stiv Befehle einhämmern kann, die nachher auch bei wachem Bewußtsein automatisch, ohne Kritik und Ueberlegung ausgefiihrt werden. Warum sollte es also nicht möglich sein, daß ein Hypnotiseur sein „Medium" veranlaßt, einen Diebstahl, einen Mord öder sonst irgendein Verbrechen auszuführen, ohne dieses Opfer des verbrecherischen Hypnotiseurs wirklich dafür verantwortlich gemacht werden könnte?.
Es soll gar nicht geleugnet werden, daß nicht nur theoretisch derartige Zusammenhänge denkbar sind, sondern auch in der Praxis in ganz vereinzelten Fällen wohl möglich sein können. Menschen, die übermäßig schnell und leicht beeinflußbar der Suggestion und Hypnose spielend unterliegen, sind immerhin gefährdet, vor ■ allem im Sinne einer gefahrvollen Preisgabe ihrer eigenen Person an einen fremden Willen. Sie können sich dieser Gefahr entziehen, indem sie durch einen verantwortungsbewußten Arzt sich in tiefer Hypnose die Suggestion geben lassen, daß sie gegen ihren Willen sich von keiner anderen Person hypnotisieren lassen werden. Derartige „hypnotische Impfungen" werden gelegentlich schon vorbeugend ausgeführt.
Gegen die unfreiwillige Ausnützung für verbrecherische Zwecke ist der normale und gesunde Mensch dadurch im allgemeinen schon geschützt, daß er ohne innerlich tätige Mitarbeit, ohne den ausgesprochen und fest verankerten Willen, sich hypnotisieren zu lassen, gar nicht hypnotisiert werden kann. Damit ist schon die hauptsächliche Quells verbrecherischer Ausnützung hypnotisierter Personen verstopft. Wohl aber könnte die Gefahr fortbestehen, wenn die hypnotische Versuchsperson im guten Glauben an die Ehrlichkeit und Anständigkeit des Hypnotiseurs sich zum Zwecke ärztlicher Behandlung oder, was leider immer noch häufig genug geschieht, zu spielerischen Unterhaltungszwccken hypnotisieren läßt. Dann könnte ein Hypnotiseur, der durch sein Medium ein Verbrechen ausüben lassen will, Mittel und Wege hierzu finden. Aber da setzt wieder eine gewisse gesunde und normale Abwehr bei jedem vernünftig denkenden Menschen ein. Denn es kann in keinen Menschen etwas hineinhypnotisiert werden, was nicht irgendwie in ihm bereits in der Anlage vorhanden mar. Zum Beispiel wird kein Schwächling in der Hypnose zum Athleten. Kein Mensch wird plötzlich in der Hypnose französisch oder englisch sprechen können, wenn er es im wachen Leben nicht versteht. Keinem Menschen kann schließlich in der Hypnose die Ausübung eines Verbrechens suggeriert werden, wenn nicht bereits verbrecherische Anlagen und der Wunsch zum Ausleben unsozialer Instinkte in ihm lagern.
Wie weit die Hemmungen und Widerstände gegen derartige, dem innersten Wesen und dem niemals ganz zu unterdrückenden gesunden Urteil und Verstand, den Gewohnheiten und Anschauungen widerstrebende fremde Beeinflussungen eines Menschen gehen, erhellt aus folgenden Beispielen, die in der wissenschaftlichen Literatur bekannt sind: Bekanntlich kann man bei Hypnotisierten völlige Aenderung des Geschmacks erzielen, so zum Beispiel eine rohe Kartoffel mit bestem Appetit als einen saftigen Apfel essen lassen. Bei einem derartigen Experiment versuchte ein Arzt, einen hypnotisierten Herrn ein Glas Wasser als angeblichen Wein trinken zu lassen. Nach starkem Widerstreben wachte der Hypnotisierte plötzlich mit allen Zeichen des Widerwillens aus der Hypnose auf. Dieser unerklärliche Vorgang fand schnell Sine Aufklärung, da der Hypnotisierte fanatischer Antialkoholiker war. lso hatte das tiefhaftende Widerstreben gegen den Alkohol selbst die Gewalt der Hypnose und der Suggestion durchbrochen. Aehnliche Fälle sind auch in dem berühmten Hypnosefilm authentisch festgelegt, der von erfahrenen Fachärzten unter Kontrolle wissenschaftlicher Autoritäten aufgenommen wurde. Dort verweigerte z. B. trotz tiefer Hypnose ein sehr selbstbewußter Patient, derselbe, der anstandslos das dem „Onkel" mit dem „Rosenstrauß" gratulierende Mädchen spielte, auf allen Bieren zu kriechen und einen Hund zu spielen, weil ihn diese Zumutung in seiner Ehre kränkte. Eine junge Dame widerstand dem posthypnotischen Befehl, sich einem ihr unbekannten jungen Herrn aus den Schoß zu setzen mit allen Zeichen inneren Zwiespaltes zwischen ihrer Erziehung und Schamhaftigkeit und der suggestiven Gewalt des in der Hypnose gegebenen Befehls.
