Nach einem Erdbeben, das indessen die Stadt selbst verschonte, war । der Lauf des Flusses verschoben und ein Teil des verödeten Landes zu Sumpf, ein anderer dürr geworden. Und von den Bergen her, wo die Reste uralter Steindrucken und Landhäuser zerbröckelten, stieg der Wald, der alte Wald, langsam herab. Er sah die weite Gegend öde liegen und zog langsam ein Stück nach dem andern in seinen grünen Kreis, überflog hier einen Sumpf mit flüsterndem Grün, dort ein Stemgeröll mit jungem zähem Nadelgehölz.
In der Stadt hausten am Ende keine Burger mehr, nur noch Gesindel unholdes, wildes Volk, das in den schiefen, einfinkenden Palästen der Vorzeit Obdach nahm und in den ehemaligen Gärten und Straßen seine mageren Ziegen weidete. Auch diese, letzte Bevölkerung starb allmählich in Krankheiten und Blödsinn aus, die ganze Landschaft war seit der Versumpfung vom Fieber heimgesucht und der Verlassenheit anheimgefallen.
Die Reste des alten Rathauses, das einst der Stolz seiner Zeit gewesen war, standen noch immer sehr hoch und mächtig, in Liedern aller Sprachen besungen und ein Herd unzähliger Sagen der Nachbarvölker, deren Städte auch längst verwahrlost und deren Kultur entartet war. In Kinder-Spukgeschichten und melancholischen Hirtenliedern tauchten entstellt und verzerrt noch die Namen der Stadt und der gewesenen Pracht gespenstisch auf, und Gelehrte ferner Völker, deren Zeit jetzt blühte, kamen zuweilen auf gefährlichen Forschungsreisen in die Trümmerstätte, über deren Geheimnisse die Schulknaben entfernter Länder sich begierig unterhielten. Es sollten Tore von reinem Gold und GrabmAer voll von Edelsteinen dort sein, und die wildesten Nomadenstämme der Gegend sollten aus alten fabelhaften Zeiten her verschollene Reste einer tausendjährigen Zauberkunst bewahren.
Der Wald aber stieg weiter von den Bergen her in die Ebene, Seen und Flüsse entstanden und vergingen, und der Wald rückte vor und ergriff und verhüllte langsam das ganze Land, die Rests der alten Strahen- mauern, der Paläste, Tempel, Museen, und Fuchs und Marder, Wolf und Wir bevölkerten die Einöde.
Ueber einem der gestürzten Paläste, von dem kein Stein mehr am Tage lag, stand eine junge Kiefer, die war vor einem Jahre noch der vorderste Bote und Vorläufer des Heranwachsenden Waldes gewesen. Nun aber schaute auch sie schon wieder weit auf jungen Wuchs hinaus.
„Es geht vorwärts!" rief ein Specht, der am Stamme hämmerte und sah den wachsenden Wald und den herrlichen, grünenden Fortschritt auf Erden zufrieden an.
Das Kind und die Mama.
Don Dinah Nelken.
„Mama verreist!" sagte Elli in der Küche zur Anna Marie Elisabeth Kolhaff. Anna Marie Elisabeth Kolhoff war itas Dienstmädchen, und Elli, das Kind, nannte sie mit ihrem ganzen schönen, klingenden, gewichtigen Namen. Dabei war Anna Elisabeth Kolhoff gar nicht schön! Nein, Elli betrachtete sie wieder, während sie klein, schwach, die großen blauen Augen zu diesem aufmerksamen Blick des Kindes aufgerissen, in der Küchentüre stand.
Den einen Schuh hielt sie in der Hand, er war zu groß, weil er Mama gehörte und Elli ihn sich nur geborgt hatte, um Dame zu spielen. „Dame spielen ist mein Schönstes," pflegte sie zu sagen, und das war die Wahrheit. Denn, war es nicht atemberaubend süß, in einem von Mamas Hüten und einem Tüllfchleier vor dem großen Spiegel im Eßzimmer auf und ab zu wandern, wie Damen gehen, den Kopf hintenüber, wiegend auf hohen Absätzen, blickend mit feurigen, schnellen, blanken Blicken unter hochgebauschtem Haar, rauschend mit Röcken, die bis ubers Knie gehen, und dabei zu lächeln, wie Damen lächeln, wie Mama lächelt. Obwohl man natürlich nicht annähernd so schön, so strahlend, so zärtlich lächeln konnte wie Mama.
Ach Mama! Mama war eben das Beste und Feinste, Mama hatte sanfte braune Augen und blitzende, immer lächelnde Zähne, und wenn man an Mama hinaufblickte, jo schien Mama größer als alle Menschen, obwohl sie eine kleine, zierliche Frau mit traurigen, einsamen Augen war. Aber davon konnte Elli nichts wissen, auch nichts von den Gründen, aus denen Mama einsam war, und Papa oft so spät nach Haufe kam, nichts von ihren Tränen und Sehnsüchten, ja nicht einmal warum Mama verreiste.
