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In seinem großen, grün tapezierten Zimmer hing das erste Oetbitd an der Wand, das wir kennenlernten: es war von einem bekannten Maler, Rahl, damals wohl in Rom, und stellte fast lebensgroß ein zigeunerartiges Mädchen dar, das neben sich eine weiße Ziege hatte; darunter las man „Esmeralda". Erst viel später, 1864 oder 1865, bin ich der Esmeralda wieder begegnet — im Roman von Viktor Hugo, Notre Dame de Paris, den ich in einer einzigen Nacht durchlas, weil ich vor Entzücken über die mir teure Zigeunerin das Buch nicht aus der Hand legen konnte.
Im Frühjahr 1848 kamen allerlei seltsame Kerle zu Karl Vogt; ein breitschultriger mit rotem Haar und Bart, der eine ungeheure Baßstimme hatte, hieß Karl Becker, der erste Demokrat. Andere ähnliche Figuren sah man auf der Straße: graue Kalabreserhüte, mit Hahnenfedern darauf, einen alten Schleppsäbel umgeschnallt. Im benachbarten Wirtshaus wurden Versammlungen abgehalten und groß« Reden von aufgeregten Leuten, die auf Tische gestiegen waren. Aus die mit eingedrungenen Knaben wurde nicht weiter geachtet. Jener Karl Becker hatte viel mit Bogt zu tun, was wir Kinder gar nicht recht begriffen, denn er sah aus wie ein ganz gewöhnlicher Kerl.
Eines Tages standen wir im Hof, gegen Abend war es fchon, als Karl Bogt auf einem Braunen geritten kam. Roh und Reiter waren schweißbedeckt, Vogt vollständig heiser. Er hatte die rasch gebildete Bürgerwehr aus dem „Trieb", einer Gemeindeweide, die wir aber „Tripp" nannten, versammelt, denn er war zum Kommandeur erwählt worden, und hatte dort vom Pferd herab versucht, die Leute in Reih' und Glied zu bringen.
Die Prosefforen, darunter mein Vater und einmal auch unser Onkel Liebig, ließen sich an der Anatomie cinexerzieren; wir Jungen standen dabei und fanden es unglaublich komisch.
Einmal ist diese Bürgerwehr abends ausgerückt, weil es hieß, von Friedberg her nahe sich der Feind; man kam aber bald wieder heim.
Karl Vogt kehrte von Frankfurt nicht mehr nach Gießen zurück; seine Sackten wurden versteigert; die Venus von Milo, etwa meterhoch, aus Paris, erhielt mein Vater für die dabei gehabte Bemühung als Geschenk: das erfte Werk der Plastik, das wir kennenlernten. Es hat seitdem stets im Arbeitszimmer meines Vaters gestanden. Vogt, ein echter Schwadroneur, hatte in der Kneipe stets von seinen Schulden geredet; bet der Aufräumung feines Haushaltes fand man alles in peinlichster Ordnung, alle Quittungen sorgfältig beieinander. Das war schon genug, um ihn mcht ganz ernst zu nehmen. Aber starke Zweifel an seiner politischen Ernst- Hastigkeit kamen mir später, als meine Mutter einen Brief von Vogt vor- zeigte, den sie 1849 während des badischen Aufstandes erhalten hatte: darin wird der Vorgang nur von der komischen Seite betrachtet, und Vogt erklärt sein ganzes Auftreten in Frankfurt aus dem Bestreben — „Hofrate zu ärgern". Trotzdem war eine köstliche Frische in ihm zu bewundern, und ein persönlich anhänglicher Mann ist er immer gewesen: es war offenbar fein Schicksal, den schwadronierenden Inhalt der Revolutionsfahre klassisch zu verkörpern, sozusagen die lustige Person im damaligen -LrauerjpteL Und das war mir beschieden, aus nächster Nähe anzusehen — ehe ich in die Abefchule kam.
Damals reiste meine Mutter einmal nach Darmstadt; die nächste Z-ituna brachte die Nachricht, daß in Frankfurt mit Kartätschen gescyosien werde. Mein Vater reiste sofort nach und fand meine Mutter bet einer bekannten Familie in Frankfurt, auch noch auf der „Zeil : die Leute hatten sich im Zimmer nah am Fenster aus den Boden gelegt, weil dies der sicherste Ort war. Beim Weggehen fanden meine Eltern meinen neun ähriaen Vetter Julius Wilbrand auf einem Ecksteine, sitzend und nahmen ihn mit. Von dieser Reise hat mir meine Mutter eine Messmg- kanone mitgebracht, aus der man.wirklich schießen konnte.
Die Metzgerburschen, die ins Haus kamen, schimpften, daß unser Vater ein Dunkelmann sei; was er aber gar nicht war, er hatte nur als Sohn eines höheren Beamten etwas mehr Ueberbüd als viele andere, ohne sich irgendwie in jene Wirren zu mischen.
