Der Saal war aufrecht. Niemand chatte das noch gehört. Die Leute «Wen, winkten. Aber er verließ sogleich die Bühne. „Haben S,e es -sieder gesehen," rief er aus, „der fitzt da wie Stein! Er rührt ßch nläh, ich bann ihn nicht bewegen." Dann lag er auf dem Diwan, er hatte sich die Hemdbrust geöffnet und hatte sich ein feuchtes Tuch auf das Herz
Ich trat an mein Fenster. Der Saal war jetzt nur lückenhaft besetzt, das Publikum erging sich draußen. Aber in der vordersten Reihe, ganz allein, saß der Kahle, Ausdruckslose und stierte vor sich hin. Es war nur selber'unheimlich. . , ± ....
Wissen Sie was, Carra," sagte ich, „letzt schicke ich einen Diener zu ihm mit irgendeiner erdichteten Nachricht. Der Mensch muß weg! Vor mir aus soll er ims nachher verklagen. Sie werden mir ja noch krank!
Es läutete draußen. Und es begann das Duell.
„Ich führe Ihnen seine einzelnen Waffengänge nicht vor, lieber Freund, Sie sollen nicht die Schultern zucken und sagen: der Heuduck, das ist ein alter Schwätzer! Genug, Carra hatte mich angesteckt mit seiner Nervosität, und während er seine Arien von Bellini und Weber sang, dann zivei von Verdi und schließlich die Canzonetta aus dem Don Juan, starrte ich wie hypnotisiert auf den verdammten Kerl, der sich nicht regte, wenn um ihn und hinter ihm nach jedem Vortragsstück der Enthusiasmus losbrach. Erwürgen hätte ich ihn können, den Mann, zumal als Carra sich einmal umwandie und mit einem Blick der Verzweiflung das Fensterchen suchte, hinter dem er mich wußte.
Er jammerte mich, wie er da draußen stand und sich die Seele aus dem Leibe sang. Wie er die Beherrschung seiner Kunstmittel, wie er feinen Triumph nicht spürte, weil er den Einen nicht bezwang. Den Einen, der vielleicht ein Narr mar oder ein Mensch mit einem geschenkten Billett, der überhaupt nicht wußte, was das fei: Gesang, Kunst, oder am wahrscheinlichsten ein elender Snob, der sich aus eitlem Distanzgefühl für zu gut hielt, seine Handflächen gegeneinander zu bewegen. Alles vergebliche Ringen eines Menschen verkörperte sich mir in dem armen Carra: alle vergebliche Mühsal eines Herzens um ein anderes Herz, das leer und gefühllos bleibt, aller Kampf eines edlen Willens gegen den Widerstand der stumpfen Welt.
Ein Gedanke streifte mich plötzlich... War ein Plan hier im Spiele? Hatte etwa Mdringer diesen stumpfsinnigen Felsen da in die ersten Stuhlreihen gepflanzt, um den Rivalen, dessen Empfindlichkeit er kannte, zu stören, zu verwirren, zu schädigen? Wie immer es war — eine Programmnummer noch, die letzte, dann, der Himmel sei gepriesen, war alles zu Ende!
In diesem Augenblick trat mein Carra weiter vor auf das Podium, bis unmittelbar an den Rand, so weit, daß er den Kahlen hätte mit aus- aestreckten Armen erreichen können. Er bereitete sich vor zum letzten, entscheidenden Gang.
Die Waffe war scharf. Es kam eine Hauptleistung seines Reportoirs, jedermann wartete schon auf sie, und es gab sicherlich Leute, die vor allem um dieser Arie willen ins Konzert gekommen waren. Es war die berühmte, die bravouröse, die jedem vertraute große Arie aus dem „Barbier", Rossinis unvergängliches Meisterstück. Figaros Hochgesang auf seine Geschicklichkeit, seine Umsicht und Unentbehrlichkeit, aber weit darüber hinaus einIubellied der Lebensbejahung, ein skurriler Hymnus auf die Lust des Daseins und Sichregens, der sich selbst nicht genug tun kann, der immer von neuem anhebt und hinstürmt in tolle Accelerandi und Crescendi — die unvermittelt dann unterbrochen werden durch einen Sprechgesang von souveräner Drolligkeit.
„Ich bin das Faktotum der schönen Welt, ja ich", sang Carra dem Feind in die unbewegte Maske hinein, „hab' mir die schönste Bestimmung erwählt!" Verzückt, amüsiert und begeistert lauschten die Leute. Aber ich dahinten, ich hatte Angst. Ich nahm mein Opernglas vom Tische, das dalag, und spähte atemlos dem Widersacher ins Antlitz. Es rührte sich nichts darin. So konnte er denn auch nicht lachen? Es war unmenschlich.
