Ausgabe 
17.12.1927
 
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liegenblieb. Ein kleiner Pvsthilssjunge schob sie mit dem L.-iefel in hie Ecke, neben den Ofen. Dort ruhte sie über die Feiertage friedlich und wann unter der Hutschachtel aus Mainz.

Als die Feiertage vorbei waren, wurde sie hervorgeholt und reiste über Main nach Frankfurt und Halle und gelangt« über Sachsen, Bran­denburg Westprenßen eines Abends glücklich mit der letzten Post nach Stolp, gerade, als Tante Billa eben dort abgereist war, denn das rauhe Klima sagte ihr nicht zu. Sie war zu ihrer Richte nach Halle gefahren, um Silvester bei ihr zu verleben. Die Spickgans wurde ihr nachgeschickt.

Da ihr Bruder aber vergaß, anzugegeben, welches Hallo gemeint war, so sandte die Post, nach einer der vielenBestimmungen", die iiicht alle ihre Kunden sich zu kennen befleißigen, die Spickgans nach Halls a. d. S. Aber dort gab es weder eine Heiligegeiftgaffe, noch eine Tante Billa; und so schickte man das Paket, das allmählich aus dem Leim zu gehen begann, mit gelösten Schnüren, in zerdrückter Schachtel, nach dem west­fälischen Halle, wo es Tante Billa auch nicht mehr antraf, denn sie war eben nach Hause abgereist.

Es regnete in Strömen, als die Spickgans wieder ihren weiten Weg von Westfalen nach der Mosel antrat. Als sie in Burgen ankam, platt­gedrückt und naßgeregnet, in ihrem zerfetzten, durchweichten Packpapier- kleid, hingen ihr Bindfäden und Packpappe vom Leib wie Lumpen; und sie sah durchaus nicht mehr appetitlich aus, die arme Spickgans. Der Postaushilfsjunge schmiß sie in die Ecke des warmen Packraumes, und sie flog mit dem Kopf nach vorn aus dem Papier und glitt über einen Berg glatter, blauer Pakete in die Tiefe einer Ecke.

Was mit ihr dann geschehen ist, hat nie jemand erfahre», aber eines Morgens brachte der Postbote ein merkwürdig aussehendes Paket. Auf dem grauen Packpapier standen so viele Adressen, daß man keine einzige mehr lesen konnte. Nachgesandt nach Stolp, Katharinengasse 34. Nicht an­getroffen, nachgesandt nach Halle a. d. S.! Nicht auffindbar. Zurück nach Halle in Westfalen, nicht angetroffen, und etliche Postbotennamen, die ihr unbekannt waren. Tante Villa wickelte staunend das Papier auseinander und drehte es ratlos hin und her. Sie konnte nicht denken, was es jemals enthalten haben konnte. Zu einem Aprilscherz war es entschieden ver- frühlt. Ein Julrlapp? Dazu war es zu witzlos, denn es enthielt wirklich nichts, außer Bindfaden. Da entdeckte sie, eingeklemmt, einen naßgereg­neten, sehr mitgenommen aussehenden Brief. Sie setzte ihre Brille auf und las ...Meine liebe Tochter, mit dieser Spickgans möchten wir Dir «ine Extrafreude machen, dieses Jahr ist es nichts mit der Pastete. Wir hosfenf daß es Dir gut geht und dem Buben. Laß sie Dir gut schmecken, Mutter."

Sie las den Brief dreimal, ohne ein Wort zu verstehen, denn Tante Billa hatte nie einen Manu gehabt und auch keine Buben, und hatte nun auch keine Spickgans bekommen. Sie wußte nicht, wer ihr dieses Paket geschickt, noch wer ihr diesen sonderbaren Brief geschrieben hatte. Vielleicht eine Verrückte?

Nach der Chrisimette in der Saarbrücker Ludwigskirche mürbe daheim unter dem brennenden Christbaum dem Emilchen seine Kiste ausgepackt. Es war immer ein großer Augenblick. Der Baker kniet« am Boden, um mit dem Stemmeisen die Nägel zu lösen. Alles stand um ihn herum. So­bald der Deckel abflog, reckten die Brüder die Hälse, wenn der Dust nach frischgebackenem Lebkuchen und Selbstgeschlachtetem aus der Holzwolle aufstieg, und die Mutter packte nun aus. Aber als sie statt der erwarteten Würste und Speck nur eine Spickgans erblickten, waren sie alle sehr ent­täuscht, und die Mutter sagte kopfschüttelnd:Wie is nur unser Emilche uff so e dnhrtiger In fall kumm, uns e Spickgans zu schicke, wo mir uns aklegar so uff fei gutter Bauchlpeck gefreit Han--"

Unser Weihnachten Qis künstlerisches; Motiv.

Von Walther A p p e l t (Plauen).