„Mußt du denn?" fragte Elli und betrachtete ernsthaft Mamas kleinen Koffer.
„Ja," sagte Mama. Dabei hörte sie auf, Strümpfe und Schuhe,,eine von Ellis Schürzen und viele kleine Bilder, auf denen das Kind Elli ein unschuldiges und zartes Dasein lebte, in den Koffer zu werfen, faltete die Hände und sagte mit fremder, schmerzvoller Stimme:
„Ja, Liebling, ich muß."
Elli fragte weiter: „Fährst du mit der Eisenbahn?"
„Ja, Elli."
„Weit?"
Darauf kam keine Antwort, aber Elli hörte die Mama laut und deutlich atmen mtd richtete in einem Gefühl von Scham ihre Blicke auf ihre Wadenstrümpfe. Dann wandte sie sich ab, faßte die Klinke und sprach leise zu der weihen Tür:
„Kommst du bald wieder?"
Und nun geschah das Schreckliche. Mama war plötzlich bei Elli, kniete vor ihr und umfaßte sie mit einem jähen, wilden Griff, der ihren Kopf gegen Ellis Brust warf und ihre Tränen, einen, Strom verzweifelter Tränen, in Ellis weißes Kleid strömen ließ. Sie weinte taut, drehte dann das Kind fort und schob es aus der Tür, die schnell hinter ihr zuklappte.
Da stand Elli nun im dunklen Flur und zitterte, wie Mama eben gezittert hatte. Angerührt vom Schmerz, von einer unfaßbaren Ahnung, bekam sie Tränen in die Augen und ging leise, auf Zehenspitzen in ihr Zimmer.
Das ivar mit einemmal verwandelt, seltsam leer und erstarrt in Schweigen. Don dem Wandschrank herab blickten die Puppen _<ruf das Kind: doch sie schienen fern, entfremdet und unbegreiflich fortgerückt. Auf
den weißen Dielen lagen Sonnenstreifen: sie wärmten nicht, auch das Fenster blinkte kalt, die weißen Borgänge hingen leblos herab, und nur dort ach dort, über dem Gitterbett lächelten Mamas sanfte, freundliche Augen. Elli fror. Ihre Lippen kniffen sich zusammen, sie hob die Achseln und schüttelte den Kopf. Aber erst als sie an ihrem Pult sah und gespannten Blickes, nachdenklich und noch immer fassungslos auf die weihe Platte blickte, erfaßte sie der Schmerz und eine wilde, heiße Angst. „Mama," flüsterte sie, und es war ein Schrei: „Mama!" Hier horte sie niemand; auch nicht Mama, die weinende, die fremde, die heftige Mama, die heute plötzlich fortreisen muhte. Mit der Eisenbahn, die so schnell fuhr, schneller als Elli und Mama es vertragen konnten. Elli wußte genau, daß Mama in der Eisenbahn blaß wurde und Uebelketten bekam, daß sie schwach lächelte und zu Papa sagte: „Saft nur, es geht vorüber!" Und nun wollte Mama allein reisen ohne Elli und Papa, ohne einen Menschen, der ihr helfen konnte, wenn sie krank wurde oder erblaßte und die Augen schloß? Ach, Elli wußte plötzlich um alle Gefahren, die Mama drohten; Elli entsann sich gräßlicher Dinge; Züge, die entgleistem und böser Menschen, die Mamas geliebtes Leben bedrohten, fremder Städte, in denen man sich verirren, dunkler Wälder, in denen man sich verlaufen konnte. ' , . .....
Und während Elli ihr kleines Herz mit dem Schlag einer mächtigen Uhr in ihrem Hals hämmern hörte, erblickte sie auf der Platte Mamas hinabgesunkenen Kopf, um den sich die kalte Leere der Fremde wie die Blässe des Todes breitete. „Allein", dachte Elli, „allein irgendwo' — und dies irgendwo war leerer Raum, war heftige, stürmische, fremde Straße, durchblitzt von bösem Licht, belebt von Schritten und Räderrollen- Wirrnis voll fremder Gestalten, die sich mitleidlos um Mamas leblose Gestalt scharten. Wer, wer würde sie nach Hause bringen, wer, wer würde wissen, wo Mama hingehörte, wewnn sie erkrankte, irgendwo — irgendwo? Hier begann Elli zu weinen. Kleine Tränen liefen über ihre Wanaen, und sie fing sie mit der Zunge auf und verschluckte sie schnell und voll Scham. Auch ihre Nase begann zu weinen, Elli mußte sie mit der Hand abwischen, und zum Schluß nahm sie den Rock und schnaubte sich lange und still in die harten, weihen Spitzen. Davon wurde ihr besser, aber in ihrer Brust stieß noch immer etwas, stieß gegen ihr Herz und ließ sie laut schluchzen.
