Ausgabe 
17.5.1927
 
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Siehem ZamilieiibMer

Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger

Jahrgang $927

Dienstag, den $7. Mai

Nummer 39

Auftrag.

Von Ludwig Heinrich Christoph H ö l t t),

Ihr Freunde, hänget, wann ich gestorben bin, Die kleine Harfe hinter dem Altar auf, Wo an der Wand die Totenkränze

Manches verstorbenen Mädchens schimmern.

Der Küster zeigt dann freundlich dem Reisenden Die kleine Harfe, rauscht mit dem roten Band, Das, an der Harfe festgeschlungen.

Unter den goldenen Saiten flattert.

Oft," sagt er staunend,tönen im Abendrot

Von selbst die Saiten leise wie Bienenton:

Die Kinder, hergelockt vom Kirchhof, Härtens, und sahn, wie die Kränze bebten."

Ueber Salomon (Zehner.

Von Hermann Hesse.

Salomon Geßner gehört nicht zu den Gründern und Führern, son­dern zu den Musikanten und Spielleuten, die überall mit dabei sind; er ist kein Denker, sondern ein Schwärmer; er ist mehr Kind als Mann, mehr Musikant als Komponist. Seine poetischen Werke tragen verschie­dene Titel, aber sie sind alle ohne Ausnahme Idyllen, ihr Ton und innerstes, bestimmendes Lebensgefllhl ist ein stilles, heiter-resigniertes Jn-sich-hinein-musizieren, ein genügsames Schwelgen des einsamen Schäfers im Wohllaut seiner kleinen, schilfenen Flöte, welche wenig Ton­arten und keinerlei Polyphonie besitzt. Aber sie tönt entzückend in der Dämmerung.

Jene angenehme Vorstellung vonachtzehntem Jahrhundert", die wir aus dem Betrachten damaliger Kleinkunst gewinnen, brauchen wir um Geßners willen nicht zu verlassen oder zu erweitern, sie ist weit genug, um ihn mit aufzunehmen. Unter den vielen hübschen, geschmackvollen, reizvollen Sachen und Sächelchen jener Zeit spielen sanfte kleine Bilder eine große Rolle, zarte holde Malereien in Wasserfarbe, graziöse, leicht und sicher stilisierende Zeichnungen, schön komponierte, poetisch-kokette, kleine Kupferstiche und Radierungen. Es gibt da Landschäftchen mit friede­vollen, in ein klassisches Mnuerbecken gefaßten Quellen in milden Tälern, wo einige Bäume sich zum angenehmen Hain vereinen, wo ein Bauern­mädchen oder eine Nymphe ihren Krug füllt und gedankenvoll oder ge­fallsüchtig ins klare Wasser schaut, oder eine schön gekleidete Dame lesend ihren Liebhaber erwartet, den man hinter den Stämmen im Schatten nahen sieht. All diese Gebilde, all diese Radierungen und Malereien, all diese Quellen, Hirten und edel komponierten Baumgruppen aber haben gemeinsam eine Stimmung von Spielerei und Unwirklichkeit, sie atmen den Zauber der Kulisse, ihr Leben unterliegt den Gesetzen der Oper, nicht denen der Wirklichkeit. Dies Leben, dies flüchtige, anmutig kinderhafte Leben all der Nymphen und Liebespaare an ihren melodischen Bächen, unter ihren wehmütig-ernsten Baumkronen, in ihren geschmackvollen Toiletten dies ganze Leben ist Oper, ist Spiel, ist Märchen und Traum. Alle diese zarten Gebilde sind nicht entstanden aus einem Be­streben, das Leben des Tages nachzuzeichnen, die Wirklichkeit zu er­gründen und zu stilisieren, sondern aus dem Wunsche nach Spiel und Traum. Sie denken ans Leben und dienen dem Leben nur als Geschenke, welche Liebende einander geben, als zarte Anregungen zur Liebe. Ihrem ganzen Wesen nach streben sie vom Leben des Tages hinweg, ihr ganzer Sinn und der Antrieb, aus dem sie geboren sind, ist Flucht vor Dem Wirklichen.

