Ausgabe 
17.9.1927
 
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Ich habe gefehlt!" sagte Peters neben mir, mit einer Stimme, die ich niemals vergessen werd«. Zwei voll« Standen muhten wir auf dem mar­ternden Hochfitz bleiben. In der frühen, blaffen Dämmerung, die über die Dschungel streicht, ist der Platz unten leer. Das Rind liegt allein. In der Ferne ertönt der Schrei eines Wildes wie der eines L-chakals. Das Orchester der Infekten verstummt. Wir klettern zur Tiefe. Verängstigt und schlaflos kommen die Eingeborenen zurück.

Peters schweigt; eine halbe Stunde hatte er nach der Spur des Tigers gesucht; sie nicht gesunden. Dann steigen wir wieder in unseren Zebu­wagen; die Hindu smd fröhlich und laufen eilig neben dem Wagen ein­her, den Dörfern zu. Peters hat die Büchse noch immer schußbereit auf den Knien liegen.Er verfolgt uns, es ist Zeit, daß wir nach Haus« kommen. Rascher geht es dahin. Im Trab. Es lärmt dunkel auf der wieder dürstenden, weichen Erde auf. Die Hindu sind vorausgefchickt und bald hinter einem Hügel verschwunden.

Eine Stunde später ereignete sich etwas Seltsames; etwas, das ich nicht glauben würde, etwas Unfaßliches. Während wir aus dem Wagen gestiegen waren, um über einem Hügel einen kürzeren Seitenweg ein­zuschlagen, dem glühenden Strahl ter Morgensonne zu entgehen, unter schattigen Farnen" bald das Campoung erreichten, hörten wir ein dumpfes, krachendes Gebrüll. Peters blieb stehen und lauschte in die Ferne hinaus; ein Schatten wechselte über sein braunes Gesicht.Der Tiger; er hat das Gespann überfallen!" sagte er mit tonloser Stimme. Dann fetzte er im glühenden Sonnenmorgen, nach dieser gräßlichen, nassen, schwülen, dump­fen, durchwachten Rackst, zum Laufe an, und hinter dem Hügel weg sehen mir den Ochsenkarren in rasender Fahrt, von wilder Angst gepeitscht, durch die Basarstraße auf den Gemeindeplatz stürmen.

Und mitten auf dem Wagen unter dem zerrissenen Blätterdach, brül­lend, vom rasenden Lauf ter Ochsen verstört und gehindert, von der unter ihm dahinfchießenden Erde verwirrt, wild in feiner Angst, willenlos, unentschlossen, vollständig machtlos geworden, hält sich der Tiger, in den hölzernen Wänden verfangen; er hatte in seinem Sprung, ter zu kurz gewesen war, um di« Zebus $u erreichen, das Dach eingerissen, und nun stand er dröhnend in seinem Gebrüll auf dem rasenden Wagen, den gelb- bra-ungeftreiften Kopf hoch in die Luft geworfen, mit geöffneten Lefzen und blanken, schimmernden Zähnen.

Ein zweiter Schutz dröhnte auf, jagte die Menschen an die Fenster und in die Hütten und als hätten es die Zebus begriffen sie blieben mit einem Ruck stehen. Und mit dumpfem Fall schlug ter getroffene Körper des Tigers über den Wagen, das Dach hinterherreihend, auf den heißen, rotbraunen Sand.

Die gesundheMiche Lebensführung der Arbeitenden.

Von Professor Dr. Franz Schütz.

Die Konstitution eines jeden Menschen, d. h. sein Gesundheitszustand und di« Art und Weise, auf Schädigungen zu reagieren, hängt von zwei Dingen ab: einmal von feiner Anlage und dann von feiner Umwelt. Die Anlage ist ererbt, und keine Macht der Erde ist imstande, sie zu ändern. Ganz anders liegen die Dinge bei den Faktoren der Umwelt. Jeder Mensch wird hineingeboren in ein bestimmtes Milieu, das nicht immer nur ge­sundheitsfördernde Faktoren aufweist.

Die gesundheitliche Lebensführung der Arbeitenden betrifft die Ein­flüsse aus der Umwelt, die nur indirekt mit ter Arbeit selbst zusammen­hängen. Hierzu rechnet die Wohnung, die Kleidung, die Ernährung, die Arbeitsdauer und die Beschäftigung in der arbeitsfreien Zeit. Aufgabe der Hygiene ist es, Vorbedingungen zu schaffen, die den Arbeitenden gegen die Schädigungen feines Berufes so widerstandsfähig wie möglich machen.

