GichenerZamilieiibliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1927 Dienstag, d«Ü8.Januar Numme^S
Der Schauende.
Von Rainer Maria Rilke.
Ich sehe den Bäumen die Stürme an, die aus laugewordenen Tagen an meine ängstlichen Fenster schlagen, und höre die Fernen Ding« sagen, die ich nicht ohne Freund ertragen, nicht ohne Schwester lieben kann-
Da geht der Sturm, ein Umgestatter, geht durch den Wald und durch die Zeit, und alles ist wie ohne Wer:
Die Landschaft wie ein Vers im Psalter, ist Ernst und Wucht in Ewigkeit.
Wie ist das klein, womit wir ringen, was mit uns ringt, wie ist das groß; ließen wir, ähnlicher den Dingen, uns so vom großen Sturm bezwingen, — wir würden weit und namenlos.
Was wir besiegen, ist das Kleine, und der Erfolg selbst macht uns klein. Das Ewig« und Ungemeine will nicht von uns gebogen fein. Das ist der Engel, der den Ringern Des Alten Testaments erschien I wenn seiner Widersacher Sehnen im Kampfe sich metallen dehnen, fühlt er sie unter seinen Fingern wie Saiten tiefer Melodien.
Wen dieser Engel überwand, welcher so oft auf Kampf verzichtet, der geht gerecht und ausgerichtet und groß aus jener harten Hand, die sich, wie formend, an' ihn schmiegte. Die Siege laden ihn nicht ein. Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegt« von immer Größerem zu sein.
Georg Friedrich Knapps Gießener Kinderzeit.
G. F. Knapp, der im Frühjahr vorigen Jahres verschiedene Meister der deutschen Nationalökonomie, ist bekanntlich ein Gießener Kind. Aus seinem Nachlaß hat jetzt di« Tochter des Gelehrten, Clly Hauß-Knapp, die Jugendsrinnerungen ihres Vaters herausgegeben, die in diesen Tagen unter dem Titel „Aus der Jugend eines deutschen Gelehrten" bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erscheinen (185 S.). Das reizvoll geschriebene Büchlein wich gerade in Gießen besonderes Interesse finden. Aus den uns zur Verfügung gestellten Abschnitten bringen wir einige, aus das Gießen der vierziger Jahre sich beziehende Proben. 842
Geboren bin ich, wie Ihr wisset, in Gießen an der Lahn. Eine Straße der inneren Stadt, genannt: „Die neuen Baue", führt nach Osten; an der rechten Seite, wenn man aus der Stadt hinausgeht, stand das Haus, damals kenntlich an einer kleinen Freitreppe, die aber nun verschwunden ist; schräg gegenüber steht das Geburtshaus des Romanisten Diez. Unten wohnte ein Steuereinnehmer Enders, im ersten Stock der Rabbiner Levi, dessen einer Sohn Hermann ein sehr bekannter Musiker geworden ist; im zweiten Stock wohnten meine Eltern. Die Fensterscheiben waren mit Blei eingefaßt, was man damals noch häufig sah. Die Bauart war äußerst dürftig: ein Kloben, der zur Befestigung eines Spiegels im Wohnzimmer eingeschlagen wurde, kam an der Außenseite zum Vorschein. Wir hatten nach der Straße zu drei Zimmer, nach dem Hof zu eines. Zwei ganz gleiche Oellampen, ohne Zylinder, mit Blechschirm, wurden abends angezündet. Die Treppen im Hause waren von gefährlicher Steilheit. Ein kleiner Hof, in den die Sonne schien, wurde nach hinken von einem Graben begrenzt, den wir Flohgraben nannten. Einen Garten hatten wir nicht. Unser Haus hatte wenigstens gerade Wände, während daneben, durchs Trillergäßchen getrennt, Hauser mit windschiefen Wänden standen, wovon eines den Spitznamen „Krachburg" führte. Meine Zwillmgs- fchwester Lella. eigentlich Karoline, und ich sind am 7. März 1842 auf die Welt gekommen. Mein Vater war Chemiker, einer der frühesten Schüler Liebigs, meine Mutter war Liebigs Schwester, und zwar die jüngste, so daß sie wegen des großen Altersa'bstandes ihren berühmten Bruder eher wie einen Oheim betrachtete. Liebigs älteste Tochter Agnes erschien nach unserer Geburt, um als Glückwunsch einen Vers herzu'fagen, dessen erste oellen lauteten: „Ein Knabe, geboren im Monat März, hat ein Löwen
maul und ein Hasenherz." Mein Vater war im Jahre 1842 etwa 28 Jahre alt; was seine Stellung war, weiß ich nicht, ich glaube „Repetent", ein« damals eingeführte Stellung, vermutlich im Laboratorium Liebigs.
Ein« sehr bewegte Szene ist mir als erste Erinnerung an meinen Vater noch sehr deutlich: er reiste für längere Zeit nach England ab und nahm im Wohnzimmer von uns Abschied.
Als eines Abends unsere Eltern ausgegangen waren, erschien bei der Köchin, die uns im Schlafzimmer überwachte, eine alte Frau; die Köchin hatte sich heißes Wasser über den Fuß gegossen, di« Binden wurden ab« genommen, die alt« Hexe kniete nieder und sagte unter beschwörenden Gebärden Sprüche her. Das kam uns höchst wunderlich vor.
