in sich begnügtes, in sich ausschwin-
a[[gemein beliebt und betrauert.
uns darum bemühen mögen, niemals
Jahren starb Geßner, im März 1788, *
Innere Dramatik.
Ein Beitrag zur Entwicklung der neuen Bühne.
Von Manfred K y b e r.
Für jeden, der das Theater von heute aufmerksam verfolgt, ist es fraglos, daß irgendwie eine Renaissance der Bühnenkunst angestrebt wird, wenn auch vorerst kaum mehr als ein Wille, sicher noch kein Weg deutlich zu erkennen ist. Die szenischen Neuerungen, die nach Ueberwindung der allzureichlichen Ausstattungsmittel, sich auf Beschränkung und Einfachheit eingestellt haben, sind am deutlichsten als neue Bahn zu überschauen. Diese Vereinfachung, die lediglich darauf ausgeht, das Wesentliche zu betonen, beutet aber schon den Weg an, der vor allem vorgezeichnet ist: die Wiedererneuerung des Wortes, das allzulange Stiefkind einer naturalistischen Bühne war. Man begreift wieder, daß das Wort Träger der Dichtung ist, nicht der nur begriffliche Sinn einer analytischen Denkweise, eines nur logisch aufgebauten Handlungsprv- blems. Das Wort als Klangwert, wie es im griechischen Drama, in der Wertung der Klassiker, vor allem Goethes als Bühnenleiters von Weimar, gelebt hat, tritt wieder in feine verdrängten Rechte. Damit fällt die Aeuherlichkeit der Szene, die eine realistische Richtung großgezogen hatte, immer mehr zusammen und nur das, was das $8ort, feine Stimmung, feinen rein dichterischen Wert zu stützen vermag, bleibt bestehen. Wir brauchen keine vielseitige Ablenkung auf der Bühne, sondern Konzentration, und zwar auf den Kernpunkt der Dichtung und damit nur das Wesentlichste der Szene. Die Verarmung vieler Theater, die aus pekuniären Gründen die Szene vereinfachen, ist nichts weiter als sekundäres Moment — es geht auf anderes, im künstlerischen Werden Begründetes aus, wenn die Szene essentiell in wenigen Formen die frühere Vielheit einer Uebergangszeit zusammenzieht. Zur Beschränkung der Formen tritt Farbenvielheit und reiche Möglichkeit in der Beleuchtung — was wieder einem Zeitbedürfnis, dem Ausdruck des Ueberfinnlichen, Rechnung zu tragen fähig ist. Nicht um die belanglose Modemystik handelt es sich hier, sondern um tiefere geistige Werte, die unsere Zeit verlangt und immer mehr verlangen wird, je mehr eine einseitig analytische Verstandeskunst im Verblassen begriffen »st. Menschheit und Schicksal sind wieder Probleme, die eine neue Kunst in neuer Wortwertung und deren Ausdrucksmitteln suchen und finden wird.
Damit aber ist bereits weiter ein Schritt in der Richtung der Entwicklung einer neuen Bühne gegeben. So sehr die Sprechkunst im alten Sinne vom Darsteller wieder verlangt werden wird, so sehr wird man von der künftigen Bühnendichtung mehr innere Dramattk als äußere verlangen. Wir erleben gewiß keine Erneuerung der griechischen Tragödie und sollen es unserem Zeitgeist nach auch gar nicht, aber wir knüpfen an Hellas wieder an und bauen auf dieser Brücke und aus alten Werten neu aus unserer Zeit geprägte Formen des Zeitlosen. Nicht
fabt Gefeiert.
Ms Dichter geliebt und berühmt, konnte er doch vom Ertrag seiner Schriften nicht leben, und erwarb sich sein Brot als Maler. Im Malen und Dichten, in einem genügsamen Landleben mit einigen Freunoen, und in inniger Freundschaft mit allen Kindern fernes Streifes fanb er fein €icientlid)C5 üeben. Solche (Senügfnmteit unb ibyHifche Levensenge erscheint heute eher als Schwäche und Beguemlichkeit, diese Einschätzungen indessen find — wie schon gesagt — sehr vergänglich, und man mag Geßner sich mit nicht weniger Grund als einen wirklich Weisen vorstellen, welcher in golbner Mitte zwischen Reich unb Arm, zwischen Weltzugehörigkeit unb Weltflucht ein ,iA
genbes Leben spann.
Im Alter von achtundfünfzig
Wir fühlen uns, so sehr wir uns darum bemühen mögen, niemals völlio in die Seelenlage einer anderen Zeit zurück. Und zu Geßners Zeit war "in den „gebildeten Ständen" die Seelenlage eine solche, bas Geßners Dielungen bei jenen Menschen auf ein tiefes Bedürfnis, auf eine lebendige Sehnsucht trafen, daß sie etwas aussprachen, was Tausende fühlten. So gehört seine Dichtung zu den wertvollen Geschenken, welche Deutschland von der Schweiz im Geistigen empfangen bat.