Wir wissen, wie vorherrschend in der Kunst die Gestaltungen aller nur erdenklichen Themen aus dem Kreis des biblischen Weihnachts-Erum- geliums sind. Damit verglichen, haben eigentlich verschwindend weniHS Künstler unsere Feier der Weihnacht oder überhaupt die WeihnachtZMt zum Gegenstand ihrer Kunst gewählt. Das meifä Lis wach Nrfer Mallung Vorhandenen hat saft gusschffLtzstch tzülkWilichen, also mehr wissen- lchaftsichxlr. «kb kllnstserischen Wert. Nüchtern sachliche Darstellungen von Mventsbräuchen der deutschen Gau« scheiden für die Kunstbstrachtung, die nach demWie" und nicht so sehr oder gar nicht nach demWas" fragt, ebenso von vornherein aus wie vieles Episodische (Weihnachten im Hause Martin Luthers" u. dgl.). Auszunehmen wäre von den Aelteren etwa Chodowiecki mit feinem KupferstichWeihnachlsbestlMUNg" und einer Christmarktszene, die künstlerisch noch beschwingter ist (Die Glückwunsch-Verkäuferin").

M. von Schwind Hai wiederholt, wenn auch vorwiegend in Ge- legenheitsarbeiten, unserer Weihnachtsfeier und ihren Sitten künstlerische Gestalt gegeben. Am erwähnenswertesten ist wohl die ZeichnungChrist­baum", dessen Zweigen.er in maßvoller Sentimentalität Gruppen lieber Menschen einfügt, und dessen Sockel er von den Gebäuden gebildet fein läßt, die er mit Fresken schmücken durfte (darunter bekamitlich die Wart­burg). Verbreiteter ist Ludwig Richters innig-naiveChristnacht", 1854 als Radierung für denSächsischen Kunstverein" und später, nur unwesentlich verändert, als (viel gekaufter) Holzschnitt erschienen: Engel umschweben, dem neugeborenen Christuskind huldigend, in Verkörperung der fromm-gläubig deutschen Weihnachtssymbolik einen lichtumflossenen, molkengetragenen Tannenbaum. Die im besten Sinne des oft mißbrauchten Wortes stimmungsvolle Umrahmung zeigt, so knapp und andeutenÄ sie gehalten ist, das leider mit jedem Jahrs mehr der Vergangenheit und Erinnerung angehörende traute Christnacht-Idyll der deutschen Klein­stadt. Bon den weiteren Werken Richters ans dem gleichen Stoffgebiet ist besonders hervorzicheben das rührend-schlichte Bild der beiden kleinen, trotz grimmiger Kälte unverdrossenen Christmarkt-Händler. Aehnliche Motive sind auch von den ausgesprochenen Genre-Malern wie Spitz - weg und Knaus gemalt nwrben. Doch stehen diese Bilder durchweg

in gleichem Maße hinter anderen zurück, wie sie meist allzu sehr int Stofflichen bleiben. Denselben, mehr illustrativen Charakter haben u. a. auch W. Kral nsLetzte Christbäume" undWeihnachtsstube".

Wie andere im Reuen Testament berichtete Geschehnisse, hat Fritz von Uhde auch die desHeiligen Abends" mit unerreichter Meisterschaft in das Gewand unserer Zeit und unserer Landschaft gekleidet und damit ihre Allgemein-Gültigkeit betont: müde und matt lehnt in ärmster Gegend die Frau, die ihre heilige Mutterbestimmung erfüllen will und doch kein Dach überm Kopfe hat, an einem Weidezaun. Und blickt in demütiger Schicksals-Ergebenheit dem Manne nach, der um einen Unterschlupf für zwei Heimatlose bitten geht, und sei es im Stalle bei der Krippe. Auch den Stall selbst hat Uhde, erfüllt vom Christnacht-Geschehen, gemalt. Aber darin ist ein Jüngerer, der unlängst verstorbene Tiroler Albin Egger-Lienz, stärker: packend läßt dessenHeilige Nachi" eine fremde Elendshütte die Geburt des Kindes der Madonna erleben, unter Gleichgültigen oder höchstens frauenhaft Neugierigen, sonst aber keinerlei Anteil Zeigenden. Aehnlich finden wir bei L. v. Hofmann den biblischen Gedanken dahin erweitert, daß jede Mutter eine Madonna ist, deren Sendung im beglückenden Jubel wie im schicksalsschweren Leiden vom Erhabensten und Höchsten gekrönt wird. Daß jede Mutterschaft, die rein und stark ist, im Weiterweisen und Brückenschlägen aus der Enge der Erdgebundenheit herausführen kann und soll!

Am Maßstab dieser schönen und bedeutenden Bilder gemessen, muß vieles andere beinahe belanglos erscheinen. Christmette, Lichterbaum, i Glockenläuten, singende Engel, verschneite Fluren, festlich sentimentale i Menschen, ... das'sind die stereotypen Schemata, die schon zu lange ge- braucht und aus gebraucht gelegentlich sogar mißbraucht worden sind, i als daß sie noch Ueberragsnbes ^ergeben könnten. Genau so wichtig kam das in Frage bei der Hochflut von Kriegsweihnachtsbildern, die von 4914 an alljährlich massenhaft widerkehrten, aber sämtlich viel zu anspruchslos auf eine kurzfristige Tages-Aktualität abgeftimml waren (womöglich noch mit politischen, zum Test schon heute kaum noch allgemein-verständlichen Beziehungen).

