Ausgabe 
15.10.1927
 
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in der letzten ganzen Zeit, und jetzt, da sie die Tränen des Kindes ichmeckte, schien es ihr vertlärt von Rührung und gemildert von Schmerz. Nun mußte sie wieder weinen, dachte:Hätte ich es nur einmal vor ihm getonnt!" und warf die Hände vor das Gesicht. Dabei stieß sie an den Aut, nahm ihn ab und legte ihn auf den Schoß, faltete die Hände darum Nie um einen Kops, einen kleinen blonden Kops, dessen zartes Licht das Düster um sie wundersam erhellte. Das Kind, ach, das Kind! Ihr Herz tat so weh, ihre Hände krampften 'sich zusammen, krampften sich um den Hut und' fühlten plötzlich etwas Hartes. Das war eine Ecke Meißen Papiers, das war ein kleines Stückchen Papier. Sie hatte es in her Hand, blickte darauf nieder, sah kindliche steife Schriftzüge und las langsam mit zitternden Lippen:

Ich Heise Ada Bergmann und wone Bergstraße 1, bitte bringen sie mich nach Hause."

Ihre Augen öffneten sich weit. Sie erhob sich, und während ihr die Tränen in einer einzigen, süßen Flut aus den Augen brachen, begannen chre Lippen zu lächeln. Und so lachend und weinend, wandte sie sich um Md lief den Weg zurück nach Hause.

Der Fund.

Ein Aegypten-Erlebnis.

Bon Julius Meier-Graefe.

Meier-Graefe, der bekannte Kunstkenner und kritische Be­obachter, veröffentlicht im Ernst Rowohlt-Verlag zu Berlin unter dem TitelPyramide und Tempel" Notizen während einer Reise nach Aegypten, Palästina, Griechenland und Stambul, aus denen wir dis folgende lustige Episode aus Assuan wiedergeben.

Die Gräber aus dem mittleren Reich auf der Höhe des anderen Nil- llfers haben Granden aus der Provinz gehört und sind nichts Besonderes. Der Aufseher, ein netter Mann, der mit seinem blinden Auge an Ibrahim erinnerte, zeigte sie uns ausführliche aber die Aussicht auf das Niltal schmälerte unser Interesse an den Felsenlöchern. Wir bestiegen die Höhe und gaben uns dem Panorama hin, und hier kam es zu Babuschkas Ent­deckung. Während ich die Palette des abendlichen Himmels bewunderte, amüsierte sie sich, im Sande liegend, damit, das warme Gelb durch die Finger lausen zu lassen, was mich allmählich irritierte, weil das spielerische Verhalten nicht der Großartigkeit des Panoramas angemessen schien und meiner Ergriffenheit widersprach. Doch liegt es in ihrer Art, Bewunde­rungen zu dämpfen,. und man kann natürlich auch mit Sand in den Händen den Himmel genießen. Nach einer Weile glaubte ich, ohne hin- msehen, eine Veränderung im Rhythmus der Hände zu bemerken. Die ur­sprünglich spielerische Bewegung wurde zweckhaft und gewann an Energie. Etwas Dunkles entwickelte sich im Sande und zwang mich, das Auge darauf zu lenken. Schweigend zeigte sie mir den Gegenstand, das Frag­ment einer Osirisstatuette aus schwarzem Stein, etwa dreißig Zentimeter hoch, berückend. Noch verhüllte der festgewachsene Sand wesentliche Teile, aber schon ergab sich die einwandfreie Erhaltung der rechten Ge- stchtshälfte und der Königshaube. Die Glieder umschloß das fließende Gewand. Nur unten fehlte ein belangloses Stück. Gierig starrte ich auf das Ding. Meine Hände zitterten, und ich brachte kein Wort hervor.

Mittleres Reich", sagte Babuschka gelassen,denn die Gräber sind auch aus dem Mittleren Reich."

Selbstverständlich! Nur Ruhe!"

Sie forderte mich auf, nicht zu schreien, obwohl kein Mensch in der Nähe war. Das Panorama wurde erstaunlich belanglos.

Nur Ruhe!" wiederholte ich blödsinnig dreimal, während meine Ge­danken schossen. Der Typ kam des öfteren vor, z. B. oben in den Schränken von Kairo, aber diese Fassung übertraf alles in den Schränken. Ueber- haupt konnte von Schränken keine Rede sein. Zunächst aber handelte es sich um ben heimlichen Transport nach Hause. Nur Ruhe! Hatten wir es erst im Koffer, war nichts mehr zu befürchten. Ich trug einen Rock aus Homespun ohne Weste. Homespun eignet sich glänzend für folche Zwecke, zumal das Gewicht durchaus erträglich war. Unter den Rock geschoben, bildete sich eine Beule, die sich mit einigem Geschick verbergen ließ. Man steckte das Stück seitlich zwischen Rippen und Arm und hielt es mit der durch das Taschenfutter durchgreifenden Hand. Raskolnikoff trug ein schweres Beil unter dem Rock. Wir übten. Ich mußte es immer wieder herausnehmen, da jedesmal neue Reize sichtbar wurden. Selbst wenn es nur aus dem Neuen Reich stammen sollte, blieb es ein Juwel. Entweder befestigte man den Torso auf einem bronzenen Stab, der in einem Stein- wllrfel saß, und dann mußte die Höhe des Stabs ungefähr der fehlenden Fußpartie entsprechen, oder man ließ «inen Holzsockel modellieren, in den das Stück lose versenkt wurde. Das hatte den Vorzug, die Statuette in die Hand nehmen zu können. Wir versuchten einen Unterbau aus Sand und Steinchen, um uns über die Wirkung klar zu werden, aber es hielt nicht.

