Ausgabe 
15.2.1927
 
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die ich an der Seite des edlen Schweizers und in dem Kreis leine« seelenvollen Freunde verlebte." . ,

Bekannt ist ja das hohe Lob, das Fichte, der schon tm Winter 1793/94 Pestalozzi persönlich ausgesucht hatte, in seinenReden an die deutsche Ration" (9. Rede) ihm und fernem Wirken spendet. Er erkennt auch mit Recht als tiefsten Quell von Pestalozzis pädago­gischem Streben denunversiegbaren und allmächtigen und deut­schen Trieb: die Liebe zu dem armen, verwahrlosten Balke... Er wollte bloß dem Dolle helfen: aber seine Erfindung (nämlich: der Methode eines wirklich elementaren Unterrichts) in ihrer ganzen Ausdehnung genommen, hebt das Bolk, hebt allen Unter­schied zwischen diesem und einem gebildeten Stand auf, gibt, statt der gesuchtenVolks"erziehung*) A a t i o n a l erziehung und hätte wohl das Berniögen, den Böllern und Bem ganzen Menschen­geschlecht aus der Tiefe seines dennaligen Elends emporzuhelfen."

Es ist in der Tat die Liebe gewesen, die Liebe vor allem zu den Armen und allen Mühseligen und Beladenen, die für Pestalozzi den Kern des eigenen Wesens und Wirkens, den Sinn aller Religion, die Keimkraft und Seele aller Erziehung bedeutete. Wer sein Leben kennt, der weiß, daß er ein Held, ein Märtyrer hingehendster, opferwilligster Liebe gewesen ist. And diese Liebe, die ihn neben religiöse Gestalten wie den heiligen Franziskus stellt, rückt ihn uiis auch menschlich so viel näher als solche, die wie ein Goethe, eine weit größere Harmonie und Ausgestaltung ihrer ganzen Persönlich­keit zeigen. 3n dieser Liebe hat auch ein genialer Pädagoge wie Süvern schon damals das eigentlich Bedeutsamste und Borbild­lichste an Pestalozzi gesehen. Deshalb schrieb er einmal den jungen: preußischen Lehrern, die er zur Weiterbildung zu Pestalozzi nach Jfserten geschickt hatte:Richt eben das Mechanische der Methode sollen Sie dort erlernen, das könnten Sie auch anderswo und lohnte die Kosten fürwahr nicht: auch das soll nicht Ihr Höchstes sein, die äußere Schale derselben durchbrochen zu haben und in ihren Geist und innersten Kern gedrungen zu sein, bloß der Geschicklichkeit zum Anterricht halber. Rein, erwärmen sollen Sie sich an dem heiligen Feuer, das in dem Dusen glüht des Mannes der Kraft und Liebe!"

So bewährt sich wieder an Pestalozzi die tausendfach bestätigte Einsicht, daß das Wesentliche für alle Erziehung und Erziehungsreform die Persönlichkeit und in der Persönlichkeit die Liebe ist. Richt minder aber bestätigt uns Pestalozzis Schicksal, daß das Leben der genialen Menschen ein Leidensweg zu sein pflegt. Sollte uns das nicht wieder eine tiefe Mahnung sein, nicht vorschnell zurichten" über die Menschen, sondern unbeirrt durch Sonderbares,Allzu­menschliches", Abstoßendes, immer Blick und Herz offen zu halten für menschlichen Wert und menschliche Größe?!

Wie Pestalozzi den Weg zu den Armen fand.

Von Wilhelm Schäfer.

Vor dem Weltkrieg begonnen, erscheint der große Pestalozzi- Roman von Wilhelm SchäferLebenstag eines Menschenfreun­des" just zu dem Tage, da vor hundert Jahren der große Er­zieher starb, dem in ganz Deutschland Erinnerungsfeiern gewidmet werden. Der Dichter schrieb sein Buch aus dem heißen Bewußt­sein einer Sendung. Möge er selbst mit dem folgenden Kapitel zu uns sprechen.

Es sind nicht immer die eigenen Kinder der Bauern und Tauner, die Heinrich Pestalozzi in den Zaumwollstühlen das Elend ihrer ver­wahrlosten Jugend weben sieht, sehr häufig sind es Waisen, von der Gemeinde ausgedungen, die ihren Pflegern das harte Brot verdienen müssen. So schneidend traurig es für ihn ist, daß er Anna und ihren Knaben mit in den Zusammenbruch seiner Traumgebäude gerissen hat, schlimmer greift cs ihn an, Helfershelfer dieser Ausnützung zu sein. Sein Herz zittert, wenn er in die Häuser muh, und das früh verblaßte Gesicht Ernst Luginbühls kommt wieder in seine Träume. Immer deut­licher fühlt er die Hand des Schicksals, die ihm alles zerbricht, was er selbstgefällig in seine Hand nimmt; und tagelang kann er verscheucht im Neuhof sitzen, über seine Schuld an diesem Schicksal zu grübeln. Zuletzt empfindet es sein verscheuchter Geist fast als eine Milderung, daß die Teuerung ihm noch schlimmeres Elend vor den Neuhof treibt.

