Wir sagten nichts, aber im Herzen dachten wir beide an den Flieger und taten den heimlischen Wunsch um ein so reines, köstliches Leben und um einen so süßen, leichten, gottgeschenkten Tod.
Um Raffael.
Von Egon F r i e d e l l.
Die Geschichte der italienischen Renaissance ist in Bildern geschrieben. Die Maler haben alle Windungen des seltsamen Weges, den der öffentliche Geist dieses Landes von der Mitte des 14. bis zu der Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat, mit zartestem Verständnis und stärkster Ausdruckskraft widergespiegelt. Trotzdem wäre es gewagt, einen von ihnen als absoluten Repräsentanten des Zeitgeistes herauszugreifen: am ehesten kämen hierfür noch gewisse Sterne zweiten nnb selbst dritten Ranges in Betracht. So hat zum Beispiel P i s a n e l l o für die naive und doch schon sehr kennerische Freude am bunten Detail, die die Menschen des Quattrocento erfüllt, eine unvergleichlich reiche Sprache gefunden, und ebenso hat Beuozzo G o z z o l i die unerschöpfliche schäumende Lebenslust dieser neuen Generation, ihre jugendliche Leidenschaft für Feste, Aufzüge, Bauten, die im ganzen Dasein einen ewigen Karneval erblickt, zu rauschenden Symphonien verdichtet, während andererseits die Savonarolazeit in den kargen, aszetischen und vergeistigten und dabei doch stets liebenswürdigen, milden und lächelnden Gestalten H e rügt n o s ein ergreifendes Denkmal erhalten hat und in einem Künstler wie Giovanantonio B a z z i, der in der Kunstgeschichte unter dem bezeichnenden Namen S o d o m a fortlebt, das Ueberblühen der Renaissance, ihre raffinierte sybaritische Sinnlichkeit, die bis zur Verworfenheit und Perversität fortschreitet, eine höchst charakteristische Ausprägung findet. Aber wenn man von der Renaissance spricht, denkt niemand an dergleichen Namen. Es ist längst zur feststehenden Tradition geworden, Michelangelo, Lionardo und Raffael den unbestrittenen Herrscherprimat, gleichsam das Triumvirat zuzugestehen.
Raffael hat sein Zeitalter auf die vollkommenste Weise repräsentiert, und zwar — ein merkwürdiger Fall — nicht etwa, weil er eine so besonders hervorstechende, scharf profilierte, überragende, eigenwillige Persönlichkeit gewesen wäre, sondern vielmehr gerade durch seinen Mangel an Persönlichkeit, der es ihm ermöglichte, ganz ausnehmendes Medium, ganz Spiegel zu "sein, alle Strahlen, die ihn trafen, zu fassen und wieder zurückzuwerfen. Raffaels Werk ist die sorgfältige, klare, vollständige und schöne, ja sogar allzuschöne Niederschrift des Cinquecento und — da das Cinquecento eben doch in gewissem Sinne die Vollendung, die stärkste und konzentrierteste Auswirkung des Renaissancewillens ist — eigentlich die Essenz der ganzen italienischen Renaissance. Aus dieser Mischung außerordentlicher und nichtssagender Qualitäten erklärt es sich auch, daß über ihn stets die größte Meinungsverschiedenheit geherrscht hat. Sein Werk ist ein unvergleichlicher Querschnitt und Durchschnitt durch seine Zeit, und zu diesem Zwecke war es ganz unerläßlich, daß er selber nicht mehr als ein Durchschnittsmensch war; da aber diese Zeit voll Größe, Glanz und Reichtum mar, so ist es ebenso natürlich, daß von ihm, der dies alles in sich eingetrunken hatte, Größe, Reichtum und unverlierbarer Glanz auf die Nachwelt zurückstrahlt.