Die Knaben waren übrigens mit erregt, sie traten haufenweise zusammen, manche ältere taten sich auffallend hervor, und man gehorchte ihnen; ich durfte als einer der jüngsten auch mitlauf en. Die Eisenbahn nach Frankfurt war gerade im Bau, ungeheure Massen von Schwellen aus Eichenholz waren aufgeschichtet; in den schmalen Gangen Zwischen den Haufen war man ungesehen, und es wurden vor allem Rutsch- bahnen daraus gebaut: schräggestellte Schwellen, oben geglättet, man hockte sich darauf und glitt hinunter. Jeder Junge hatte einen Knüppel an der Seite, und sie nannten sich Knüppelgard^ Wer nicht gehorchte, wurde in einen Kohlenkeller gesperrt. Es war höchst sonderbar, wie sich alles veränderte - dies allgemeine Zusammenlaufen, dies Auftauchen von Leuten die Befehle erteilten, diese allgemeine Schnnpserel; aber es war
auch sehr genußreich. . „
Einmal Härte ich meine Eltern von der Schule reden; meine Mutter war dafür; mein Vater wollte es noch ausschieben, wie er denn niemals von vorzeitiger Schulung etwas wissen wollte; und |o kam es, daß ich erst mit sieben Jahren in die Schule kam, also 1849. Das war em merk- würdiges Jahr, denn an unserm Hause vorüber zogen Preußen und Mecklenburger nach Süden, um den badischen Aufstand niederzuschlagen: Pickelhauben, Zündnadelgewehr; am besten gefiel uns die 8elbid2mteb.e/ Es gab auch Einquartierung. Noch im Jahre 1848, im Mai, ftarb mein Großvater Knapp, Geheimer Staatsrat in Darmstadt. Mein Vater und dessen Schwester, Frau Professor Albertina Wilbrand, reisten, hm und nahmen mich mit. Als der Postwagen siw Hessenmonument vorüber nach Frankfurt gekommen war, stiegen wir für einige Stunden aus unö gingen vor die Paulskirche. (Fortsetzung folgt.)
DQS Geheimnis der Meistsrgeigsn.
Von Artur S e g i tz.
Es ist eigentümlich, daß die Fabrikationsgeheimnisse so mauser Dinge im Laufe der Jahrhunderte spurlos verloren gehen können. Die alten Römer kannten z. B. nach alten, glaubwürdigen Quellen die Herstellung eines unzerbrechlichen Glases, dessen Festigkeit angeblich eine so große gewesen sein soll, daß man Ecken und Beulen solcher gläsernen Gefäße mit einem Hammer hätte wieder ausbiegen können.
Die Italiener brachten es dagegen im Geigenbau zu einer unerreichten Meisterschaft. Die Namen mancher italienischen ®eigenbauerfamdien, wie Stradivari, Amati, Guarneri, Rugeri u. a. genossen einen Weltruf, und einen Ruhm, der die besten unserer heutigen Geigenbauer bei weitem . nicht wieder erreichten. Aber allmählich begann ?uch hier wieder ein Verfall, so daß die wenigen, noch existierenden, wirklich echten Melster- geigen wegen ihrer bis heute unerreichten Tonfülle und Klangschonheit fast wie kleine Heiligtümer behütet und umsorgt werden.
Der modernen Wissenschaft lieh aber dieses Gehelmms der alten Geigen keine Ruhe, und so versuchte sie sich seit Jahren an der Losung dieses Problems. Durch ein künstliches Alterungsverfahren soll es in den letzten Jahren auch bis zu einem gewissen Grade gelungen sein, gewöhnliche moderne Instrumente zu veredeln und der Klangschonheit alter Geigen bedeutend näherzubringen. Aber näher kam man hierdurch dem eigentlichen Problem des Fabrikationsgeheimnisses nicht, denn lene italienischen Geigen hatten, wie wir wissen, schon zu ihren Entstehungszelten ihre berühmte Klangwirkung, die also nicht erst durch ein hohes Alte beroorgerufen worden ist. . ... _.
Da war es nun die Chemie, die wenigstens etwas Licht in diese Frage brachte, wenn es ihr auch noch nicht gang gelungen ist,, sie restlos zu klären. Wie die „Zeitschrift für angewandte Chemie berichtet, ging der Wiffenfchaftler G. Schwalbe, Eberswalde, der sich schon fett Jahren mit der systematischen Untersuchung von verschiedenen Holzarten beschäftigt, zuerst an die Lösung der Frage, ob vielleicht, wie dies ost oerrnrn« wurde, der Niedergang der italienischen Geigenbaukunst mit dem Auf- ,
des illustrierten, gemütlichen Kinderbuches fing damals erst an. Sei ßiebigs trafen wir noch die unausstehlichen Fabeln von Hey mit der Alrtlugheit des 18. Jahrhunderts, die wir aber bereits gründlich haßten. Bei der Großmutter Liebig tagen viele Bände des Pfennig-Magazins, dessen Holzschnitte ganz elend waren; der Text war eine lehrhafte Sammlung von Wißbar- ?eiten Endlos schleppte sich darin die „Galerie deutscher Bundessursten weiter Hinten kamen „Miszellen über indische Zauberer". Dagegen waren Rückert, Reinick, Güll und die Münchner Holzschnitte lauter Zeichen einer •W al5ltid) Friedrich Güll, dem Lehrer an der protestantischen Schule in München, zuweilen begegnete, blieb ich immer in der tiefsten Bewegung stehen und blickte ihm nach, solange es ging. Cr hatte einen schönen, harmonischen Kops und eine ruhig-liebevolle Haltung.
