Der Direktor entscheidet salomonisch: „Publikum wird ^gelassen, aber nur Mitglieder und ihre Angehörigen. Fremde dürfen nicht herein. Im Handumdrehen ist der Zuschauerraum so ü6erfüllt, wie wenn er ausverkauft wäre. Man steht die fremdesten Gesichter.
Man sieht die Schlachtenbummler, die nirgends fehlen, wo es unter Umständen etwas Lautes und Blutiges zu erwarten gibt. Man fleht die Intimen -des Hauses, die meistens die Intimen aller Häuser sind und zum engsten Kreise der ganzen Welt gehören.
In geordneten Schlachtreihen ziehen die Zeichner und die Photographen mit ihren Apparaten auf. .. , _. t. . . . ,
Die Zeichner sind meist freundlich und vergnügt. Sie sind sehr behebt. Es ist nicht zu sagen, welchen Anteil die Schauspieler an den bildenden Künsten nehmen, seitdem gelesen« Zeitungen ihren ~egt mit Portratskizzen der Darsteller beleben. Sie lassen sich, probieren Sie nicht eben, unfetten — zufällig — in der Nähe des Zeichners sehen und haben, wenn sie gebeten werden, sich zeichnen zu lassen, nach einem nur sehr kurzen Sträuben, sogar nichts dagegen, di« Bitte zu erfüllen.
Fünf Bankreihen des Zuschauerraums sind der Direktion und Regie re|er= viert. Es gibt jedesmal einige Naive, die sich breit und bequem ganz vorne häuslich niederlassen und ganz verdutzt sind, wenn sie mit Hallo zur allgemeinen Belustigung nach hinten getrieben werden, wo sie nur noch mit Mühe ein Plätzchen finden.
In der Mitte des reservierten Raumes steht, von einer kleinen regulierbaren Tischbatterie matt beleuchtet, der Regietisch, an dem sich der Regisseur und sein Stab, Hilfsregisseur, die Dramaturgen, der Maler, die technischen Vorstände, versammeln.
Es wird dunkel. Das Brausen verstummt.
Das Zeichen ertönt. Nichts. Es geschieht nichts. Es dauert endlos. „Woran liegt's denn?" donnert der Regisseur zier Bühne hinauf. Der Autor stirbt.
Das Zeichen ertönt zum zweitenmal. Der Vorhang geht in dl« Hohe. Falsch. Es stimmt nie, wenn der Vorhang das erstemal in die Höhe geht. Aber schließlich beginnt die Probe doch.
Ich beobachte den Autor von der Seit«. Er ist leichenblaß, aber seine Augen leuchten. Das Stück interessiert ihn sichtlich, scheint ihm ausnehmend zu gefallen. Seine Wangen zittern. Schweißperlen stehen ihm auf der Stirne, seine Lippen bewegen sich unaufhörlich, er spricht offenbar jedes Wort mit. Er zuckt bei jedem neuen Strich, den natürlich er allein bemerkt, aufs neue auf, und jeder Strich kommt ihm neu vor, er zuckt bei jeder falschen Betonung auf, und jede Betonung scheint ihm falsch, die anders ist als der Tonfall, den er zu Hause beim Dichten im Ohr hatte, er windet sich 'bei jedem Extempore des Komikers. Dieser düstere Men chenfeind kennt kein Mitleid. Das Extempore ist die kalte Rache des Komikers für den nie gelernten Text.
Der Vorhang fällt. Natürlich wieder falsch und schmeißt den Aktschluß. Zur Strafe muß der Vorhang seinen Fall so oft wiederholen, bis er ihn kann.
Die Pause. Der Zuschauerraum erhellt sich. Der Regisseur eilt auf die Bühne und läßt die Schauspieler im Konversationszimmer zur Kritik antreten.
Unterdessen wird photographiert. Zwischen den Photographen bricht ein Streit aus: der eine hat die vom andern arrangierte Stellung mitbenutzt; dieser suhlt sich in der Heiligkeit seines geistigen Eigentums verletzt. Es ist merkwürdig: was in den Dunstkreis des Theaters tritt, verfällt sofort der Ansteckung der Rivalitätsempfindungen. Ich erinnere mich, einmal einen Kompetenzkonflikt der Theaterärzte miterlebt zu haben, gegen den jedes Primadonnagezänk die reine Turteltauberei war.
Gegen den Schluß der Pause, die Ewigkeiten zu dauern scheint, mischt flch der Regisseur unter das Publikum. Er sammelt Eindrücke. Man kann von jedem etwas profitieren. (Denn zwischen der Generalprobe, in der er zum erstenmal den geschlossenen Ablauf seiner Regievision von außen erlebt hat, und der Premiere liegt noch eine Nacht und ein ganzer Tag, und es ahnt niemand, wie der Regisseur diese Frist noch ausnützen, wie viel er noch zu schaffen, zu ändern, zu korrigieren vermag.)
