Asketenpflanze, in klösterlicher Mtteriris herangewachsen sei. Pestalozzis Entdeckung und Glaube war, datz jeder Mensch ein Recht aus sein Glücksminimum bei sich trage. Das Prinzip der Hebone, der Freude, seit langem aus den Schulen verjagt, hat er dem Menschen zurückgegeben.
Die Wärme des Mutterleibes soll dem Kind auch nach der Geburt nicht entrissen werden! Die Keimzelle jedes Menschenlebens hat die Familie zu bleiben! Heilig ist das Herdfeuer — widersinnig jede Vereinigung, die das Herdfeuer mit den einfachen Symbolen! des Vrotbrechens und Spinnens nicht kennt. Widersinnig ist vor allem die Schule als eine Lehr-- und Lernvereinigung ohne Zärtlichkeit. Wenn die Schule sein will, mutz sie zum Mutterprinzip zurückkehren, muh sie Wohnstube werden, muh sie für alle Kinder durchaus das tun, was im Hause die Mutter für die eigenen Kinder tut... Wenn Pestalozzi in tausend Sätzen, in immer neuen Variationen diese Dinge vorbringt, dann ist er tausend Jahre alt. Er kennt das Leid der Mütter, denen man ihre Lieblinge entreißt, um „brauchbare Menschen" aus ihnen zu machen. Er weiß, daß diese brauchbaren Menschen in kurzer Zeit von der Welt verbraucht sein werden, und datz auch sie in kurzer Zeit die Welt verbrauchen werden — die Darum auch mit jedem Jahre schäbiger wird.
„Erneuerung der Welt durch die Kinder!" ruft der Liebende. Er ruft es nicht nur, er beginnt. Er wagt als ersbeic das soziale Beispiel. Er sammelt die von den Bürgerkriegen gepeinigten Kinder- herden der Schweiz und macht die Aermsten zu Menschen. In Neuhof beginnt er, der Waifenvater, Haus- und Handarbeiten mit den Kindern — bis ihm das Geld ausgeht und das fromme Werk zerfällt. Dann, nach siebzehnjähriger, bitterer Schriftstellerpause, ernennt ihn Die helvetische Regierung zum Direktor des Armenhauses in Stans — aber in der Wut des frannzösisch-österreichischen Krieges löst sich bas Unternehmen elendiglich auf. Doch der Liebende läßt nicht nach. Zu Burgdorf und Münchenbuchsee gründet er, diesmal mit reicheren Mitteln versehen, das Urbild der heutigen Volksschule. Abermals muh er tragisch entsagen — um als Sechzigjähriger dennoch sein viertes Liebeswerk, seine Hauptleistung aufzustellen: die Musterschule von Tverdon. Zwanzig Jahre später vernichtet das Bubenstück konkurrierender Lehrer die Tragfähigkeit und den Lebensrest ihres Erbauers.
Pestalozzis praktische Wirksamkeit — er hielt sich für einen Organisator, ohne die Nerven eines Organisators zu besitzen — war im Grunde beschränkt. Seine Wirksamkeit durch das Wort aber ist noch heute schrankenlos. Sie ist in der Tat unendlich und ewig. Man wird Pestalozzi nicht gerecht, wenn man den Urgrund jener Wirksamkeit leugnet. Es hilft nichts: dieser Mensch war ein Dichter! Und nicht nur einer jener großen Dichter — wie etwa der Entdecker Amerikas oder der Erfinder des Blitzableiters dichterische Naturen waren, bei denen die innere Schau der Tat vorausging, — nein, Pestalozzi war im Sprachsinne Dichter, ein Kenner und Musikant des absoluten Wortes. Er war ein Siefen-Wortpräger, genau wie Herder oder der mittlere Goethe. Daher seine Gewalt über Menschen, die ihn nie sahen! Das Blühende, Agogische feiner Sprache erinnert zuweilen an Jean Paul. Aber Pestalozzis Sprache ist drängender, er kennt nicht wie der weiche Franke Seitentäler und Ausruhen, er will ans Ziel. Pestalozzis Sprache scheint manchmal wie aus der Bibel emporgewuchtet. Er bevorzugt das Kuitstmittel des Paralle- lismus. „Es ist das Wesen einer edlen, guten Erziehung, daß sie überhaupt nicht viel auf das Kind schlage, aber beständig anhaltend und richtig auf Herz und Kopf wirke. Es ist das Wesen einer guten, edlen Gesetzgebung, datz sie überhaupt nicht viel auf das Volk schlage, aber beständig anhaltend und richtig auf Herz und Kopf wirke." Solche Sähe sind Kunstprosa, sind Dichtung; sie stammen von einem Manne, der die Feinwirkung jeder Silbe erwägt und kennt. Pestalozzis Bilder sind von größter logischer Schärfe. Nichts zerfließt in Weichlichkeit. Er ist ein Monumentalist des Gefühls. Ein Meisterwerk wie „Lienhard und Gertrud", das alle Möglichkeiten hätte, in ein Genrebild auszuarten, hat mitgeholfen, die Sachlichkeit der neuschweizerischen Literar Gotthelfs und Kellers heranzubilden.