Den die an den Webstühlen sitzen, haben immer noch Belt und Brot, während ihrer viele von der Hungersnot in den Straßenbettel ge­trieben werden, daß sie wie herrenlose Hunde die Häuser der Reichen umlagern und auf den Abfall der Haushaltung warten. Auch vor den Neuhof kommen sie scharenweise, und Heinrich Pestalozzi, der ihre Hudeln und die von der Krätze entstellten Hände, ihre Frechheit und die Berkommenheit der jungen Gesichter sieht, kann Tränen der Bitterkeit meinen, wenn er bei diesem Anblick an den Vortrag des Landvogts Scharner denkt; solange es Luxus und dieses grausame Elend gleich­zeitig gibt, sind alle patriotischen Träume leichtsinnige Spielereien. Es treibt ihn, sich ganz zu den Enterbten zu schlagen, und oftmals nimmt er ihrer einige ins Haus, mehr als das Brot mit ihnen zu teilen; er sieht, wie unmenschlich sie schon geworden sind, gierig und in aller Heim­tücke der Verstellung geschickt: aber er wendet unermüdlich die Erzieher- llugheiten an, die er an seinem Jaköbli crsahren und geübt hat, und immer sicherer wird es ihm, daß er damit an ein Zaubermittel rührt, ihrer Verkommenheit statt von außen von innen zu begegnen. Was sonst in Stadt und Land sich als Wohltätigkeit breitmacht, setzt eine Welt­ordnung voraus, dazu die hilflose Verkommenheit der Armut so unab­änderlich gehört wie der Ueberfluh des Reichtums, während das wird ihm sicherer mit jedem Tag in jedem dieser Bettelkinder der natür- lirfje Keim zu einem rechtschaffenen Menschen steckt, nur daß keiner daran denkt, den zu bilden und also der Armut von innen beizukommen.

Was in andern Zeiten für Heinrich Pestalozzi nur eine hitzige Er­fahrung gewesen wäre, das ergreift seine gedemlltigte Natur nun zur

*)Boll" im Sinne der armen Volksschichten.

Rettung, und eines Tages löst die Verzweiflung dieser Zeit die tiefe Erkenntnis feines Schicksals aus: Ich muhte arm werden aus meinem Hochmut der Wohlhabenheit; denn wie soll einer dem Armen helfen können, der mit den Sorgen feines Besitztums belastet ist? Wohlstand und Reichtum sind Zwangsherren; was für Umstände und Vorsichten braucht es, sie zu erhalten? Der Reiche kann nicht der Bruder des Armen fein; denn Geben und Nehmen scheidet ihre Seelen. Darum steht im Evangelium geschrieben: verkaufe, was du hast, und gibts den Armen!

Seine Frau erschrickt, wie sie die Botschaft hört; sie fühlt sofort, daß dies eine neue Prüfung wird; doch kennt sie ihre Sendung, das Senk­blei feiner Stürme zu fein, und obwohl sie um ihren Knaben zittert der durch all die neuen Worte des Vaters nicht gestört worden ist, aus feinen Brettchen ein Haus zu bauen, und der sie ungestüm an der Hand herbeiholt nickt sie dem Mann erst zu, bevor sie das Wunderwerk bestaunt. Es ist einer wie der andere, denkt sie und sieht die Spalten zwischen den Brettern, die trotzdem ein Dach bedeuten sollen: aber es sind Männer, und sie wollen bauen, während wir Frauen wohnen möchten.

Heinrich Pestalozzi hat nichts von ihrer Bewegung gem«tt, er ist hinaus gegangen in den Abend, wo der verspätete Herbstregen schon wieder in Strömen fließt, und läuft dem Sturz seiner Gedanken nach bis in die Dunkelheit. Und während die Täglichkeit danach auf dem Birr- feld ihre Herbstarbeiten macht und mancher Blick mit Mitleid das niedere Dach des Neuhofes streift, wo die Sorgen wie jeder weiß dem vorwitzigen Herrenbauer aus Zürich ans Fundament feines Daseins gegangen sind, fitzt Heinrich Pestalozzi glücklich bei feinem Knaben und baut Häuser, Brettchen auf Brettchen, ob sie zusammenstürzen, unermüd­lich aufs neue, bis der Plan feiner Armenkinderanstalt fertig ift: Ich habe ein zu großes Haus, sie haben keins; mir fehlen die Hände, die Felder zu bestellen, und ihnen mangelt die Arbeit! Was gilis, wenn wir Armen uns zujammentun, find wir reich! Sie sollen mir spinnen für ihren Unterhalt, und ich will sie lehren. Ich will sie säubern von ihrem Schmutz und will selber rein werden von den Geschäften, für die ich nicht geschaffen bin. Ich habe mein Haus Neuhof genannt, als ob es eine Neuigkeit wäre, noch ein Haus wie taufend andere dahin zu stellen; nun aber soll es ein Neuhof fein, wie keiner vor dem war: ein Neuhof, wo die Armut sich selber durch Arbeit und Lehre zur Mensch­lichkeit verhilft, die sonst in Faulheit und Laster betteln geht. Jetzt weiß ich, warum ich auf dieses steinichte Birrfeld muhte; und wenn weiter Sorgen und Not kommen, will ich sie gern tragen, weil es die sorgen« not der armen Menschheit, nicht mehr die meine ist!

