständen in einer Reihe auf, beschreibe jeden einzeln, erzähle von Beleuchtung, von Farbton, von der Luft... und glaube, ein Bild gegeben zu haben. Dichter fei Herr Jacobsen nicht.
Jacobsens dichterische Versuche von seinem zehnten Jahve an bis zu seiner ersten Veröffentlichung „Mogens", zu der er sich mit fünfundzwanzig Jahren entschloß, sind in Dkr Kgl. Bibliothek in Kopenhagen gesammelt. Sie umfassen lyrische, epische, dramatische Versuche und spielen in allen Tonarten. Sie sind aller Originalität bar und Schülerarbeiten. Deutlich abhängig von der jeweiligen Lektüre, dis ihn beschäftigte: Oehlenschläger, Helberg, H. E. Andersen, Sören Kierkegaard, Schack Staffeldt. Jedes Talent scheint zu fehlen. Jacobsen wiederholte stets das gleiche Motiv. Es sei Denn, daß man mit Kierkegaard gerade in diesem zähen Festhalten des einen Gedankens den Geist zu erkennen und zu bewerten und in all den dichterischen Bemühungen den ungeheuren Drang nach Selbständigkeit aufzuspürenj vermag, mit dem Jens Peter sich selbst in seinen Vorbildern suchte.
Jung, lang, linkisch, sich tief verneigend, so daß das blonde, lange Haar ihm über die Stirne herabfiel, so erschien er eines Tages mit einem Heft Gedichte in der Hand bei Georg Brandes. Am Abend vorher war im Kgl. Theater ein schreckliches Stück über Die Bretter gegangen, nur ein einziges Mal, anonym. Als seinem Urheber ward von einem gewissen Jacobsen gemunkelt. Brandes sandte Dem Jüngling Die Verse wieder zurück mit Dem Bemerken, er möge keine schlotterigen Verse mehr schreiben. Die seltsam lose Form Der Gedichte verband sich Dem Kritiker mit dem Eindruck Der Persönlichkeit des Verfassers, Dem er drei Jahre später begegnete — mit einem Lächeln — „dem feinsten, seelenvollsten Lächeln". Dies war Der Dichter Der „Marie Grubbe".
Das 19. Jahrhundert hatte Dänemark nur wenige Dichter geschenkt: außer Söven Kierkegaard, dessen dichterisches Genie sich uns vor allem in seinen Tagebüchern offenbart hat, Der aber doch stets auf Der Grenze des Dichters und des Dialektikers lebte, noch einen anderen Sohn Der Haide, Steen Steensen Dlicher, Der schon vor Jacobsen Das Grubbe-Motiv in einer von Haideduft umwobenen und überaus fein ausgesponnenen Novelle verwandte, und Dartn eigentlich nur noch einen, Den in Deutschland noch unbekannten Paul Möller, Den Troubadour im Dienste Der Ironie, dessen Gestalten sowohl Sören Kierkegaard wie später Jacobsen vorbildlich waren. Er hat in feinem „Liceniiat" (Eines Studenten Abenteuer) die Air* figur des Träumers, Der das Verhältnis zur Wirklichkeit nicht finden kann, geschaffen. Alle Drei Dänen von reinem Geblüt. Was sonst noch Blumen und Früchte trug im dänischen Sommer, ist mit ihm dahingegangen. Herbst war's geworden. Der Winter kam, und dann —?
Sann erscheint eben Jens Peter Jacobsen; und mit ihm kommt Der Durchbruch, ja, Der Frühling selbst, das Licht, das allem Farbe gibt und alles überglänzt. Suchen wir eine Farbe für diese Kunst, so ist es ein tiefes, warmes und weiches Goldbraun, vom Himmel