Solche geschmackvolle, zärtlich zu Traum und Weltflucht verlockende Dinge hat auch Salomon Geßner gemacht. Er hat Aquarelle gemalt, schöne Blätter gezeichnet und radiert, und hat in diesen Künsten nicht bloß zu den stümpernden Liebhabern, sondern zu den vielen kleinen Meistern jener Zeit gehört. Und ebenso wie er gemalt und gezeichnet hat, so hat qr auch gedichtet. Seine dichterischen Idyllen sind durchaus Geschwister seiner gemalten und radierten Blätter, sie gehören zusammen und setzen einander fort. Alles, was Geßner in seinem Leben gearbeitet hat, steht unter diesem Zeichen. Sein Leben lang hat er sich begnügt, seine sanften Melodien zu blasen, immer auf derselben Schäferslöte, immer wegge­kehrt vom Tag und Markt, immer sehnlich hinüber gewendet ins Reich der seligen Spielerei, der Schäfer, der lichten Abendwölkchen, der zeit­losen und problemlosen Anmut.

Dr Mensch von heute neigt dazu, diese Beschäftigung eines ganzen Lebens mit Tand und Spiel für reichlich absurd oder unwürdig anzu- fehen. Weit liegt jene unernste, wirklichkeitsfremde, problemlose "Opern­welt hinter ihm. Was wir Menschen indessen als absurd und unwürdig empfinden, das gilt immer nur für eine kleine Welle, und wir betreiben

heute mit blutigem Ernst und heiliger Ueberzeugung allerlei Dinge, über welche unsere Enkel ebenso lächeln werden wie wir über den Herrn Geßneer und seine hübschen Idyllen. Daß er für seine eigene Zeit keineswegs etwas Unkluges und Unnützes tat, sehen wir schon daraus, daß diese Zeit ihn sehr gebraucht, daß sie ihn freudig willkommen geheißen und feine Idyllen begierig verschlungen hat. Kluge und tätige Männer und Frauen haben an dieser Spielwelt ihr Gefallen und ihren Zeitvertreib, ihren Trost und ihr Entzücken gefunden.

Salomon Geßner ist am 1. April 1730 in Zürich geboren, sein Vater war Buchhändler und gehörte dem Züricher Großen Rat an. Der junge Salomon entzückte seine Eltern keineswegs durch rasche Fortschritte und Erfolge, er blieb in dec Schule stecken und galt für einen bequemen, gut­artigen, aber mäßig begabten Knaben, mit dem nichts anzufangen ist. Vermutlich war seine Seele schon damals, von allem Anfang an, der Wirklichkeit abgekehrt, und magnetisch von jener holden Spielwelt angezogen. Mochte diese Einstellung zum Leben nun gut ober schlecht, mochte sie unnütz oder wertvoll, mochte sie eine Tugend oder eine Krank­heit sein jedenfalls blieb er ihr mit einer Zähigkeit treu, welche der imponierenbfte, kräftigste Zug in feinem Wesen und Leben ist. Von den Lehrern nicht geachtet, die Eltern durch Trägheit in der Schule und schlechte Zeugnisse betrübend, ging der Knabe unbeirrt seinem Hang, sei­ner mnern Stimme und Sehnsucht nach. Er entdeckte, daß man aus Wachs herrliche Gestalten von Tieren und Menschen kneten konnte, Buben und Mädchen, Schwäne und Wölfe, Greise und Engel, Helden und Damen, und er sparte jeden Kreuzer, um sich Wachs dafür zu kaufen. Vermutlich ist er zeitlebens, auch damals schon, ein ungewöhnlich glück­licher Mensch gewesen, ein Mensch mit großer Genügsamkeit, aber seiner Cigenhell und seinen Liebhabereien völlig und blind ergeben. Er ließ die Schule Schule fein und formte aus dem angenehmen, beglückend weichen und bildsamen Wachs seine Spielwelt um sich her, wie ein anderer Knabe Schlachten schlägt ober Weltbeglückerträume hat. Unberührt durch Mißerfolg, unbeirrt durch den Gegensatz, in den er durch seine Neigun­gen zur Umwelt kam, lief er nachtwandlerisch seinen Weg. Mag dieser Weg eine Spielerei, eine Schwäche, eine Absonderlichkeit gewesen sein .er ging ihn, er ging ihn mit rührender Unbekümmertheit um die Meinung der Welt, um die Vorwürfe der Lehrer, um den Spott der Kameraden, um die Klagen der Eltern. Auch zu schreiben fing er früh an, aber seine Schreiberei war voll orthographischer und grammatischer Fehler, auch sie erwarb ihm nur Mißachtung. Die Lehrer gaben ihn auf, die Eltern entschlossen sich seufzend, den Buben aufs Land in ein Pfarr­haus zu schicken.

