Ausgabe 
17.9.1927
 
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das ewige Rätsel der tropischen Nacht, von «n e Beute der Insekten, preisgegeben den Millionen

In dem kleinen Bambusdörfchen Tebbing Doe hockten die Ein­geborenen beim Würfelspiel mit Jagonkörnsrn aus der rotbraunen Erde im dunkelblauen Schatten von Tijpanans und Mangobaumen. Die Werber standen, mit bunten Sarongs bekleidet, die Kinder quer m den Armen tragend, unter den Basttüren oder brachten in runden, tönernen Gefäßen tuak, Palmwein, der aus der Parkotpalme gewonnen wird.

Aus dem nahen Urwald drang der eintönige Ruf eines Sordaim auf Flötenart, wie der Laut einer handgroßen Zikade. Em halbnackter Greis, dessen Brust runzelig war wie eine eingetrocknete Frucht, sah auf der warmen, dünstenden Erde, während die Füße in einem Sumpf steckten, um wenigstens den Beinen das unentbehrlicheBad zu gönnen; er schabte die Djallaunwurzeln, daraus er eine Helle blaue Farbe erzeugte, die er den Frauen in den Dörfern zur Bemalung ihrer Gewebe und Batiktücher Tausch gegen Siamreis anbot (denn der kostbare, schone Javareis 1,"2 für die Europäer reserviert).

Der Tag wurde schwül. Der Abend, der hell und brennend, ist, wie bei uns im Norden die Mittagsstunde eines Sommertages, hing über den Palmen und Lianen. Bald muhten die Mangrovesumpfe kommen. Em dünnes Wolkenspiel, zartgezeichnet wie ein silberner Recher aus blauer, dunkelgetönter, schiminernder Seide, hing über den dunstenden Waldern.

Wir sprachen kein Wort. Der Karren mit den Zebuochsen rollte lang­sam dahin, tauchte in den Schatten von Hügeln und Wildnis, überquerte einen Bach, der zwischen schatügen hohen Mangroven, dürr rote ein arm­seliges Leben, hinlief. . ...... .. .

Der Malaye Marjadi hatte uns mitten aus einer gemächlichen Unter­haltung zum Sechsuhr-Whisky auf der Veranda des Bungalows unter blühenden Akazien mit denr zerrissenen Ruf:Ulu Tuan! geholt.. Der Plantagenbesitzer Peters hatte von jeher etwas für Tigerjagden übrig. Man brachte uns drei schwere Büchsen mit Zielfernrohren, und von zwanzig Hindus und Sundanesen begleitet, saßen wir nun unter dem Attopdach des Fuhrwerks, um den Platz zu erreichen, an dem das vom Tiger angefallene Rind lag.

Der Tumult der Wouwouaffen brach von den Besten der Baume; manchmal flüchtete eins Schar dieser kleinen Affen mit den eisengrauen

Welt und ich.

Von Friedrich Hebbel.

Im großen, ungeheuren Ozeane willst du, der Tropfen, dich in dich verschließen? so wirst du nie zur Perl' zufammenschichen, wie dich auch Fluten schütteln und Orkane!

Nein: öffne deine innersten Organe, und misthe dich im Leiden und Genießen mit allen Strömen, die vorüberfließen; dann dienst du dir und dienst dem höchsten Plane. Und fürchte nicht, so in die Welt versunken, dich selbst und dein Ur-Eignes zu verlieren: der Weg zu dir führt eben durch das Ganze! Erst wenn du kühn von jedem Wem getrunken, wirft du die Kraft im tiefsten Innern spüren die jedem Sturm zu stehn vermag im Tanze!

Seltsame Tigerzagd.

Von Franz Friedrich Oberhäuser.

Hauben über das Dach unseres Wagens und verschwand, schimpfend zeternd. Wie kühl wäre es jetzt oben im Hochlande in einem einsamen Pasanqrahan! Die Hitze machte diese Erde toll; alles muß dem verlocken­den Gesetz des Urwaldes, des Dschungels und der Tropen gehorchen, dem Gesetz: dem Stärkereii die Macht. Myriadensach treibt das Leben, empor, in den Kampf und Sturm des Daseins, wird zerschlagen und veriagt. Es ist unfaßbar: man kann in dieser rostenden Hitze in die Sonne schauen, ohne geblendet zu werden!