Nur indirekt mit unserem Thema berühren sich Märchendarstellungen oder Bilder von spielenden, weihnachtssrohen Kindern (Skevogi, Liebermann, Spiro usw.), aus die deshalb hier nicht näher ein­gegangen sei. Und Werke wieWaldweihnacht ,Weihnachten der Flur" usw. sind meist reine, winterliche Landschaftsmotive, die sich oft einen mühsam herbeigeholten, ganz äußerlichen Zusammenhang mit dem, was wir dasFest der Feste"» nennen, gefallen lassen müssen. Was mitunter so aufdringlich und unkünstkerisch geschieht, daß gar die Einheit des BilÄ- charakters'zerstört wird, und wir darum gebracht werden, den weihnacht­lichen Zauber zu empfinden, den unter gewissen inneren Voraussetzungen jede feierstille Schneelandschaft auf uns auszuüben vermag. E. K u i tha n hat ein Bild geschaffen (Weihnachten im Walde"), dessen Niveau um ein sehr Beträchtliches über dem der Vislzuvielen steht. Mit der Wucht und Eindringlichkeit eines Epos und doch auch mit der webenden Zart­heit feingliebriger lyrischer Strophen bringt es die Grundakkorde unseres Weihnacht-Feierns zum Klingen, die wir uns selbst und denen, die sie in Lärm und Trubel vergessen wollen, immer wieder zurückrufen sollten: daß alles um uns und in uns ein einziges, großes und ewig unfaßbares Wunder ist und bleiben wird. Daß die Botschaft von Bethlehem, die allen, Me sie hören wollten, Heil und Erkenntnis verhieß, immer lebendig ist und auch an uns sich wendet, oder doch an diejenigen unter uns, die sie zu hören verstehen, weil sie sie hören wollen!

Kulturgeschichtliches zum Wsihuachtsfeste.

Von Professor Dr. Heinrich S o h n r e y.

In der dunkelsten Zeit des Jahres, der Wintersonnenwende, die un­gefähr mit unserer Weihnachts- und Neujahrszeit zusammensällt, be­ginnen unsere heidnischen Vorfahren, die Nordgermanen^ das Wlfssi seinen wochenlangen Schmausereien untz Sn jii Ehren der um­

ziehenden Götter, n?ie r-mn angenommen hat, oder ob das Fest den in djchM Tagen durch die Lüfte ziehenden Seelen der Abgestorbenen galt, läßt sich aus der Mythologie nicht einwandfrei feststellen. Die einen halten sich an das Wort Jul, das sich ja bis heute noch in Julklapp erhalten hat, und deuten es als das Rad, wollen also in ihm eine Beziehung zu dem neuermachten Sonnengotte, zu Fro oder Freyr oder Baldur sehen; die andern wieder halten dem entgegen, daß Jul mit dem lateinischen joculus zusammnhänge und soviel wie Heiterkeit, Scherz, Vermummung bedeute.

Jedenfalls dürfte als tatsächlich anzunehmen sein, daß unsere altger- manischen Vorfahren in den dunklen Tagen der Sonnenwende ihr großes Totenfest feierten und den Göttern, sowie den Geistern der Abgeschie­denen zu Ehren die Schmausereien und Gelage veranstalteten Das ganze Volk nahm teil daran, und die nmgeisternden Seelen sogar dachte man sich als mitschmausend, weshalb ihnen an bestimmten Orten eigens ein Mahl bereitet wurde.

Zähe wie so viele alte Sitten und Bräuche überhaupt, hat sich auch diese altgermanische Freude an Schmausereien und Schwelgereien in der Wintersonnenwendzeit bis in unsere Tage erhalten, beätinftigt durch den Umstand, daß in den Wochen von November ab die Hauptschlachte­zeit fällt. Ein besonderer Anreiz zu festlichen Schmausereien ergab sich von jeher aus dem gesellschaftlichen Zusammenschluß in der Muße der ehemaligen Sonnenwendzeit wie danach aus der Weihnachts- und Neu­jahrszeit. Um nur ein Beispiel für die nachhaltige Wirkung jener Sitten und Bräuche anzuführen, so hat in der frommen Lüneburger »leide der Christabend sogar den sehr deutlichen NamenVullbukabend" (Voll­bauchsabend) erholten, ein Name, der hoffentlich mehr Witz als Wirk­lichkeit ist.

Nach altem, heidnischen Glauben sollten in der Wintersonnenwende bestimmte Bäume zum zweiten Mole blühen und Früchte tragen, sollte sich überhaupt die Fruchtbarkeit des neuen Jahres vorbereiten. Auch diese Raturanschauung ist heute noch in den verschiedensten Wandlungen in unserem nrfvriinanchen Volkstum aufzuspüren. So hörte ich z. B. im