Ausgabe 
15.3.1927
 
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taumelnd, em Spiel, das ihn begeisterte. Es sah wirklich aus, als ob es wandernde Blumen wären, lustige Blumen, die auf ihrem Stengel nicht stillhalten wollten und sich ausgemacht hatten, um ein wenig zu tanzen. Oder Blumen, die mit der Sonne herniederkamen, noch keinen Platz hatten und wählerisch umhersuchten, sich herabsenkten, verschwanden, als seien sie schon irgendwo untergerommen, aber gleich wieder emporstiegen, bald nur ein wenig, bald höher, um weiter zu suchen, immer weiter, weil die besten Plätze eben schon besetzt waren.

Bambi blickte ihnen allen nach. Er hätte so gerne einen von ihnen in der Bähe gesehen, hätte so gerne einen einzelnen genauer ins Auge gefaßt, aber das gelang ihm nicht. Sie glitten unaufhörlich ineinander. Er wurde ganz wirr davon.

Es ergötzte ihn, wie er dann wieder vor sich zu Boden sah, all das tausendfache, behende Leben, das da unter feinen Schritten auf stob. Das sprang und sprühte nach allen Seiten, kam als ein Tumult und Gewimmel zum Dorschein und versank in der nächsten Sekunde wieder in den grünen Grund, aus dem es aufgestiegen war.

Was ist das, Mutter?" fragte er.

Das sind die Kleinen," antwortete die Mutter.

Sieh nur," rief Bambi,hier springt ein Stückchen Gras. Dein ...

Wie hoch es springt!"

Das ist kein Gras." erklärte die Mutter,das ist ein grites Heupferdchen."

Warum springt es so?" fragte Bambi.

Weil wir da gehen," antwortete die Mutter, ... es fürchtet sich." O!" Bambi wandte sich zu dem Heupferdchen, das. mitten auf dem weißen Teller einer Marguerite saß.O," sagte Bambi höslich, »Sie brauchen sich nicht zu fürchten, wir tun Ihnen gewiß nichts."

Ich fürchte mich nicht," erwiderte das Heupferdchen mit einer rasselnden Stimme.Ich bin nur im ersten Moment erschrocken, denn ich sprach gerade mit meiner Frau."

Entschuldigen Sie, bitte," sagte Bambi bescheiden.Wir haben Sie gestört."

Das macht nichts," rasselte das Heupferdchen.Weil Sie es sind, macht es nichts. Aber man weiß ja nie. wer es ist, der kommt, itnö man muß sich in acht nehmen."

Ich bin nämlich heute zum erstenmal in meinem Leben auf der Wiese," erzählte Bambi.Die Mutter hat mir..."

Das Heupferdchen stand mit bockig vorgeducktem Kopf da, machte ein ernstes Gesicht und murrte:Das interessiert mich nicht. Ich habe keine Zeit, mit Ihnen zu schwatzen, ich muß jetzt meine Frau suchen. Hopp!" And weg war es.

Hopp," sagte Bambi verdutzt und bestaunte den hohen Sprung, mit dem es verschwand.

Bambi lief zur Mutter:Du... ich habe mit ihm gesprochen!" Mit wem?" fragte die Mutter.

Dun, mit dem Heupferdchen," erzählte Bambi,ich habe mit ihm gesprochen. Es war so freundlich zu mir. And es gefällt mir so gut. Es ist so wunderbar grün, und am Ende ist es so durchsichtig, wie kein Blatt es fein kann, auch das feinste nicht."

Das sind die Flügel."

So?" Bambi sprach weiter.And es hat solch ein ernstes Ge­sicht, voll Nachdenken. Aber trotzdem ist es freundlich zu mir ge­wesen. And tote es springen kann! Das muß fabelhaft schwer fein. Hopp! sagt es und springt so hoch, daß du es nicht mehr sehen kannst."

Sie gingen weiter. Die Unterredung mit dem Heupferdchen hatte Bambi erregt und ein wenig ermüdet, denn es war doch das erstemal, daß es mit jemandem Fremden sprach. Er fühlte Hunger und drängte sich an feine Mutter, um sich zu erfrischen.

