SiehenerKumlieiiblättek
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Irhrgcmg (92Z
Dienstag, -en \5. November
Nummer 9(
Vagabunden, Von Ada C h r i st e n. Was fragst du den Mann Nach Heimat und Haus? Er hat sie nicht. — Du horchst nach Vater Und Mutter ihn aus. Er kennt sie nicht.
Was fragst du den Mann Nach Kind und Weib? Er klagt doch nicht. Daß sie ihn verließ Mit Seele und Leib Um einen Wicht ...
Was fragst du den Mann Nach seinem Gott? Er suchte Licht!
Warum bleibt es dunkel In Elend und Spott? Er weiß es nicht.
Die Flieger-Kapelle.
Von Hermann Hesse.
Ein satter, leise glühender Oktobertag. An den Hügeln leuchteten die Weinberge goldgelb, die Wälder spielten in den kräftigen, bräunlich metallischen Farben ber Laubwelke, in den Bauerngärten blühten Astern von allen Arten und Farben, weiße und violette, einfache und gefüllte. Es war eine Lust, durch die Dörfer zu schlendern. Ich tat es, Arm in Arm mit meinem damaligen Schatz, ein paar unvergeßliche, selige Tage lang.
Ueberal! roch es nach reifen Trauben und jungem Wein. Jedermann war draußen beim Lesen oder Keltern; in den steilen Weinbergen sah man Männer in Hemdärmeln und Weiber und Mädchen in farbigen Röcken und weißen oder roten Kopftüchern arbeiten. Alte Leute saßen vor den Häusern, sonnten sich, rieben die braunen, runzligen Hände ineinander und lobten den schönen Herbst.
Freilich, in vergangenen Zeiten hatte es noch ganz andere Herbste gegeben! Man mußte nur die Siebzigjährigen hören. Sie sprachen ernsthaft und belehrend von fabelhaften Jahrgängen, in denen der Wein fo reichlich und so honigsüß gewesen sei, wie es heutzutage gar nimmer vorkomme. Man muß sie reden lassen, die Alten, und in der Stille die Hälfte davon abziehen. Wenn wir selber einmal siebzig und achtzig sind, werden wir, meine ich, vom heurigen Jahr gerade so reden. Wir werden es im unsäglich köstlichen Gold der unerreichbaren Ferne sehen und werden unsere Dankbarkeit und unser Altersleid und unser ganzes heimliches Jugendheimweh in unsere sehnlichen Erinnerungen mischen.
Nun, es war auch ein wunderbarer Herbst! Wir beiden jungen Leute liefen lachend und staunend mit großen Augen in dem Glanze und der Fülle herum, sahen von Berghöhen jauchzend und schweigend in das reiche, grüne Elsaß und auf den ruhig strömenden Rheni hinab und legten manchen Wiesenweg und manches gute Stück der ebenen Landstraßen Hand in Hand im fröhlichsten Tanzschritte zurück. Ernteböller krachten hinter frisch geleerten Ovstbäumen, Herbstjuchzer und langge- zogene Jodler tönten prächtig durch das fröhlich belebte Land.
Wir bekamen hier eine blaue Traube, dort eine gelbe geschenkt, hier einen Apfel und dort einen Hut voll Walnüsse, dazu führten wir das landesüblich«, herb duftende Schwarzbrot im Rucksack bei uns, so daß wir abends in den Gasthäusern außer dem Wein und der Nachtherberge kaum noch eine Suppe oder eine Rauchwurst begehrten. Und unterwegs, im langsamen, bequemen Dahinwandern, sangen wir alle Lieder, die wir wußten, und von jedem alle Verse durch luftige, und traurige, und erzählten einander alle guten und alle dummen Geschichten, die uns einfallen wollten Mein Mädchen ahmte im Uebrr- mute das drollige Elsäsier Französisch nach, und ich hatte ein altes Büchlein Handwerksburschenlieder im Sack, aus dem ich an Raftvrken gelegentlich ein wenig vorlas:
Su Straßburg in dem EUenfaß, a macht' ich mir einen Heidenspaß.
Ich ging bei einem Sturm
Auf den Münsterturm
Und Netz ein Papierchen hinunterftiegen.
Zu Frankreich in Paris,
Wo ich mir meine Stiefel fohlen ließ,
Allda gibt's viel Freud, Aber auch viel Leid, Weil der Bruder Straubinger gestorben ist.
In der Rühe von Kalmar sahen wir am Wege einen vergnügten alt«, Mann sitzen, mit dem wir ins Gespräch gerieten. Er war im Weinberg« draußen gewesen, wo sein Sohn und seine drei Enkelkinder die Les« besorgten; nun kehrte er zufrieden, mit langen Ruhepausen dazwischen, auf seinen schwachen alten Beinen durch den goldig glühenden Oktoberabend in sein Dorf und Haus zurück. Er war offenbar auf seine alte« Tage beredt und gesprächslustig geworden. Und wir Jungen hörten ihm gerne zu, denn er wußte vielerlei, er kannte die alten volkstümliche« Namen von Fluren, Wegen, Hügeln, Brücken, dazu eine Menge Geschichten, alte und neue, Sagenhaftes und Heutiges.
