Ausgabe 
19.2.1927
 
Einzelbild herunterladen

nach seiner äußeren wie inneren Fassung, so gut wie an den Werken, denen er voransteht, den Wandel der Zeiten und ihrer seelischen Beschaffenheit ablesen können.

Seit seiner ersten Anwendung in einem Druckwerk vom Jahre 1455, dem sogenannten L ü r ken k a le n d e r, hat sich der Düchrrtitel langsam dem unselbständigen Dasein entwunden, das er, in Dach- ahmung der Duchansänge mittelalterlicher Handschriften, in den In­kunabeldrucken führte. So lautet der Titel eines der berühmtesten Werke aus der Frühzeit der Buchdruckerkunst, von Bernhard von Breidenbachs Beschreibung seiner Leise ins Heilige Land (1486): Dis buch ist innhaltend die heiligen reysen gein Jhrrusalem zu dem heiligen grab vnd fürbaß zu der hochgelobten jungfrowen und merke- rhn fatit Katheryn." Der sprachlichen Schwere entspricht dann meist, in deutschen Büchern wenigstens, die typographische Gestaltung: wuch­tige, oft aber auch grobe, der Handschrift nachgebildete Buchstaben über einem den größten Teil der verbliebenen Seite füllenden Holz­schnitt.

Anter der Dachwirkung von Gutenbergs Erfindung der beweg­lichen Buchstaben, mit der Häufigeren Anwendung der deutschen Sprache durch die Gelehrten, vor allen Luther, und infolge des Vor­dringens der Renaissance, deren Formenreichtum und Freudigkeit auch die deutschen Künstler bald ergriff, vollzieht sich allmählich die Loslösung des Büchertitels von der Gotik. Doch entspricht der Leichtig­keit und Mannigfaltigkeit seiner künstlerischen Gestaltung, deren Blüte­zeit durch Hans Holbein, Lukas Eranach, Daniel Hopser, Hans Bal- dung Grien, Johann Weiditz. Ars Graf eingeleitet wird, nicht durch­weg die sprachliche Fassung, die zwar, besonders in den Schriften und Gegenschristeir der Aeforniation, in erster Linie Luthers, von ent­schiedener Kürze ist (2In den christlichen Adel deutscher Dation: von des christlichen Standes Besserung"Von der Freiheit eines i Christenmenschen"Wider das Papsttum zu Rom vom Teufel i gestift"), aber in anderen Fällen jene uns heute so vergnüglich stim­mende Breite- und Amständlichkeit zeigt.

Dicht die Titel der Werke Fischarts mit ihren Wortungehruer- lichkeiten seien hierfür als Beispiele angeführt, da sie nicht als typisch angesprochen werden dürfen: charakteristisch ist der Titel eines der bekanntesten Bücher des sechzehnten Jahrhunderts, das, als Sammlung der damals beliebten kurzen, oft derben Volksrrzählungen, auch heute noch nicht nur von Forschern geschäht und gelesen wird: Das Rollwagen Büchlin. Ein neus, vor unerhörts Büchlin, darin viel guter Schwank und Historien begriffen werden, so man in Schiffen und auf den Rollwägen, desgleichen in SHerhäusrren und Badstuben, zu langweiligen Zeiten erzählen mag, die schweren, melan­cholischen Gemüter damit zu ermunteren, vor aller mämnglich Jungen und Alten sunder allen Anstoß zu lesen und zu hören, allen Kauf­leuten so die Messen hin und wieder brauchen, zu einer Kurzweil an Tag bracht und zusammengelesen durch Jörg Wickrammen, Stadt­schreiber zu Dürkheim, Anno 1555.

