Ausgabe 
15.3.1927
 
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Geschmack, will er int Kunstwerk nur bett lebendigen Ursprung, Nur das aus der Natur gewordene Werk sehen, nicht den modisch ge- schmacklichen Stil einer Zeit. Trotz solcher temperamentvollen empfind­samen Launen ist er von äußerster Liebenswürdigkeit, weiß aber jederzeit Distanz zu Mensch und Ding zu nehmen, eine Distanz, die für ihn durch sein Schaffen aus nächster Umgebung, aus dem bürger­lich-alltäglichen Bereich heraus notwendig und seiner elastischen Herrennatur durchaus angemessen ist. »Wie wollen Sie, daß ich sitze," fragte er zuvorkommend,am liebsten, wenn ich Sie bei der Arbeit zeichnen dürfteI"Nee! det geht nich, bei der Arbeit muh ich allein sein." Aber er setzt sich wie zur Arbeit vor seine Staffelei, greift eine karrierte Sportmütze, die warm halte und die seinen entschlossenen Zügen gleich was Sportmäßiges gibt. Die Pose vergißt er aber sofort, seine Gesichtszüge vom wechselnden Impuls durchzuckt, sind ständig in gespannter Bewegung und nur in ben kurzen Pausen des Nach­denkens huscht oft was Maskenhaftes 'darüber. Angefangene Bilder stehen herum, eine Jnterieurskizze, auf der er sich selbst dargestellt hat, wie er die Seinen zeichnet, ganz auswendig gemalt.Ein Bild kann man entweder aus dem Kopf malen, oder vor der Natur, man muß sich aber hüten, sich dabei zwischen zwei Stühle zu setzen! Auch wenn man als sogenannter Naturalist , von der Natur, von der Erscheinung 'ausgehe, könne man die Natur nicht nachmachen, ein naturalistisches Werk, so weit es Kunst ist, ist immer ein idealistisches, denn die Arbeit des Umsetzens, während man male, sei immer ein seelischer Vorgang, genau so gut, wie wenn der Künstler alsIdealist" von der Idee, von der Erfindung ausgehe.Es kommt nur auf die .malerische Phantasie* an." Damit weist er die Angriffe seiner Feinde, die ihm vorwerfen, daß er die Wirklichkeit nicht überwinde, zurück. Aber Sie hätten keine Liebe zu den Dingen, die Sie malen, sagen sie auch," versetzte ich.Wissen Sie, der Vater, der seine Kinder liebt, die züchtigt er," antwortete er prompt. Gewiß, er liebt nicht die Oberfläche, ihren ruhigen, schönen Neiz, malt nicht dinghaft stofflich, wie die Modernen es wollen; und wenn der Künstler sowohl männliche wie weibliche Eigenschaften haben soll, so ist Lieber­mann viel mehr männlich als weiblich. Charakter und Zucht ist ihm alles, das Talent gilt ihm wenig, es ist für ihn weiblich aber trotzdem scheint sein Raum nicht verstandesmäßig konstruiert, sondern empfunden und metaphysisch, und der Weltgewandte, der oft liberal bohömehafte Idee äußert, schafft im Grunde vom bürgerlichen sicheren Port aus tmd steht durch seine, durch hohe Bildung bedingte Kultur jenen Künstlern fern, die im Feuer einer Besessenheit oft in einer scheinbaren Disziplinlosigkeit den Elementen der Natur und ihrent eigenen Ich ganz hingegeben sind. Aber auch in seiner so klargezeichneten Person scheint ein Doppelwesen, ein Etwas zu sein, das ihn immer wieder monomanisch zwingt, das in der Erscheinung zu fassen, was man die Entelechie des Dinges nennt, womit wir dessen Lebenskern, sein Wesen, Wachstum bezeichnen, was Metaphysisches, was man nicht erklären, verstehen, auch nicht beliebig nachmachen kann, was sein Gesetz in sich trägt, etwas, das er uns mit der kühleren Besessenheit eines Philosophen, der nie in Sackgassen gerät und der zwischen der naiven und sentimeittalen Welt klug equilibriert, in seinen Bildern zeigt.

Wie ein Künstlerpatriarch, Generationen in sich vereinend, steht er über dem Kunststreit, mit einem Künstlerlächeln über die Welt, das nichts traumhaft Verlorenes, Selbstgefälliges, sondern trotz ge­ruhsam bürgerlicher Befriedigung in sich, etwas fast Grausames, männlich Angriffsbereites hat.

ForLfchrrLtc. der Versrbrmgskehre.

Don Dr.Hans Friedenthal, Professor an der Universität Berlin.

