Feuerschein gim Kleist, der Preu
Hymnus KN dsn preutzMsn Junker Heinrich von Kleist.
Von Wilhelm Schafe r*).
Ein Stern ging auf über dem preußischen Land, als es noch Nacht war, und schien in dsn Morgen, und niemand sah seinen Glanz, bis er blutrot E HMrich von Kleist hieß der Jüngling, der höher als einer in Preußen sein Angesicht hob, und tiefer als einer mit seinen Fußen tm Schicksal l 6r'ßrloar* ehi Junker aus altem Preußengeschlecht und diente dem König, bis er im siebenten Jahre den Soldatenrock auszog, bis er die Zucht und die Ehre des Standes verließ, anderer Zucht und anderer Ehre sehnsüchtig.
So hatte Ulrich von Hutten den Stern feines unsteten Lebens durch Länder und Leiden getragen wie Heinrich von Kleist, da er Jim j Jahre lang irrte und ruhelos war auf der Erde, die Bahn seines Himmels zu
tm Schauspiel schockiert war.
Dieses schrille Mißverhältnis des Dramatikers zur Bühne kann . eigentlich für alle andern „Mißverhältnisse" stehen; es ist so typisch und deispiechast, wie das Unglück, das er in feinen Bemühungen und Kämpfen um die Befreiung Preußens und Deutschlands gehabt hat; und auch wie sein Verhältnis zu Frauen rind Freunden. Biele Frauen mrd viele Freunde haben Kleists kurzen Lebensweg gekreuzt, gestreift, sind ein großes oder kleines Stück neben ihm gegangen. Und doch, von den Frauen waren es zwei, höchstens drei, die ihm etwas haben bedeuten können; von den Freunden vielleicht nicht einmal einer, dem er wirklich innerlich verbunden war. Im tiefsten Herzen ist dieser Mensch, und mußte rs wohl sein, weil er ein großer Künstler war, in tragischer Einsamkeit geblieben; und als er zuletzt, ganz zuletzt, eine Frau fand, die ihm mehr geben konnte, als alle anderen, auch als die treue und tapfere Schwester Ulrike, da hatte er, weil fein eingewurzeltes und anerzogenes Ehrgefühl ihm jeden anderen Weg abschnitt, auch die Gefährtin auf. dem allerletzten Gang zum Seeufer gefunden; in ihr war das gleiche rätselhafte Todes- verlangen und die tiefe, geheimnisvolle Sehnsucht nach jenem anderen Stern, wie sie Kleist fein Leben lang^un erlöst mit sich getragen hatte.
Die schlimmste Zeit, die Berliner Kämpfe mit Hardenberg und hundert andern, die Zeit der Demütigungen und Niederlagen, der zertretenen Hoffnungen, des Hungers und der ärgsten Verlassenheit, die Zeit, da er Lage und Nächte hindurch arbeitete, als Ulrike nicht bei ihm war, die Familie ihn wie einen Aussätzigen von sich gewiesen hatte, als er den Verleger vergebens um Geld und den König vergebens um ein neues Porllpöe an flehte ... Diese Zeit la g hinter Kleist, als die gutbürgerlich verheiratete Frau Adolfine Henriette Bogel die entscheidende Frage an ihren Freund richtete, ob er sein Versprechen erfüllen werde; Kleist war bereit, setzt mehr denn je zuvor, sein Wort zu halten, das er als Mann und Offizier gegeben hatte, und zur Pistole zu greifen ... Damals standen ihm die Freunde schon so fern, daß sie, wie die Schwester, von der Todesnachricht überrascht wurden, so sehr überrascht und „peinlich berührt , daß sie sich kaum und jedenfalls erst spät aufzuraffen vermochten, das Andenken Kleists und der Frau, die mit ihm gestorben war, gegen die gemeinen und schmutzigen Lin würfe kleiner Geister und politischer Gegner des Toten in Schutz zu nehmen. Die letzte verzweifelte Eingabe Kleists an den König Hieb liegen und wurde schließlich mit dem lakonischen Marginal Hardenbergs „Zu den Steten, da bet v. v. Kleist 21.11.11 nicht mehr lebt", beifeitegelegt.
*) im Folgenden abgedruckt.
Kleist war, so hat man es ausgesprochen, .Zeit seines Ledens von irgend etwas besessen. Sein Dichtertum war eine dämoinsch- di o ny fische Kraft, die in elementaren Ausbrüchen sich zu entladen strebte und ihren Träger vernichtete, wenn er nicht ein Stück Materie fand, das sich solchermaßen gestalten ließ. So wird am treffendsten das naturhaft-unbedingte dramatische Temperament in Kleist bezeichnet, wie es sich vielleicht nur bei Shakespeare und Schiller wiederfindet, und das auch in seinen Novellen sich ausprägt, ja selbst in den Anekdoten noch zu spüren ist.