Einer ist da, dem alles zu lang ist. Seine Ungeduld wehrt sich gegen alles, was nicht in die Augen springende Aktion ist, seine Gedankenflucht vermag keinem Geüankengang zu folgen. Es ist derselbe, der im „Romeo" die Balkonszene als „lyrische Einlage", im „König Lear" die Heide als philosophischen Stimmungsballast zu streichen vorschlug. „Ich habe mich tödlich gelangweilt", sagt er; „diese Längen sind unerträglich, eine Stunde muß, mindestens, noch raus." Es ist der radikale Gewaltstreicher.
Dann ist ein anderer da, der immer Reminiszenzen entdeckt. Ihn erinnert alles an alles. Wenn er das Wort „Hinaus!" hört, muß er sofort an „Iphigenie" denken: „Hinaus in eure Schatten, rege Wipfel!" Er zitiert nämlich außerdem immer falsch.
Dann ist einer da, der nie etwas hört. Er vertritt das phonetische Gewissen des Theaters. Er hat sich in die vorderste Reihe gesetzt und hat nicht ein Wort verstanden. Obwohl der Hauptdarsteller mit einer glgs- hellen Deutlichkeit gebrüllt hat, die nichts zu wünschen übrig ließ. „Haben S i e etwas verstanden? Ich nicht. Das kommt davon, daß heute kein Mensch mehr richtig sprechen kann. Wer weiß noch, daß man vorne zu sprechen hat? Wo sind di« goldenen Zeiten des Zungen-R?"
Das alles hört sich der Regisseur geduldig zum hundertsten Male an und macht sich seine Notizen. Innerlich betet er, daß um Gottes willen die Generalprobe nicht so gut ausfalle, und ist gleichzeitig wütend, daß sie so schlecht ausgefallen ist.
Zum Glück ereignen sich noch zwei Krache: der eine, weil die Hauptdarstellerin mit einer ihrer fünf Toiletten unzufrieden ist, die nur an dieser Schmiere möglich sei, wo man sich weigere, tausend lumpige Mark für ein Kostüm auszugeben; und der zweite, weil der Komiker in die wichtigste Tirade des Hauptdarstellers hinein durch eine komische Nuance mit einem Hut die Aufmerksamkeit heimtückisch auf sich abgelenkt habe.
Es herrscht, bis ans späte Ende der Probe, eine beispiellose Aufregung, die sich allen mitteilt. Es gibt in diesem Raume niemanden, vom Regisseur bis zum letzten Bühnenarbeiter, bis zum unbeteiligsten Burenu- angestellten, bis zum harmlosesten Zuschauer herunter, der nicht das Gefühl hat, daß hier die entscheidende Schlacht geschlagen wird. Aber was
wäre mich das für ein Theater, das sich am Tage einer Oenerafprofce nicht für das Zentrum der Welt hält!
Der Regisseur des Theaters, der als der untrügliche Prophet, die nie irrende Pythia des Hauses gilt, sagt gelassen: „Ich habe WiÄand-Geruch in der Rase." Das ist, mit einer Anspielung auf einen berühmten Durch- unb Durchfall der Vergangenheit, die in diesem Hause traditionell gewordene schonende Form, einen Mißerfolg anzudeuten. Keiner zweifelt mehr. Nur der Autor irrt von einem zum andern und fragt. Er hat flch ausgezeichnet unterhalten. Sicherlich am besten von allen, die da waren. Du ahnungsloser Engel, du! Noch weißt du vorn eigenttich tragischen Problem des Lustspiels nichts, daß der Kassenrapport so gar keinen Spatz macht.
Abenteuer auf der Affenjagd.
Von H. Hesse, Neuyork.
Seit Wochen hatten zwei Riesenaffen die Dörfer auf Borneo heim- gesucht — hatten die Männer getötet und die Weiber verschleppt. So kamen denn die beiden Dyakhäupilinge Dinar und Munshee mit einem Händler zu der Tierhandlung von Charles Meyer in Singapore und baten ihn, die Bestien zu fangen und so die Dörfer von dieser Heimsuchung zu befreien.
Orang-Utangs stehen hoch im Preise, da sie schwer zu fangen sind und in Gefangenschaft meistens schnell eingehen, da sie für klimatische Einflüsse höchst empfindlich sind und sehr an Heimweh leiden. Hier bot sich eine ausgezeichnete Gelegenheit, zwei voll ausgewachsene Exemplare zu bekommen. So viele Eingeborene wie immer nur nötig würden dem weihen Jäger helfen. Da Mayer fürchtete, die Wilden konnten die Tiere, aus Rache töten, wenn sie lebend gefangen würden, nahm er den Häuptlingen das Versprechen ab, ihren ganzen Einfluß bei den Leuten auf- zubieten, um dies zu verhindern. Ws sie einwilligten, wurde gleich mit den Vorbereitungen begonnen.