Dort lernte der junge Geßner einen Dichter kennen, der ihm tiefen Eindruck machte. Man besah und las in jenem Pfarrhaus die Schriften des Hamburgers Barthold Heinrich Brockes, vor allem fein Gedichtbuch Irdisches Vergnügen in Gott". Dieser Dichter Brockes ist, ebenso wie Geßner selbst, nachdem er der Liebling einer Zeit gewesen war, ver­gessen, verachtet und bespöttelt worden, aber neuestens, erst in den letzten zwei, drei Jahren, taucht er wieder empor, wird wieder neu gedruckt, er­regt wieder Liebe und Bewunderung. Gewaltig war der moralische Ein­fluß, die Bestärkung und innere Bestätigung, welche Geßner durch Brockes finden mußte. Er sah hier aus einem bis zur höchsten Andacht gesteigerten Spieltrieb eine Kunst entstanden, die ihn nicht nur hinriß und beglückte, sondern die auch von der Welt anerkannt und gefeiert wurde. Kein äußeres Erlebnis ist für den jugendlichen Künstler wichtiger, keines stärkender und anspornender, als wenn er Keime, die in ihm selber treiben, bei einem Zeitgenossen zur Blüte entwickelt sieht, als wenn er das, was er selbst noch kindlich und nur zum eigensten, einsamen Ge­fühlsbedürfnis treibt, von einem andern zur Kunst gesteigert steht. Dies Erlebnis fand Geßner durch die Bekanntschaft mit Brockes' Büchern.

Nach zwei Jahren kam der junge Mann in die Stadt und ins väter­liche Haus zurück, aber er war nicht viel weiter gekommen in dem, was die Welt von ihm erwartete. Es fehlte ihm der Fleiß, es fehlte ihm die Freude an Kenntnissen, es fehlte ihm der Ehrgeiz. Um ihm einen Stoß ins Leben zu geben, schickte ihn der Vater als Lehrling in eine berühmte Buchhandlung nach Berlin dies war die einzige große Reise in Geß­ners Leben.

Sehr bald aber lief Salomon seinem Lehrherrn davon und führte sein Berliner Leben auf eigene Faust. Er hauste in einem Mietszimmer und trieb, wozu er Lust hatte. Und als nun der Vater vom fernen Zürich aus am einzigen Faden zog, an dem er den Sohn noch hangen hatte, und ihm kein Geld mehr schickte, da tat der Sohn den entschei­denden Schritt und beschloß, aus seinen Neigungen seinen Beruf zu machen und es zu probieren, sich mit feinen Talenten durch die Welt zu bringen. Er verschaffte sich Oelfarben und malte eine Weile darauf los, bis er feine Stube voll hängen hatte. Diese Bilder zeigte er nun einem befreundeten Maler. Der wies ihm eine Menge von Fehlern und An­fängerirrtümern nach, fand aber feine Begabung bedeutend und machte ihm Mut. Der Vater, sichtlich ein gutmütiger Mann, hielt es in der