SiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <927 Samstag, den 17. Dezember Nummer lvo
Ein Lied, Hinterm Ofen zu singen.
Von Matthias Claudius.
Der Winter ist ein rechter Mann, Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an Und scheut nicht Süß noch Sauer.
War je ein Mann gesund, ist er's; Er krankt und kränkelt nimmer, Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs Und schläft im kalten Zimmer.
Er zieht sein Hemd im Freien an Und läßt s vorher nicht wärmen Und spottet über Fluß im Zahn Und Kolik in Gedärmen.
Aus Blumen und aus Vogelsang Weiß er sich nichts zu machen, »warmen Drang und warmen Klang alle warmen Sachen.
Doch wenn die Füchse bellen sehr, Wenn's Holz im Ofen knittert, Und um den Ofen Knecht und Herr Die Hände reibt und zittert;
Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht Und Teich und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht, Dann will er tot sich lachen. —
Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus Im lieben Schweizerlande.
Da ist er denn bald dort, bald hier, Gut Regiment zu führen. Und wenn er durchzieht, stehen wir Und sehn ihn an und frieren.
Droben im Wald.
Eine Weihnachtserzählung von Wilhelm Jensen.
Er ton irgendwoher und ging irgendwohin. Um ihn pfiff der Wind der großen Landstraße ungefähr in der Mitte zwischen dem Oberrhein und dem langen Wall der Dogesenberge. Auch der Tag stand in der Mitte, doch einer der kürzesten und dunkelsten des Jahres. Aus dem tief ziehenden Nebelgewogs taucht manchmal auf der anderen Seite ein schattenhafter Umriß des Schwarzwaldes, dann zerrann er wieder. 2tb und zu rieselte es feinkörnig vom Gewölk; allein auf der glatten Straße fegte der Sturm es sofort in die Luft zurück und wirbelte es wie seinen ^^ek'eiiMme"Wanderer hielt an und letzte sich auf einen Haufen zerklopfter Steine am Grabenrand. Sein Arm mmzvg «ine eigentümliche Bewegung dabei, als ob er einen Hammer auf- und niedevfchwinge, und fein dichtumbarteter Mund murmelte dazu: „Gibt's hier auch Leute mit Ringen an den Beinen, die für achtbare Menschen und Tiere Chausseen ausbessern helfen?" Und seine schwielig verarbeiteten Finger spreizten sich mit einem Zugriff in das scharfzackige Gestein und warfen eine Handvoll davon aus den Weg. 1 Ä
Er schien empfindungslos gegen Wind, Kälte und Nässe, fü- seinen Körper wie für seine Kleidung. Was von dieser sichtbar war, bestand aus einem alten Filzhut und einem graubraunen, sackartigen Ueberwurf groben Stoffes, der an der langen Gestalt fast bis zu den Fersen hinunterfiel. Alles bot ziemlichen Anstrich v .. 'lerkommenlkeit und war nicht geeignet, sonderliches Zutrauen einzuflöß . Sein Gesicht indes tat dies noch minder; unter dem Schatten der Hutkrempe liefen, aus hohlein- gesunkenen, fahlen Züge', hervorstechend, zwei dichtbrauig überwucherte, unstete Augen umher. Trotzdem war er unverkennbar noch jung, höchstens an die Dreißig streifend.
Er faß so, daß er zu den Vogesen hinübersah. Dreifach staffelten sich diese übereinander, nur hier und da von Wolken verhängt, im ganzen deutlich zu unterscheiden. Vorn zogen sich die schwarzen Tannenvorberge vielgegliedert in die Rheinebene herunter, ein mittlerer Stock hob sich, vom Rauhreif wie mit Pulver bestreut, darüber, dahinter ragte weiß und fast gleichmäßig nach Nord und Süd der Hochkamm auf. Der Dezembersturm heulte droben in der weiten Schnee-Einöde noch wildere MÄoAen als hier unten, aber, aus der Weite gesehen, lag alles in
chweigfamer Regungslosigkeit. Nur die Augen des Betrachters bohrten ich mit einem unheimlich brennenden Blick in die einsam weihe Wett stnein.
Auf und ab befand sich kein Mensch außer ihm auf der winterlichen Landstraße, überhaupt nicht Lebendiges. Erst als er einige Minuten lang Lagesessen, kam etwas Schwarzes durch die trübwidrige Luft. Der Wind schien es irgendwo aufgerafft und in das kahle Geäst einer Silberpappel dem Steinhaufen gegenüber hineingsklatfcht zu haben, doch nun krallte es sich flatternd an einem schwanken Zweig fest und stieß zweimal rasch hintereinander scharfkrächzenden Schrei von sich. Es war eine Nebelkrähe mit grau-rostfarbigen Flügeldecken, sie sah auf den Mann jenseits der Chaussee nieder, und er sah zu ihr hinauf. In ihrem Geschnarr harte etwas wie eine abfällig mißächtliche Aeußerung gelegen; wenigstens rief er ihr höhnisch zu: „Hälft du dich für schöner und glaubst, daß die weißen Tauben nach dir ausschielen?" Sie gab keine Antwort, sondern wippte nur mit dem schwanken Zweig auf und ab, stieß dann noch einmal ihr Gekrächz aus und flog langsam, gegen den Sturm ankämpsend, davon. Nun stand er auch auf und sprach vor sich hinaus: „Bist du bekommen, mir den Weg zu zeigen?" und ging ebenfalls südwärts werter. Sein Auftritt war kräftig, doch feine Schritte für di« große Gestalt auffällig kurz. Er hob den linken Fuß stets mit einem gewissen Zögern vor, als ziehe derselbe etwas Behinderndes hinter sich drein.