Nach mehreren Tagereisen flußaufwärts ins Innere erreichte Öre Karawane die Gegend, wo die Affen hausten, und man beratschlagt«, wre die Jagd am besten anzustellen wär«.
Die Orang-Utangs leben gewöhnlich in Kolonien von vierzig ms sechzig Stück, und der größte und kräftigste ist der Häuptling. Sie richten ihr« Lagerstätte in den Bäumen auf Plattformen her, indem sie Aeste abbrechen und kreuzweise übereinander legen. Im Kampfe entwickelt der Orang-Utang eine furchtbare Wildheit. Sitzt er auf einem Baurn« umzingelt und hat er zu große Furcht, herunterzukommen, so gerat er außer sich vor Wut und gebärdet sich wie rasend. Hat er es einmal auf einen bestimmten Eingeborenen abgesehen, ist dieser so gut wie tot.
Es galt nun, die Bäume rundum zu fällen, so daß nur der eine übrig blieb, auf dem die Affen saßen. Der Dschungel war so dicht, daß man erst die Schlingpflanzen durchtrennen mußte, die sich zwischen den Baumen hin und her wanden und die Stämme noch aufrecht hielten, selbst wenn sie unten abgehauen waren. Die Bäume wurden so gefällt, daß sie aufrecht stehen blieben. Auf ein Zeichen sollte dann jeder abaehackte Baum fallen, die in der Mitte zuerst, bis nur der eine allein übrig blieb, auf dem die Affen ihr« Lagerstätte hatten.
Das Hacken und Sprechen lockte Hunderte von Dschungeltteren an, darunter viele kleine Orang-Utangs. Schnatternd und schreiend sah uns die ganze Gesellschaft beim Arbeiten zu.
Lange bevor die beiden rauhen Gesellen zu ihrer Lagerstatt zuruck- tehrten, waren wir auf dem Wege zu Omars Dorf. Der erste Teil der Arbeit war getan. Ms wir den Dschungel verließen, sah er nicht viel anders aus, denn als mir anlangten. Zwar würden die Orang-Utangs merken, daß jemand hier gewesen, doch war ich trotzdem ziemlich sicher, die Abwesenheit menschlicher Wesen würde sie wieder beruhigen. Auch blieben ihnen mehrere Tage Zeit, sich an etwaig« bemerkte Veränderungen zu gewöhnen. . ..
In der folgenden Woche vermieden wir di« Stelle soviel wie möglich, Mannschaften mit Bündeln dürren Grases und trockener Aeste näherten sich bis auf fünfhundert Fuß, warfen die Bündel hin und kehrten ins Dorf zurück. Gras und Büsche sollten als Brennstoff für das Feuer dienen, das ich rings u mden Baurn herum anzünden wollte, sobald 'die Orang- Utangs dort umzingelt waren.
Ms Netze und Käfige schließlich fertig waren, und das Brennmaterial sich an Ort uitb stelle befcnrb, begann ich bie 2euie auf if)rc Tätig keil zu drillen. Fünfzig Mann sollten die Bäume rings umwerfen, zehn di« Stelle säubern, wo der große Baum mit den Affen hinschlagen sollte, und zehn Mann würden je eine Seite des großen Netzes handhaben. Von den letzteren Mannschaften würde der Erfolg abhangen, denn bei unrichtiger Handhabung des Netzes würden die Tiere entweichen. An Mut und in Gefahr erprobte Leute wurden ausgewahlt, und sie übten unzählige Male mit einer hohen Stange, ine umfiel, worauf die Leute das Netz über ein Bündel Gras warfen, das an der Spitze festgebunden war und die Affen darstellen sollte. .
In der achten Nacht trommelte ich alle Leute m Omars Dors zusammen, und noch vor Tagesgrauen brachen wir auf. Sie muhten abermals versprechen, di« Tiere nicht ohne meine Einwilligung zu toten, und ich gelobte ihnen, bei der geringsten Gefahr zu schießen.
Als es hell wurde, stand jeder auf seinem Posten und wartete auf meinen Pistolenschuß als Zeichen. Wir konnten die beiöen Orang-Utangs eben, die auf ihrem Lager schliefen. Leise stahlen sich die Männer fort, die bas letzte Stück der Bäume durchhauen und sie umwerfen sollten. Ah war neben mir und trug mein Gewehr. Omar und Munshee Jtanben zu meinen beiden Seiten. Ich wagte kaum zu atmen, während ich auf it)r Zeichen wartete, daß die Leute bereit wären. Mi behielt die Affen scharf im Auge, um mich zu warnen, sobald sie sich rühren würden.
Da endlich — noch einen schnellen Blick um mich her, und ich feuerte die Pistole ab. Sofort ging ein Höllenspektakel los. Sie Wilden stießen gellende Laute aus, lärmten mit Schlagtrommeln und schlugen gegen die Baumstämme. Verstört fuhren die Orang-Utangs auf und turnten auf ihrer Plattform umher. Durch den Lärm vernahm man hin und wieder