Plötzlich stand der Aufseher hinter uns. Ich versuchte, die Statuette verschwiM>en zu lassen, aber es war zu spät. Der Mensch hatte ein lose nuffitzendes verlegenes Lächeln. Gelassen zeigte ich ihm den Fund.

Osiris!" sagte er.Good!"Good war sein einziges Englisch.

Very good!" nickte ich und bot ihm eine Zigarette. Er nahm die Zigarette und zugleich den Osiris, und dann kam eine Rede auf Arabisch, deren Sinn hinlänglich klar war. Er mußte das Ding in Assuan dem Kadi abliefern.

Na also!" sagte Babuschka, als ob ich etwas!dafllr könnte, während ich uur auf ihr Drängen den Rock immer wieder aufgeknöpft hatte. Sie be­stritt es und kam mit dem Häufchen. Auf das Häufchen war ich aber M im Verlauf der Beratung über den Sockel geraten, mit der sie, nicht ich, angefangen hatte. Uebrigens tat es nichts zur Sache, und es handelte M jetzt um geschlossenes Handeln. Ich bedeutete ihr, ruhig neben mir Platz zu nehmen und die Aussicht zu bewundern. Dem Aufseher nickte ich r3 zu. Bitte schön, wie Sie wollen! Interessiert uns nicht, adieu! Darauf ergaben wir uns bem Panorama. Die Intensität des Gelbs sei in Eien ausgeschlossen und rühre vermutlich von Reflexen der Wüste her.

Doof!" sagte Babuschka.

Wenn du noch einmal nach t>em Kerl siehst, gebe ich es auf und gehe nach Hause." Meine Stimme zischte.

Sie legte sich auf den Rücken und sah in den Himmel. So verharrten wir eine Viertelstunde, und ich sagte zuweilen, weil mir nichts anderes einfiel, ja, ja, und dazu machte ich Handbewegungen nach dem Pano­rama hin. Darauf verabschiedeten wir uns gelassen und freundlich von dem Aufseher und schickten uns an, den Heimweg anzutreten. Ich lieh Babuschka vorangehen. Der Aufseher bekam für das Herumführen das gebührende Trinkgeld, nicht zu viel, nicht zu wenig. Zufällig spielte ich dabei mit einer Fünfpfundnote. Er hatte immer noch die Statuette in der HaNd. Ich skizzierte nochmals meine Gleichgültigkeit. Dann, als komme mir plötzlich ein Einfall, ersetzte ich die Statuette in seiner Hand durch meine Banknote, steckte sehr langsam und umständlich das Ding unter meinen Rock aus Homespun, nickte kurz und ging Babuschka nack>, di« bereits halb unten war. Ich verschwieg ihr das Resultat und gab die Hoffnung anheim, vielleicht morgen auf die Angelegenheit zurückzukommen.

Zu Hause begab sie sich sofort zur Frau Schacht, um sich auszusprechen, Inzwischen reinigte ich das Stück mit Sorgfalt und konstatierte, daß die Verletzungen der linken Gesichtshälfte viel geringfügiger waren, als zu­erst angenommen werden mußte. In der Hoffnung, einen provisorischen Sockel zu finden, begab ich mich zu unseren Händler. Er hatte richtig einen, der dafür gemacht schien. Auf meine Frage, wie er das Stuck finde, lächelte er verfänglich und gestand mir schließlich, er halte es für einen guten, sehr guten, aber ganz modernen Abguß. Nun war es an mir, zu lächeln. So weit ging händlerische Eifersucht. Sie richtete bei uns oenua Verworrenheit an und gab dem Kunsthandel den diffamierenden Beigeschmack. Nun, er brauche in diesem Fall keinen Konkurrenten zu ver­unglimpfen. Dieses Stück, bedeckt mit tausendjährigem Sand, hätten wir an einsamer Stelle mit eigenen Händen ausgegraben.

Meine Mitteilung verfehlte den Eindruck. Es fei .Masse, kein Stein,- behauptete der Händler, und zum Beweis biß er hinein. Es war mir unangenehm, den Gegenstand im Munde des Menschen zu sehen. Tatsäck,- lich zeigte sich der deutliche Abdruck der Zähne in dem Material, und die Bißstelle wurde rosa. Aber diese Demonstration bewies nur, daß den alten Aegyptern bereits der Guß wohlbekannt war, was ich ohnehin schon gehört hatte. , . _ .

