SietzenerKmiilienblälter
Unterhaltungsbeiiage zum Gießener Anzeiger
Samstag, den \l. September
Kummer 7<
Jahrgang 1927
Poesie des Mondes.
Von Wilhelm B u f ch.
Der Mond. Dies Wort so ahnungsreich, So treffend, weil es rund und weich — Wer wäre wohl so kaltbedächtig, So herzlos, hart und niederträchtig, daß es ihm nicht, wenn er es liest, Sanft schaudernd durch die Seele fließt?
Wie ich reich wurde.
Von Leo Matthias.
Ich praktizierte sine Zeitlang in Munera, einem spanischen Rest in der Nähe der Cisenbahnstrecke Madrid—Valencia. Man hatte mir gesagt, - es sei dort im Umkreis von 100 Kilometer kein Arzt zu finden, und da ich damals nur das eine Bestreben hatte, innerhalb kur^r Zeit genug ; Geld zu verdienen, um meine Untersuchungen über die Funktionen , gewisser Drüsen, die heute als „endokrine Organs" sehr bekannt ge- ' worden finb, in aller Muse sartzusetzen, so packte ich eines Tages meinen Koffer. Ich hatte mich lange genug in Spanien auf gehalt en, um zu wissen, daß ich ebensogut in ein Kloster hätte fahren können, aber da ich von vornherein auf jede Anregung verzichtet«, konnte mich das Exil, zu dem ich mich verbannte, nicht enttäuschen.
Ich fing sogar nach kurzer Zeit an, die Stadt zu lieben. Die Erde | war hier dunkeirot. Eine Eben« wölbte sich nach allen Seiten hin wie ein kupferner Gong bis zum Horizont unb wurde nur durch saftgrün« Rasenflecke und einig« Weizenfelder unterbrochen, die wie gefärbte Seidenfetzen in der Sonne lagen. Auch war das Leben hier weniger stumpffinnig, als ich erwartet hatte; es gab über den Arkaden des Marktplatzes — dessen Proportionen ebenso beruhigend wirkten wie die Her alten spanischen Paläste, die ihn begrenztm, ein Cafe, in dem ich viele Abende im Gespräch verbrachte. Man traf hier vor allem den Ortsvorsteher mit seinen Freunden und einen Chauffeur, der fast als einziger die Stadt täglich verlieh, um di« Post von und nach Billarro- blckdo zu besorgen, und daher die Zeitung war, um die sich die Honoratioren dieses Nestes zu versammeln pflegten.
Die einzig«, wirkliche Enttäuschung, di« ich erlebte, und die ich nicht vorausgesehen hatte, bestand eigentlich nur darin, daß es schlechthin unmöglich war, eine gute Aufwärterin zu finden. Ich hatte anfangs j geglaubt, daß meine Ansprüche leicht zu befriedigen sein würden, und daher eine Fran gemietet, di«, wie man mir sagte, schreiben, scheuern und kochen konnte, aber es hatte sich bereite nach kurzer Zeit heraus- gestellt, daß sie unfähig war, irgendeinen Auftrag auszuMren. Mit einer zweiten aber mackste ich nicht beffere Erfahrungen, denn es kam fast jeden Tag vor, daß sie den Namen von Patienten, die mich besuchten oder telephonisch anriefen, während ich unterwegs war, verwechselte oder sogar vergaß. Mit einer Bitte, die Namen doch aufzuschreiben, erreichte 8 leider gar nichts. Wahrscheinlich hatte ich sie mit einem derartigen isinnen sehr gekränkt. Statt eines mündlichen" Durcheinanders bekam ich den Unsinn jetzt schriftlich, denn sie konnte sich nicht entschließen, die Namen sofort zu notieren und begann erst mit dieser Arbeit, wenn sie Aich kommen hörte.