Schon Michelangelo hat von Raffael gesagt, er sei nicht durch sein Genie, sondern durch seinen Fleiß soweit gekommen. Und derselbe Michelangelo leitete eine neue Aera ein, in der eine vollkommene Abwendung von Raffael stattfand: die des Barock, deren wichtigste Leistung die Auflösung der starren Linie war, und der daher Raffael, der Meister der Kontur, nichts zu sagen hatte. In der Tat hat Bernini, der Diktator dieser Stilperiode, vor der Nachahmung Raffaels geradezu gewarnt. Ader auch im Zeitalter Ludwigs XIV., das bereits wieder eine Rückkehr zum Klassizismus vollzog, wurde der Hofmaler Lebrun höher gestellt als Raffael. Als die sixtinische Madonna nach Dresden gebracht wurde, ließ August II. sie im Thronsaal aufstellen und sagte zu den Hofbeamten, die außer Fassung darüber gerieten, daß der Thron dem Bilde weichen sollte: „Platz für den großen Raffael!" Und dennoch erklärten die damaligen Dresdner Kunstautoritäten, das Kind auf dem Arme der Madonna habe etwas Gemeines, und [ein Gesichtsausdruck fei verdrießlich. Und noch im 19. Jahrhundert behauptete man, die Engel auf dem Bilde habe ein Schüler hineingemalt. Boucher gab einem [einer Jünger, der nach Rom reifte, den Rat, sich nicht allzuviel mit dem Studium Raffaels abzugeben, der trotz feines Rufes „un peintre bien triste" fei. Daß Winckelmann von Raffael [ehr eingenommen war, ist begreiflich; aber gleichwohl zweifelte er keinen Augenblick, daß fein Freund Raffael Mengs größer fei als Raffael Santi. Beim Anbruch des 19. Jahrhunderts hatte es freilich eine Zeitlang den Anschein, als sollte Raffael die absolute Hegemonie in der Malerei zufallen. Wenigstens konnten die Nazarener, die damals in einem gewissen Grade tonangebend waren, sich in seinem Lobe nicht genug tun. Aber steht man näher zu, so bemerkt man, daß der Raffael, den diese begeisterten jungen Männer so überschwenglich priesen, gar nicht der eigentliche Raffael war; sondern wenn sie von ihm sprechen, so meinen sie immer nur den Raffael der vorrömischen Periode: die Bilder, die er matte, als er in den Vollbesitz seiner Meisterschaft gelangt war, erscheinen ihnen bereits als Verfall. Die Nazarener und die mit ihnen verwandten Romantiker sind es auch gewesen, die jene zähe Legende von Raffael, dem edeln unschuldsvollen Jüngling geschaffen haben, der wie ein Nachtwandler durchs Leben schritt, alle seine Schöpfungen einer mühelosen überirdischen Inspiration verdankte und die vollkommene Naivität eines begnadeten Kindes besaß: also gerade bas Gegenteil von dem gewesen fein [oll, was Michelangelo behauptet hatte unb was der Wirklichkeit entsprach. Dann aber tarnen bie Präraffaleliten, bie den Höhepunkt ber italienischen Kunst in die Periode vor Raffael verlegten unb in diesem nur einen kalten seelenlosen Virtuosen erblickten. Ihr Wortführer war Ruskin, für den Raffael ber Inbegriff der teeren unwahren Eleganz ist. Man sieht also, daß es niemals ’n Kennern gefehlt hat, bie mit Vela [ quez sagen konnten: „Um die Wahrheit zu gestehen: Raffael gefällt mir gar nicht."
Das Jahr 1517 ist jedermann bekannt als das Geburtsjahr der Reformation, in dein Luther seine fünfundneunzig Thesen an die Schlohkirche zu Wittenberg nagelte. In demselben Jahre malte Raffael seine Sixtinische Madonna, an die jedermann denkt, wenn ber Name Raffael genannt wirb. Und um dieselbe Zeit schrieb der Gras Balthasar C a st i g l i o n e seinen „Cortegiano", jenes Werk, das man eine Art Renaissancebibel nennen könnte. Es ist ber Knigge jener Tage, sein Held ist ber Gentleman, wie bie bamalige Zeit sich ihn dachte: gewandt, würdig, repräsentativ, jeder Lebenslage voll Takt gewachsen und darin dem heu- tigen Gentleman ähnlich; aber er ist ein Gentleman voll Grazie, Heiterkeit und Unbeschwertheit. Diesen vollendeten Kavalier, um den alle Reize versammelt sind, den Geliebten der Fürsten, ber Frauen unb ber Götter hat Raffael gemalt unb hat Raffael gelebt. So schreitet fein Bild durch vier Jahrhunderte.
Aber ber Götterliebling Raffael hat, wenigstens für unser Sehens« gefiihl, einen großen Mangel. Götterlieblinge sind nämlich fad. Raffael gibt keine Probleme auf: bas ist der Haupteinwand gegen ihn. In seinem wunderschönen Buch „Das Leben Raffaels" sagt Hermann Grimm: „Raffael will nichts. Seine Werke sind sofort verständlich. Er schafft absichtslos wie die Natur. Eine Rose ist eine Rose: nichts mehr unb nichts weniger; Nachtigallengesang ist Nachtigallengesang, keine Geheimnisse finb da noch weiter zu ergründen. So auch finb Raffaels Werke frei von persönlicher Zutat, bei ihm fehlt auch ben erschütterndsten Dingen alle persönliche Besonderheit, als seien eigene Erlebnisse des Künstlers hineingearbeitet worben, seine Persönlichkeit brängt sich nirgends vor." Wir fragen uns unwillkürlich: schön und sonst nichts? Mit einem echten Kunstwerk muh man irgend etwas anfangen können.