Ist also schon in den gesunden und normalen Hemmungen des Durchschnittsmenschen Vorkehrung genug enthalten, um der hypnotischen Einflüsterung von Verbrechen zu widerstehen, so fällt vor allem auch die in der Laienwelt oft vorherrschende Anschauung fort, als ob der Hypnoti- girte niemals Kenntnis von dem geben könne, was ihm in erinnerungs- fer tiefer Hypnose suggeriert worden ist. In Wirklichkeit können die Erlebnisse einer Hypnose ebenso wie jedes anderen unterbewußten Dämmerzustandes in einer erneuten Hypnose wieder ans Tageslicht gebracht werden, auch wenn der Hypnotisierte nach dem Erwachen keine Ahnung mehr davon hat. Auch hierfür gibt es ein berühmt gewordenes Beispiel aus der wisfenschafllichen Fachliteratur. Ein Rechtsanwalt war eines Tages aus seiner Stadt verschwunden und wurde nach drei Wochen an der Peripherie des Reiches völlig verwahrlost aufgegriffen. Er hatte sich all die Wochen über in einem Dämmerzustände befunden und hatte keine Spur von Erinnerung an diese Zeit eines Lebens. In tiefer Hypnose gab er aber auf Tag, Stunde und fast Minute genau jedes Erlebnis dieser seiner Pagabundenzeit an, alles war durch die Behörden nachprüfbar, und auch sein im Dämmerzustand gestohlenes Eigentum konnte ihm auf Grund seiner in der Hypnose gemachten Aussagen wieder beschafft werden. Nach dem Erwachen aus der Hypnose wußte er nach wie vor nichts. So wie in diesem Fall ein krankhafter Dämmerzustand mit all seinen Einzelheiten und Feinheiten in der Hypnose aufgedeckt und klargelegt werden konnte, so besteht auch die Möglichkeit der Erweckung unterbewußter Erinnerungen nach jeder Hypnose. Mithin ist der verbrecherische Hypnotiseur keineswegs dagegen gesichert, das seine verbrecherischen Suggestionen eines Tages aufgedeckt und aufgeklärt werden. Ein ganz anderes Kapitel ist natürlich die Ausnutzung hypnotisierter Personen selbst. Da hat man manchmal von Sittlichkeitsdelikten gehört. Hiergegen wird sich in den seltensten Fällen vorbeugend etwas unternehmen lassen, vor allem, wenn bei den hypnotisierten weiblichen Personen eine gewisse unterbewußte Zuneigung zu
J dem Hypnotiseur besteht, so daß nicht etwa ein wachwerdender Widers wille während der Hypnose die notwendige Hemmung gegen VergewaÄ- gung und Mißbrauch sich aufbäumen läßt. Gerade diese und viele ähnliche Möglichkeiten verbrecherischer Ausnutzung des Eingeschläferten in der Hypnose sollte jedermann warnen, sich mit seiner ganzen Person zur Hypnose jemand anders anzuvertrauen als einem verantwortungsbewußten Arzt, dessen Standesehre, dessen ganze soziale Existenz auf dem Spiele stünde, wenn er auch nur in einer Kleinigkeit vom Wege des Erlaubten abwiche. Denn das gerade den Nervenkranken so unendlich heilbringende, oft fast wundertätig anmutende Heilmittel der Hypnose befindet sich leider noch vielfach in Händen von verantwortungslosen Pfuschern, denen nicht nur die notwendige Vorbildung fehlt, so daß sie unter Umständen ihre Patienten in schwere Gefahr, in rettungslose Zerrüttung bringen, sondern es gibt geradezu bewußte Hochstapler und Schwindler nur zu reichlich in diesen Kreisen, die auf dem geheimnisvoll Unheimlichen aller dieser Prozedur fußend, nur zu gern die Hilfe- und Ratsuchenden zu Ausbeutungsobjekten machen. Vor allem sei aber auch vor der spielerischen Benutzung der Hypnose zu Unterhaltungs- und Vergnügungszwecken eindringlich gewarnt. Auch hier besteht die Gefahr schwerer nervöser Störungen, auch hier bietet sich die Möglichkeit, daß verbrecherische Naturen die erste Fühlung nehmen mit leicht beeinflußbaren Personen, die dann leicht in ihre Gewalt gelangen, so daß sie sich rettungslos, oft auf dem beliebten Weg über scheinbare Verlobungen, Heiratsschwindel und dergleichen betören, ausnutzen oder ausplündern lassen müssen.
Die Aktenkammer.
Erzählung aus den Revolutionskriegen von H. Müller-Schlösser.
(Fortsetzung.)