Als es dann wieder ruhig dastand und eine kurze Weile vor sich hinträumte, in der kleinen, süßen Trunkenheit, die ihn jedesmal umfing, nachdem er sich von seiner Mutter gesättigt hatte, ge­wahrte er in dem Gewirr der Grashalme eine helle Blume, die sich bewegte. Bambi sah schärfer hin. Olein, das war keine Blume, das war ja ein Schmetterling. Bambi schlich näher.

Der Schmetterling hing träge an einem Halme und bewegte leise seine Flügel.

Bitte, bleiben Sie sitzen!" rief ihn Bambi an.

Warum soll ich denn sitzen bleiben? Ich bin doch ein Schmetter­ling," antwortete der Falter erstaunt.

Ach, bleiben Sie nur ein ganz kleines bißchen sitzen," bat Bambi, ich habe mir schon lange gewünscht, Sie in der Nähe zu sehen. Seien Eie doch so gut."

Meinetwegen," sagte der Weißling,aber nicht lange."

Bambi stand vor ihm.Wie schön Sie sind," rief er entzückt, wie wunderschön! Wie eine Blume!"

Was?" Der Schmetterling klappte mit den Flügeln.Wie eine Blume? Ohm, in meinen Kreisen herrscht allgemein die Ansicht, daß wir schöner sind als die Blumen."

Bambi war verwirrt.Gewiß," stotterte er,viel schöner... ver­zeihen Sie... ich wollte nur sagen...

Es ist mir ziemlich gleichgültig, was Sie sagen wollten," ent­gegnete der Schmetterling. Er bog affektiert seinen schmalen Leib und spielte eitel mit den zarten Fühlern.

Bambi betrachtete ihn hingerissen.Wie zierlich Sie sind," sagte er,wie fein und zierlich! And was für eine Pracht, diese weißen Schwingen!"

Der Schmetterling legte die Flügel breit auseinander, dann stellte er sich hoch, daß sie ganz beisammen waren und einem steilen Segel glichen.

O," ries Bambi,ich verstehe jetzt, daß Sie schöner sind als die Blumen. Außerdem können Sie ja fliegen, und das können die Blumen nicht. Weil sie festgewachsen sind; daran liegt es."

Der Schmetterling erhob sich.Genug," sagte er.Ich kann fliegen! So leicht erhob er sich, daß es gar nicht zu merken und nicht zu begreifen war. Seine weißen Flügel bewegten sich sanft,

voll Anmut, da schwebte er schon in der sonnigen Luft.Nur Ihne« zuliebe bin ich so lange sitzen geblieben," sagte er und gaukelte vor Bambi auf und nieder,aber jetzt fliege ich fort

Das war die Wiese.

Ueberm Berge der Mond.

Don Albrecht Schaeffer.

Aeberm Berge bet Mond, zwischen Zweigen die Sterne, für Kummer belohnt, nun lächeln wir gerne.

Wir sprechen nicht mehr, wir schauen und schweigen, es rauscht um uns her, wir sinken und steigen..

Sieh! weltwärts begriffen von droben her nahn die Sterne gleich Schiffen von Golde heran.

Sie streichen und sausen...

Zu Boden das Haupt!

Daß nicht ihr Erbrausen die Sinne dir raubt.

Nun über uns droben, nun flutet es fort... die Augen erhoben!

Da siehst du sie dort:

Verankert im Dunkel, beruhigt die Flucht, so füllt ihr Gefunkel die himmlische Bucht.

Besuch bei Max Liebermann.

Don Rudolf Großmann.