Bald werden die Tiere der Dschungel auf der Lauerliegen. Die Hitze martert die trockenen Kehlen; der unbeschreibliche Durst, der im Rachen steckt scheint mir die Tat zu mildern; den Raub, den , Ueberfall. Di« Schlänge, die seit Stunden hinter den Schilfwänden züngelt (^sellbe Reptil das wir als Haustier hinter Palembang, und m oer Mitre, auf Java wiederfinden!), die Raubtiere, die in der dürren Mene d-r^nf-n; die Vögel, die von weither kommen, um nach der Tranke zu sehen, der Tiger, dessen Laut in der trockenen Kehle zu einem seltsamen, harten Grollen wird . . . was ist ihnen die Beute mehr, als das Stillen des Durstes. Jetzt wird der Tiger sich den Campoungs nähern, und die weidenden Rinder überfallen, und der Panter wird aus der Wildnis springen, lüstern nach der Beute in den Natives.

Und während die teuflisch« Hitze groß« Löcher in das dichte Geflecht des Urwaldes gerissen hatte, die Gebüsche versengte, und dl« tetzte Mm- mende, kupferrote Sonne tiefer dringt, und das unergründliche mystische Dunkel streift, in dem ich das ewige Geheimnis der Schöpfung zu finden aianbe indessen dieses Licht der Sonne auf den Grund des Urwaldes haftet,'stürmt die Nacht über das Land, und im nächsten .Augenblick er­tönen die beitiaen Stimmen der Zikaden, verstummen die Affsnhevden und werden abgelöst von dem Lärm der fliegenden Tiere, die an die Erde gefesselt sind, in weiten Sprüngen von Daum zu, ^aum hasten und mit den Fledermäusen nichts gemein haben, die sich m der Luft halten

draußen herein hallt der Ton eines streifenden Wildes; dunkel erdröhnt die Erde unter -dem Gang eines Elefanten; die Dache füllen fch als saugten sie das verlorene Wasser aus dem Ozean und flössen zurück in das Schwarz des Urwaldes.

lieber eine Stunde sind wir gefahren. Peters reicht die, Whiskyflasche berum Draußen rennen die Hindu mit schweißnassen Körpern emher. Ein wilder penetranter Geruch füllt das Innere des Wagens und blecht an Kleidung und Wänden hängen; das ist die Stunde des Dergehens nd Zugleich die Stunde des neuen Lebens. Ein kurzer wenige Minuten dauernder Platzregen wird dieses neue Leben aus der Erde zwingen. Welch ein Abenteuer! Die Moskitos und Infekten schwärmen durch die Nack» und füllen diefe Landschaften; und immer lauter puscht das Streichorchester der Zikaden und strömt die Serenade des Klemgeiiers über uns hinweg. ......

Der scharfe, schwüle, peinigende Geruch verstärkt, sich; enger halten firh hi<- Einaeborenen an den Wagen. Der Himmel ist tlefschwarz, und Nnnoch is ks dämmert als käme dieses dunkle Licht aus einer trans­parente Erde; es ist mir, als wüchsen sichtbar die Baume in diese Dunkelheit, als füllten sich die Gewässer nut lauten Stimmen, als redeten in einer unverständlichen Sprache die sumpfe.

Entsetzen vor den Dämonen; denn alles, was unter der Sonne Indiens lebt, alles Leben ist gleichbedeutend mit einer Gottheit; das Leben ist der Inbegriff der Gottheit.

Hinter einem kleinen Bestand von Palmen und Teakbäumen halten mir nn Wir barchen in das Gespräch, in das Lärmen der Nacht, aber Mchts^n wir von der Nähe eines Tigers So halten E, eng beu !,rmmert lauichend in das ewige Rätsel der tropischen Nacht, von den Mücken'übersallen, eine Beute der Insekten, preisgegeben den Millionen Feinden, in banger, quälender Stille aus.

Der Wechsel'" flüstert Peters, der den Geruch des Raubtieres tarnt.

als» SäS'K».»«

ÄS fiSÄ wu Wald der Bäume getrieben wurde, richten wir uns einen Plag o <

achtung. Niemand rührt sich: wir sitzen zwei Stunden lang, dasGewehr «rfm&hereit auf den Knien. Ich denke an eme Jagd auf Krokodile, sie ist spamwnder und weniger gefährlich als eine solche auf das Raubwild der Dschungel, quälend, schweißtreibend und aufregend.