Doch noch in diesem Schluchzen richtete sie sich auf; ihr Gesicht erhellte sich von einem Lächeln, das in ihr aufging wie Sonne und Glut und sie jäh verwandelte. Und schon röteten sich ihre Wangen vor Eifer, sie erbebte jetzt vor Stolz, vor Glück, und hob die Pultplatte auf, daß es nur so knallte. Sie hatte es gefunden, sie hatte die Rettung gefunden, das Mittel, das Mama nach Haufe brachte aus jeder Gefahr. Einen Zettel wollte sie schreiben mit Mamas Namen und Adresse, wollte ihn in Mamas Hut stecken, daß man ihn fände, wenn Mama krank würde und nicht mehr sagen könnte, daß sie nach Hause wolle zu Papa und Elli. Und als sie jetzt Papier nahm und zu schreiben begann, mühsam und mit der ganzen Kunst ihrer sieben Jahre, steife, schöne Worte schrieb, Mamas Namen zuerst und darunter „Bergstraße 1", als sie so für Mama sorgte, füllte sich ihr Herz mit einem Stolz, in dem der Schmerz und die Angst vergingen.
Dann kam das Schwerste. Leise müßte sie auf den Flur schleichen, muhte aus der Garderobe Mamas Hut holen, iten grauen Hut mit dem breiten Band, und den Zettel geschickt dahinter stecken. Ein Eckchen sah hervor, aber das sollte so sein, damit man ihn fände. Noch eine Weile behielt sie ihn in der Hand, betrachtete ihn zärtlich, ja, liebte ihn wie die Mama selbst, wie ihre Angst und die stürmifche, tiefe Glut ihrer Zärtlichkeit. Sogar die Lippen muhte sie darauf legen, auf die kleine weiße Ecke am Hutrand und nachher — da hing er wieder am Haken — lange und mit verhaltenem Atem unter ihm -stehen bleiben. Indem hörte sie Schritte. Ihr Gesicht wurde heiß, als stände sie in der Sonne; sie drückte sich an die Wand, die Augen aufgerissen und lauschend. Es war so dunkel! Da öffnuete sich die Tür. Die Mama kam sehr schnell, im Mantel, den kleinen Koffer in der Hand, den Flur hinab. Ihr Gesicht war fremd und rot wie von allzuvielen Tränen, sie schwankte ein wenig und sah gerade vor sich hin, mit aufgerissenen Augen, vor denen Elli erschrak... Und jetzt setzte sie den Hut auf, rasch, ohne hinzusehen, zuckte jäh zusammen und lieh sich, vom Blick des Kindes wie von einem Schlag getroffen, wie vorhin vor Elli auf die Knie fallen. ’
„Elli", flüsterte sie leiser, mit einem rauhen.Schrei: „Elli!'
„Mama", sagte Elli klagend. Ihre Lippen öffneten sich; sie muhte schreien, ja, sie mußte schreien in einer fürchterlichen, herzbeklemmenden Angst. Doch indem hatte Mama sie ergriffen, hatte ihren Stopf, im Arm und bedeckte ihr Gesicht, ihre tränenüberströmten Wangen, die aufgerissenen-, entsetzten Augen und die zitternden Lippen mit Küssen, in die sich kurze, unterdrückte Schreie mischten. Die kleinen Arme umfaßten sie, hielten sie fest, wollten nicht loslassen, bis sie sie von ihren Schultern riß und aufsprang und lausend, die Hand vor den Augen, in denen des Müdes zerstörtes, weinendes Gesicht unvergänglich gegraben war, die Tür aufriß und 'die Treppe hinunterstürzte..
„Mama!" schrie es von oben; „Mama ... Mama!" Schrie gellend, weinend, mit dem Klang hilfloser, tierischer Angst, schrie noch, als sie weit entfernt war.
Das würde sie nicht vergessen, sie würde es hören, wo sie auch war, wo sie hinging ... wo ... sie ... hinging.
Einmal wollte sie umkehren, wollte zurück, noch einmal, nur «mal zurück zu dem Kind. Wer sie bezwang sich und ging weiter, fuhr mit der Bahn, sah den Bahnhof durch einen Schleier von Tränen und ging schleppenden Schrittes auf den Bahnsteig. Im Wartesaal setzte sie sich in eine Ecke, saß dort wie tot, schon jetzt von Reue erdrückt und ohne Kraft. War nicht alles besser als die Flucht, war nicht der Tod besser als die Trennung? Sehnsucht nach Friede ergriff sie, unbeschreibliche Gier, auszulöschen, auszuruhen van all der Qual, von all dem ©freit. Zurück, konnte sie zurück in diese Ehe, konnte sie noch einmal anfangen, wo alles zerstört, alles verloren war?
„Nein, nein! Sie schüttelte den Kopf, sprach es vor sich hin: nie wieder zurück zu ihm! Sein Gesicht sah sie, böse und hart, nein, traurig wie