Der lebendigeEPeftalozzi.

Bon Heinrich Eduard Jacob.

Stellt euch, meine Kinder, einen recht häßlichen Mann vor mit gesträubtem Haar, das Gesicht stark blatternnarbig und r^- gefleckt, den Bart stechig und wirr, ohne Halsbinde die Hosen schlecht geknöpft und auf Strümpfe herunterfallend die ihrers-its n groben Schuhen verschwinden; mit abgehackt schlurfendem Gang, mit Augen; die Blitze schleudern und ein Gebet ausdrucken können; mit Zugen, ans denen einmal tiefe Trauer, ein andermal dagegen Wahre Gluck- seligkeit redet; mit einer Sprache, die bald zögert, kne bald sich überstürzt, bald wie ein Lied, bald wie der Sonnet, klingt so war der Mann, den wir benannten: Bater Pestalozzi. , .

Mit diesen klassischen Worten hat Louis Bulliemur, cur west- schweizer Historiker, die Gestalt Pestalozzis beschrieben. So armselig und zerbrechlich war der Anblick des Gefäßes, aus dem die reinste Flamme der Liebe schlug. So sah der Arheber und Durchfuhr einer der größten Entdeckungstaten aus! Denn tote Kolumbus Amerika aufgefunden hat und Harvey den Blutkreislauf, so hat Pestalozi das Kind aufgefunden. . .. _

Das Kind. Welches Kind?Wir träumen uns Bilder von der Menschheit, die wir nicht kennen, und geben indessen auf den Buben nicht Achtung, den du Hans heißest, und der Bub wird nichts nutz weil wir, umnebelt von den Träumen der Menschheit, den Hans vergessen, in welchem der Mensch, den wir erziehen wollten, aufgewachsen." Die Entdeckung des Individuums tm Kinde also ist Pestalozzis Werk. Daß es beim Hans nur auf den Hans ankommt und auf sonst nichts (es spricht sich heut« recht erwach hm!) das bedeutete einmal eine geistige Revolution. Erne Revolution gegen den Gedankenboden, dem Pestalozzi selber entstammte und dem er recht eigentlich die wundervolle und leidenschaftliche Anbefcheiderv' heil feiner Forderungen verdankte: gegen den der Aufklärung. Die Aufklärung lehrte vorn philosophischen Standpunkt aus die Gleich­heit der Menschen Pestalozzi aber sah, auf dem Erfahrungswege, daß die Menschen ungleich an seelischen und körperlichen Gaben waren. Zweitens aber bedeutete die Entdeckung des Individuums in noch viel höherem Maße einen revolutionären Akt gegen die patrio­tische Staatsraison der Rapolevnzeit, die im Menschen nur das Mittel sah, die Ration zu erhalten. Für Pestalozzi ist der Mensch nicht Mittel, sondern Selbstzweck. Er teil! den Hans retten; das einmalige, nie wiederkehrende Wesen und nicht den Typus und nicht die Spezies. Daß Pestalozzi fein ganzes Leben lang ei^ntich gegen zwei Fronten gefochten hat, gegen bie der Rurphilosophen und gegen die Patrioten, die ihm beide die Bestimmung des Kindes zu entweihen schienen: das macht das beinahe Äebermenschliche seines geistigen Lebenskampfes aus. , .

Die Erziehungsgrundsätze bis zu Pestalozzi waren wenn man sie mit einer kleinen Tleberireibung, die aber Zusammenfassung tn> kennzeichnen darf entweder eitel ober puritanisch. Jahrhunderte- lang wollte man nach den mechanisch gewordenen Idealen der ne- naiffance aus den Kindern entweder gelehrte Gedächtnisphanomeno und Bildungs-Aesfchen Herstellen oder bei weitem gefährlicher! kalte Pflichtmaschinen. Nichts hat, abgesehen von der in ihren Folgen I unfreimachenden Bielwisserei, Pestalozzi so gehaßt, tote den PU tanerglauben, daß nur der Mensch tüchtig werden könne, der, a