Es waren Gefühle unb Schwärmereien seiner Zett, ber Zeit um 1750, bic in Geßners Prosagebichten bie Zeitgenossen bezauberten. Unb bas Gewanb, bie Dekoration, bie märchenhaft-opernhafte Bühne, Die musikalische Zeitlosigkeit, in ber biefe Dichtungen atmen, scheint mir überaus nahe verwandt mit ber Welt ber wirklichen Oper. Die Oper des achtzehnten Jahrhunderts, so scheint mir, atmet dieselbe Stimmung ww Geßner, sie schwebt in derselben Zeitlosigkeit, sie spielt mit derselben halbwehmütigen Tändelei alle Teilnahme vom wirklichen Leben hinüber in eine Phantasiewelt von feenhaft unirdischer Art. Unb was in ber Dichtung untergegangen ist unb uns Späteren fremd unb veraltet erscheint bas hat in der Musik Dauer unb Geltung behalten, benn ist nicht die letzte, höchste, edelste, wahrhaft zeitlose Aeußerung jener ganzen Seelenlage, des ganzen Bedürfnisses nach Verklärung des Alltags, nach Flucht aus ber Zeit, nach fpielenber Vereinfachung unb Sbealifierung jenes Werk, bas uns aus biefem achtzehnten Jahrhunbert her Jo unbegreiflich jung unb unverwelklich anschaut: Mozarts „Zauberflöte"?
Hypnose und Verbrechen.
Von Dr. weck. Curt Thoina11a.
Bei unendlich vielen Gerichtsverhandlungen pflegt der „große u bekannte" eine geheimnisvolle Rolle zu spielen. Irgendein ng Anstifter ober Mitwisser von Verbrechen, bessen Namen, oft auch ,{1, Aussehen ber angeblich unschuldig Angeklagte nicht weiß, I hafte Unfaßbare, ber angeblich an allem schuld sein soll. L,« lieft und hort man oft davon, daß statt dieses „großen U> bie Hynose entsprechend verdächtigt wird. Es sei ja auch ganz tenb für den Laien, daß eine verbrecherische Ausnutzung de r ,,c denkbar ist. Man weiß, daß ein Hypnotiseur fein „Medium , völligen Erinnerungslosigkeit einschläfern und ihm im 1 |
Rolle des strafenden Gottes nicht lange aus und fchickte wieder Wechsel, und nun ging Geßner in Berlin entschieden auf die Pflege und Aus- bilduna feiner Begabungen los, als Maler unb als Dichter. Ein Ausflug nach Hamburg, unb balb barauf bie Nückkehr nach Zürich waren Die letjten Reifen dieses genügsamen Lebens. Von ferner Heimkehr (im Jahre 1750) bis zu seinem Tode (1788) hat er seine Helmatgegend nicht me Madi^nehre'ren erfolglos gebliebenen Publikationen fand er mit seinen Ibrillen" (zuerst erschienen 1756) eine begeisterte Ausnahme, und ge- börts nun dem Sternhimmel der damaligen deutschen.Dichtung an, wurde übrigens rasch auch ins Französische überseht und in Frankreich
blindes Schicksal ist es, das wir heute wieder voll aufnehmen wollen, sondern ein anderer, verfeinerter Schicksalsbegriff, einer, dem die nordischen Schriftsteller zuerst Bahn geschaffen habun, der sogar >n solchen Analytikern wie Ibsen und Björnson anklingt, ber sich in der sozialen Tendenzdichtung der großen Russen regt. Die Kulturkatastrophc der letz, ten Jahre und die heutige Zeit verlangen mehr als eine rem oerftanbej. gemäße Erklärung, sie fordern wieder einen Schichalsbegnsf, ber freu [ich nicht nur mythisch Unbeugsames in sich schließt, sonbern neben btefem Biegbares unb Wählbares, Wege unb Kreuzwege des fchaffenben unb im Schicksal ftefjenben Menschen sieht. Aber bie reine Analytik, bie hyper- psychologische Struktur des Geschehens aus bem Menschen allein heraus ist nicht mehr genügenb. Wir glauben solche Konstruktionen nicht mehr, bie eine materialistische Uebertreibung bes Shakespeareschen Dramas be- beuten, bie Karikatur eines Gemälbes, bas heute noch Geltung hat. Wir kehren uns gewiß nicht von Shakespeares Stanbpunkt ab, Kampfe und Leidenschaften ber Menschen als Ursache unb Folge, als Entwicklung unb Spannung auf bie Bühne zu bringen. Fraglich aber ist es sicherlich, ob wir biefe Momente "nach wie vor in erste Linie stellen werden. Viel zu stark ist heute wieder ein Schickfalsempfinden wachgeworden, als daß bas möglich wäre. So nähern wir uns, woraus Einfachheit ber Szene unb zunehmenbe Wortkuttur immer mehr Hinweisen, einem Vorwiegen ber inneren Dramatik vor ber äußeren. Wir werden nicht mehr so einseitig wie bisher, bie bramatische Spannung unb äußere Handlung tm Shakespeareschen Sinne als Maßstab der dramatischen Dichtung betrachten, sondern das innere Geschehen bem äußeren zum mindesten gleichwertig empfinden lernen. . „ ..