Ich verzweifelte schon, dieses Problem zu lösen, und war daher beinahe entschlossen, von den: Stellennachweis der nächsten größeren Stadt eine Hilfe anzufordern, als der Chauffeur aus dem Cafe mich eines Tages besucht« unb mir di« Mitteilung machte, er hätte jetzt eine Aus- roärterm für mich gefunden. Sie heiß« Dolores und fei leider ein« Analphabetin, ober ich würde bestimmt mit ihr zufrieden sein.
Wie es dem Chauffeur gelingen konnte, mich davon zu überzeugen, daß ich mit einer Analphabetin beffere Erfahrungen machen würde als ; mit meinen beiden Dauernkindern (bereu Schreibkünste mir zwar wenig । Schöffen hatten, die aber immerhin einen Zettel von meiner Hand lesen § konnten), weiß ich nicht. Vielleicht war es meine Neugierde, einmal eine Analphabetin kennenzulernen, vielleicht war es auch di« Uebertegung, daß die Unkosten, mir ein« Hilfs aus der Großstadt kommen zu lasten, Eht geringer fein würden, als der Schaden, den sie mir in einem Monat zufügen konnte — ich war bereit, noch einmal vier Wochen an einen Versuch zu wenden, unb bat ihn, mit diesem Kind, das irgendwo üuf dem Lande diente, abzuschliehen.
Es war selbstverständlich leichffinnig, Vereinbarungen zu treffen, vhne das Mädchen vocher gesehen zu haben, urtb als es am Letzten des Kanals mit einem Sack über der Schulter, in dem wahrscheinlich feine meibung steckte, barfüßig antrat tmb mich mit einem Handkuß be- I Eßen wollte — wobei ich bemerkte, daß es höchstens sechzehn Jahre alt war, unb daß sein schwarzes Kopftuch aus toter Stopfen bestand —,
chließen könne.
)ße Praxis wie „ «in Verständnis ich wolle. Ich mutzte msthast böse und be«
sich nach mir in Villarobledo niedergelassen hab«, hätte bereits fest, eigenes Haus und ich könnte es schon lange haben, wenn ich es mir nur ab gewöhnen würde, meine Briefe immer in den Postkasten zu stecken.
Ich wollte sie nicht zum zweiten Mal« verletzen, aber mein Versuch» ernst zu bleiben, war vergeblich. Ich lachte, daß mir bi*> Tränen über die Backen liefen, und fragte sie, ob sie vielleicht glaube, daß Petrus mir meine Briefe besorgen würde, wenn ich sie vor dem Schlafengehen auf das Fensterbrett legen würde. Si« sah mich mit ihrem runden Gesicht ruhig an und meinte: Nein, das glaube sie auch nicht. Aber ein so gelehrter Mann wie ich dürfe nicht die Post benutzen, dar sei ganz gewiß, und ihre frühere Herrschaft, die sogar nur Bauern gewesen wären, hätten das auch nicht getan. Ich erkundigte mich lachend, auf welche Weite denn ihre frühere Herrschaft Briefe befördert habe, und sie berichtet« mir daraufhin mit großem Stolz, daß man in allen Fällen, in benen_ der Weg nicht allzu weit gewesen sei, Brief« durch sie persönlich habe überbringen lassen.
Selbstverständlich ließ ich es mir nicht entgehen, die Geschichte abends im Cafö zum besten zu geben. Aber zu meiner größten Hebet- raschling lachte niemand. Man war sogar allgemein der Anficht, der Rot der Dolores fei gar nicht schlecht gewesen: es wäre schr wahrscheinlich daß ich größere Erfolge haben würde, wenn ich meine Stiefe üb» bringen ließe. Di« Post sei eine demokratische Einrichtung unb eigentlich nur für Leute, die kein Geld Hätten, ihre Korrespondenz durch Bote« zu besorgen.