Vor allen Dingen lassen heute die Wohnungsverhältnisse sehr viel zu wünschen übrig. Bei ter knappen Anzahl ter zur Verfügung stuenden Wohnungen liegen die Unterbringungsmöglichkeiten sowohl bet den unverheirateten wie bei den verheirateten Kops- und Handarbeitern sehr schlecht. In kleinen Betrieben dienen oft die Arbeitsräume als Wohn- räume. In größeren Betrieben entbehren die meistenteils von auswärts stammenden unverheirateten Arbeiter geordneter Wohn- und Unterkunfts­verhältnisse. In beiden Fällen sucht die Hygiene Besserungen herbei- zusühren. Hier beanspruchen die Eigenheime und Siedlungen eine be­sondere Berücksichtigung, denn sie find an und für sich vom gesundheitlichen Standpunkt aus nur zu begrüßen. Durch di« zu ihnen gehörenden Gärten wird die Stete zur Scholle wieder erweckt und der Körper zu einer Arbeit angeregt, die wohl meistens im Gegensatz zur Berufsarbeit steht und somit einen Ausgleich für diese bedeutet.

Doch auch die Nachteile ter Eigenheime und Siedlungen dürfen nicht unberücksichtigt bleiben. In den meisten Großstädten liegen di« Siedlungen weit vor den Toren ter Stadt, wo Grund und Boten billig sind. Infolge­dessen müssen ihre Insassen weite Wege zurücklegen, um an ihre Arbeits­stätten zu gelangen, und diese Wege erfordern nicht nur einen gewissen Aufwand an Geld, sondern vor allen Dingen auch ein gut Teil ter freien Zeit. Wird dieser Weg aus eigener Kraft, z. B. mit dem Rade zurückgelegt, so kommt ter Arbeitende morgens nicht mehr frisch zur Arbeit und bringt am Abend außer ter durch die Berufsarbeit hervorgerufenen Ermüdung auch noch diejenige mit heim, die ihm die Zurücklegung des Weges gekostet hat.

Auch die Verkehrsmittel sind für di« Arbeitenden in gesundheit­licher Beziehung durchaus nicht gleichgültig. Das ungleichmäßige Fahren, und der lange Aufenthalt in ter drangvoll fürchterlichen Enge des Ver­kehrsmittels beanspruchen eine nicht zu unterschätzende Arbeitsleistung des Körpers. Es muß daher die Aufgabe der Hygiene fein, die Siedlungen mit den Arbeitsstätten durch ausreichende und schnelle Verkehrsmittel zu verbinden. Noch besser ist es selbstverständlich, wenn die Siedlungen in möglichst großer Nähe ter Betriebe liegen, so allerdings, daß sie durch letztere nicht ungünstig beeinflußt werden.

, Die heutigen Siedlungshäuser sind leider, da sie nicht zu teuer gebaut fein dürfen, recht ost aus zu leichtem Material und besonders mit zu dünnen Wänden hergestellt. Dadurch stellt sich der Preis des einzelnen Hauses niedriger als sonst, jedoch leidet die Wärmebewirtschaftung, so daß durch die Heizung unverhältnismäßig hohe Kosten entstehen. Ein weiterer zu besprechender Punkt ist die Frag« einer Wohnküche. Aus allgemein praktischen Gründen ist sie stets empfohlen worden, doch belästigen die Gerüche, die am Kochtopf entstehen, jeden, der sich in diesem allgemeinen Aufenthaltsraum befindet. Man strebt daher mit Recht nach einer größeren Trennung zwischen Küche und Wohnraum. Die sogenanntegute Stube", früher in jeder Häuslichkeit vorhanden und kaum benutzt, findet man jetzt fast gar nicht mehr, und doch hatte auch sie eine gewisse hygie- irische Bedeutung. Im Falle einer ansteckenden Krankheit war die Woh- nung erweiterungsfähig und die Kranken konnten in der Häuslichkeit selbst isoliert werten.

Noch nötiger aber als bei den Verheirateten ist heutzutage di« Regelung ter Wohnungsfrage bei den Unverheirateten, sofern sie nicht in ver­wandten oder befreundeten Familien untergebracht sind. Die Hygiene fordert viel mehr, als es bisher geschehen ist, die Einrichtung von Jugend- Heimen, von Schlafhäusern für Unverheiratete, von Ledigenheimen, in denen nicht nur Schlafräume, sondern auch Gemeinschafts- und sonstige Nebenräume vorhanden sind, so daß Gelegenheit besteht, Mahlzeiten dort einzunehmen, geistige und gesellige Anregungen zu erhalten.

Bon großer Bedeutung ist weiter die Notwendigkeit der Einrichtung von Sportplätzen mit allem für den Sport nötigen Zubehör; ferner die Einrichtung von Bibliotheken. Es ist die Aufgabe des Staates, der Gemeinde oder eine Angelegenheit ter industriellen Werke und von Selbstorganifationen, derartige Einrichtungen zu schaffen.