Schulbeispiel für solche innere Dramatik ist Goethes „Iphigenie , die denkbar arm an äußerer Handlung, überreich an innerer Dramatik, an seelischer Hochspannung ist, die innerlich weit mehr tn Atem zu bauen
1 vermag als es jede noch [o jagende äußere Handlung vermochte, i iomatito für solches Werden ist auch das Auftauchen der alten griechischen
Tragödie — des Sophokles oder Aischylos — auf unseren Buhnen, sind auch die Mysterien und Märchenspiele, die meist auf Sonderbuhnen zur Darstellung gelangen. Auch hier herrscht innere Drainatt vor, muß fie vorherrschen, weil im Uebersinnlichen, Zeitlosen das äußerlich Dramatische fehlt, der Schwerpunkt allen Geschehens ins Innere verlegt ist, in ein Geistiges im Menschen, das fern vom niederen Verstände und vom | Triebleben nur im Wiederklang des Wortes wachwerden kann. Nie kann | ein wirkliches Märchen dramatisch fein im äußeren Sinne, weil alles I tiefste unb eigentlichste Geschehen bes Märchens innerlich ist. Aeuhere
Handlung ist hier nur Nebenwerk und wird in ledern Märchen mit we- nigen Worten abgetan. Aehnlich ist bie geistige Einstellung ber Mysterien wo das Wunder in sich selbst, bas ^ülofe über aUem * ffieldheben bas Eigenliche ist unb immer fein wirb. Jedes -proviem, aus bem niederen Gefühlsleben herausgehoben, verliert den Zeitcharakier unb bmnit bie äußere Spannung. Jrn gleichen Maße gewinnt cs an innerer Dramatik, an Hochspannung instch unb 'hm »u leben,
i oa »tHintrptpn vermaa durch das Wunder des Wortes,
I rounber zu stützen ist, besonbers im Märchenfpiel unb in Mysterien, die | musikalische Unterlegung bes Wortes berufen, bie freilich nicht mit dem j alten Melodram? verwechselt werden darf, sondern mttgroßtcr tuns -, I rischer Diskretion mehr zu umranken als zu unterstreichen hat.Cs ft I lediglich Gewöhnung, nur äußere Dramatik spannend 3" finden. Re, | künstlerisch genommen, ist es bie innere weit mehr. Gerhart Häuft I manns „Florian Geyer" ist überreich, allzureich an Szenen bewegte» | Volkslebens, an Handlung und Lautheit. Die einzige braniatifaje M
Spannung aber in dieser Dichtung ist ber Augenblick (nn vierten Mi), bPem Florian Geyer beim Anhören bes alten, nun 3ur Sage geworden
s ©enerliebes, in sich zufammenbricht. „Die versunkene Glocke ist nur d Märchen, wo sie ganz unbraniatisch bie Elsen im Wortzauber lebenJ merben läßt (im ersten Akt) ober wo sie (im fünften Akt) durch M
I tenbelein bas eigentliche Schicksal, bas in btefer Dichtung über das 3 lidje hinaus schwingt, im Selbstgespräch schönster Steife ®“*“etJen SS
! Sitte äußere Handlung ist hier bem Theater im schlechten Sinne y als der Dichtung. Es ist sicher nicht belanglos, daß Shakespeares ,,Ma bett," heute weit stärker wirken muß als beispielsweise dw Komg bramen. Im Fieber unserer Zeit leben bie sozialen, bie psychologisch" Gesellschaftsbramen weniger lange als früher, sie merben uberh t im bunten Narrentanz einer überhitzten unb fteuerlofen Epoche 'st nW
| liche Sehnsucht nach Zeitlosem tief begrunbet.
Hier, im Verstehen innerer Dramatik, muß eine Buhnenresorm em setzen, hier müssen die Wege gesucht werden, bie eine kommende Kult wende auch in der dramatischen Kunst gehen wird. Es fehltgewiß mH _ wie ich schon hinwies, an Symptomen solchen Suchens und Fm«" über das unsicher auf ber Schwelle zwischen zwei ttßelten f^vanM brainattsche Kunstleben ber Gegenwart hinaus. Je eher es erkannt w als Forberung im Dichterischen bes Wortes unb tm Geistigen 3 lofen, um so eher werden wir, vielleicht als erste, einen neuen Sßefl Renaissance des Theaters zu weifen imstande fein. Erne reiche und °° bare Aufgabe für Dichter, Bühnenleiter und Darsteller - auf Jjeu
. I fußend, aber neu gestaltet, zu erfassen, was innere Dramatik ijt.


