Ausgabe 
19.2.1927
 
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Dichtern stets gewußt worden. Ja, der Dichter erwies sich als Vertreter einer besonderen Art zu denken, die eigentlich der analytisch pjychologi- Shen durchaus zuwiderlief. Er war der Träumer, der Analytiker, war er Deuter seiner Träume. Konnte also dem Dichter, bei aller Teilnahme an der neuen Seelenkunde, etwas anderes übrig bleiben, als weiter zu träumen und den Rufen feines Unbewußtseins zu folgen?

Nein, es blieb ihm nichts anderes. Wer vorher kein Dichter war, wer vorher nicht den inneren Bau und Herzschlag des seelischen Lebens erfühlt hatte, den machte alle Analyse nicht zum Seelendeuter. Er konnte nur ein neues Schema anwenden, konnte damit vielleicht für den Augenblick verblüffen, seine Kräfte aber nicht wejentlch steigern. Das dichterische Erfassen seelischer Vorgänge blieb nach wie vor eine Sache des intuitiven, nicht des analytischen Talents.

Indessen ist die Frage damit nicht erledigt. Tatsächlich vermag der Weg der Psychoanalyse auch den Künstler bedeutsam zu fördern. So falsch er daran tut, die Technik der Analyse in die künstlerische herüber­zunehmen, so recht tut er doch daran, die Psychoanalyse eptft zu nehmen und zu verfolgen.

Ich sehe drei Bestätigungen und Bestärkungen, die dem Künstler aus der Analyse erwachsen.

Zuerst die tiefe Bestätigung vom Wert der Phantasie, der Fiktion. Betrachtet der Künstler sich selbst analytisch, so bleibt ihm nicht verborgen, daß zu den Schwächen, an denen er leidet, ein Mißtrauen gegen seinen Beruf gehört, ein Zweifel an der Phantasie, eine fremde Stimme in sich, die der bürgerlichen Auffassung und Erziehung Recht geben und sein ganzes Tunnur" als hübsche Fiktion gelten lassen will. Gerade die Analyse aber lehrt jeden Künstler eindringlich, wie das, was er zu Zeiten nur" als Fiktion zu schätzen vermochte, gerade ein höchster Wert ist, und erinnert ihn laut an das Dasein seelischer Grundforderungen sowohl wie an die Relativität aller autoritären Maßstäbe und Bewertungen. Die Analyse bestätigt den Künstler vor sich selbst. Zugleich gibt sie ihm ein Gebiet der rein intellektuellen Betätigung in der analytischen Psycho­logie frei.

Diesen Nutzen der Methode mag wohl auch schon der erfahren, der sie nur von außen her kennengelernt. Die beiden anderen Werte aber ergeben sich nur dem, der die Seelenanalyse gründlich und ernsthaft an der eigenen Haut erprobt, dem die Analyse nicht eine intellektuelle Angelegenheit, sondern ein Erlebnis wird. Wer sich damit begnügt, über seinenKom­plex" einige Aufklärungen zu erhalten und nun über sein Innenleben einige formulierte« Auskünfte zu haben, dem entgehen die wichtigsten Werte.

Wer den Weg der Analyse, das Suchen seelischer Urgründe aus Er? Innerungen, Träumen und Assoziationen, ernsthaft eine Strecke weit ge­gangen ist, dem bleibt als bleibender Gewinn das, was man etwa das innigere Verhältnis zum eigenen Unbewußten" nennen kann. Er erlebt ein wärmeres, fruchtbareres, leidenschaftlicheres Hin und Her zwischen Bewußtem und Unbewußtem; er nimmt von dem, was sonstunter­schwellig" bleibt und sich nur in unbeachteten Träumen abspielt, vieles mit ans Licht herüber.

Und das wieder hängt innig zusammen mit den Ergebnissen der Psychoanalyse für das Ethische, für das persönliche Gewissen. Die Analyse stellt, vor allem andern, eine große Grundforderung, deren Umgehung und Vernachlässigung sich bald rächt, deren Stachel sehr tief geht und dauernde Spuren lassen muß. Sie fordert eine Wahrhaftigkeit gegen sich selbst, an die wir nicht gewöhnt sind. Sie lehrt uns, das zu sehen, das anzuerkennen, das zu untersuchen und ernst zu nehmen, was wir gerade am erfolgreichsten in uns verdrängt hatten, was Generationen unter dauerndem Zwang verdrängt hatten. Das ist schon bei den ersten Schritten, die man in der Analyse tut, ein mächtiges Erlebnis, eine Erschütterung an den Wurzeln. Wer standhält und weitergeht, der steht sich nun von Schritt zu Schritt mehr vereinsamt, mehr von Konvention und hergebrachter Anschauung abgeschnitten, er sieht sich zu Fragen und Zweifeln genötigt, die vor nichts Halt machen. Dafür aber steht oder ahnt er mehr und mehr hinter den zusammenfallenden Kulissen des Her­kommens das unerbittliche Bild der Wahrheit auffteigen, der Natur. Denn nur in der intensiven Selbstprüfung der Analyse wird ein Stück Ent­wicklungsgeschichte wirklich erlebt und mit dem blutenden Gefühl durch­drungen. lieber Vater und Mutter, über Bauer und Nomade, über Affe und Fisch zurück wird Herkunft, Gebundenheit und Hoffnung des Menschen nirgends so ernst, so erschütternd erlebt wie in einer ernsthaften Psycho­analyse. Gelerntes wird zur Sichtbarkeit, Gewußtes zum Herzschlag, und wie die Aengste, Verlegenheiten und Verdrängungen sich lichten, so steigt die Bedeutung des Lebens und der Persönlichkeit reiner und for­dernder empor.