Als ich ihn um (ein Urteil über die diesjährige Ernte fragte, kniff er ein Auge ein und meinte: „Nicht schlecht, Herr, gar nicht schlecht. Sogar ganz gut, möchte man sagen. Aber so ein Herbst, wie der vom Flieger einer war, ist's doch keiner."
„Was ist das," fragt« ich, „der Flieger?" '
„Kennen Sie die Geschichte nicht, Sie beide? Und die Flieaerkapeli« am Ende auch nicht?"
„Nein, was ist damit?"
„Gut denn. Also da drüben, hinter dem nächsten Wingert dort, steht eine kleine Kapelle, die heißt man „Zum Flieger". Sie kommen vielleicht noch dort vorbei."
„Ja, das wollen wir tun. Und die Geschichte?"
„Es ist halt so eine alte Sage, wissen Sie. Dort drüben sind scho« in ganz alten Zeiten immer Weinberge gewesen. Und da war vor ei« paar hundert Jahren ein Weingartner, dem gehörte der Rebberg dort, wo jetzt die Kapelle steht. Selbiger war ein rechter Mann, fleißig und Sromm, er zog die beste Traube in der ganzen Gegend und ging jede« ’ag in seine Reben und besorgte jeden Stock so treulich wie ein Vater seine Kinder. Es ging ihm auch gut und er lebte rechtschaffen und in gutem Wohlstand. Es hieß auch, die heilige Muttergottes sei ihm be- sonders wohlgemeint und habe immer extra ein Auge auf seine« Weinberg.
So trieb er es sein Lebe« lang und wurde allmählich alt, vielleicht jo alt wie ich, wenn ich mich auch sonst ja nicht mit ihm vergleichen darf.
Und wie er ganz alt, aber noch soweit bei Kräften war und alle» Wintergeschäft noch allein und ohne Hilfe tat, da kam einmal ein Jahr, das war so gut, wie zuvor und auch später nie mehr eins gewesen ist. Im Frühjahr keinen Frost, im Sommer keine Dürre, im Herbst Sonn« genug und wenig Regen. Alles gedieh ganz wunderlich, aber an, meiste« die Reben, und am herrlichsten gediehen sie im Rebberg dieses alte« Mannes.
Er tat auch reichlich das seinige dazu, war früh und spät im G«. schirr und sparte keine Sorge und Mühe, bis jeden Tag alles richtig besorgt und in guter Ordnung war. Dabei sah er mit Erstaunen dem ungewöhnlichen Wachstum zu, wie mit jedem Monat Sonne und Regen und alle Witterung so ganz zur rechten Zeit da war, und wie unter dem gesunden Laub die Beeren langsam groß wurden.
Im Herbst ging dann der alte Mann tagtäglich auf seinem Grundstück von Rebe zu Rebe, die hingen voll von großen, vollkommenen Trauben, und feine einzige Beere fiel vor bet Zeit vom Stiel oder wurde faul. Da betete er oft und dankte der heiliget, Jungfrau, betrachtete seine Weinstöcke andächtig, und manchmal sagte er, bei seinen hohen Jahren wäre ihm das beste, in einem solchen Wunderherbst z« sterben, denn schöner werde er doch kein Jahr mehr sehen.
Das dauerte, bis die Trauben Farbe bekamen und bann allmählich anfingen, reif zu werden. Der Winzer wartete fröhlich und geduldig di« volle Reifs ab, vorher pflückte er nicht ein Beerlem weg. Aber wie e» bann soweit war, und jedermann in die Lese ging, da stieg er auch in seinen Weinberg hinauf, .beschwerlich und langsam, mit der große« Butte auf dem Rücken. Und droben nahm er zuerst fein« Kappe ab und dankte Gott und der Jungfrau.
Dann suchte er sich freudig den vollsten Rebstock und an dem di« schwerste und reiffte Traube aus. Die schnitt er bedächtig ab und hob sie ins Licht. Alsdann brach er eine große, goldige Beere heraus imd kostete sie.
Sie schmeckte so süß und feurig, wie ihm in feinem langen tieben keine geschmeckt hatte, und als ihn diese Süßigkeit durchdrang, hob eine geheimnisvolle Freudenkraft bett Alten in die Lüste. Er schwebte hinan, war im Lustreiche verschwunden nnb wurde nie mehr gesehen. An derselben Stelle hat man jene Kapelle erbaut und fo heißt sie „Zum Flieger".
Wir nahmen dankend Abschied und gingen weiter, beide der wundersamen Herbstgeschichte nachdenkend. Nach einer Stunde, im letzten milden Abendfeuer, erreichten wir die Kapelle, standen umschauenb davor und legten vor dem Weitergehen ein paar Blumen auf die Schwelle hin.