Wenn man die Straße um eine halbe Stunde weiter verfolgte, führt« sie durch ein ärmliches Dorf. Lang hingestreckt lagen zu beiden Seiten lehmgelbe Häuser und zerbröckelndes Mauerwerk, von dem im Sommer Steinbrech und bunte Nelken herabnickten. Jetzt sah alles schmucklos und tot aus, auch von den Bewohnern ließ sich kaum etwas gewahren, als da und dort ein alter verrunzelter Weiberkopf hinter den kleinen Fensterscheiben, der sich mummelnden Mundes über ein Gebetbuch bückte. Nur die Glocke unter der zwiebelförmig braunroten Haube des Kirchturmes ließ ein blechernes Geläut über die Dächer verwehen und redete von einer besonderen geistlichen Bedeutung des häßlichen Tages. Neben der niedrigen Kirchhofsmauer, hinter der regenverwaschene Bandschleifen um eine Anzahl gleichmäßig großer und gleichmäßig verwitterter schwarzer, messingverzierter Holzkreuze flatterten, bog rechtshin ein Weg von der Chaussee ab. Es schien gleichfalls eine Fahrstraße, denn die hartgefrorene Schmutzkruste wies mehrfaches Rädergleis; doch ihre anfängliche Breite verringerte sich bald. Der Weg lief in gerader Richtung gegen den nahen, steil abfallenden Rand des Vogesengebirges; wo er die Vorberge desselben erreichte und ansteigend in ein enggewundenes Tal ein» trat, beließ er nicht Zweifel, daß er keine Landstraße, sondern nur ein Holzabfuhrweg sei. Selbst für einen solchen zeigte er sich bald arg verwahrlost, wie er, vom Talgrund aufbiegend, sich in Krümmungen über graue Felsrippen emporwand. Dann hob er sich, unausgesetzt aufwärts führend, in ein dunkles Waldtor hinein.
Hier bekam er etwas ermüdend Gleichförmiges. Im Sommer mochte der tiefe Schatten unter den jcchrhundertalten Rottannen und Kiefern erquicklich fein, jetzt lag er nur bedrückend auf dem Blick und Gefühl,
erquicklich fein, jetzt lag er nur bedrückend auf dem Blick und Gefühl, raubte wohl eine Stunde lang jegliche Aussicht und jede Vorstellung der rechts, nun links wand sich der Weg aus einein ' ini> zu rann in der Mitte desselben
Himmelsrichtungen. Nun rechts, nun I
finstern Tobe! in den anderen; ab und zu rann in der M
sickernd ein Ouell über ausgewaschenen Steingrund, aber jeder bot dem Auge eine genaue Wiederholung des vorhergegangenen. Kein Laut als »äs vumstfe lIemttt? hsch oben in. den Wipfeln^ immer gleich; kein Anzeichen einer menschlichen Behausung, als einmal auf einem ffeHkeüustL?- wachfenen Stein am Wege die kaum lesbare Inschrift „Krähenhüite" mit einem aufwärts deutenden Pfeil. Nach und nach schimmerten da und dort zwischen den Stämmen vereinzelt weiße Flecke vom Boden und nahmen an Häufigkeit zu; wenn der Kopf sich aufbog, gewahrte er die obere Hälfte der Tannennadeln nicht mehr schwarz, sondern wie versilbert über sich. Das waren die einzigen Anzeichen des allmählichen Uebergangs zur mittleren, höheren Gebirgsstufe.
Nun hörte der Wald für eine kurze Strecke auf, und ein nackter Felsrücken trat an die Stelle. Ganz mit dünner Schneelage überdeckt, di« den Weg schwer unterscheidbar machte, gewährt« er zum erstenmal einen Rückblick und ließ eine unvermerkt erreichte, beträchtliche Höhe erkennen. Tief drunten, unter dem schwarzen Föhrengestrüpp, lag das Rheintai, geradeaus nahegerückt der gleichförmig verschneite Hochkamm des Gebirges. Rundhin erschien dies wie völlig unbewohnt, nirgendwo sah «ine Turmspitze herüber oder nickte ein Dach aus der Weite. Alles bot getreulich den Charakter der ärmlich bevölkerten, fast menschenleeren Vogesen.
Dennoch setzte sich der Weg fort, mitten in die winterliche Hochwildnis &ein. Geraume Weile abermals wieder durch schwer überhängenden ld, der sich unter starrem Ra uh reif bog, dann öffnete sich unerwartet ein kleiner, runder Kessel, ganz von glitzerndem Dickicht umkränzt. Hier deckte der Schnee bereits fußtief den Boden, und noch unerwarteter stieg über ihm in einer Ecke der kleinen Ausrundung ein feiner, bläulicher