Nach dem ersten erschütternden Ringen um eine Form, dessen Höhepunkt, zwischen den verunglückten „Schroffensteinern" und dem „Zerbrochenen Krug", der „Robert Guiskard" ist, ein unheimlicher Torso, strömt Kleists ganzes Gefühl in zwei, einander ablösende Stosskreise sich aus; der erste ist von erotischen Problemen bestimmt, steht im Zeichen der bis zum Ende im Dichter lebendigen „Gefühlsverwirrung" und führt vom „Amphitryon" über das „Kätchen" zu einem Scheitelpunkt und zugleich der inneren Umkehrung des Heilbronner Ritterstückes: der „Penthesilea". Der zweite Kreis aber, in den jener erste kurz nach der „Penthesilea" einmündet, steht vaterländisch im Zeichen der Zeit, umspannt die „Hermannsschlacht" und den „Prinzen von Homburg" und endet beim „Kohlhaas", den man ein versetztes Drama genannt hat. Für den tiefer Sehenden führt hier auch der Weg vom Zeitgedicht und Tendenzsftick xur übernationalen Menschheitsdichtung im „Homburg", dessen adlige Reife die Lösung der Potsdamer Exerzierplatzkonflikte und auch den Weg zu Kant zurück findet.
Und dieser Kleist, Dramatiker von Geburt und aus Notwendigkeit, hat das unglücklichste Bechäünis zum Theater gehabt. Die Bühne, nach der rr schrie, blieb ihm versagt; nicht ein einziges seiner Stücke hat er selber aufgeführt gesehen. Den genialen „Krug", das beste Lustspiel, das wir keimen, verdarb ihm Goethe, die „Hermannsschlacht" verhinderten die Franzosen in Wien, den „Homburg" Jfflond in Berlin und eine preußische Prinzessin auf der Erbse, die über das Benehmen ihres Ahnen
8ede die sich dem Stammern nähert und in feinen Arbeiten durch stetes usstreichen und Abändern sich äußert." Kleist hat schwer, mühsam, um jeden Satz kämpfend, gearbeitet; ihm stoß nichts leicht und gefällig in die Feder; er schrieb, wie er sprach. Tagelang hat er mit seiner Arbeit im Bett zugebracht, verschlossen, oertrodjen vor der Welt, vor dem Leben, das draußen vorüberfloß, ganz hingegeben an die Gestaltung, und hat seine klirrenden Verse und seine schwingende Prost geschmiedet, gehämmert, gefeilt, bis Wort und Satz und Vers gleichsam blank gepanzert dastand, Ningend von Wohllaut, beladen mit Bildfracht, blitzend von gedanklicher Schärfe. Der Kleistische Stil ist so einmalig und ohne Nachbarschaft wie sein Schöpfer; der ist mit einer kleinen Handvoll Worte seiner Prosa, mit einem Dutzend seiner Verse auch heute noch unfehlbar aus hundert anderen herauszuhören. Un6 wie er ums Wort sich mühte, so war er, mit gleicher Leidenschaft und Inbrunst, in seine Gestalten verzaubert. Wie er um den „Guiskard" gekämpft hat, zeigt der berühmteste. Brief*), den wir von seiner Hand besitzen; und Ernst von Pfuel, einer seiner wenigen Freunde, erzählt von einer Begegnung mit Kleist, den er seit Tagen nicht gesehen hatte, und der eines Abends mit Tränen in den Augen bei ihm erschien und mühsam die Worte heroorbrachte: „Sie ist tot ... sie ist eben gestorben." Es hat eine Weile gedauert, bis Pfuel, der in jähem Erschrecken an Ulrike, des Freundes geliebte Schwester, gedacht hatte, zu cegreifen anfing, daß die „Penthesilea", ein grausam dichterisches Spiel von Tod und Liebe, nun vollendet fei.
dem Atem berichte. , ,, t „ ,, , o
Kohlhaas, der Roßhändler von Jüterbog, hatte dem Unrecht der Zeck samt ihren Junkern und Fürsten getrotzt, weil ihm sein Recht das höchste Mannesgut in der Welt war; er hatte den Trotz mit dem Schwert des Henkers bezahlt, und war noch dem Henker zum Trotz Sieger geblieben über Junker und Fürsten.
So waren die Dinge noch nie einem Dichter über die Klinge gesprungen, als da der Junker Heinrich von Kleist den Roßhändler Michael Kohlhaas beschwor, als er das Schattenbild einer Chronik in ewige Gegenwart stellte. . _ .