Diese erziehende, fordernde, spornende Kraft der Analyse nun mag niemand fördernder empfinden als der Künstter. Denn ihm ist es ja nicht um die möglichst bequeme Anpassung an die Welt und ihr« Sitten zu tun, sondern um das Einmalige, was er selbst bedeutet.

Tagesmode und Kunst.

Don Walther Appell «Plauen,

Oft leisten uns äußere Attribute (Kleidung usw.) wichtige Dienste, wenn es sich darum handelt, Herkunft und Alter eines Kunstwerkes zu bestimmen. Mit der Kunst selbst hat das natürlich nichts zu tun. 3m Gegenteil: von deren Standpunkt aus ist es sogar, wie wir sehen werden, ungleich besser, wenn solche dem len Wandel unterworfene Faktoren nicht überlaut betont werden. Manches Werk wird durch sie trotz künstlerischer Beseelung fast oder ganz in den Bereich kultur­geschichtlichen Anschauungsmaterials gerückt, weil es weniger den Gesamtcharakter seiner Epoche spiegelt als eine kurzlebige Mode­laune abbttdet.

Leonardo da Vinci sagt in seinenMalerregeln":Man vermeid« soviel als möglich die Moden und Kleidertrachten seiner Zeit, außer bei Figuren (wie die Grabsteinfiguren in den Kirchen), durch die unseren Nachkommen der Menschen närrische Einfälle zum Ge­

lächter aufbewahrt werden mögen oder ihre Würdigkeit und Schöm- hett zur Bewunderung." Die Beispiele, die Leonardo dann anführi, beweisen für seine Zeit, was auch wir aus der unseren wissen: daß die Kleidungsgewohnheiten naher Dergangenheit durchweg mehrnär­risch" als bewunderungswürdig erscheinen. (Bgl. die Kleider. Hüte und Frisuren auf manchen Liebermanns oder Slevogts von 1900, die über das rein Malerische hinaus heute kaum noch genießbar sind.) So wird das Bestreben, bas wir bei Künstlern aller Zeiten finden, verständlich: die Kleidung, wenn sie schon nicht ganz fortgelassenf werden kann, doch auf eine sozusagen neutrale Formel zu bringen. Die allzu getreue Schilderung der Tagesmode bedingt ein Eingehen auf kleinmenschliche Eitelkeiten, unter dnn das Künstlerische empfind­lich leiden muß. Aus dem klassischen Griechenland sind uns Figuren und Vasenbilder gleichen oder verwandten Ursprungs erhalten, die hohes, künstlerisches Gestalten oft hart neben trockene Wiedergabe von Äeuherlichkeiten stellen. Selbst überragende Schöpfungen können durch Derartiges beeinträchtigt werden. Ein Vergleich wird das er­kennen lassen: wie zeitlos edel und nur-künstlerisch wirken dieSter­benden Mobiden" oder di«Venus von Miko" gegenüber der offen­sichtlich modischen Affektiertheit derVenus Kalliphgos" (Haltung und Raffung des Gewandes, vor allem auch dieses selbst, daneben die Haartracht)! Die Reihe ließe sich beliebig verengern. Sogar bei einem Künstler wie Boticelli, noch mehr bei Belasquez, Gainsborough, Boucher u. a., in neuerer Zeit etwa bei Leibl, werden wir oft das Gefühl nicht los, daß malerisches Können allzu sehr an Aeußerlich- feiten verschwendet und dadurch höherem Zweck entzogen wurde. Anschaulich unterstrichen werden unsere Ausführungen durch GoyaS Gegenüberstellung einerbekleideten" und einernackten" Maja (in gleicher Pose). Die bekleidete empfinden und achten wir als gekonnt« Malerei, die nackte aber zieht uns in den Bann ihrer weiblichem' oder schlechthin menschlichen Schönheit, und läßt uns so die erhabenen Möglichkeiten der Kunst fühlbar werden.

