Ausgabe 
18.10.1927
 
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GiehenerKmilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 83

Dienstag, -en 18. Moder

Zahrgang 1927

noch

der

ändungen tmb Jrrgängen endlich -» das Seeufer der märkischen HemM

Mr treten tn Gedanken an das einsame Grab am Kleinen iw und werden ein pctGt späte BluTnen tKitxruf ds em-en stillen v?ruß

Heinrich von Kleist.

Von Friedrich Hebbel.

Er war ein Dichter und ein Mann, wie einer, er brauchte selbst dem Höchsten nicht zu weichen; an Kraft sind wenige ihm zu vergleichen, an unerhörtem Unglück, glaub' ich, keiner.

Er stieg empor, die Welt ward klein und kleiner, und auf der Höhe, die wir nicht durch Schleichen, die wir nur fliegend oder nie erreichen, ward über ihm der Aether immer reiner. Doch, als er nun die Welt nicht mehr erblickte, da hatte sie ihn längst nicht mehr gesehen und frech ihm selbst das Dasein abgesprochenl Nun mußt' er darben, wie er einst erstickte, ihm blieb nichts übrig als zurückzugehen, doch lieber hat er seine Form zerbrochen.

Kleist.

Zu seinem 150. Geburtstage.

Von Dr. Hans Thyriot.

zurückführte. *

Mr besitzen nur ein Bild von Kleist, das in allen Biographien er­scheint, und dem allein historischer Wert zuzusprechen Ht (Ob btt*neue> hi ras entdeckte Totenmaske wirklich von Kleist stammt, ist unser^ Wist«» nicht gesichert.) Dieses Porträt, die Vergrößerung eines ovalen Medmllo« rm Stile der Zeit, weist uns ein rundes, gutmütiges '-KirchergAch' hellen Augen und in die Stirn gestrichenem, dunkelblonden Haarschopf, spärliche Aeußernngen von Freunden ergänzen ein wemadas schlich» Bildnis. Man erzählt von seiner Befchetdenhett u"d Schüchternheit, von seiner Unbeholfenheit in gesellschaftlichem Kreise, ^nengegen- über, häufig« Verlegenheit, Geistesabwesenheit ?nd Zerstreuchett, die alles vergessen konnte; ferner Ist zu lesen, erhab«Shnfichwie Tassb, eine etwas schwer« Zunge gehabt, ein« fermste Unbestimmtheit m der

*) den wir im Folgenden wiedergeben.

an den toten Dichter. Seltsam« Gedanken erwachen: wie, wenn er herauf- stiege aus der kargen Gruft, heute, hundertundsechzehn Jahre nach seinem Ende, wie es die Legende von Bismarck erzählt, der zwanzig Jahre spät« wiederkommen wollte, zu sehen, was aus seinem Deutschland geworden sei. Der Alte aus dem Sachsenwalde wäre 1918 nicht zur guten Stund« gekommen. Und Heinrich von Kleist ... heute? Wenn «r wiederkäm« im Gedenken an zwei unglückselige Briefe, den eigenen berühmten Guiskard-Brief*) und jenes eisige Schreiben Goethes, dem er den Kranz von der Stirne hatte reißen wollen; um zu sehen, ob er ein neues Deutschland fände, oder ob die Menschen noch die gleichen wären, wie damals; ob derGrößere" schon gekommen wär«, vor dem er sich willig beugen wollte sein Werk zu vollenden, um das er übermenschlich ge­kämpft, an das er alles gesetzt und das er in maßloser Selbstkritik ver- nichtet hatte. Und endlich auch, um zu sehen, ob die Zeit für jenes Theater der Zukunft da wäre, auf welches das schroff abweisende Wort des Wei­marer Olympiers ihn verwies, als er ihmauf den Knien seines Herzens" di«Penthesilea" in die allmächtigen Hände gelegt hatte. Was hätte die neue Zeit, was hätte unser Geschlecht ihm zu antworten sollte auch er, abermals verzweifelt, verbittert, vereinsamt, sich schmerz­lich abwenden, zurück in sein Grab am Se«?