Pestalozzis brennende Herzensgüte, seine Liebeskraft, sein tragisches Leben stellen ihn heute, hundert Jahre nach seinem Tode, wie einen mythischen Helden vor jeder Seele auf, der Erziehung kein leeres Wort ist. Seine Schriften sind Bergwerke. Wo sie befahren werden, leuchtet aus großen Blöcken das Gerechte und Gute. Für manchen ist die Hellig^it der Metalle zu unerträglich, zu nackt! Ja, man nmß Mut haben zu Pestalozzi — zu seiner Intransigenz, seiner Wildheit. Der Historiwr des französischen Volkes, Michelet, hat recht, wenn er sagt: „Rabelais erzog einen König, Montaigne einen Fürsten, Locke und Russeau einen Edelmann, Pestalozzi aber erzog Die Menschheit." Seltsam genug: denn Pestalozzi wollte nur s-in Hänschen erziehen. Aber beim Kleinsten anfangend, hat er — fast wider Willen — seine Hand zum größten Schachbrett der Erde «hoben.
Pestalozzi-Worte.
Wir entnehmen die nachfolgenden Sätze der soeben im Verlagshaus Darmstadt erschienenen Schrift von Ernst Luckow: „Der Erzieher Pestalozzi". Das Büchlein ist eine würdige Festgabe in kindertümlicher, aber kraftvoller Sprache.
Du unsere Hoffnung und unser Stolz, blühende Jugend! Du bist wie ein Garten in seiner Pracht; aber wisse, die Erde nährt sich von Früchten des Feldes, nicht von der Zierde der Gärten; rüste dich auf Me Tage, wo du ohne Zierde und ohne Schmuck das Werk deines Lebens wirst verrichten müssen.
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In Sachen zwischen Eltern und Kindern kommt es aufs Herz und nicht aufs Recht an.
Himmel und Erde sind schön, aber die Menschenseele, die sich über den Staub, der draußen wallet, emporhebt, ist schöner als Himmel und Erde.
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Wer nicht in seiner Jugend in den festen Schranken eines ordentlichen Hauses gewandelt, und nicht von seinen Eltern zu seinem Äahrungserwerb sorgfältig angeführt, vorbereitet und ausgebildet worden, der wird sich mit allem Guten und allen Anlagen, die er haben mag, auf einen mißlichen Fuß in diese arme Welt hineingeworfen sehen.
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Die Liebe besteht nicht in Einbildung und Worten, sondern in der Kraft der Menschen, die Last der Erde zu tragen, ihr Glend zu mindern und ihren Jammer zu heben.
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Das beste Almosen ist dasjenige, welches Den, der es empfängt in den Stand setzt, nicht mehr betteln zu müssen.
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Der Mensch, wenn er um feiner selbst willen nicht fromm und treu fein will, sollte es doch um seiner Kinder willen sein.
Es sind gar viele Menschen im Leben wie im Sterben nicht recht zu Hause und sterben unweise, weil sie unweife lebten.