„Ich gratuliere mir selbst zum Glück, mir selbst zum Glück! Ha, bravo Figaro, bravo, bravissimo, ich bin der Glücklichste durch mein Geschick!"
Ich hatte das Opernglas weggelegt. Ein neues Etwas in Car ras Stimme machte mich aufhorchen, eine so ungeheure Intensität des Aus- dmcks, daß ich zu zweifeln anfing, ob auf diese Art die schwierige Arie bis zum Ende durchzuführen sein werde. Ich blickte auf ihn, ich sah, wie sein Rücken zuckte. Er hatte sich förmlich nach vorwärts gebeugt, er sang nur für den dort, sang dem ins Gesicht, nun mußte es doch kommen, nun muhte es doch aufbrechen in diesen Zügen, und bann, oh welche Erlösung, dann war für immer alles gewonnen!
„Man ruft, man seufzt nach mir, Will mich bald dort, bald hier, Grafen, Barone, Mädchen, Matronen,
"Bald heißt's rasieren, bald rapportieren.
Bald ein Billetchen flink adressieren, Figaro, Figaro, Figaro, Figaro! Figaro, Figaro, Figaro, Figaro! Zuviel, weh mir!
Man foltert mich zuviel, wahrhaftig!
Alles auf einmal, ich kann nicht mehr . . ."
Ich riß die Tür auf, ich stürzte zu ihm, ich sprang von der Bühne hinab. Entsetzenspanik im Saal, Fragen, Gemurmel, Geschrei, Drängen der Massen nach vorn. Der Begleiter stand auf dem Podium und starrte. Alles war aufrecht. Nur in der vordersten Reihe saß mit völlig stumpfem Ausdruck der Eine. Ein freier, kleiner Raum haste sich um ihn gebildet. Denn auf ihn war Carra hinabgestürzt und, mit dem Antlitz nach unten, lag fein Kops auf den Füßen des Feindes.
Ich kniete hin. Ich kehrte ihn um. Aber aus feinem Munde floß Blut, und die Augen waren schon gebrochen."
*
Rach einer Weile erst sprachen wir wieder.
„Und Ihre Vermutung war richtig?" fragte ich leise. „Er saß wirklich als ein Werkzeug jenes Rivalen dort?"
Heuduck nickte.
„Wer gibt sich denn aber her zu so etwas? Was für ein Unmensch muß das fein, der solche Qual einen Abend lang ansieht und kaltherzig steigert?"
„Gar kKn Unmensch", sagte Heuduck. „Ein sehr armer Mensch. Ein geschlagener Mensch. Ein Taubstummer einfach."
Generalprobe.
Von Arthur K a h a n e.
Es ist jetzt viertel elf. Auf halb acht Uhr ist der Beginn der Generalprobe angesetzt. Um elf kommt der Regisseur. Um halb zwölf die ersten Schauspieler. Mein ahnungsvolles Gemüt sagt mir, daß die Generalprobe erst um ein Uhr angehen wird. Mein ahnungsvolles Gemüt hat Unrecht. Sie geht um zwei Uhr an.
Auf einmal merkt man, an undefinierbaren Zeichen, daß etwas vor» geht. Es ist wie ein unsichtbarer Ruck, den sich das Ganze gibt. Er ist da. Der Regisseur des Stückes, der zugleich der Direktor dieses Theaters ist. Mit feinem ruhigen, undurchsichtigen, alles durchsehenden Feldherrnblick überprüft er das Ganze. Wer kann's wissen, ob er zufrieden ist aber nicht. Es wird wohl alles verkehrt sein. Wenigstens scheint er zunächst nur das zu fei)en, was fehlt.
„Was ist das für ein Tisch?"
„Ein provisorischer, Herr Direktor."
„Sehr provisorisch, allerdings. Wo ist der richtige?"
„Der richtige kommt morgen, Herr Direktor."
„Warum morgen? Wissen Sie nicht, baff heute die Generalprobe ist?" „Er ist nicht fertiggeworden. Ich habe hundertmal hinübergeschickt. Der Leim ist nicht trocken. Aber morgen ist er bestimmt da, Herr Direktor."
„Glauben Sie? Ich nicht. Aber ich bin zufrieden, wenn er bei der dritten Aufführung da fein wird. Hoffentlich bringt's das Stück zu einer dritten Aufführung." Das ist natürlich alles ironisch gemeint.
Jetzt belebt sich die Bühne wie mit einem Schlage. Von allen Seiten strömen sie heran. Die Schauspieler beginnen ihre Kostüme anzuziehen und Maske zu machen. Ein jeder schimpft über sein Kostüm und alles über den Friseur.