Wer zu Liebermann kommt, muß immer wieder mit seinen be­kannten Lieblingsthemen rechnen, mit jenen geistreichen Bemerkungen über Kunst und Kunstschaffen, mit denen er Laien im Schach hält und die er Kollegen, wie einer, der's nun endlich glücklich gefunden hat, tote ein naiv Ringender, gar nicht wie eine saturierte Größe mitguteilen liebt. Sie kommen ihm so während der Arbeit, es sind inspirierte Einsichten über Kunstschaffen, und er scheint sie jüngeren Kollegen gerne aus seinem Schatz reicher Erfahrungen heraus zu schenken. 3m Grunde aber sind sie mehr Selbstbespiegelungen nach glücklichem Find weisen immer wieder auf seine eigene Person, auf seine eigene Arbeit und Malweise zurück, diese angrisss- und abwehr- bereit verteidigend. Manches davon hat er schon schriftlich fixiert, war daran, ein Bademecum für Künstler herauszugeben. Dann hält ihn wieder der Gedanke zurück, daß er doch nur Persönliches sagen könne. 3mrner findet man ihn bereit, im Dienste der Wahrheit seine Aeberzeugung zu äußern. Rur einmal stoppte er an einem Sezessions­abend. zur Zeit der Hochflut und des unbekümmerten Auftriebes des Expressionismus, da die Meinungen wie lichttrunkene Nachtfalter gegeneinander schwirrten, als der Kritiker Kerr ihn rammen wollte: ,Man kann seine Meinung nicht immer auf dem Präsentierteller haben, Herr Doktor." Trotz mancher Gegensätze zwischen Privat­mann und Künstler -- eine selten einheitlich organisch gewachsene Künstlernatur. Durch Zucht und unaufhörliche Arbeit an sich selbst, durch Rasse ein fast Übercharakterisierter Kops, jeder einzelne Zug scharf ins Gesicht gemeißelt, das Ganze durch eine immer gespannte Beweglichkeit wieder harmonisch ausgeglichen.

Als er eintrat, war er da und doch wieder fern, stand einen Augenblick in wunschlos verlorener Beschaulichkeit, im nächsten Augen­blick wieder wach, von eindringlichstem Haften an dem, was ihn inter­essierte, bann wieder feine Energien ablösend, ins Leere verflüchtend. Ein Schauspieler konnte von ihm Auftritt und Abgang lernen.

Sein Atelier am Wannfee und am Pariser Platz ist ein nüch­terner, heller Arbeitsraum, nichts vom gewohnten Repräsentativns- prunk berühmter Meister. An den Wänden hängen Lautvecs und Manets, zum Teil Kopien nach letzteren von ihm selbst. 3ch war gekommen, eine Bildniszeichnung von ihm zu machen und suche für die mitgebrachteii Blätter nach einer Unterlage, greife unglücklicher­weise nach einem, der von ihm selbst präparierten Malbretter, die in der Atelierecke stehen, er ärgert sich, daß ich mein Zeug nicht mitgebracht habe, es könne an der weiß präparierten Fläche, die ihm schon Raum bedeute, was passieren. Wenn da nur em Strich daraus ist, der nicht paßt, der nicht sitzt, muß er das Brett bet feiner reizsamsten Empfindsamkeit für die Fläche toegtoerfen und em neues beginnen. So auch beim Porträtieren. Die Aehnlichkeit bestehe in der Nuance, deshalb sei es auch so schwer, einen Kops, der in den Zustand der Anähnlichkeit gekommen sei, wieder ähnlich zu machen. Mit der Aehnlichkeit ift'S so eine Sache, der Laie sieht meistens nur einen Zug, ein Detail, irgendeine Stellung, an der er den Dargestellten erkennt, der Künstler das Wesen, für ihn besteht die Aehnlichkeit im Ganzen, im Biologischen, in einem guten Porträt müssen Großvater, Mutter, Baker, Tochter mit drin sein."

Ein Freund, den ich mit etnfüßren durfte, verabschiedet sich, um mich arbeiten zu lassen. Auch er hatte einen Anschnauzer bekommen, weil er in der Wohnung nebenan fand, daß die verschiedensten Stile von Möbeln und Kunstwerken, wie sie dort ausgestellt waren es gab Empire, Oestliches und Renaissance ganz gut zusammen paßten.

Wat," sagte Liebermann,Kunst is' Kunst, und ein gutes Kunst­werk paßt immer zum anderen!" Obwohl Kenner von sensibelstem