Aber die seinen Schicksalsbericht lasen, waren der ewigen Gegenwart fern; sie hörten von einem Roßhändler und sahen den Dichter nicht, wie er die hämmernden Worte in einen Marmorstein grub, Urtümliches sichtbar zu machen. v ,
Sie hörten danach fein Spiel vom zerbrochenen Krug und konnten nicht lachen, weil sie die Seufzer und Sittensentenzen schlechter SaM- fpieler vermißten, weil der blühende Schmerz und derbe Spaß vom bocks- füßigen Richter in Husum ihnen zu handgreifliche Wirklichkeit war.
Sie sahen das Käthchen von Heilbronn um seinen Ritter Ungemach leiden und fanden es dumm von dem Dichter, daß er das rührende Spiel ihrer Liebe in soviel Unheil vertiefte. ,
Der aber dies alles den Ohren und Augen der Bürger noch hmwars, ging längst auf dem Messergrad seiner letzten Entscheidung; als er ein armes Menschenkind fand, entschlossen hinunterzuspringen, IpEö Heinrich von Kleist mit in den Tod, der ihn von der Zeitung, von. oen Berlinern, von seiner schmähsichen Zeit und seiner Enttäuschung in einem erlöste.
*) Aus den „Dreizehn Büchern der deutschen Seele".
Ifittrte nun, wo man in Deutschland des Dichters gedenkt, soll man nicht rechten und streiten darum, ob mir in hundert Jahren reifer ge- Worden sind, ob Kleist heute wirklich zu uns gehört und uns etwas zu geben Hai Aber das eine ist uns wie ein Vermächtnis in die Hände Siegt: gutzmnachen an den Lebenden, was an dem großen Toten ver- fäumt und verdorben wurde; ein feines Ohr und einen h-llen Blick zu Haven wenn wieder einmal einer in Elend und Hunger und Berzwetstmw an seinem Volk zum Weg nach dem Wannsee rüstet. Und es braucht nicht gerade der Wannsee zu sein... In diesem Sinne, mit solchem Gelöbnis lege das geistige Deutschland heute den Jmmortellenkranz auf das em- same Grab.
Den göttlichen Weg der Großen in Weimar und Jena wollte er schreiten, aber sein flackernder Gang wurde kein Schrill, der glühende Geist konnte die Flamme nicht zünden und schwelte in fuickeinden. Dunsteii.
Als er wieder daheim war im preußischen Land, kein ymtgimg mehr und doch kein Mann, wie ihn der Tag brauchte, wollte er fernen unsteten Geist in die Täglichkeit zwingen: zwei Jahre lang blieb er im Staatsdienst, schlafwandelnd und stumm, bis ihn der Donner von Jena und Auer- städk weckte. ., ' . .
Flüchtig in Königsberg, gefangen in Frankreich, landfremd tn Dresden, schrie er die eigene.Wirklichkeit wach, als er fein kühnes Amazonenfpiel schrieb, von der Königin Penthesilea, die den Achill liebte tm Haß und einen sterbenden Leib den Hunden preisgab.
Der Alte in Weimar wollte dsn Dichter der Penthesilea nicht kennen, wie er den Dichter der Räuber nicht kannte: dock) wie ein gMcher Turm über ein griechisches Tempeldach wächst, so wuchs dem pr«»tzrjchen Jüngling sein grausames Eriechengedicht über das edle Gebälk des Meisters trotzig hinauf in den nordischen Himmel.
Das aber war zu der Zeit, da durch die Herzen der Deutschen der erste Feuerschein ging, dem Korsen das Haus zu verbrennen; Heinrich vvn | Kleist, der Preuße in Dresden, half hitzig den Brand schüren.
Der preußische Junker haßte den fremden Tyrannen, der deutsche - Mensch träumte den Traum einer deutschen Reichsherrlichteit: aber der - Tag von Wagram zertrat ihm den Haß und den Traum.
i Zum andernmal kam er nach Preußen zurück, der Hoffnungen ledig, | der Täglichkeit taub, der eigenen Dinge trächtig, wie eine Wolke geschwellt im Abendrot steht. m.. s s. „„
Ein Genius kam nach Berlin, aber die klugen Burger der Stadt an der Spree sahen nur einen geschäftigen Mann, der ihnen zum Sonntag das Abendblatt füllte mit Anekdoten und anderer Unterhaltung. _
«wei Jahre lang ließen die kargen Berliner Heinrich von Kleist fein Krümperwerk tun, zwei Jahre noch blieb sein einsamer Geist auf der Erde; er hatte schreiten gelernt wie die Großen in Weimar und Jena, aber sein war der Sturmschritt. ..
Nur raffen konnte er noch, was ihm die letzte Fülle zusttomte, raffen und aus der Schmiede mühsamer Jahre das köstliche Gut bergen.
Erzählungen hieß er die Schicksalsberichte, darin ein starkes Stuck Leben in einer Kette von schmucklosen Worten eng aufgeschnurt war: als ob ein Wanderer, kurz nur zur Rast, von einem Erlebnis mit fliegen-


