Eichener Zamilienblütter
Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger
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Jahrgang 1927 Dienstag, den 15. Februar Nummer 15
An den Regenbogen.
Bon Johann Heinrich Pestalozzi. Du verkündest Gottes Wonne! schein auch mir mit deiner Farben Mildern Glanze, schein in meinen Wilden, lebenslangen Sturm. Künde mir den bessern Morgen Künde mir den freien Tag! Muß ich sterben, eh' mir Friede Kommt, der Friede, den ich suche? Ich erkenne meine Schuld Und verzeih mit stillen Tränen Liebend allen ihre Schuld.
Künder meiner bessern Tage, Lieblich wirst du einst erscheinen Hebet meiner öden Gruft. Wie des Winters Helle Flocken, Die beim Tode meiner Gattin In der Sonne lieblich glänzend Sanken auf ihr offnes Grab: ao erscheine du auch mir einst, Milder Bote, Regenbogen, Lieblich über meiner Gruft.
Die Tragik in Pestalozzis Wesen und Leben.
Zum 100. Todestage des großen Erziehers.
Don Professor Dr. August Messer.
Man stelle sich vor, daß in eine der zahlreichen Festversamm- lungen, die in diesen Wochen zum Gedächtnis Pestalozzis abgehalten werden — er selbst, wie er auf Erden zu wandeln pflegte — unerkannt ein getreten wäre unZ> sich ein Plätzchen gesucht hätte: was wäre wohl geschehen? Sicherlich wären die Damen ängstlich und die Herrn unwillig zur Seite gerückt in dem Gefühl: „Was will denn der alte verkonmtene Kerl da?" ...
Ungleich und bizarr erscheint in den Schilderungen seiner Zeitgenossen sein ganzes Auftreten"), „sein schleppender, verbogener, bald hastiger, bald schneckenartiger Gang, wobei er beständig die Anne hin und her schleuderte und vor sich hinbrummte, wieder rechts noch links, ja nicht einmal auf den Weg sah und deswegen so oft fiel," So war Pestalozzi schon den Dauern in der Umgebung seines „2teu- hofs" erschienen, wenn sie ihn gedankenverloren über die Felder stolpern sahen, oder wenn er in der Kirche saß, oder im Gasthaus im Brugg über der Zeitung, am Zipfel seines Halstuches lutschte und vor sich himnurmelte ...
Seine kurios« Erscheinung, sein durch Blatternarben verhäß- lichtes Gesicht, seine „Zigeimerort" belustigte die Jugend, erschien! Fernerstehenden widerlich und anstößig und flößte der Polizei Mißtrauen ein.
Es liegt ein eigentümlicher, bedrückender Widerspruch darin, daß der Wann, dessen tiefstes Sinnen und Trachten nach dem Ziel: „harmonische Menschenbildung" ging, dies Ziel für seine eigene Person so völlig verfehlte. Man stelle sich im Geiste daneben etwa den — Olympier Goethe!
And dieser Widerspruch bestand bei Pestalozzi nicht etwa nur zwischen Aeuherem und Innerem, nein, er greift ein bis in den tiefsten Bereich seines Wesens. Er, der die Vernunft preist und in ihr das Göttlichste im Meitschenwesen sieht, er ist in seinem Tun und Lassen ganz beherrscht von seinem leidenschaftlichen, unruhigen Herzen, von seiner überschwenglichen Phantasie. Durchaus fehlt ihm praktische Klugheit, kaltblütige Beherrschung der Tlmstände, kühler, kritischer Blick für die Menschen, ihre wirkliche Art und ihre Fehler: treuherzig vertraut er ihnen immer wieder und wird darum oft zum Darren gehalten und ausgenützt. Sein stürmisches, heftiges Temperament reißt ihn oft zu leidenschaftlichen Auftritten hin; immer innerlich mit hohen Gedanken und großen Plänen beschäftigt, ist er rm Alltag zerstreut und unordentlich und läßt jede Selbstdisziplin im Kleinen vermissen. Er, der geniale Erzieher, ist, so wenig er ein Musterschüler gewesen, ebensowenig jemals zum Musterlehrer geworden. Was tausend andere formten, das mißriet ihm, freilich vermochte er dafür, was Millionen nicht vermochten.
"') Die folgende Schilderung von Pestalozzis äußerer Erscheinung entnehme ich dem jüngst erschienenen Buch von Max Kanzel- mann: P e st a l o z z i, Zürich und Leipzig, Dotapsel-Derlag. 240 S. geb. Mk. 1. Das sehr anziehend geschriebene Buch ist hervorragend geeignet, vom Wesen und Wirken Pestalozzis eine anschauliche Dorstellung zu geben.
Aber, tote es zu gehen pflegte: das Große, das in dLesem Manne steckte, kam erst ganz allmählich, ja zum Teil niemals den ihm persönlich Aahestehenden zum Bewußtsein, lange Zeit galt er fast allen, die ihn kannten, als ein Schwarmgeist, ein Verrückter, ein gescheiterter Projektenmacher, ein lästiger oder gar bösartiger Darr. Auch manche seiner Freunde fürchteten, daß er entweder im Armen» oder im Aarrenhaus endigen werde.