Eine ganze Reihe rasch aufstrebender und kräftig wachsender Wissenschaftszweige ebnet der Zentralwissenschaft der Menschheits­kunde ihren Weg. Die Fortschritte in der Vererbungslehre könnten zu einer wichtigen Verbesserung der Konstitution der ganzen Mensch­heit beitragen, wenn nicht der Weg vom Gedankeü zur Ausführung gerade bei den intellektuell begabtesten Völkern zum allergrößten Teil von rein materiellen Interessen beschlagnahmt wäre.

Jedes Lebewesen ist ein Produkt von Erbanlage und Umwelts- einflüssen. Keiner dieser beiden unentbehrlichen Faktoren ist als der wichtigere zu bezeichnen und keiner darf bei einer Betrachtung ganz vernachlässigt werden. Im Prinzip können wir jede gewünschte Eigenschaft erzielen durch völlige Beherrschung von nur einem der beiden Faktoren, wie wir ja auch jede beliebige energetische Leistung in der Physik erreichen können, wenn uns nur einer der beiden nötigen Faktoren: Masse oder Geschwindigkeit beliebig zur Ver­fügung steht. Eine Verbesserung der Menschheitskonstitution allein durch Verbesserung der Erbanlage wäre Zeitvergeudung. Zweckmäßige Auslese der Erbanlagen neben vernunftgemäßer Ordnung der ihn» Weltseinflüsse könnten in kurzer Zeit eine glücklichere Menschheit erzeugen.

In den folgeüden Zeilen sollen die Haupterfolge aufgezählt werden, welche die Wissenschaft.durch alleinige Beachtung des einen der beiden Faktoren der Konstitution errungen hat, nämlich der Erb­anlage. Ergebnisse, die in Kürze Korrekturen dadurch werden er­fahren müssen, daß man die Wichtigkeit der Umwelteinflüsse für die Deschaffenheit des Erbgutes erkennt. Diese Wichtigkeit ist bisher nicht genügend gewürdigt worden, weil man die Erbanlage für un­veränderlich hielt, wie die frühere Chemie die Atome als unver­änderliche Bausteine der Materie ansah. Der Däne Johannsen wies zuerst auf die Wichtigkeit der Erbanlagen (das heißt bei gleich­bleibenden Unweltseinslüsfen) gegenüber der äußeren Erscheinung hin. Der Züchter von Pflanzen und Tieren wählte seit Jahrtausenden, um die Haustiere und Pflanzen in einer gewollten Richtung zu verbessern, zur Nachzucht diejenigen Exemplare, welche die gewünschte

Eigenschaft hi höchstem Grade besaßen. Nicht immer erzielt der Züchter auf diese Weise das gewünschte Resultat. Es zeigte sich, daß einige Exemplare sich gut vererben, trotz mäßiger eigner Leistung, und andere wiederum sich schlecht vererben, trotz hervorragender indivi­dueller Befähigung. Wir können also am äußeren Aussehen die Erbanlage nicht mit Sicherheit erkennen, noch sie aus der indivi- buchen Leistungsfähigkeit mit Sicherheit erschließen. Johannsen lehrte aus einem Gemisch von Verschiedenem das Gewünschte durch das Vererbungsexperiment herauszusuchen, hielt dagegen eine Beeinflus­sung der Erbanlage selber für unmöglich. Die Sier- und Pslanzen- züchter, die nur mit Material weiterzüchten, das sich im Vererbungs- experiment als überdurchschnittlich erwiesen hat, wie es Johannsen lehrte, werden rasch einen Vorsprung gewinnen vor denen, die nach der alten Weise der Funktionsprüfung verfahren, wie es bei der Rennpferdezucht noch vielfach üblich ist.

Die mikroskopische Forschung zeigte in den Kernen der die Fort­pflanzung vermittelnden Zellen, Eizelle und Samenzelle, kleine wurst­artige Gebilde, aus Eiweiß und Nuclein bestehend, welche sich als die Träger der Erbanlage erwiesen und mit großer Genauigkeit ihrs Form in den verschiedenen Generationen bewahren, als sichtbaren Ausdruck der Schwerveränderlichkeit von Erbanlagen bei den heutigen Dersuchsbedingungen. Da die Zahl dieser Kerneinheiten ober Chromo- some sich trotz des Zusammentrittes von Samenkorn und Eizellenkern nicht verdoppelt, liegt daran, daß bei der Reifung der Fortpflan­zungszellen die Hälfte der Kernschleifen ausgestoßen wird. Durch diese Hälftelung entstehen bei gerader Zahl der Kernschleifen gleichartige, bei ungerader Zahl ungleichartige Fortpflanzungszellen. Bei den Säugetieren (also auch beim Menschen) besitzt das männliche Geschlecht, bei Schmetterlingen und Vögeln das weibliche eine ungerade Zahl von Chromosomen. Der Mann erzeugt bei der Reiseteilung zweierlei Arten von Samenzellen, welche mit den stets geradzahlig sich erweisen­den Eizellen ein weibliches Individuum erzeugen, wenn eine Samenzelle mit gerader Kernschleifenzahl eindrang, ein männliches Individuum, wenn eine Samenzelle mit verminderter Kernschleifen- zahl eindrang. Vom Standpunkt der Kernschleifenlehre könnten wir sagen, daß bei den Säugetieren und dem Menschen nur die weib­lichen Individuen als Vollwesen zu betrachten wären, während bie männlicheit nicht nur von der Geburt, sondern sogar von der Samen­zelle her mit einem Manko belastet sind, das nur durch Begünstigung der Umwelteinflüsse gegenüber dem vollwertigen weiblichen Geschlecht ausgeglichen werden könnte. In der Tat beobachten wir, daß beim Menschen das männliche Geschlecht größere Ansprüche an Ernährung und Pflege stellt als das weibliche, im Einklang mit dem festgestellten Mindervorrat feines natürlichen Erbgutes in den Zellkernen.