Diese letzte Bemerkung stürzte mich aus allen Himmeln. Ich empfand sofort, daß man selbst in diesem Kreise «ine allgemein« Gewohnheit afe eine persönliche Unhöflichkeit empfunden hatte, und ich begriff, Laß mir nur die Wahl bleiben wurde, auf eine größere Paxis zu verzichten ober aber Dolores zu entlassen. Das Problem, einer Analphabetin sechzig
war ich überzeugt, daß mir der Chauffeur dieses Kind nur empfohlen hatte, damit ich es erst einmal von Kopf bis zu Fuß einkleiden sollte. Ich verspürte aber dazu selbstverständlich nicht die geringste Lust unb gab mir daher erst gar keine Mühe, es anzulernen. Ich war entschlossen, ihm sofort wieder zu kündigen, ließ alles gehen, wie es gerade ging, unb legte mich abends mißmutig ins Bett.
Ich weih nicht, ob andere Menschen ihre schmutzige Wäsche auf die Stühle legen und ihre saubere auf di« Erd«: jedenfalls habe ich e» niemals erreicht, daß Dinge, di« auf der Erd« lagen, im Waschsack verschwanden, sondern ich fand sie sauber geordnet solange auf irgendeinem Tische wieder, bis ich schließlich darauf aufmerksam macht«, daß ich fit nicht mehr gebrauchen könne. Auch habe ich es niemals erreicht, daß die Leisten für verschieden« Schuhpaare von verschiedener Gröhe beim Aufräumen getrennt wurden, sondern man schichtete sie im allgemeinen in irgendeiner Ecke zu einem Scheiterhaufen und Überließ es dann mir, die Abend« damit zu verbringen, die paffenden Größen zusammenzusuchen.
Man wird unter diesen Umständen mein Erstaunen verstehen, als ich am zweiten Abend bemerkte, daß nicht nur die Leistenpaare getrennt standen, sondern daß Dolores sogar einen schmutzigen Kragen in di« Wäsche getan hatte. Jedoch waren dies nur zwei ihrer Heineren Leistungen, die mir zufällig zuerst auffielen, denn als ich am nächsten Tage mir den Tffch selbst deckte (weil ich keine Lust hatte, ihr zu sagen, welche Bestecke ich benutze), fand ich am übernächsten nicht nur das richtige Besteck auf dem Tisch, sondern ich bemerkte sogar, daß sie die Dinge, wie ich es liebte, nicht so gelegt hatte, daß man erst gezwungen ist, Gläser, Löffel, Messer und Gabel nach drei Setten wegzufchieben, um einen Teller hinsetzen zu können.
Ich war von allen diesen Dingen selbstverständlich so entzückt, daß ich sie bereits am dritten Tage mit den Geheimnissen meiner Wirtschaft bekannt machte, unb da st« Reis kochen konnte, ohne daß man auf dem Teller eine Suppe hatte, die an vermanschten Hagel erinnerte, wurden wir die besten Freunde. Auch vergaß sie in vier Wochen nur ein einziges Mal den Namen eines Patienten, und ich kann ihr daraus nicht einmal einen Vorwurf machen, denn der Name war wirklich ungewöhnlich seltsam.
Ich war mit Dolores so sehr zufrieden, daß ich ihr schon nach vierzehn Tagen ein neues schwarzes Kopftuch unb ein Paar Schuhe schenkte (wobei ich zum erstenmal entdeckte, daß sie trotz ihrer großen Rase hübsch mar), unb hin unb wieder kam es sogar vor, -daß ich irgendwelche Sorgen, die ich gerade hatte, ausführlich mit ihr besprach.
Sie wußte in vielen Fällen einen Ausweg. Als ich daher einmal
darüber klagte, daß die spanischen Wohnungen eigentlich recht unbequem seien und man ein ganzes Haus beziehen müßte, sagte sie mir, fte wundere sich schon lange, daß ich mich dazu nicht entschließen könne. Für meinen Einwand, daß man dazu eine doppelt so große Praxis wie ich haben müsse, zeigte sie zu meiner Ueberraschung kein Verständnis unb meinte nur, ich könne doch so reich fein wie ich wolle. Ich mutzte selbstverständlich darüber lachen, aber sie wurde ernsthaft böse und bemerkte, der Doktor Rivera, der mir ja wohl auch bekannt fei, und der