Die schönen Verse Hebbels, der Kleist am srühesten und tiefsten nach- fühlend erkannte in Deutschland, haben so bitter recht gehabt:

an Kraft sind wenige ihm zu vergleichen, an unerhörtem Unglück, glaub' ich, keiner."

Unglück und volklos« Einsamkeit haben die dreieinhalb Jahrzehnt« seines Daseins bestimmt, zeitlebens ist er ein Unheimischer und Fremd­ling geblieben, der Flügelmann in der großen Kompagnie unseliger ver­irrter Geister, an welchen unser Volk nie Mangel hatte, und denen, in immerwährendem Widerstreit und Mißverhältnis zum Leben, ihr Künstlertum zur Tragödie geworden ist.

Wie man sich um Kleist nach seinem Tod« um seine Stellung und Unterbringung" in der Geschichte des deutschen Geistes gestritten hat und vielleicht noch heute, schwankend zwischen Klassik und Romantik, streitet, so hat man sck)on zu seinen Lebzeiten nichts mit ihm anzusangen gewußt; nicht einmal die eigenen Angehörigen, von deren adligem Familiensinn man das doch am ehesten hätte erwarten können. Sie aber, in stolzer Erinnerung an eine große und erlaucht« Tradition ihres Ge- chlechts, an den Erfinder der Leidener Flasche, an Christian Ewald, den Sänger desFrühlings" und preußischen Major, der bei Kunersdorf auf den Tod verwundet wurde, und an jene Achtundfünfzig derer von Kleist, die als Offiziere in den Schlachten des großen Königs gefallen waren ... sie sahen wie die anderen Zeitgenossen, mit wemgen Aus- nahmen, nicht das genialisch Unerhörte, das Große und Einmalige, fon- dern nur das im ©inne altpreußifcher Ueberlieferung höchst Befremd- licke, als der junge Mensch nach densieben verlorenen Jahren bei der Potsdamer Garde erst den Offiziersrock abtat und nach dem unseligen Zusammentreffen mit der Kantischen Philosophie auch dem Horfaal ent- lief, blindlings aus fest gezogenen Grenzen ausbrach wie «n gehetztes Wild, in der Welt umherzureisen begann und das Dichten nicht tapen konnte. Ach, er würde nie einnützliches Glied der menschlichen Gesell­schaft" werden! Sie sagten es voraus und sie haben, in ihrem Snme, leider recht behalten. , . ,

So fing es an, mit diesem Ausbrechen, das m seinen Kreisen als etwas kaum wieder Gutzumachendes geltenmußte, ntit einer «lucht mis geisttötendem Gamaschendienst, aus unerträglichem Widerstreit »chiipten Offiziersberuf und Menschentum, mit einer Flucht vor dem Kantischen Bekenntnis der Unzulänglichkeit des erkennenden Geistes mit enwr Flucht auch aus derGesellschaft" und vor feiner Braut, mit der er Nicht glücklich geworden wäre. Er wollte, seltsam genug,im eigentlichste«, Verstand ein Bauer werden". Mil der rousteauhaften Schweizerreise be­ginnt di« Tragödie Heinrich von Kleist und der lange, Seibensroeg, der nach zahllosen Krümmungen, Windungen nnd Jrrgängen eiMich«, einem stillen Novembertage an das Seeufer der märkischen Hern«

..... Ich trete vor Einem zurück, nicht da ist, und beuge mich, ein Jahrtausend im Voraus, vor seinem Geist«..."

Steift an seine Schwester Ulrike; 1803.