„Wo will Er denn hin?" rief Finnickel. „Hier geht's doch zu der Bürgermeisterwohnung." Und dabei zeigte.er auf die kleine Tür im Holzgetäfel. Zabel schlug sich aus die Stirn. „Richtig! Da geht's ja zum Schreinermeister!" Er ging durch die kleine Tür hinaus. Jungblut meinte: „Unterdessen können wir ja schon, wo wir den Willen des Bürgermeisters kennen, beraten, wie wir seinen Willen am besten ausführen." — „So weit sind wir noch nicht, lieber Meister Jungblut!" wehrte Finnickel freundlich ab. „Zuvor will ich doch noch ein Wörtlein mit ihm reden." —
„Was heißt sein Wille?" fragte Ballig patzig. „Unser Wille wird ausgeführt, und unser Wille ist —"
„Paktieren, zum Teufel, ja, paktieren! Welcher Schuster hat dies schäbige Wort geflickt?" — „Es ist so schäbig nicht!" Jungblut kam in Hitze. „Für Euresgleichen freilich nicht! Euch paßt es vortrefflich in den Kram." — „Herr Jungblut!" entgegenete Finnickel böse. „Was sind das für Reden?" — „Freilich, die klingen Euch nicht lieblich in den Ohren!"
Ballig stemmte beide Fäuste auf den Tisch. „Ich muß sagen, der Herr Jungblut hat eine Manier —"
die Wahrheit zu sagen, die Euch Herren gar nicht wohl bekommt, ha, ha! Und die Wahrheit ist, daß Ihr Herren vorerst an Sero wertgeschätzten Leichnam und an Dero Beutel denkt."
Finnickel rief im Zorn: „Herr Jungblut, das sind Beleidigungen, deret- wegen wir uns anderen Orts auseinandersetzen wollen!" — „Soll mir ein besonder Pläsier sein!" — „Unerhört! Unerhört!" keuchte Ballig, heiser vor Zorn. Er schwieg aber still und schaute mit den anderen verwundert auf Sabine, die Zabel mit kavaliermäßiger Höflichkeit eintreten ließ. Alle standen galant auf. Sabine machte einen Knix. „Einen guten Morgen den Herren Stadträten!" sagte sie ein wenig schüchtern, aber ruhig. Finnickel stelzte ihr entgegen und küßte ihr mit komisch wirkender Galanterie die Hand. „Ergebenster Diener, Jungfer Sabine! Ei, was verschafft uns die Ehre?" „Sie schickten zu meinem Vater —"
„Gewiß, Jungfer Sabine", antwortete er süßfreundlich. — „Sie wollten mit ihm sprechen —"
„Gewiß, Jungfer Sabine." — „Leider ist mein Vater —* Hier stockte sie etwas und warf dem Sekretär einen raschen Blick zu, den Finnickel bemerkte. „— ist mein Vater sehr krank." Finnickel räusperte sich. „So sagt der Sekretär!" „Cs ist leider so, Herr Finnickel." „Was fehlt dem Herrn Vater denn, Jungfer?" fragte Jungblut. — „Er hat, scheini's em Fieder. Er hat schon zum Doktor geschickt." — „Man soll ihn zur Ader lassen," schlug Ballig vor, „oder ihm ein Senfpflaster in den Nacken legen." Sabine machte ihm einen Knix. „Schönen Dank, Herr Völlig."
„Kann ich nicht," meinte Finnickel, „kann ich nicht mit Sero Vater für ein Momentchen sprechen? Ich versichere Ihr, Semoiselle, daß es sich um die allerwichtigste Angelegenheit handelt!" — „Mein Vater ist sehr unglücklich, nicht mit Ihnen sprechen zu können. Soch läßt er Ihnen sagen, daß er mit dem Herrn Sekretär alles auf das gründlichste besprachen hätte, und die Herren möchten darum in seinem Sinne mit dem Herrn Sekretär verhandeln." Der Sekretär nickte ihr dankbar zu.
Finnickel bemerkte das; er trommelte wieder mit den Fingern, „fjm in seinem Sinne — hm — und das wäre?" — „Mit den Franzosen zu paktieren?" fragte Völlig.
„Nein, nein", erwiderte Sabine schnell. — „Sen Franzosen die Tür vor der Nase zuzumachen und die Stadt zu halten?" fragte Jungblut. — „Ja, ja, bas sagte mein Vater!" — „Ein wackerer Mann, der Herr Vater! Ein braver Mann! Sie Jungfer mag ihn auf herzlichste vom Meister Jungblut grüßen, hört Sie!" Sabine machte einen Knix.
„Schönen Dank, Herr Jungblut. — Dann darf ich wohl mit der Herren Erlaubnis wieder gehen." Die Stadträte standen auf und verbeugten sich. Finnickel küßte ihr die Hand. „Ich bitte gleichfalls, mich Sero Vater zu empfehlen." — „Einen guten Morgen den Herren Stadträten!"
Sie knixte, nickte schnell mit einem Höben Blick dem Sekretär zu, der diesen Blick erwiderte, und ging durch die kleine Tür hinaus. Während die anderen sich wieder setzten, taute Finnickel an den Lippen und beobachtete stirnrunzelnd den Sekretär, der traumverloren nach der Tür starrte, durch Die Sabine gegangen war. „Eine durchaus anmutige und liebenswürdige Jungfer!" sagte Finnickel lauernd. — „Auf Ehrs, das ist sie — ach, Gott!"