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Wenn auch Vater und Mutter dem Kinde mangeln — die Vater- und Muttersorgfalt muh da fein, der Vater- und Muttersinn muß in seinem Wesen da fein, sonst mangelt dem Kinde ewig das erste äußere Fundament seiner Bildung zur Menschlichkeit.
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Was ich von der Mutter verlangen möchte, ist nur — denkende, Liebe. — Alles, was ich von einer Mutter verlangen möchte, wär«, datz sie ihre Liebe so stark als möglich wirken ließe und sie doch in der Ausübung mit Ueberlegung mäßigte.
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Vergiß es nicht, Mensch! Alles was du bist, alles was tW willst, alles was du sollst, geht von dir selber aus.
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Vaterland, was du immer bist, das bist du durch deine seit Jahrhunderten von den Vätern begründete und lange, lange aus Kindeskind« Herunt« erhaltene heilige Kraft deiner gesegnet« Wohnstube.
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Es ist eine große menschliche Kraft, ohne Ungeduld zu harren, zu warten, bis alles reifet.
Wenn dich eine Bürde schwer drückt, so vergiß nie, daß bet Mensch durch Schwer tragen sehr stark wird; aber was du nicht gern trägst, bürde nicht leicht einem andern auf.
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Das Gefühl der Liebe gegen ihre Eltern rettet unendlich viele Kinder vor dem Bösen in der Stunde der Versuchung.
Die Menschenliebe fordert Wohnstube, Wartung und Pflegt, wie die feinste Pflanze Des Gartens im Triebbeete.
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Taten lehren den Menschen, und Taten trösten ihn. *
Das Leben in großen Umgebungen bildet kraftvoll, Das Leben in häuslichen Umgebungen bildet liebevoll.
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W« darf aussprechen, ein Mensch sei an irgendeinem Unglüch das ihm begegnet, selbst schuld? Das darf nur ein Mensch von sich selbst sagen und gegen sich selbst aussprechen.
Aus einer Rede „an mein Haus".
Von I. H. Pestalozzi.
Die folgenden Abschnitte entstammen einer an „Brüder, Freunde, Kinder" gerichteten Rede Pestalozzis vom Neujahrstage 1811. Sie findet sich mit einer Reihe ähnlicher Ansprachen, wie sie Pestalozzi vor allem zu Weihnachten und zur Jahreswende an die Seinen zu richten liebte, in den Gesammelten Werken zu den „Reden an mein Haus" vereinigt.
Freunde, Brüder! Das Band unsrer Vereinigung ist durch bet Glauben an das Göttliche, an das Ewige, das in unsrer Natur liegt, geknüpft. Was in unferm Geist, was in unferm Herzen, was in her menschlichen Kunst ewig und unwandelbar ist, auf das und auf das allein suchen wir die Erziehung des Menschen zu gründen. Unser Zweck ist groß — wir wollen die Erziehung des Geschlechts von den Verirrungen im bloß Menschlichen und Sinnlichen zum Götllichen und Ewigen erheben. Wir wollen in der Bildung der Menschen von dem bloß Wandelbaren seines wechselnden Seins zu den ewigen Gesetzen seiner göttlichen Natur hinaussteigen, und den Leitfaden unsers diesfälligen Tuns in diesen ewigen Gesetzen erforschen. Wir wollen der Unnatur in der Erziehung und ihren Folgen, der Oberflächlichkeit, ber Einseitigkeit, der Anmaßung, der Kraftlosigkeit unsers Geschlechts durch die Erziehung entgegenwirken, und es durch sie zum Einklang feiner Kräfte, zur Vollendung feiner Anlagen, zur Selbständigkeit in feinem Tun und Lassen erheben.
Freunde, Brüder! Unser Bund ist geeignet, das, was in unsrer Natur ewig und unveränderlich ist, in der Erziehung als Fundament alles Veränderlichen und Zeitlichen, das darin statt hat, zu erkennen und zu benutzen, und so das Menschliche in der Erziehung dem Ewigen und Göttlichen unsrer Natur zu unterordnen: er ist geeignet, die Bil-