Es gibt ein sehr merkwürdiges und sehr gelehrtes Buch, ein Werk der strengen Wissenschaft, das eben darum nur wenigen bekannt sein wird dann sind die Lebenslinien unserer Dichter und Denker aus­gezeichnet. Di« Lebenslinien, im eigentlichsten Sinne des Wortes: hier kann man an dünnen schwarzen Strichen auf einer weißen und nüchternen Landkarte genau verfolgen, welche Wege den irdischen, Wandel unserer Groben zwischen dem Ort ihrer Geburt und der Statte ihres Todes bestimmt haben. Dies ist, auf den ersten Blick, nur das Werk einer un­endlich kühlen und trockenen Mathematik, dürftigstes biographisches Rahmenwerk, aus Ortsnamen und Jahreszahlen zusammengefetzt, dre durch wunderliche Linien nach einem willkürlich erscheinenden und jeden- falls unbegriffenen Gesetz untereinander verbunden find.

Und man muh lange, mit Liebe und Besinnlichkeit und Phantasie auf das weiße Blatt schauen, bis diese sonderbare Landkarte sich mit Farben füllt bis die Zahlen Sinn und die Namen Gewicht und Bedeutung er­halten. Wenn man sich's aber nicht verdrießen 'M, dann kann man unvermutet sehr Seltsames auf diesem Atlas der Geister entdecken und dem starren Buchstabenkram lebendige Deutung geben. Es überfall, dich stillen Bettachter eine Rührung, daß du in die Kme brechen mochtest, wenn du vielleicht aus einer kleinen Figur in der äußersten, Eck« ab- lesen kannst, daß der groß« Immanuel Kant, der doch m seinem dankenwerk Himmel und Erde ausmatz, leiblich kaum je über den Um­kreis seiner guten und alten Stadt da oben im Norden hmausgekonnnen ist Oder wenn du Goethes Lebenslinien nachgehst, so wirst du be­troffen fein von der groben und strengen Klarlxit dieser Wander- strotzen zwischen Nord und Süd, die Italien und Deutschland in einer klassischen Harmonie zu verbinden scheinen.

Und dann findest du vielleicht auch ein Bild, vor dem du ratlos tnnehältst, in das du keinen Sinn zu bringen vermagst, weil du völlig verwirrt bist von dem krausen, zackigen, wild durcheinanderlaufenden, hier jählings oorstotzenden, hier schroff zurückfliel)«nden Spiel zahlloser Limen; die Jahreszahlen, die solches Wirrsal bereiten, liegen zwischen 1777 und 1811 und die Ortsnamen, mit denen du nichts zu beginnen weißt, lauten etwa: Potsdam, Berlin, Würzburg, Leipzig, Wien, wieder Berlin, Paris, Thuner See, Weimar, Genf, wieder P^ns St. Omer Mainz Königsberg, Dresden und abermals Berlin. Fest steht dir nur der Ausgangspunkt des langen Irrweges: Frankfurt an der Oder, wo am 18. Oktober "1777 dem preußischen Kornpagntechef Joachim Friedrich von Kleist und einer (zweiten) Gemahlin Juliane Ulrite von Ponnwitz ein Sohn geboren wurde, der die Namen Bernd Wilhelm Heinrich er- hiell. Und ganz klar, ganz gerade, ohne Seiten prob und Umkehr, Hegt das winzig kleine, letzte Stückchen Lebensweg vor dir, führend von Ber­lin an eine stille Bucht am märkischen See, die durch ein Kreuz be- zeichnet ist und durch den Todestag: 21. November 1811. Datz der, zu dem bi es Bild und diese Zahlen gehören, jenes allerletzte und pfeilgrad« Stücklein Weges nicht hat allein zu gehen brauchen, das ist «ne der wenigen freundlichen Fügimgen des Schicksals gewesen m einem Lkben, das ohne Glück und ohne Gnade war. Die verzweifelte L^sharmome der Linienführung aber, die Anfang und Ende verbindet, ist wie das un- verrückbare Sinnbild einer dämonisch zerrissenen Seele.