Der Händler bat mich in das hintere Gelaß des kleinen Ladens, öffnete einen Schrank und zeigte mir vier oder fünf haargenau Wiche Stücke, jedes bedeckt mit tausendjährigem Sand. Sie kommen aus Bunz- lau; aber er bezog sie von dem Agenten in Kairo, einem Griechen.

Ich bin der Doktor Eisenbart. .

Von Dr. med. Mittelacher.

Zweihundert Jahr« sind nun dahingegangen, seit man au einem trüben Herbsttage still und ohne Gepränge auf dem Aegidienkirchhose von Hannöverfch-Münden einen Mann zur letzten. Ruhe bettete, von dessen Ruf damals das ganze heilige Römische Reich deutscher Natron wider- hallte, dessen Name auch lyeute noch bekannter ist als der so manchen großen Mannes jener Zeit, derweiland hochedle, hocherfahrene, welt­berühmte Herr, Herr Johann Andreas Eisenbart, Komgl. Groß­britannischer unt> Churfürstl. Bmunschweig-Lüneburgi che brwilegierte Landartzt/ wie auch Königl. breußischer Raht und Hofokuliste so be­nennt ihn die Grabschrift.

Sie haben sich nicht bewahrheitet, die prophezeienden Worte, die der Theologe Heumann in Göttingen im Jahre 1742 sprach: -Ach Arube, daß nach hundert Jahren niemand wissen wird, daß em Marttschreier namens Eisenbart in der Welt gewesen ist." 'Aber entspricht das Bild des Heilkünstlers, wie es heute festumrissen dasteht, auch der Wirklichkeit? Zweierlei Begriffe hat die Ueberlieferung untrennbar Mit dem Namen Eisenbart verknüpft: den des brutal und ohne jede Sachkenntnis darauf- losoperierenden Kurpfuschers imd den des in bombastischen 2IusÖruacn von seinen Heilerfolgen prahlenden Marktschreiers. In der Gestalt des eriteren zeichnet ihn bas bekannte, schon kurz nach seinem Tode ent­standene Lied, als letzteren charakterisiert ihn ein im Jahre 1727 entsmn- benes Gedicht Gottscheds. War nun Eisenbart tatsächlich solch em Kurpfuscher'und Marktschreier? Die erste Frage muß entschieden ver­neint werden. Eisenbart, der übrigens den Doktortitel, den ihm das Lied beilegt, niemals mißbräuchlich geführt hat, wollte nie mehr vorstellen, als er war: ein Chirurg oder Wundarzt und ein Okulist, d.h. Augenarzt. Die mit der Ausübung der Heilpraxis sich beschäftigenden Personen zer­fielen im 18. Jahrhundert, abgesehen von den eigentlichen Kurpfuschem, in zwei Kategorien: die studierten Aerzte ober Doctores medicinae, die fast ausschließlich mit inneren Krankheiten sich beschäftigten, und die Wundärzte oder Chirurgen, die keine Universitatsbildung hatten, sondern lediglich eine praktische Lehrzeit, ähnlich wie die der Zunftnntgkeder, durch­gemacht hatten. Diese hatten, abgesehen von den untergeordneteren Han­tierungen, wie Zahnziehm, Schröpfen, Aderlässen u.a. auch die ganze Wundbehandlung zu besorgen und nahmen, soweit ihre Erfahrung aus­reichte und sie das nötige Selbstvertrauen besaßen, gelegentlich auch ein­greifendere Operationen vor. Da die geringe Bevölkerungsdichte und die Indolenz der Bewohner damals eine ständig«, rein chirurgische Praxis kaum einträglich genug gestaltet hatte, zogen nun viel« dieser Wundärzte, und vielfach gerade die, deren Geschicklichkeit undExperienz das ge­wöhnliche Maß überschritt, als sogen. Wanderärzte von Ort zu Ort, dort­hin, wo Messen, Jahrmärkte und dergleichen das Ausammenstrdmen grö­ßerer Menschenmassen erhoffen ließen.

Solch ein Wanderarzt war auch Eisenbart. Da er auf Grund seines durch zahlreiche geschickte Kuren erworbenen hohen Ansehens besaß er doch Privilegien zur Ausübung der Praxis in sämüichen sächsischen Herzogtümern, ferner solche mehrerer Kurfürsten und der Könige von Preußen und Polen, sowie Atteste zahlreicher medizinischer Fakultäten schon früh zu ziemlichem Wohlstand gelangt war, konnte er natürlich sein geschäftliches Unternehmen besonders umfangreich und auffallend, sein Auftreten besonders prunkhaft gestalten und so, denn geschichtliche Reklame hat noch stets ihren Erfolg gehabt, bi« Konkurrenten überflügeln.