Die Kleidung sei nur besprochen, soweit sie mit ter Arbeit selbst in Beziehung steht. Die Hygiene fordert, daß möglichst in allen Betrieben eine Arbeitskleidung getragen wird. Es soll das Anfliegen von Schmutz- und Staubpartikelchen an den Körper verhindert oder Unfälle verhütet werden, di« bei zu weit geschnittener Kleidung leicht durch Maschinen ober Maschinenteile entstehen. Daher muß der Schnitt der Arbeitskleidung eng­anliegend und zweckentsprechend fein. Bei der Arbeit in feuchter Um­gebung sollen Holzschuhe getragen werden, um Erkältungskrankheiten vor­zubeugen. Für Wasserarbeiter sind Gummistiefel sehr zu empfehlen, nicht nur als Schutz gegen Feuchtigkeit, sondern auch gegen die im kalten Wasser erhöhte Wärmeabgabe des Körpers. Die wichtige Rolle der Schutz- b ritte ist allgemein bekannt. Außerordentlich wichtig für die Gesundheit jedes Menschen ist bei jeder Kleidung, daß sie ost genug gewechselt und gereinigt wird, denn nur so werden Schädlichkeiten wirklich sicher von bet Haut, ferngehalten. In bas Kapitel Reinlichkeit gehört auch noch das Brausebad in jeder Fabrik, welches allen Arbeitern recht häufig verabreicht werden sollt«.

Einen breiten Raum nimmt die Ernährungsfrage bei. der ge­sundheitlichen Lebensführung der Arbeitenden ein, ba im Haushaltsplan der Familie halb di« Hälft« aller Ausgaben auf die Enährung entfällt. Hier seien nur einige wichtige Punkte erwähnt. Wir wissen, daß ter Mensch um so mehr Nahrung braucht, je mehr körperliche Arbeit er leistet. Vor allen Dingen sei bas Eiweiß nicht zu knapp. Cs ist weiter nicht gleichgültig, ob die Eiweißquellen aus den Animalien ober den Dege- tabitien stammen, denn die Vegetabilien werten im allgemeinen schwerer aufgeschlossen und verdaut als die Animalien, und weiter besitzt das Ei­weiß aller Animalien für den Menschen eine höhere Wertigkeit, als das der Vegetabilien. Für eine gesundheitliche Ernährung ist es daher er­forderlich, daß di« Menge des tierischen Eiweißes in der Nahrung nicht vernachlässigt wird.

Von den Vitaminen ist in den letzten Jahren sehr viel gesprochen worden; es sind Tchfst, die in den grünen Pflanzen, in den Schalen von Körnern itnb iln Fett vorhanden sind, und es ist sicher, daß, wenn dies« Sjosst fehlen, Störungen in der Gesundheit bei Erwachsenen, besonders aber bei der Heranwachsenden Jugend entstehen.

Ferner gehört zu einer gesundheitlichen Lebensführung eines jeden arbeitenden Menschen die Verteilung der einzelnen Mahlzeiten auf den Tag. Die Lebensprozeff« im Menschen verlaufen ununterbrochen, dagegen kann die Aufnahme von Nahrung nur einige Male am Tag« erfolgen. Es ist daher besonders wichtig, daß die Hauptmahlzeiten, in ter Regel morgens, mittags und abends, mit peinlichster Regelmäßigkeit und mit ter notwendigen Ruhe und Muße eingenommen werden. Selbstverständ­lich ist auch hierbei di« Reinlichkeit des Körpers von größter Wichtigkeit! auf 'die Notwendigkeit des Händewaschens vor Tisch fei nur hingewiefen.

Wie lange soll nun die Arbeitszeit dauern? Vom hygienischen Standpunkt aus ist folgendes zu sagen: Es kommt auf die Arbeit selbst an, ob schwer, ob leicht, auf die Umgebung, in ter st« ausgeführt wird ob in frischer Luft ober in geschlossenen Räumen, es kommt endlich darauf an, wer die Arbeit ausführen soll: ein Erwachsener, Mann oder Frau, oder ob es sich um Jugendliche bzw. Kinder hantelt. Der Achtstundentag kann von der Hygiene nur als Durchschnittswert für den erwachsene» Mann angenommen werden.

Und nun di« Beschäftigung in der arbeitsfreien Zeit? Sie soll einen Ausgleich barstellen für die mehr ober minder einseitig« Beschäftigung während ter Arbeit. Es ist daher dringend notwendig, für alle Kreise der arbeitenden Bevölkerung Plätze für Spiel und Sport an* zulegen, um so einer einseitigen Entwicklung des Körpers entgegen*

I zuwirken. Die Beschäftigung in den Schrebergärten kann vom gesundheit­lichen Standpunkt aus nur empfohlen werden, allerdings soll der Gart« nicht zu groß fein und die Arbeit darin nicht zur Last werden. Der Kino* i besuch ist, je nachdem es sich um Landbewohner, denen wenig Gelegenheit zu geistiger Anregung geboten wirb, oder um bi« Stadtbeoolkerung han­delt, sehr verschieden zu bewerten. Dasselbe gift vom Radio. Seite Ein­richtungen werden äußerst segensreich wirken, wenn stets das eine 'USA beachtet wird, daß auch sie ter Erholung von ter Arbeit und ter Ver­breitung von Wissen zu Renen berufen sind.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Aniverfitäts-Buch* und Steindruckerei, D. Lange, Dietzen.