Ein anderer, bei aller Weitschweifigkeit kurzweiliger Titel ist der jenes Buches, das als erste Zusammenfassung der bisher nur in Splittern verstreuten Faustsage für die deutsche Literatur von größter Bedeutung werden sollte, des Faustbuches von 1587:Historia Von D. Johann Fausten, dem weitbeschreiten Zauberer und Schwarzkünstler, Wie er sich gegen dem Teufel auf eine benannte Zeit verschrieben, Was er hierzwischen für seltsame Abenteuer gesehen, selbs angerichtet und getrieben, bis er endlich seinen wohlverdienten Lohn empfangen. Mehrerteils aus seinen eigenen hinterlasseiten Schriften, allen hochtragenden, fürwihigen und Gottlosen Menschen zum schrecklichen Beispiel, abscheulichen Exempel, und treuherziger Warnung zusammengezogen, und in den Druck verfertiget. Jacobi llll. Seid Gott untertänig, widerstehet dem Teufel, so fleuhet er von euch. | Cum gratia et privilegio. Gedruckt zu Frankfurt am Main, durch > Johann Spies. MDLXXXV11. Selbstverständlich begegnen wir dieser liebevoll ausmalenden Ausführlichkeit auch aus den Titeln der Werke anderer Dichtungsgattungen, so z. B. wenn eine Sammlung von Volksliedern aus dem Jahre 1582, das berühmteA mbraser Liederbuch", genannt wird:Lieder-Düchlein, Darin begriffen sind Zweihundertundsechzig Allerhand schöner weltlicher Lieder, allen jungen Gesellen und züchtigen Jungfrauen zum neuen Jahr, in Druck verfertiget. Aufs neue gemehvet mit viel schönen Liedern, die in den andern zuvor ausgegangenen Drücken nicht gefunden werden. Fröhlich in Ehren soll niemand verwehren", oder wenn Henrich K n a u st die Sammlung seiner Umdichtungen weltlicher Volkslieder (1571) betitelt:Gassenhauer, Reuter- und Bergliedlin, christlich, moraliter und sittlich verändert, damit die böse ärgerliche Weis', unnütze und schamlose Liedlin, auf den Gassen, Felde, Häusern und anderswo zu singen, mit der Zeit abgehen möchte, wann man christ­liche, gute, nütze Texte und Wort darunter haben könnte."

Was ist nun das Wesentliche an dieser Titelgebung? Es ist dies: Verfasser und Verleger wollen Absicht und Inhalt ihrer Bücher ein­deutig und so vollständig als möglich Herausstellen, die eindringliche Beschreibung ihrer Erzeugnisse auf deren Titelblättern ist in den Jahrhunderten, die keine Anzeigen in Zeitungen kennen, die einzige Form, die sich ihnen zur Empfehlung bietet. Sie ist somit nicht so sehr durch die Ausdrucksweise der Zeit gefordert, die, wie wir gesehen haben, kurze Texte nicht ausschlieht, sondern ein Mittel der Propa­ganda. In ausfälligem Widerspruch gegen solchem Zweck steht der nach einer an Damen wie Hans Sebald Deham, Virgil Solls, Hans Brosamer, Jost Amann, Tobias Stimmer geknüpften größten Aus­breitung jenes Kunsttriebes bald einsetzende Verfall, der auch eine Vernachlässigung der früher so gepflegten Schönheit des Büchertitels mit sich bringt. Die reizvollen Einfassungen, in denen sich die Phan­tasie der Künstler in heiterem Spiel erging, verschwinden, die ein­zigen noch übrigen Auszeichnungen des Titels sind die Holzschnitt-

Vignette und der Wechsel von Schwarz- und Rotdruck. In diesem Zustand verbleibt der Büchertilel, mit wenigen Ausnabmm, bis in die erste Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.

Wie wenig er sich sprachlich verändert hat, beweist der Titel der Angabe letzter Hand des größten Literaturdenkmals im siebzehnten Jahrhundert, von Grimmelhausens RomanS i m pl i ci ss i mu s" (1671):Ganz neu eingerichteter allenthalben viel verbesserter Aben­teuerlicher Simplicius Simplicissimus. Das ist: Ausführliche, un- erdichtete und recht memorable Lebensbeschreibung eines einfältigen, wunderlichen und seltsamen Vaganten, namens Melchior Sternfels von Fuchsheim, wie, wo, wann, auch welcher Gestalt er nämlich in diese Welt gekommen, tote er sich darinnen verhalten, was e< Merk- und Denkwürdiges gesehen, g eiern et, gepraktizieret und hin und wieder mit vielfältiger Leibs- und Lebensgefahr ausgestanden!, auch warum er endlich solche wiederum freiwillig und ungezwungen verlassen habe. Annehmlich, erfreulich und lustig zu lesen, wie auch sehr nützlich und nachdenklich zu betrachten. Mit einer Vorrede, samt zwanzig anmutigen Kupfern und drei Kontinuationen." Dieser Titel, der an Länge nichts zu wünschen übrig läßt, ist noch völlig im Stile der naiven Delbstempfehlung abgefaßt, wie wir sie von Büchertiteln des sechzehnten Jahrhunderts her kennen.

Doch im frühen achtzehnten Jahrhundert ist sie im Gebrauch, wie der Titel eines anderen berühmten Romans zeigt:Das Leben und die ganz ungemeine Begebenheiten des weltberühmten Engel- länders, Robinson Erusoe, welcher durch Sturm und Schiffbruch, worin alle seine Reisegefährten elendiglich ertrunken, auf der ameri­kanischen Küste, bei dem Ausflüsse des großen Stromes Oroonoko, auf eine unbewohnte Insel geraten, achtundzwanzig Jahre darauf gelebt, und zuletzt durch Seeräuber wunderbarer Weise davon befreiet worden. Don ihm selbst beschrieben, und, nach der dritten engel- ländischen Edition, auf vornehmes Begehren, ins Deutsche übersetzt" (1731). Wie es aber daneben auch im siebzehnten Jahrhundert an schlichten Titeln nicht gefehlt hat, als z. D.Martini Opitii Weltliche Poemata" oder Salomon von Golau (Friedrich von Sagau) Deutscher Sinngedichte drei Tausend", wenn auch viele von ihnen zierlich barock verschnörkelt sind, so beginnen nun, im acht­zehnten Jahrhundert, die einfachen Titel, in denen das Wesen des Buches durch wenige Worte angedeutet oder zum Ausdruck gebracht wird. Es ist die Zeit, da Lessing schrieb:Ein Titel muh kein Küchen­zettel sein Je weniger er von dem Inhalt verrät, desto besser ist er.