Aber war es nicht einer der vollkommensten Maler, die je gelebt haben? Zweifellos; wir betrachten ihn hier jedoch gar nicht als Maler, sondern als Kulturbegriff, wie es uns ja auch nicht einfallen könnte, in einem solchen Zusammenhang etwa Napoleon als Strategen oder Luther als Theologen zu betrachten. Und dann: die Vollkommenheit Raffaels ist cs ja gerade, die ihn uns so fern, so fremd unb stumm macht. „Das Unzulängliche ist probuktiv" lautet einer ber tiefsten Ausspruche Goethes. Alles Ganze, Vollendete ist eben vollendet, fertig unb daher abgetan, gewesen.
Wollten mir das Ganze zusammenfassen, so könnten wir sagen, daß es eben zwei Arien von Genies gibt: die Besonderen, Einmaligen, Isolierten, bie großen Solitäre, deren Größe gerade darin besteht, daß sie ein Unikum, eine zeitlose unb überlebensgroße Ausnahme barstellen. Unb bann gibt es auch solche, bie bas Fühlen unb Denken aller Welt barstellen; aber so zusammengefaht, verdichtet unb leuchtenb, baß ein ewiger Typus daraus wirb; unb zu diesen hat Raffael gehört. Dies meint wohl auch Hermann Grimm, wenn er über ihn sagt: „Er hat etwas entzückend Mittelmäßiges, Gewöhnliches. Ms könne jeder so sein wie er. Er steht jedem nahe, ist jedermanns Freund und Bruder; keiner suhlt sich geringer neben ihm. Seine süßen Frauenantlitze, seine klaren Figurcn- anorbnungeit, seine Hellen und kräftigen Farbenharmonien versteht jeher. Er ist io, wie man sich einen Maler vorstellt. Raffael spricht zu jedermann. Aber eben deshalb spricht er eigentlich zu niemand."
3n der SchrUe der Wüstenkönige und Poiarbüren.
Gespräche mit Dompteuren.
Von Fritz Löwe.
Wie wenige, bie bei rauschender Musik in lichtüberslutetem Zirkus den aufregenden Vorführungen von Raubtiergruppen beiwohnten, haben sich jemals darüber Gedanken gemacht, wie eigentlich derartige staunen- erregende Dressurnummern zustandekommen. Man fragt sich, wie es überhaupt möglich ist, diese wilde Bestien so weit zu bringen, daß |ic als gewandte Artisten durch brennende Reisen fpringen, Rutschbahnen herab saufe», sich schaukeln, auf Fässern laufen, Hürden nehmen und dergleichen mehr. Da ist es denn von Interesse, einmal einen Blick in bie geheimnisvolle Welt hinter die Kulissen des Zirkus zu werfen und den Dompteur in feiner eigentlichen Wirkungsstätte, in der Dressuvwerkstatt, zu beobachten. _ „ , ,
Mit Verwunderung sieht man, daß die Dompteure von Rus ohne Peitsche, ohne Gabel, Spitzeisen und Revolver arbeiten. Mit Staunen sieht man, daß man mit Schlägen unb roher Gewalt Raubtiere niemals zum Gehorsam zwingen kann, sondern nur mit Güte und unendlicher Geduld. Die Hauptsache bei der Dressur bleibt das Erfassen des Tiercharakters und das Talent, die Raubtiere an die Person und bie Stimme des Dompteurs zu gewöhnen. Fester Wille, Energie und Mut finb Vorbedingungen für den schweren Beruf des Dompteurs, denn die Raubtiere lauern unaufhörlich auf jede Blöße ober Schwäche, die [ich ber Dompteur gibt. Ein Tierbändiger darf während der Dressur und Vorführung niemals unpäßlich fein. Was ihm auch körperlich fehlt, welche Sorge [ein Gemüt bedrückt — im Augenblick, wenn er in ber Manege feinen vierbeinigen Schülern gegenübertritt, muß fein Wille eifern werben und über jede Schwäche siegen. Die Raubtiere würden es sofort merken, wenn es dem Dompteur auch nur für Augenblicke an der gewohnten Festigkeit fehlte.
In der Behandlung ber Tierpsyche lernt der Dompteur niemals aus. So kann man die Stimmung bei Löwen viel leichter erkennen als bet Polarhären, deren Charakter immer unberechenbar bleibt. Kommt es doch vor, daß ein eben noch gut gelaunter Eisbär sich urplötzlich auf ben Dompteur stürzt unb ihn in große Gefahr bringt. Da heißt es, kaltes Blut bewahren und dem frechen Burschen zur rechten Zeit einen wosst- gezielten Hieb auf die richtige Stelle versetzen. Ein Raubtier bleibt schließlich immer ein Raubtier mit allen wilden Instinkten desselben. Trotzdem ist es nur mit Liebe, niemals durch Roheit zu erziehen. Alan glaube ja nicht, daß bas in der Gefangenschaft geborene Raubtier weniger gefährlich sei als das aus der Wildnis kommende. Im Gegenteil, dieses bietet bessere Dressurchancen, weil cs vor dem Dompteur mehr Respekt hat als das in Gefangenschaft ausgewachsene Tier, das den Menschen schon zu gut kennt.