Was für die Maja galt, die den meisten doch nur ein Künstler­modell ist, das sollte freilich für Allgemein-Berühmtheiten nicht int gleichen Maße Zustimmung finden. Max Klinger ist bis zur Leidenschaftlichkeit angegriffen worden, weil er wie Pigall« denVoltaire", Rodin denVictor Hugo" seinen gewaltigen mar­mornen Beethoven nackt bildete. Wie berechtigt aber der Künstle« dazu war (oder wenigstens sich fühlen durfte), wird wohl sofort klar, wenn man sich einmal fragt, in welche Kleidermode er den Giganten denn hätte pressen sollen? Die Frage ist um so problematischer, als Klingers pompöses Denkmal gerade den Genius verherrlichen will, der Zeiten und Kulturen überragend verbindet... Llnzählige Por­trätisten in Plastik, Malerei und Graphik kleiden ihre Dargestellten auch nicht bestimmt, zeitlich festlegend, sondern deuten die Kleidung nur an (Rodin, Lenbach, Samberger, Stuck usw.). Aber kann man nicht in dieser Gepflogenheit ein Kompromiß sehen, das eine Schwierig­keit wohl sieht, jedoch eigentlich nicht befriedigend zu überwinden weiß? Ein Kompromiß, daß die Nacktheit des Klingerschen Beethoven gewiß radikal erscheinen, aber anderseits auch seine positiven Mög­lichkeiten erst recht deutlich werden läßt?

Eine ebenfalls häufige Form der Umgebung von Lagesmoden ist die Wahl klassisch knapper, die Körperlichkeit nicht entstellende« Gewandungen. Sie kommt allerdings vorwiegend nur für Künstler in Frage, deren Schaffen der Empfindungswelt der Antike auch inner­lich wesensverwandt ist. (Feuerbach, Marses, L. von Hofmann.) Sonst, z. B. bei Hodler, können leicht Mißklänge entstehen.

Denkbar wäre gegen dies« Ausführungen der Einwand, daß di» Kunst doch immer mehr oder weniger Niederschlag der geistigen und kulturellen Strömungen ihrer Zeit fein muß und auch sein soll. Das ist natürlich richtig. Zu fordern aber ist, daß es aus tief fier innerer Verbundenheit heraus geschieht. Modische Aeußerlichkeitert könneir höchstens eine ebenfalls äußerliche Verknüpfung Herstellen. Die aber kann einem Kunstwerk nicht dienen, weil sie es zu fest art die im Grunde doch zufällige Zeit seiner Entstehung fettet Denn die Kunst, die zwar immer irgendwie aus dem Tag geboren! fein wird, hat doch die Bestimmung, über den Tag hinaus zu dauern und ihre Geltung zu behaupten. Anspruch darauf wird sie um so eher erheben können, je mehr es dem Künstler gelingt, sich von un- künstlerischen Zeitbindungen frei zu machen. Zu diesen aber wird die Mode stets in dem Grade zu rechnen fein, in dem sie nicht« mchr als eine Mode des Tages ist.

Büchertitel einst und jetzt.

Von Dr. Fritz Adolf H ü n i ch.

Bücher sind Spiegelungen von Menschen und Zeitaltern, nirgends spricht die Menschheit unmittelbarer zu uns als in ihnen; alle Kräfte des Lebens sind beteiligt, um sie aus der Tiefe der Seele ans Licht zu heben. Bücher sind Schicksale; Abwandlungen der reichen Skala menschlicher Triebe und Empfindungen; Ausstrahlungen des Daseins jener einzelnen, in denen alles Erleben sich zu Bildern und Gestalten verdichtet oder zu Begriffen und Formeln vereinfacht. Es ist dabei natürlich nicht an die Gebrauchsbücher gedacht, die ihre unentbehr­lichen Dienste in Haus und Schule und den ungezählten Stätten ge­werblichen Fleißes versehen, obgleich auch zu ihrer Entstehung da« Gefühl in vielen Spielarten als Eifer, Ehrgeiz, Erwerbslust und Mitteilungsbedürfnis bet getragen hat; es ist hier die Rede von jenen Werken der Literatur im engeren und höheren Sinne, an deren Entstehung der Menschengeist aus Erkenntnisdrang und Schöpsev» freube mitgewirkt hat, jenen Werken, mit denen man sich geschichtlich beschäftigt, well sich in ihnen geistige Bewegungen niedergeschlagen haben, aus deren Kenntnis der Forscher die Vergangenheit wieder aufzubauen bemüht ist.

Ein selten behandeltes Stück Geschichte unseres Schrifttums ist uns heute zur Bearbeitung auf gegeben: der Büchertitel, an dem wir.