Welche aus den vielen Tausenden von Düchertiteln wir auch zum Vergleich heranziehen, HagedornsOden und Lieder in fünf Büchern", LessingsMinna von Barnhelm", oder Goethes Leiden des jungen Werthers": immer tritt uns, mit leichten Schattie­rungen und Anterschieden, in der ernsthasten Literatur die gleiche Technik der Benennung entgegen: entweder ist es die Kunstsvrm, di« den Damen herleiht (Scherzhaite Lieder",Moralische Gedichte", Geistliche Oden") oder die den Ausschlag gebende Persönlichkeit, bzw. Begebenheit des Werkes. Die äußere Gestalt des Büchertitels gewinnt mit der aus Frankreich eingebürgerten Verwendung des Kupferstichs zur Illustrierung des Bm^s seit etwa 1750 wieder an Reiz. Ein« Vignette in Kupferstich von Chodow.e-ki, Meil, Crusius, Geyser, Dunker schmückt ihn jetzt meist aber nur fünf Jahrzehnte dauert die Herrschaft des Kupferstichs über das Buch, dann wird er vom Holz­schnitt abgelöst.

Damit sind wir im neunzehnten Jahrhundert. Es setzt viele Jahr­zehnte hindurch die Aeberlieserung des anspruchslosen Büchertitel­fort, die größten Lyriker: Goethe, Schiller, Ahland, Genau, Hebbel, Mörike, Storm, Keller, C. F. Meyer, nennen ihre Sammlungen Gedicht e". HeinesBuch der Lieder", ist eines der erfolg­reichsten Bücher des Jahrhunderts, und es brauchen die uns allen noch wohlbekannten Titel vieler Romane und Dramen jener Zeit, die so altväterlich und ehrbar anmuten, nicht, wiederholt zu werden.

Einem neuen Dichtergeschlecht, das von der Lyrik ausging, blieb es Vorbehalten, den Büchertitel zu revolutionieren. Es beginnt, die noch heute nicht abgeschlossene Epoche, da die Seele sich alle Hüllen abreißt und ihr Aufschrei schon aus den Titeln entgegenschlägt, die Epoche der Fanfaren für den Am stürz der alten und den Aufbau einer neuen Welt, die Epoche der leidenschaftlichen Dichter, die von bisher nie gekannten Problemen ergriffen und geschüttelt sind, und der dunklen und erhabenen Dichter, die aus der Sprache Gebilde von hoher Schönheit und Kostbarkeit formen. Es entstehen Titel voll Selbstzerfleischung und Selbstanklage wieLieder eines Sün­ders",Phrasen",Adam Mensch" (Hermann Conradi), voll dunkler Drohungen wieDies irae"*) (Georg Schaumberg), Titel, dir ein Programm sind:Die Alten und die Jungen" (Conrad Alberti),Das Buch der Zeit",S v z i a l a r i st v k r a t en (Arno Holz), Titel, die rätselhaften Sinnblldern an hohen Tempel­pforten gleichen:Die Bücher der Hirten- und Prets- gedichte, der Sagen und Sänge und der hängende« Gärten",Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod" (Stefan George).

Ungefähr gleichzeitig bereitet sich in der äußeren Ausstattung des Buches ein Umschwung vor, der auch den Dücheriitel neu gestaltet! das Schwergewicht seines propagandistischen Reizes totrö auf den Umschlag des broschierten, den Deckel des gebundenen Buches verlegt. Damhafte Künstler stellen sich in den Dienst der neuen Bewegung, mit der die Freude am schönen Buch wieder auflebt. Das Stubtu® der alten Meister bereichert den Motivenschatz der Künstler bet Gegenwart, neue Formen tauchen auf: schon kann der Mensch, u® schönen Form nicht mehr entraten, so daß in der Kultur des schon« Buches ein Stillstand nicht zu befürchten ist,

) Ein Band Gedichte, 1893. Unter dem gleichen Titel erschien 191» ein Drama von Anton Wildgans. D. Red. ___J

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot, Druck und Verlag: Vrühl'fche Univerfitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Giebe»