Auf der Landstraße, die an unserem Hause vorüber von, Frankfurt am Main nach Kassel sührte, gab es viele Frachtwagen; meine Mutter konnte immer auf den ersten Blick sagen, was sie geladen hatten; auch gab es einen Fuhrmann, der Velten hieß: er brachte oft meiner Mutter etwas aus Darmstadt von den Großeltern Liebig, mit. Der Postwagen ging auch am Hause vorbei, vor allem aber die Briefpost: klenie Karren, zweirädrig, genannt Karriol; neben dem Kutsaser noch em Platz. Die Personen- wie auch die Briefpost gehörte dem Fürsten Thurn und Taxis, der vom Kaiser Maximilian belehnt gewesen fein sollte (eine der wenigen Sachen aus der älteren Geschichte, die wir erfuhren). Als die Mam-Weser- Vahn von Gießen nach Frankfurt bereits eröffnet war, ließ der Fürst Thurn und Taxis seine Karriole noch immer nebenher sahen, weil es zu keiner Einigung mit der Dahnverwattung kam. Lange dauerte es nicht, aber es war doch eine Zeitlang so, und die ganze Universität Gießen lachte über diese Schildbürgerei.
Nach kurzer Zeit erschienen schwere, niedrige Wagen, mit acht oder Äebn Pserden bekannt; geladen waren darauf Lokomotiven, die von Staffel tarnen; ich meine, der Fabrikant habe Keßler geheißen. Unser Staunen war grenzenlos. Ebenso, als die Telegraphenstangen errichtet wurden: die Porzellanhütchen haben wir stets zum Ziel unserer Steinwürfe gewählt, oft auch getroffen; ich konnte sehr gut mit Steiner.ro erfen und habe es erft unterlassen, als ich später in München Friedrich Jolly kennenlernte, der durch Steinwürfe ein Auge verloren hatte.
Um 1849 war die Landstraße auch sehr häufig von Stafettenreitern benutzt: Soldaten, die den Depefchendienst versahen; sie ritten schneller als alles, was wir bis dahin gesehen hatten. Die ersten militärischen Durchmärsche ereigneten sich 1849. Man sah auch Zigeuner, Bettler, Bauern, Omnibusse, sehr viele Pferdehändler, deren Pferde damals englistert waren, wie denn auch die Nürnberger Bleisoldaten lauter solche Pferde zeigten.
Unser Erdgeschoß war geteilt: Wir hatten die Zimmer, etwa vier, nach der Stadt zu; die drei anderen Zimmer bewohnte der Zoologe und spatere Politiker Karl Vogt, ein Junggeselle, der an uns Kindern großes Vergnügen fand und stets Zeit für uns hatte, obgleich er fehr fleißig war. Er hatte zuweilen zwei Schreiber, denen er auf- und abgehend lieber» i etzungen diktierte; auch malte er ein wenig in Oel und hatte damals auf einer Staffelei ein seltsames Bild: ein Parodie von Raffaels Trans- iguration. Es stellte eine Szene auf dem Meeresboden dar, eine Ver- ammlung von Krebsen, Seepferdchen und dergleichen, während oben darüber eine Qualle schwebte, die aus ihrem glockenförmigen Leibe fegen» spendende Faden herunterhängen lieh. Später wurde es in Stahl gestochen und einem seiner Werke beigegeben, ich glaube, den Zoologischen Briefen. m .
Zu Weihnachten konnte Vogt gar keine Grenzen in Geschenken finden: Hirschfänger und Flinte, am Christbaum schokoladene Maikäfer.
Im Winter trug er einen Schlafrock, mit Schafspelz gefüttert, den er, wenn wir kamen, umgedreht anzog; dann fetzten sich die Zwillinge auf seinen Rücken, und er, auf Händen und Knien gehend, machte die Runde um das Zimmer. . ,
Er wollte mich gern „malen" lehren, das heißt mit Wasserfarben Bilderbogen bemalen; aber er fand mich ganz talentlos und einmal, als ich die Umrisse gröblichst überschritten hatte, wurde er sogar böse und ließ von feiner Bemühung ab.