Keder Tiaer", flüstert Peters,kehrt zur Beute zurück, außer in der Reaenreit!" In den dämmerigen Umrissen der Lichtung sehe ich sedes Ziel

^°n S

rinh mnhren.h ich über den Sinn dieser qualvollen Stunden nach, denke und einen^faisitgroßen Käser von meinen Knien schleudere, flammt plötzlich der Blltz^des Schusses auf. Feuergelb ist die Nacht durchloht für eine Sekunde, dann bricht wieder die Dunkelheit hereim tiefer, gefährliche^ arauenbaster als je; nun haben wir einen Fernd dort unten auf der Erde Dann eine Stille, dann ein müdes, verlorenes, Echo deo Schusses,'als hätte er dieses beispiellose rauschende Leben vernichtet dann beginnt es wttdbransend von neuem: die Sumst£

Mer erst einer so überragenden Künstlerpersönlichkeit wie Michael Dächer war es beschieden, aus den widerstreitenden Elementen, aus dem Äusanimentreffen und der Assimilierung nordischer und südlicher Kunst- ein lüsse mit der Tiroler Eigenkunst, einen neuen großen, ihmzu gehören- fen Stil zu erwecken, die Südtiroler Kunst zu einer Gipfelschopfung emporzuführen, die sich den reifsten Werken deutschen Kunstschaffens eben- bürsig zur Seite stellt. Wenngleich Michael Pacher und sem mitstrebender Bruder Friedrich dem heute gleichfalls zu Italien gehörenden Brunneck im Pustertal entstammen, so lag doch der Mittelpunkt auch ihrer Tisiigtat und ihres Nachwirkens m der kunsisrohen Bischofsstadt Brixen und ihren Nachbargebieten beschlossen, wo noch heute eine seltene Fülle timstvoller Schnitzaltäre mit malerischem FlüE^chE 'den lange fort­wirkenden zwiefachen Einfluß der Pacherfchen 'schule bekundet. Denn als Uster wie als Bildschnitzer obgleich urkundlich nur als, Maler be- 5uat tritt uns Michael Pacher in der reifsten seiner Schöpfungen, m dem machtvollen Doppelflügelaltar zu St. Wolfgang am Attersee ent­gegen, als dessen schwächerer Vorklang der Altar in der Pfarriirche zu Aries bei Bozen anzusprechen ist.

Gerade 44 Jahrhundert sind es her, seit der Künstler jenen köstlichen Schrein mit der Einsegnung Maria durch Christus geschaffen; aberfast unbemerkt ist die Zeit an diesem im unberührten Zauber seiner ursprung- sichm Bemalung erstrahlenden Kunstwerk voll lebendigster 3ri}<ge vor- Äergeganqen. Noch hören wir in seinem Linienschwung die gleiche hin­reißende Melodik rauschen, die schon vor Jahrhunderten diefeni Wunder­werk von grandioser Monumentalität, von tiefer Innerlichkeit, von packen­der Einheitlichkeit und zugleich liebevoller Naturnähe m allen Emzelheuen entftrömte. Und aus dem gleichen Geiste geboren, stehen die Flugelbilder neben dem Schrein, zumal jene der Innenflügel mit ben Darstellungen aus der Marialegende, deren krönenden Abschluß die Mittagruppe formal wie inhaltlich bildet. Wahrlich, mit dieser Gabe Michael Pachers hat die Südtiroler Kunst, wie ein Verschwender sorglos aus der Fülle ihres Ueberfluffes spendend, dem Norden alles reichlich wiedererstattet, was sie jemals von ihm empfangen.

So tönt mit weithin vernehmbaren Zungen, die keines Menschen Wille verstummen lassen kann, über Jahrhunderte, über d>« .IchEbedeckten Häupter der Alpen hinweg, das Hohe Lied von der deutschen Kunst Südtirols.

; B^anen und Lianen, selbst in den Palmen 'hängt ein hölzernes Rauschen. Aber sonst nichts; kein Laut.