Der Hauptdarsteller kommt.
„Was sagen Sie, Herr Direktor, zu meinem Pech?"
„Zu welchem Pech? Das Wort höre ich nicht gern."
„Wissen Sie denn noch nicht? Die Premiere kann nicht stattfinden. Ich muß absagen."
„Um Gottes willen, Mensch! Sind Sie verrückt?
„Ausgeschlossen, daß ich spiele! Hören Sie denn nicht? Ich bin stick- heiser. Wie ich heute früh erwachte, habe ich keinen Ton in der Kehle. Mein Pech! Ausgerechnet heute! Meine Frau hat es mir sofort gesagt: „Du darfst um keinen Preis spielen! Du ruinierst dich ja! Du mußt sofort absaaenl"
„Ihre Frau soll — sie soll sofort den Arzt holen lassen! Er kann Ihnen vielleicht eine Injektion geben. Unterdessen probieren Sie ruhig! Dann werden wir werter sehen. Eine Premiere verschieben! Haben Sie eine Ahnung was das kostet? Soll ich Sie für den Schaden haftbar machen? Na also! Sie können ja markieren. An der Generalprobe ist mir gar nichts gelegen." Natürlich hat der Hauptdarsteller in dieser Generalprobe nicht markiert, sondern — leider so gebrüllt, wie noch nie zuvor in feinem Sehen.
Irgendwo drückt sich ein junger, linkischer Mensch scheu und verlegen in den Ecken herum. Man fleht es ihm an, daß er nicht hergehdrt./ Wenn er von allen gepufft, beiseite gestoßen und mit höhnischen Augen mißtrauisch gemustert wird, ist es der Autor des aufgeführten Stückes. Kein Mensch würdigt ihn eines Wortes.
Er sieht jeden Menschen, auch die Arbeiter, die Garderobiers, die Logenschließer, flehentlich mit großen, hilflosen Augen an, die verraten, daß er nur einen Gedanken im Kopf, nur eine Frage auf den Lippen Hat- Glauben Sie, daß ich Erfolg haben werde? Aber er darf das ominöse Wort Erfolg in diesem Hause nicht aussprechen, ohne daß ihm jeder über den Mund fährt. Und so muß er sich bemühen, irgend etwas Neutrales, sehr Sachliches zu sagen, womöglich über die Leistungen der Schauspieler, deren jeder — meint er — noch nie so gut war wie in seinem Stück. Gott weih, wie schrecklich er sie in seinem Innern findet!
Ich suche ihn zu trösten. „Die meisten Stücke fallen an ihren Vorzügen durch", lobe ich ihn. Aber mir scheint, es wäre ihm lieber, auf die Vorzüge feines Stückes zu verzichten, als .durchzufallen.
Aber wer kümmert sich um die Leiden des jungen Dichters! Viel harter ist der Kampf mit den Schauspielern, deren jeder alle Striche in den Rollen seiner Kollegen widerspruchslos akzeptiert, in der eigenen blödsinnig findet. Er kämpft um jeden wie ein angefchossener Löwe, und ine Luft wird dick von Rollen, die hingeschmissen werden, „wenn nicht wenig; ftens dieser eine Strich aufgemacht wird". Und nun muß der Autor sich felbst ans Kreuz nageln und, damit nur um Gottes willen feine Premiere nicht in Frage gestellt fei, die ihm ausgezwungenen Striche, deren jeher mitten durch fein Herz geht, selbst von den Schauspielern erbetteln. Wie wird er dabei mißhandelt! Was muß er sich alles über sein Stück anyoren. Das größte Martyrium des Stückes sind seine Hauptdarsteller. Nur Die Nebendarsteller sind ein noch größeres.
Der eiserne Vorhang ist jetzt oben. nr ,__
Es wird vorprobiert, das heißt, das ganze Stück wird von, Anfang bis zu Ende mit den neuen Strichen durchgesprochen und korrigiert, und diese Arbeitsprobe ist dem Regisseur viel wichtiger als die Generalprobe.
Unterdessen staut sich das ungeduldige Generalprobenpublikum m den Gängen. . , „ .
Es erhebt sich ein neuer Streit. Wer soll eingelassen werden?
„Bei einem heiteren Stück braucht man Publikum. Wenn nicht gelacht wird, kommt man nicht in Stimmung." „Wenn Sie bar auf warten, b gelacht wird, ist das Stück aus und Sie kommen nie in Stimmung.
Der Komiker ist anderer Meinung. „Generalprobenpublikum lachi u alles. Dann warte ich am Abend auf den Lacher, und wenn er a bleibt, bleibe ich hängen."