Während bei Kreuzung mit entfernten Arten die Erbfaktoren sich nicht zu entmischen pflegen, beobachlete man bei Kreuzung nah ver­wandter Individuen, daß die Erbanlagenhäufung als unabhängig voneinander betrachtet werden können und stets zusammen, mit einen bestimmten Kernschleife übertragen werden. Wird also bei der Hälf­telung des Erbgutes, bei der Reifeteilung der Fortpflanzungszellen das entsprechende Chromosom entfernt, so fällt bei dem entstehenden Lebewesen die entsprechende Erbanlage aus, wenn sie stets nur in einem Geschlecht vorhanden ist. Ist dies nicht der Fall, so kombinieren sich bei Kreuzung die Eigenschaftsträger in jeder nur denkbaren Weise nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit. Paart man ein schwarzes kurzhaariges Meerschweinchen mit einem weißen langhaarigen, so erhält man in der Enkelgeneration schwarz-kurzhaarige, schwarz­langhaarige, weiß-kurzhaarige unb weiß-langhaarige in genau gleichen Mengen. Die Eigenschaftenmenbeln wie man sich ausdrückt, wenn- die Erbanlagen getrennt erscheinen, sie menbeln nicht, wenn die Eigenschaften der Bastarde gemischt bleiben ober sich neue Eigen­schaften durch die Kreuzung gebildet haben, die bei beiden Eltern nicht vorhanden waren. Die Locken der Pudelrasse sind ein Beispiel für nicht mendelnde Vererbung! es steht zu vermuten, daß auch das Kraushaar der Neger in gleicher Weise entstanden ist. Die Wissen­schaft konnte zeigen, daß den Mendelscheü Regeln eine überaus große Bedeutung im ganzen Lebewesenreiche zukommt, da die Unabhängig­keit der Erbanlagen, oder besser ihrer Träger, auf ihrer gesetzmäßigen Verteilung in der Kernschleifenmasse beruht. Morgan stellte sogar Chromosomenkarten her, welche die Eigenschaften der Versuch swesen nach der Wahrscheinlichkeit im Sinne der Mendelschen Regeln vor­auszuberechnen lehrten.

Daß es gelungen ist, trotz des oben klargelegten einfachen Mecha­nismus für die normale Erzeugung der beiden Geschlechter durch Beherrschung der Umweltseinflüsse einzugreifen und nicht nur die Geschlechter ineinander umzuwandeln, sondern auch eine Unzahl von Zwischenstufen entstehen zu lassen, ist durch die überraschenden Erfolge von Steinach unb seinen Wiener Mitarbeitern weiten Kreisen bekannt »geworben. Die Steinachschen Experimente waren ein Vorstoß für Begründung einer physiologischen Theorie der Ver­erbung, welche die Umweltseinflüsse als gleichberechtigten Faktor neben die bisher allzustark bevorzugten Erbanlagen stellt.

Gestützt auf hervorragende neue Forschungen, arbeitet die Mensch­heit jetzt erfolgreich an der Verbesserung der Nutztiere und Nutz­pflanzen, nur bis zur Anwendung auf den Menschen ist die Praxis heute noch nicht fortgeschritten

Die wissenschaftlichen Fortschritte in der Vererbungslehre wurden erreicht durch die Setzung unveränderlich gedachter Erbanlagen bd Nichtberücksichtigung der Umweltseinflüsse. Ueberall, wo die Umwelt sich genügend gleichmäßig erweist, stimmen die beobachteten Resultate mit den Vorausberechnungen nach den Mendelschen Regeln sehr be­friedigend überein. Erst die Beherrschung der Umweltseinflüsse wirb der Menschheit die Freiheit von dem Zwange unbeugsamer, be­drückender Erbgesetze verschaffen, welche in der heutigen Fassung die Freiheit des menschlichen Handelns aufgehoben zu haben scheinen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck unb Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.