Pestalozzi war sich aller seiner Mängel wohl bewußt. „Ich bin ein schwacher alter Mann," schreibt er einmal, „meine Kenntnisse haben ungeheure Lücken, das Maß meiner Geisteskraft ist verhältnismäßig sehr klein, mein Wille ist in vielen Stücken ohne hemmendes Interesse." .Und ein andermal gesteht er: „Ich farm nicht regieren (nämlich: eine Erziehungsanstalt), und ich kann nicht die» n e n. Sott ich das eine, so bin ich verloren, soll ich das andere, so bin ich unglücklich."
Aus all dem versteht man, daß nicht bloß äußeres Mißgeschick, ungünstige Konstellation der Umstände, Stumpfheit und Kleinheit der Menschen die Ursache dafür waren, daß Pestalozzis Leben eine Kette von Unglück und Enttäuschung, von Kämpfen und Dieberlagen darstellt. Er wird nicht nur verkanirt und verspottet, er wird sogar gehaßt, und es kommt so weit, daß die Armen, für die et buchstäblich alles hergibt, in ihm ihren Ausbeuter sehen, daß alle die Erziehungsanstalten, die er schuf, nach kürzerer oder längerer Frist zusammenbrachen, daß Menschen, die ihm geistig unendlich viel verdankten, mit denen er jahrelang in engster Arbeitsgemeinschaft verbracht hatte, zu seinen bittersten Feinden werden, mit ihm prozessieren und ihn öffentlich aufs giftigste angreifen. Eine solche Schmähschrift hat dem greifen Pestalozzi, der noch bei seinem 81. Geburtstag sagen konnte, daß er eine Gesundheit habe „wie ein Bär", buchstäblich den Todesstoß gegeben. Doch in seinen letzten Tagen hat er die erschütternden Worte niedergeschrieben: „Sterben ist nichts; ich sterbe gern; ober gelebt zu haben, alles geopfert zu haben und nichts erreicht zu haben und alles zertrümmert zu sehen und so mit seinem Werk ins Grab zu sinken — o, das ist schrecklich, und ich kann es nicht aussprechen, und ich wollte gerne raxt> weinen, und es kommen keine Tränen mehr..."
So liegt der Schatten einer tiefen Tragik über dem Wesen und Wirken Pestalozzis, fein Leben ist zugleich ein Leidensweg, ein Martyrium gewesen.
Daß er trotzdem weder äußerlich noch innerlich unterging und verkam, ja daß ihm später auch Anerkennung und Erfolg — gelegentlich in reichem Maße und in glänzender Form — zuteil wurden, das verdankt er, tote mir scheint, vor allem der Tatsache, daß er ein großer K ü n st ler, ein hinreißender Schriftsteller gewesen ist. Sein Buch „Lienhard und Gertrrid" hat ihn buchstäblich gerettet und ihm sein späteres Wirken ermöglicht dadurch, daß es ihn berühmt machte und ihm Gönner, Helfer, Mitarbeiter, Freunde zuführte. Bis dahin, solange er ein unberühmter Mann war, hatten nur ganz vereinzelte in seiner Umgebung ein wirkliches Verständnis für die Gröhe und den unschätzbaren Gehalt dieses Menschen gewonnen — es war eine seltene Gunst des Schicksals für Pestalozzi, daß zu diesen wenigen auch seine Frau gehörte! — im allgemeinen aber hatte sich auch an ihm das Wort bewährt, daß der Prophet in seinem Vaterland nichts gilt! Dunmehr, nach dem gewaltigen schriftstellerischen Erfolg des Volksbuches „Lienhard und Gertrud" war der Kreis der Menschen, für die er in Betracht kam, ins Unermeßliche erweitert, und so mehrre sich die Zahl derer, die — ihm wirklich geistesverwandt — Blick für seine menschliche Gröhe und seine Genialität hatten, unbeirrt durch alle feine Mängel. Zu diesen Entdeckern Pestalozzis gehörte unter den Deutschen Fichte, der Geograph Ritter, der zugleich ein meisterhafter Lehrer war, die grossen Pädagogen ©übern, Dioo» lovius, Schwarz u. a. Es ist gegenüber all der Verkennung, die Pestalozzi erfahren hat, heute noch für uns tröstlich und erbaulich, geeignet, uns den Glauben an die Menschheit wieder zu geben, wenn wir lesen, tote diese Männer über Pestalozzi geurteilt haben. So schreibt z. B. Ritter über ihn, obwohl er einen klaren Blick für seine Mängel hatte: „Er trägt den Menschen... den Urtypus des menschlichen Menschen in voller Klarheit in sich. Darum fühlt auch ein jeder, der noch reiner Mensch ist, sich so unwiderstehlich zu ihm hrngezogen. Ebenso erkennt Pestalozzi in jeder Form den wahren Menschen und ist von seiner Würde ergriffen, sie mag sich offenbaren, wo es auch sei. Gr wirst sich dem Menschen in die Arme, er liebt ihn, schließt ihm fein Herz auf, ergreift sein Innerstes durch seine Philosophie, die keine Philosophie des Kopfes, sond'rn des Herzens ist, deren einzige Erscheinungsform das Leben seilst bildet. Darum ist es möglich, ohne Zeitverlust mit dem besten und tief ft en Menschen so innig in geistige Berührung zu treten... Zch bekenne, daß ich nie so von der Würde des Menschen durchdrungen, nie so von der Heilia- feit meines Berufes ergriffen wurde, als in den unvergeßlichen Tagen.