Einmal lag ich im Bett und wollte meine Suppe nicht essen; da wurde der eben erschienene „Struwwelpeter" auf den Tisch aufrecht hingestellt, so daß ich den Suppenkaspar sehen konnte. Rach und nach aß ich die Suppe auf — und da drehte sich das Blatt mit dem Suppenkaspar von selber um: Ahnung höherer Zusammenhänge.
Unser erster Spielkamerad war Hermann Levi, der aber zwei bis drei Jahre älter war als wir; er hatte häufig di« Bräune und wurde daher Braunert genannt. Ich habe ihn später nie wieder getroffen, trotz einiger Versuche auf beiden Seiten. Er war lehr früh musikalisch entwickelt. Sein Vater, der Rabbiner, ist über 90 Jahre alt geworden, wie auch mein Vater. Einmal sollten Lella und ich nach Ortenberg im Vogelsberg reisen, wo ein Schwager meiner Mutter namens Hilß eine Brauerei und Oeko- nomie betrieb. Der Rabbiner hatte gerade dort eine Hochzeit abzuhalten und nahm uns im Postwagen mit; und als er am Hochzeitshause empfangen wurde, meinte die Hausfrau, wir gehörten zu ihm und ließ für uns am festlich gedeckten Tisch Teller aufsetzen. Erst als wir in der fremden Welt zu weinen anfingen, wurde nachgeforscht, wer wir seien — und man führte uns zu unserem Onkel Hilß. Das war unser erstes Reiseabenteuer.
Noch in den „Reuen Säuen" wurden wir von unserer Mutter ein wenig lesen gelehrt, und zwar nach der damals neuen Lautiermethode. Es waren große gotisch gedruckte Buchstaben, auf blaues Papier aufgeklebt und ausgeschnitten. Doch haben wir damals nur die Buchstaben gelernt.
An einem Weihnachtsabend strahlte an der Spitze des Christbaums ein« fünffache Flamme; in der Ecke stand ein kleiner Gafometer, von dem em Schlauch hinaufführte. Es war Gas. Nur chemische Eltern konnten damals eine solche Ueberraschung bieten, denn Gas war nur hn Laboratorium zu haben.
Eines Tages erschien ein früherer Gendarm namens Keßler und breitete vor meinen Eltern Pläne seines Hauses aus: danach wurde eine neue Wohnung gemietet, obgleich wir Kinder gar nicht begriffen, daß diese Zeichnungen ein Haus darstellten.
Der Umzug in das Keßlersche Haus fand im Herbst 1847 statt. Es lag am Südende der Stadt, auf dem Seltersberg; wenn man hinausgeht, auf der rechten (westlichen) Seite, damals das vorletzte Haus; das letzte war em Oekonomiehof, der Kochsche Hof, wo Pfauen gehalten wurden. 2(uf der unten (östlichen) Seite war auch nur noch ein Haus, einem Vureau- beamten namens Engelbach gehörend. In unserem Hause wohnt« im ersten -stock der Theologe Credner, in den Mansarden der Zoologe Leuckart, der aber später einzog als wir. Wir wohnten unten im Erdgeschoß. Im Hinterhause wohnte das Ehepaar Kehler, bei denen es immer nach gelben Rüben roch, weil die Frau das Essen — im Bett Wir 6en Abend aufbewahrte. Auch eine Scheune stand tm Hof, oder vielmehr em schuppen. Das Haus stand völlig frei, von weiten Gärten umgeben, wo Gemüse gebaut wurde; aber auch einige Rabatten mit Blumen waren da, eingefaßt mit Buxbaum, und einige Hütten — so nannten wir die Lauben — aus Hainbuchen.
Meine Mutter hatte die (Babe, sehr ergreifend vorzulesen; es geschah ganz anspruchslos, ziemlich rasch, ohne alle sichtbare Bemühung und auch offenbar ganz unbewußt; sie erzielte die Wirkung nur dadurch, daß sie selber von dem Stoss ergriffen wurde. Besonders kam es bei Grimms Märchen und ähnlichen, ganz einfachen Dingen zum Ausdruck, so daß mich bald ihr Vorlesen an sich bereits ergriff.
Die wirksamsten Kinderbücher waren: Reinicks Jugendkatender; Text und Holzschnitte waren von Reinick; darin stand die Geschichte von der Spitzen-Christel, die unschuldig in den Verdacht des Diebstahls gekommen war; ferner Glllls Kinderheimat: ehe es auf dem Weihnachtstisch« erschien, las uns unsere Mutter, das Buch versteckt haltend, das Gedicht „Bäuerlein, Bäuerlein, tick, tick, tack" vor; andere aber gefielen mir bester, wie z. B. „Gefroren hat es Heuer, noch gar kein festes Eis" — oder „Will das Kind ein wenig warten, kauft der Vater einen Garten". Vor allem ober bewunderte ich die Geschichte vorn „Fröschlein mit dem grünen Strumpf". Es war wohl ebenfalls 1847 oder 1848, als Braun und Schneider ht München die Münchener Bilderbogen Herausgaben; die ersten 24 Nummern lagen ebenfalls bei der Bescherung, darunter die Blätter „Deutsche Städte und Burgen"; dann Schwinds Gestiefelter Kater; das andere Blatt: „Herr Winter" ebenfalls von Schwind. Es fft gar nicht mit Worten zu sagen, welcher Reichtum aus diesen Blättern auf uns überströmte, denn die Zeit


